Integrationspolitik: Erste deutsche Uni startet Seminare für Imame

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Nun stehen sie fest, die drei Zentren, an denen ab 2011 deutsche Imame ausgebildet werden: Die Unis Osnabrück, Münster und Tübingen werden die ersten Ausbildungsstätten für muslimische Prediger sein. Hessen geht dagegen leer aus, Bayern bekommt in der nächsten Runde eine Chance.

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Bibliothek in Osnabrück: Hier lernen jetzt Imame in deutscher Sprache ihr Handwerk

Die hitzige Debatte um Integration von Ausländern in Deutschland hat in den vergangenen Wochen auch den Islam in den Fokus gerückt. Dem trug die Bundesregierung am Donnerstag Rechnung und gab bekannt, an welchen drei Universitäten künftig muslimische Geistliche für Deutschland ausgebildet werden.

Auf Anregung des Wissenschaftsrats und mitausgewählt von Vertretern islamischer Verbände in Deutschland, entschied Bundesbildungsminsterin Annette Schavan (CDU), dass an den Universitäten in Tübingen, Münster und Osnabrück Zentren für islamische Studien entstehen.

Damit können muslimische Geistliche ab dem Wintersemester 2011 komplett an staatlichen Hochschulen ausgebildet werden. Die Hochschulen von Münster und Osnabrück sollen laut Schavan aber noch ein gemeinsames kooperatives Konzept entwickeln. Die Universität Osnabrück hat die Imam-Ausbildung bereits zum aktuellen Wintersemester in einem Pilotprojekt aufgenommen.

Für fünf Jahre werden die drei Standorte nun mit bis zu vier Millionen Euro aus Bundesmitteln gefördert, teilte das Bundesbildungsministerium mit. Mit dem Geld sollen Forscher, Mitarbeiter und Nachwuchskräfte bezahlt werden. Die Universität Erlangen, die sich ebenfalls beworben hatte, wurde zwar lobend von den Sachverständigen erwähnt, solle sich aber in der nächsten Auswahlrunde im März erneut bewerben, sagte Schavan. Das Konzept der Unis Marburg und Gießen kam hingegen nicht zum Zug.

Die hessischen Unis betonten am Donnerstag, am Zentrenkonzept des Landes Hessen festhalten zu wollen, auch wenn sie es in der ersten Antragsrunde für die Bundesförderung nicht geschafft hatten. "Trotz anfänglicher Enttäuschung wollen wir unser überzeugendes Konzept mit Hilfe des Landes zielgerichtet umsetzen", sagte die Präsidentin der Uni Marburg Katharina Krause. Auch Gießens Präsident Joybrato Mukherjee betonte, seine Uni werde sich auch in der kommenden Antragsrunde wieder um die Fördermittel bewerben.

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Imam-Ausbildung: Islam-Verbände bevorzugen Import-Prediger
Schavan sagte, es täte einer Religion gut, wenn ihr "die Chance gegeben wird, eine Theologie zu entwickeln". Die Ministerin hat selbst katholische Theologie studiert. Theologie kläre auf, so Schavan. Insofern sei der Schritt letztlich auch eine wichtige Facette für die Integration.

Ausgemacht ist schon länger, dass deutsche Imame, also religionsgelehrte Gemeindevorsteher, auch in Deutschland ausgebildet werden sollen. Der Wissenschaftsrat hatte die Ausbildung an deutschen Universitäten zu Jahresbeginn angeregt und der Bundesregierung einen Beirat mit Vertretern der großen islamischen Verbände empfohlen, der über die Inhalte der neuen Studienangebote mitentscheiden soll.

Die Universität Münster, die künftig im Verbund mit Osnabrück Imame ausbilden wird, hat mit Islamverbänden allerdings auch schon negative Erfahrungen gemacht. In der Debatte um die Ausbildung von Islamlehrern in Nordrhein-Westfalen hatten sich die Verbände gegen den Islamgelehrten und ehemaligen deutschen Konvertiten Sven Kalisch gestellt.

Kalisch hatte in einem Vortrag die historische Existenz des Propheten Mohammed angezweifelt und war daraufhin scharf angegriffen worden. Islamlehrer konnten in der Folge nicht an Kalischs Lehrstuhl in Münster ausgebildet werden, der Professor bekam nach Drohungen aus islamistischen Kreisen Polizeischutz. Mittlerweile hat sich Kalisch vom Islam abgewendet.

Derzeit sprechen viele der fast 2000 Imame, die hierzulande predigen, kaum Deutsch. Sie bleiben oft nur wenige Jahre im Land und kehren dann in ihre Heimat, etwa in die Türkei zurück. Der Zuspruch für die Ausbildung in Osnabrück lässt allerdings vermuten, dass das Interesse an der Ausbildung groß ist. Fast hundert Imame und religiöse Betreuer - also etwa ehrenamtliche Gemeindehelfer, die in Moscheegemeinden in Deutschland arbeiten - hatten Interesse für das Osnabrücker Pilotprojekt angemeldet. Die Universität hat für die einjährige Weiterbildung bislang jedoch nur 30 Plätze. Die Ausbildung in Blockseminaren startete in der zweiten Oktoberwoche.

cht/dpa

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Hungerkünstler: Muslimische Studenten im Ramadan

Islam
Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.

Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.

Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .

Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.

Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.

Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.

Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.

Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.

Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
"Corpus Coranicum"
Das Projekt "Corpus Coranicum", das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, hat sich drei große Aufgaben gestellt: Zum einen soll die Entstehungsgeschichte des Korantextes nachvollzogen und dokumentiert werden. Dabei soll es auch darum gehen, frühe Handschriften mit Koranfragmenten auszuwerten und unterschiedliche Lesarten des Korantextes darzustellen. Zum Zweiten wird eine Datenbank von "Texten zur Umwelt des Koran" erstellt. Diese sogenannten Intertexte sollen helfen, das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem der Koran entstand. Schließlich sollen die neuen Daten und Erkenntnisse in einem Buchprojekt zusammengeführt und gedeutet werden.

Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
"Intertexte"
Mit diesem Begriff beschreiben Neuwirth und ihr Team Texte, die sich zu bestimmten Passagen des Korantextes in Beziehung setzen lassen - dabei kann es sich um alttestamentarische Texte handeln, aber auch um christliche, christlich-apokryphe, altarabische, hellenistische oder noch andere Texte handeln. Es geht allerdings ausdrücklich nicht darum, vermeintliche Quellen des Koran zu identifizieren - sondern eher die "Kontrastfolie" (Neuwirth) zu dem, was der Koran sagt.

Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".

Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".

Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.