Interview mit Plagiats-Expertin: "Die Mentalität beginnt schon in der Schule"

"Plagium" ist das lateinische Wort für Menschenraub. "Ein Plagiator gibt die Geisteskinder eines anderen als seine eigenen aus", sagt Debora Weber-Wulff. Im Interview verrät die Berliner Plagiatsexpertin, woran sie Abschreiber erkennt.

Was unterscheidet einen Text voller Zitate von einem Plagiat?

Debora Weber-Wulff ist Professorin an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft

Debora Weber-Wulff ist Professorin an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft

Debora Weber-Wulff:

Man kann nicht sagen: Ab genau hier ist ein Text ein Plagiat und davor nicht. Es ist wie bei der Frage: Ab wann hat man eine Glatze? Das ist ein sanfter Übergang. Und jedes Plagiat ist anders.

Was macht eine erfolgreiche Plagiatsspürnase aus?

Weber-Wulff: Im Prinzip sind es die grundlegenden Fähigkeiten eines Wissenschaftlers. Ob studentische Arbeit oder Habilitation - ein Zweifel muss immer mitschwingen. Am Anfang steht der Verdacht. Und wenn die Alarmsignale lauter werden, schreibe ich mir ein Fragezeichen an den Rand.

Was löst den Alarm bei Ihnen aus?

Weber-Wulff: Gute Indikatoren sind verschiedene Schriftarten oder extrem alte Quellen. Ein weiteres Indiz sind Stilbrüche, das hatte ich bei einer Seminararbeit im letzten Semester. Die ersten 19 Seiten waren wunderschön geschrieben, und dann kam der Bruch: Keine vollständigen Sätze mehr, komplett falsche Zeichensetzung.

Eindeutige Beweismittel sind das aber noch nicht.

Weber-Wulff: Für den Beweis genügt oft schon die Eingabe einer verdächtigen Stelle bei Google. Und wenn ich nichts finde, bestelle ich mir den Autor ins Büro und sage: Interessant. Wo haben Sie das gefunden?

Ist das Tübinger Plagiat ein Einzelfall?

Weber-Wulff: Wir wissen es nicht. Bislang gibt es nur Stichproben: In meinem ersten Semester an der FHTW habe ich 12 von 32 Seminararbeiten als Teil- oder Ganzplagiate enttarnt. Der dreisteste Plagiator hatte genau zwei Änderungen gegenüber der Quelle: Vor- und Nachname des Autors.

Wo liegen die Ursachen für den Plagiarismus?

Weber-Wulff: Die Mentalität beginnt schon in der Schule. "Mein Sohn hat gesagt, er dürfe Texte aus Hausarbeitsbörsen kopieren. Ist das wirklich okay?", hat mich kürzlich meine Ärztin gefragt. Viele Schüler glauben: Das Internet ist doch frei - das darf doch jeder nutzen! Stimmt, aber bitte unter Angabe der Quelle.

Wie bewerten Sie Online-Börsen wie hausarbeiten.de im Internet?

Weber-Wulff: Als Inspirationsquelle sind diese Börsen super. Hausarbeiten.de bietet sogar eine exzellente Anleitung zum richtigen Zitieren.

Wie ist so genannte Plagiats-Software zu bewerten?

Gefunden in...
Weber-Wulff: Die Technik kann den menschlichen Verstand nicht ersetzen. Ich habe verschiedene Programme getestet. Bei den meisten kann man genauso gut eine Münze werfen. Manche Systeme sind so beschränkt, dass sie korrekte Zitate für Plagiatsstellen halten. Auf der anderen Seite erkennen sie Artikel aus der Wikipedia nicht.

Was können Universitäten tun, um Plagiatsfälle zu vermeiden?

Weber-Wulff: Wir müssen die Studenten gleich im ersten Semester in die Bibliothek mitnehmen und ihnen erklären: Wie findet man Literatur? Wie zitiere ich richtig? Fertigkeiten, die sie eigentlich in der Schule lernen sollten. Gute Betreuer begleiten den Prozess des Schreibens von der ersten Gliederung bis zur finalen Version. Das aber kostet extrem viel Zeit und ist in Seminaren mit 200 Leuten nicht zu leisten.

Das Interview führte Kerstin Humberg

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