Israel-Tagebuch: "Ruhe bewahren, Sicherheit ausstrahlen"

Markus Flohr hat beschlossen, in einem aufregenden Land zu leben. Zu Hause in Hamburg wollte das niemand verstehen. Und ein israelischer Freund sagte: "Geh nicht nach Jerusalem, da kann man nicht atmen." Was der Student dort erlebte, kurz bevor der Gaza-Krieg losbrach - ein Tagebuch.

Samstag, 6. September

Straßen-Flohmarkt im Hamburger Schanzenviertel, ich schlage meinen Hausstand los. Das St.-Pauli-Shirt? Drei Euro. Die CDs? Fünf für acht. Am Abend das jährliche Ritual: Der "Schwarze Block" der Krawallmacher schlägt sich mit der Polizei.

Ich denke an Israel, an die Extreme, die jedem sofort zu diesem Land einfallen: Es wird fast täglich mit Raketen beschossen, lebt in heißem Frieden mit seinen Nachbarn. Selbstmordattentäter sprengen Busse in die Luft, lassen Bomben in Bars detonieren. Die Armee hält das Westjordanland besetzt, und die Regierung baut eine Mauer drum herum.

Die Wahl meines Studienorts stieß zu Hause auf wenig Verständnis: "Warum gerade Israel? Bist du jüdisch?", fragte ein Freund. Nein. Warum? "Na ja, deine Nase ..."

Hamburg sei doch auch schön, findet meine Mutter. Robert von nebenan würde nach Ramallah gehen, für ihn sind die Palästinenser die Guten. Was will ich in Israel, als Deutscher? Wenn ich Jude wäre, hätte ich genug von Deutschen.

Samstag, 13. September

Die letzten Tage in Hamburg. "Laaangsam kommen lassen, vorsichtig!", ruft mein Freund Till. Er hat Angst um seine Vespa - ich habe Angst, in Jerusalem Bus zu fahren. Mein WG-Zimmer liegt leider weit entfernt von der Uni. Ich müsste jeden Tag eine Stunde im öffentlichen Nahverkehr verbringen, einmal quer durch die Stadt. Ich habe dieses Bild im Kopf: ein israelischer Bus, zerrissen, als sei er aus Papier. Scherben, Blut, Retter in weißen Anzügen. Dann lieber selbst fahren.

Ich träume von einem Roller, mit dem ich zur Uni sause, den Felsendom einmal aus dem Augenwinkel angeblinzelt, die Grabeskirche, das Damaskus-Tor. Aber erst mal übe ich noch eine Runde mit Tills Vespa.

Freitag, 3. Oktober

"Bis bald" hat niemand zum Abschied gesagt, oder "tschüs". Sondern: "Pass auf dich auf. Wirklich!" Ist Jerusalem ein Krisengebiet? Ich gehe ja nicht nach Gaza.

Während des Flugs denke ich trotzdem daran, dass gerade diese Maschine ein Terrorziel sein könnte. Alles geht gut, natürlich. "Ruhe bewahren, Sicherheit ausstrahlen", hatte Ronald auf dem Weg zum Flughafen gesagt.

Samstag, 4. Oktober

Ich lande mitten in der Nacht, um drei Uhr. Im Großraumtaxi von Tel Aviv nach Jerusalem, es geht fast tausend Meter hinauf in die judäischen Berge, gen Osten. In eine sehr merkwürdige Stadt. Die Luft ist dünner da oben, wie Türme einer trutzigen Feste tauchen die gelben Sandsteinmauern am Nachthimmel auf.

"Geh nicht nach Jerusalem", hatte mein Kumpel Elat aus Tel Aviv gesagt. "Da kann man nicht atmen. Da geht es nur um Religion."

Sonntag, 5. Oktober

Rund 4000 Jahre Geschichte stecken in dieser Stadt. König Salomo baute den jüdischen Tempel, später kamen die Römer. Jesus wurde hier ans Kreuz genagelt und ist auferstanden, so steht es in der Bibel.

Dann kamen die Araber, im Mittelalter die Kreuzfahrer. Jerusalem ist die Heilige Stadt der Juden, die drittheiligste des Islam und ein Pilgerort für alle Christen. Sie wurde niedergebrannt, wieder aufgebaut, überrannt, zerstört und noch einmal wieder aufgebaut. Seldschuken, Fatimiden, Mamluken, Osmanen und Templer herrschten - und dann, bis 1948, die Briten. Dann rief David Ben Gurion den Staat Israel aus.

Kaum ein Jahrhundert, in dem Jerusalem keinen Krieg erlebt hätte. Der letzte war 1967. Jerusalem ist die Hauptstadt Israels und eines palästinensischen Staats, den es nicht gibt. Die Waffenstillstandslinie verläuft 50 Meter östlich von meinem Bett. Jerusalem, das heißt übrigens "Stadt des Friedens".

Dienstag, 7. Oktober

In meiner WG sind wir zu viert: Esther und Shuki, Israelis mit amerikanischen Wurzeln, Charlotte aus England und ich. Wir haben einen Garten, ein Wohn- und Esszimmer, die Küche ist koscher. Die wichtigste Regel: Fleisch und Milch trennen! Es gibt zwei Öfen, zwei Sätze Besteck, Töpfe, Pfannen, Teller. Überall sind kleine Aufkleber, auf denen "chalavi", also milchig, oder "basari", also fleischig, steht. Ich bin unsicher: War das jetzt wirklich der richtige Teller fürs Käsebrot? Das richtige Messer?

Mittwoch, 8. Oktober

"Gehst du auch zur Synagoge?" Charlotte hält mir eine Kipa hin. Heute beginnt Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Vorher geht Esther durch die Wohnung und schaltet alle Lampen an - "bitte nicht ausknipsen!"

Am Jom Kippur betätigen die meisten Juden keinen Lichtschalter, fahren nicht Auto, arbeiten nicht, essen nicht, küssen sich nicht. Sie ruhen. Sie fasten. Ich mache halt mit. Der Abend ist mild, die Stadt liegt still da. Alle gehen in die Synagoge, heute sogar die Israelis, die nicht religiös sind. Die Kinder ziehen mit ihren Fahrrädern weite Kreise auf den leeren Straßen. Ich muss ständig meine Kipa zurechtschieben.

In der Synagoge setze ich mich an den Rand und mache alles nach, was die anderen tun. Immer wenn jemand den Vorhang vor der Tora aufzieht, stehen wir auf und beten und singen im Stehen weiter. Ich brumme mit: "Baruch ata adonai elohenu melech haolam ...", das heißt "Gelobt seist Du, ewiger unser Gott, König der Welt".

Der Chasan, der Vorprediger, geht auf mich zu. Ich soll den Vorhang vor der Tora zurückziehen. Ich schüttele den Kopf, die Kipa fällt herunter. Ich denke: Jetzt schmeißt er mich raus. Als ich ihn wieder ansehe, hat er einen anderen gefragt. Später liege ich im Bett, mein Schädel brummt, ich habe Hunger und Durst. Verdammtes Fasten! Das soll ich durchhalten, bis morgen die Sonne wieder untergeht?

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Auslandsstudium Nahost
RSS

© UniSPIEGEL 6/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Fotostrecke
Jerusalem-Tagebuch: "Warum gerade Israel?"
Fotostrecke
Jerusalem-Tagebuch: "Warum gerade Israel?"