Nach ersten religiös motivierten Protesten am Montag haben tunesische Islamisten auch am Dienstag den Betrieb der Universität in La Manouba, einem Vorort der Hauptstadt Tunis, massiv gestört.
Wie am Vortag besetzten mehrere Dutzend Islamisten den Eingang zum Universitätsgelände und zu einem Gebäude der geisteswissenschaftlichen Fakultät. Ihnen stellten sich wütende Studenten entgegen, bei denen es sich nach Angaben der Hochschule um Vertreter der tunesischen Studentengewerkschaft UGET handelte.
Als Studenten und Hochschulmitarbeiter trotz der Blockade versuchten, in das Gebäude der Geisteswissenschaften vorzudringen, kam es zu einem Handgemenge. Die religiösen Demonstranten skandierten "Gott ist Groß", die säkularen Studenten antworteten mit "Dégage"-Rufen ("Verzieht euch"), teilte die Universität auf ihrer Internetseite mit. Einige antworteten auf die Provokation der Islamisten mit dem Absingen der tunesischen Nationalhymne, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.
Die religiös motivierten Demonstranten kritisieren, dass Männer und Frauen an tunesischen Universitäten gemeinsam Seminare besuchen, fordern geschlechtergetrennte Lehre und ein Ende des Vollverschleierungs-Verbots an tunesischen Hochschulen. Außerdem verlangten sie einen Gebetsraum in der Hochschule.
Demonstranten hielten Studenten und einen Professor in der Uni fest
Bereits am Montag hatten Männer in traditionellen Gewändern vor der Uni campiert und Studenten den Zugang zu den Fakultäten für Englisch und Französisch verwehrt. Ein Professor berichtete einem lokalen Radiosender, er und seine Studenten seien in seinem Büro von "bärtigen Männern" festgehalten worden. "Diese Gruppe von mehr als 40 Leuten hat uns verboten, mein Büro zu verlassen, bis wir ihre Forderungen akzeptieren", sagte Habib Kazdaghli, Leiter der literatur- und geisteswissenschaftlichen Fakultät, dem Sender "Shems-FM".
Die Uni meldet, dass es sich bei den Besetzern um Salafisten handelt. Der Direktor habe mit den Besetzern gesprochen und ihnen gesagt, sie müssten die Regeln der Uni akzeptieren. Die Salafisten repräsentieren eine konservative Strömung im sunnitischen Islam.
Die Blockaden vom Montag und Dienstag waren nicht die ersten Aktionen gegen das säkulare Hochschulwesen in dem nordafrikanischen Land: Im Oktober stürmten Anhänger der salafistischen Glaubensrichtung eine Universität in Sousse. Die Hochschule soll einer vollverschleierten Frau die Einschreibung verweigert haben, lautete damals der Vorwurf der religiös motivierten Demonstranten. An tunesischen Hochschulen ist das tragen von Kopftüchern erlaubt, die Vollverschleierung mit einer Nikab allerdings verboten.
Tunesien war im Januar 2011 das erste Land unter den Staaten des sogenannten arabischen Frühlings, das sich seines Diktators entledigte, Ägypten und Libyen folgten. Bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung im Oktober holte die islamistische Nahda-Partei mit 41 Prozent die meisten Stimmen. Die Wahl galt als Ohrfeige für die meist westliche geprägte Elite des Landes. Die Kinder dieser Elite besuchen in Tunis und anderen Städten oft liberale Hochschulen. Sie hatten auf den zentralen Plätzen des Landes mit ihren Protesten großen Anteil am Sturz der Ben-Ali-Diktatur und fürchten seitdem wegen der erstarkenden, religiösen Gruppen um ihre erkämpften Freiheiten.
fln/cht/AP/dapd/Reuters
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