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Interview: Wie Bibi Blocksberg Kinder politisch verhext

Von Gregor Waschinski

2. Teil: Der herrschsüchtige Bürgermeister und die rasende Reporterin Karla Kolumna - Auszüge aus Gerd Strohmeiers Analyse

"Politik bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg" - Auszug aus Gerd Strohmeier Beitrag in der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte":

Der Staat bzw. die Politik (im engeren Sinne) wird in den Hörspielen vornehmlich durch den Bürgermeister repräsentiert, der in vielen Geschichten vorkommt und nicht selten eine zentrale Rolle spielt. Er tritt in der Regel nur als "der Bürgermeister" in Erscheinung und ist allzu oft der Gegenspieler von Benjamin bzw. Bibi. In Neustadt ist er (auch wenn er selbst vom Gegenteil überzeugt ist) nicht sonderlich beliebt. Schließlich ist er grundsätzlich - das heißt ohne äußeren Druck - verantwortungslos und wenig hilfsbereit. So erachtet er es z.B. nicht einmal für notwendig, finanzielle Bittgesuche des Zoos oder des Tierheims zu beantworten. Stattdessen plant er Dinge, die - vielleicht außer wenigen profitgierigen Wirtschaftsvertretern - niemand braucht bzw. haben möchte und die zudem umweltschädlich sowie kostspielig sind. So lässt er (bzw. der Stadtrat) einerseits alte Bäume fällen, um eine nicht benötigte vierspurige Schnellstraße zu bauen, und andererseits gut genutzte Eisenbahnstrecken stilllegen.

Bibi Blocksberg im Film: "Stets auf der Seite der Gerechtigkeit"
Constantin

Bibi Blocksberg im Film: "Stets auf der Seite der Gerechtigkeit"

Er ist grundsätzlich nicht am Wohl der Bürger, sondern nur an dem von ihm definierten Wohl der Stadt, vor allem aber an seinem eigenen Wohl interessiert. Es macht ihm zum Beispiel nichts aus, für seine teure Dienstausrüstung "die armen Steuerzahler" zu schröpfen, und er ist stets auf der Suche nach neuen Einnahmequellen für Neustadt - um das Rathaus zu renovieren, sein Büro zu vergrößern, einen neuen Dienstwagen oder sogar eine Perlenkette für seine Frau (!) zu kaufen (obwohl er selbst "viel Geld hat" bzw. "gut verdient"). Um die Stadtkasse - die zum Teil auch seine Privatkasse zu sein scheint - aufzustocken, ist er beinahe zu allen "Schandtaten" bereit, z.B. auf Zirkuseintrittspreise eine Sondervergnügungssteuer zu erheben oder das alte Zunfthaus nicht zu einem Museum zu machen, sondern es für eine Million dem betrügerischen Immobilienhändler Schmeichler zu verkaufen.

Während er also durchaus geneigt ist, mit korrupten Wirtschaftsvertretern zu kooperieren, ist sein Verhältnis zur Presse gespalten: Einerseits braucht er sie, will er sich doch über sie positiv darstellen, andererseits fürchtet er sich vor ihr bzw. davor, dass sie "[d]ie Wahrheit über's Neustädter Rathaus" schreibt. Zur "Wahrheit" gehört zum Beispiel, dass der Bürgermeister während seiner Dienstzeit isst, schläft, Computer spielt, Autozeitschriften liest und ohne Termine (auf die man in der Regel ein halbes Jahr warten muss) niemanden empfängt. Dennoch erfreut er sich an seiner politischen Macht, die ihm häufig zu Kopf steigt: Allzu gerne sieht er sich als "König", die Bürger als "Untergebene" oder als "sein Volk" und seine öffentlichen Auftritte als "Audienzen". Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter behandelt er grundsätzlich wie Leibeigene, d.h. unfreundlich und unmenschlich. So hat er keine Skrupel, seinen Sekretär mit den Worten "Schweigen Sie, Pichler!" den Mund zu verbieten.

Dabei wäre er ohne seine Mitarbeiter nicht in der Lage zu regieren: Sie schreiben ihm seine Reden, sagen ihm, wann er diese zu halten hat, erklären ihm, was vorgeht und was sich hinter bestimmten Begriffen, wie etwa dem des Recycling, verbirgt. Mit anderen Worten: Der Bürgermeister ist (selbst im Vergleich zu Kindern) ungebildet, unfähig, ungeschickt, unbeholfen und undiplomatisch - kurz: "eine Flasche, aber ohne Geist!". Dies wird auch durch sein tollpatschiges und lächerliches Auftreten sowie durch seine gestelzten und unsinnigen Aussagen unterstrichen. So stammelt er beispielsweise zur Begrüßung beim Tag der offenen Tür im Neustädter Rathaus: "Ich freue mich sehr, dass Sie meiner Einladung Gefolge geleistet ... (hustet) ... äh ... Folge geleistet haben. Und dass Sie sich so zahlreich hier versemmelt ... (hustet) ... äh ... versammelt haben ... äh ... sind. Und auch ich bin zahlreich ..."

(...) Die Medien werden nahezu ausschließlich durch die "rasende Reporterin" Karla Kolumna repräsentiert, die in beinahe jeder Geschichte vorkommt. Karla Kolumna steht grundsätzlich auf der Seite von Benjamin bzw. Bibi und folglich allzu oft nicht auf der Seite des Bürgermeisters oder des Immobilienhändlers Schmeichler, denen sie grundsätzlich misstraut bzw. kritisch gegenübersteht. Sie vermittelt das Bild einer "verantwortungsvollen Reporterin, die darauf achtet, dass Wahlversprechen eingehalten" und Ungerechtigkeiten beseitigt werden. Somit ist sie häufig "Retterin in der Not". Ihre Ziele verfolgt sie "mit der geballten Kraft der Presse", beispielsweise durch "flammende Artikel" gegen geplante "Umweltsünden" des Bürgermeisters. Die Figur der Karla Kolumna hat jedoch auch einige negative Seiten: Sie bestehen in einer gewissen Selbstverliebtheit, der "Gier" nach Sensationen und der daraus resultierenden Tendenz zu Übertreibungen sowie zur Freude über Negativschlagzeilen. So ist sie beispielsweise anlässlich einer Trockenheitsphase geneigt, Neustadt in der Presse als "Wüstenmetropole" zu bezeichnen, und von der drohenden Gefahr eines Waldbrands (zunächst) hellauf begeistert. Im Kern ist Karla Kolumna allerdings ehrlich und "gut".

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