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Interview: Wie Bibi Blocksberg Kinder politisch verhext

Von Gregor Waschinski

Die Hörspiele mit Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg sind bei Kindern überaus beliebt - und vermitteln politische Zerrbilder, behauptet Gerd Strohmeier, 30. Im Interview erklärt der Passauer Politologe, warum der Elefant und die kleine Hexe für anarchistische Positionen stehen.

SPIEGEL ONLINE:

Ein sprechender Elefant und eine kleine Hexe - für einen Politikwissenschaftler ist das schon ein recht ausgefallenes Forschungsfeld.

Forscher Strohmeier: Böse Politiker, liebe Medien?

Forscher Strohmeier: Böse Politiker, liebe Medien?

Gerd Strohmeier: Ich gebe zu, ein bisschen abwegig ist es schon. Ich habe in meiner Kindheit selbst viel Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen gehört, und die haben mich anscheinend bis heute nicht verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Warum aber muss man eine politische Studie zu diesem Thema machen?

Strohmeier: In kaum einer anderen Hörspielserie wird so ein starker politischer Bezug hergestellt wie bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg, die beide in dem fiktionalen Ort Neustadt spielen. Die Hörspiele richten sich an Kinder im Alter bis zu zwölf Jahren, also genau die Zeit, in der sich die politische Grundpersönlichkeit herausbildet. Die ist zwar noch recht holzschnittartig, aber darauf entstehen dann später politische Einstellungen.

SPIEGEL ONLINE: Und was lernen die Kinder in den Hörspielen über Politik?

Strohmeier: Das Politikbild, das in den von mir untersuchten Hörspielfolgen vermittelt wird, ist sehr bedenklich. Die Politiker werden durch den Bürgermeister von Neustadt repräsentiert, und der ist inkompetent, korrupt und immer nur an seinem eigenen Wohl interessiert. Er lässt sich von seinem Assistenten als "Majestät" behandeln und übergeht ständig den Stadtrat. Entscheidungen werden nicht demokratisch, sondern autokratisch getroffen.

Bibi Blocksberg: Von Elfie Donnelly geschaffene Heldin, Hörspiel-Renner mit 83 Folgen und über 35 Millionen Kassetten (seit 1980)

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SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen dabei die Helden Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg?

Strohmeier: Sie bilden zusammen mit der Reporterin Karla Kolumna eine Koalition der Guten. Karla Kolumna ist gewiss etwas sensationsgierig, deckt aber die Schandtaten des Bürgermeisters auf, berichtet objektiv und orientiert sich am Gemeinwohl. Mit ihren Artikeln mobilisiert sie die Neustädter Bürger. Sie tauchen dann ebenfalls auf der "richtigen" Seite auf, die man als linksliberal bis linksalternativ beschreiben kann. Die Hörspielhelden sind pazifistisch, egalitär, bisweilen anarchisch und antikapitalistisch eingestellt.

SPIEGEL ONLINE: Benjamin und Bibi sehen Sie tatsächlich als Anarcho-Rebellen?

Strohmeier: Die Wirtschaft wird grundsätzlich negativ dargestellt. Figuren wie Herr Schmeichler oder Ulrich Umsatz lügen und betrügen, um ihren eigenen Profit zu maximieren. Polizisten erscheinen als verlängerten Arm des Bürgermeisters. Dazu kommen Aussagen wie "Wir haben zu viel Ordnung in diesem Land". Ich denke, hier spiegeln sich die politischen Einstellungen der Erfinderin wider.

SPIEGEL ONLINE: Die Hörspielhelden sind Ihnen also zu links...

Strohmeier: Nein, ich habe kein Problem damit, dass linke Ideen in den Hörspielen vorkommen. Ich kritisiere, dass das Bild, das die Hörspiele zeichnen, insgesamt zu einseitig, zu schwarz-weiß ist. Die Politiker kommen zu schlecht, die Medien dagegen zu gut weg.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das: Kinder, die Benjamin Blümchen hören, werden später zu politikverdrossenen Antidemokraten?

Strohmeier: Man muss die Kirche schon im Dorf lassen. Politische Sozialisation ist ein vielschichtiger Prozess. Da wird man keine 1:1-Wirkung feststellen können. Allerdings sind diese Hörspiele der Entwicklung zum mündigen Bürger nicht förderlich, das kann man schon so sagen. Wo sonst erfahren Kindern in diesem Alter denn politische Bezüge? Im Gespräch mit Eltern ist das eher selten der Fall. Sie nehmen vor allem auf, was sie in den Kassetten hören.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen eigentlich Ihre Kollegen zu diesem Forschungsvorhaben?

Strohmeier: Die meisten sind da sehr aufgeschlossen. Nur einige Fachkollegen haben mich nicht ganz ernst genommen. Für mich ist aber wichtig, dass Politikwissenschaft immer auch Ergebnisse liefert, die im Alltag angewendet werden können. In meiner Dissertation habe ich mich zum Beispiel mit der modernen Wahlkampfführung befasst. Meine Habilitation habe ich über den Reformstau in Deutschland geschrieben. Und jetzt interessiere ich mich für politische Sozialisation.

Benjamin Blümchen: Noch erfolgreicher mit 102 Folgen und 60 Millionen Kassetten (seit 1977)

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SPIEGEL ONLINE: Planen Sie weitere Arbeiten? Was ist zum Beispiel mit den TKKG-Hörspielen?

Strohmeier: Die richten sich eher an eine etwas ältere Zielgruppe. Bei Bibi Blocksberg werde ich jedoch am Ball bleiben. Das ist ein buntes Thema, der Hintergrund ist aber absolut ernst. Wenn man bedenkt, dass die Geschichten von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg auch als Zeichentrick verfilmt wurden und auf dem ZDF und dem Kinderkanal ausgestrahlt werden, dann muss man sich schon fragen, wie das mit dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag vereinbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Sollten Eltern ihren Kindern nun verbieten, Kassetten von Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen zu hören?

Strohmeier: Nein, das nicht. Aber sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass die Hörspiele politisch auf keinen Fall das Prädikat "wertvoll" verdienen.

Das Interview führte Gregor Waschinski

Im zweiten Teil:

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