Israel-Tagebuch: "Ruhe bewahren, Sicherheit ausstrahlen"

2. Teil: Und Esther sprach: "Die eine Hälfte von West-Jerusalem wartet auf die Straßenbahn, die andere auf den Messias. Beide werden niemals kommen."

Donnerstag, 9. Oktober

Ich wache viel zu früh auf und spaziere quer durch die Stadt nach Mea Schearim, dem Viertel der Haredim, der Ultraorthodoxen. Ein Gefühl von Freiheit, dreist mitten auf einer dreispurigen Straße zu gehen. Der Hunger ist weg, das Fasten wirkt wie eine Droge, die den ganzen Körper betäubt.

Panorama Jerusalems: "Da geht es nur um Religion"
DPA

Panorama Jerusalems: "Da geht es nur um Religion"

Mea Schearim besteht aus einem Gewirr von Gängen und kleinen Gassen; die Häuser sind in Schichten übereinander gebaut, nebeneinander, kreuz und quer. Die Wände sind über und über beklebt mit Postern und Plakaten - so wird hier kommuniziert. Fernsehen, Radio und Internet sind verpönt.

Viele Haredim wohnen zwar in Israel, akzeptieren aber das Land nicht, weil sie darauf warten, dass der Messias kommt und den jüdischen Staat aufbaut. Sie gehen nicht zum Militär, einige von ihnen sprechen nicht Hebräisch, sondern Jiddisch.

Es ist wie in einem anderen Jahrhundert: überall Männer mit schwarzen Mänteln, schwarzen Hüten, Schläfenlöckchen. Die Frauen in langen Röcken und weiten Blusen, Tücher oder Perücken auf dem Kopf. Wer seinen Körper nicht so bedeckt, wie die Haredim es für richtig halten, den jagen sie aus dem Viertel. Jetzt bin ich froh, dass ich eine Kipa aufhabe - sie sitzt auch schon viel besser als gestern. Und bald geht die Sonne unter.

Mittwoch, 29. Oktober

Fabian aus Bremen nimmt mich mit in die Westbank. Er arbeitet als Zivi auf einem Weinberg südlich von Betlehem. Der Hang gehört dem Palästinenser Daher, der seit mehr als zehn Jahren mit dem israelischen Staat darum streitet, ob er dort bleiben darf. Daher hat Kataster-Papiere, die älter sind als Israel. Sein Hof liegt auf einem kargen Felsrücken mitten im Nirgendwo.

Die israelische Armee hat die Straße mit zwei Felsblöcken blockiert. Auf dem Weinberg stehen zwei Gebäude: das alte Familienhaus von Daher und eine Baracke für die Zivis und Volontäre. Für andere Gebäude bekommt er keine Genehmigung. Für seinen Traktor, einen Generator, für Werkzeug, die Tiere und Saatvorrat hat er in den Jahrzehnten Höhlen in den Fels geschlagen.

Drei Tage lang schütte ich Mauern auf, setze Keimzwiebeln ins Feld und schlage Feuerholz. Der Weinberg muss bewirtschaftet werden, sonst gilt er als Brachland und Daher verliert sein Recht darauf.

Strom gibt es nur eine Stunde am Tag, Wasser sammeln wir in einer Zisterne. Ich schaue zu den Bergen ringsum. In jeder Himmelsrichtung liegt eine jüdische Siedlung. Sie sehen wehrhaft und modern aus - und irgendwie wie Raumschiffe, die an der falschen Stelle gelandet sind.

Sonntag, 2. November

Das erste Mal zur Uni. Ich habe noch keinen Roller gekauft, und etwas anderes als Busse gibt es hier nicht. Die Stadtverwaltung baut jetzt eine Straßenbahn. Die Jaffa-Straße war einmal der Einkaufsboulevard, jetzt ist sie nur noch eine kilometerlange Baustelle. Im Juli sind zwei palästinensische Bauarbeiter mit ihren Radladern in Busse und Autos hineingefahren, sie machten Jagd auf Passanten. Drei Menschen starben bei den Amokfahrten. Seitdem stockt der Bau, die Routen der Buslinien ändern sich täglich.

Esther sagt: "Die eine Hälfte von West-Jerusalem wartet auf die Straßenbahn, die andere auf den Messias. Beide werden niemals kommen." Ich sitze eine Stunde im Bus. Das Getingel im Schritttempo geht mir so auf die Nerven, dass ich vergesse, Angst vor einer Bombe zu haben.

Am Ende fährt der Bus in einen Tunnel unter der Uni. An einer Schranke hält er, ein Sicherheitsmann geht durch und schaut, ob jemand Waffen dabeihat. Dann kommen die Ausweiskontrolle und der Metalldetektor, die Taschen werden durchsucht. Neben der Mensa, in der ich zu Mittag esse, hängt ein Baum, halb umgekippt, über den Weg. Er ist ein Mahnmal: 2002 ging hier eine Bombe hoch. Neun Studenten starben, mehr als 80 wurden verletzt.

Am Nachmittag lese ich das erste Mal seit fast zwei Wochen meine E-Mails. Ronald hat geschrieben: "Viele Grüße nach Israel. Und immer dran denken: Ruhe bewahren, Sicherheit ausstrahlen." So mache ich das jetzt.

Markus Flohr, 28, war Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und studiert seit Oktober Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem

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