Israel-Tagebuch: Zittern im Schutzraum

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Markus ging zum Studieren nach Israel - und landete im Krieg. In Sderot schlugen in seiner Nähe Raketen ein, an der Uni gingen Israelis und Palästinenser aufeinander los - und Rona wollte nach dem ersten Kuss schon nichts mehr von ihm wissen. Teil zwei des Tagebuchs aus Jerusalem.

Montag, 3. November

"Wenn du eine Jüdin küsst, denkst du dann an den Holocaust?", fragte mich ein Freund, bevor ich nach Israel ging. Seit gestern Nacht weiß ich: nein. Nennen wir sie Rona. Wir tanzen, und dann ist die Nacht so kalt und der Weg so weit - also gehen wir zusammen. Als ich zurück nach Hause schlendere, ruft der Muezzin zum Frühgebet: "Allah ist groß", singt er, und: "Beten ist besser als schlafen."

Über den Minaretten im Osten Jerusalems geht die Sonne auf. Viele Stunden später sitze ich am Frühstückstisch, eine SMS von Rona: "Ich glaube, ich war zu betrunken gestern." Vielleicht musste sie an den Holocaust denken, als wir uns küssten?

Dienstag, 4. November

Mein Geburtstag. Abends kommen Freunde. Jeder Israeli kann sich meinen Geburtstag leicht merken: Am 4. November 1995 wurde Ministerpräsident Jizchak Rabin ermordet. Mit ihm starb die Hoffnung auf einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern, sagen viele.

Die USA wählen heute ihren Präsidenten. Meine WG ist schon seit Wochen im Obama-Fieber. Shuki und Esther sind in den USA aufgewachsen, aber mittlerweile Israelis. Heute sind sie zu 100 Prozent Amerikaner. Viele Juden in Amerika und in Israel seien eher für McCain, stand in der israelischen Tageszeitung "Haaretz". Sie haben Angst davor, dass Obama nicht so bedingungslos an der Seite Israels stehen wird wie McCain. Esther und Shuki sehen das anders. Um drei Uhr morgens geht Pennsylvania an Obama, ich mache schlapp, muss ins Bett. Esther sagt: "Ist schon okay. Du bist ja kein Amerikaner." Als ich morgens aufstehe, liegt sie auf der Couch und schläft, die zwei Laptops laufen immer noch. Obama wird der 44. Präsident der USA.

Freitag, 28. November

Ron und Lenny habe ich in einer Kneipe getroffen, beim Fußballschauen. Ron hatte ein braunes Fußballtrikot an, mit einem kreisrunden Vereinswappen links oben auf der Brust, das des FC St. Pauli. Heute nimmt mich Lenny mit zum St. Pauli von Jerusalem, seinem Club Hapoel Katamon. Wir stehen im "Teddy Stadium", in dem auch Beitar Jerusalem spielt - "die Rechten", sagt Lenny. Sie seien Rassisten, dumm, und einer von ihnen habe Rabin umgebracht. "Eigentlich hassen wir sie fast noch mehr, als wir unseren Club lieben."

Hapoel Katamon spielt nur in der vierten Liga, aber auf der Tribüne machen die Fans ordentlich Stimmung: Schwarz-rot-weiße Fahnen überall, Schüler mit Che-Guevara-Shirts, Palästinenser-Tüchern, Trikots von europäischen und südamerikanischen Clubs, Hippies, Studenten, viele Frauen - arabische und jüdische Jugendliche zusammen. Alle rufen: "Jalla Hapoel", vorwärts!

In der Kneipe nach dem Spiel diskutieren wir über den Nahost-Konflikt, das kommt fast zwangsläufig. Lenny sagt: "Ich glaube, dass wir eine starke Armee brauchen, um unser Land zu verteidigen. Aber ich glaube nicht, dass sie in der Westbank stehen soll, um Siedler zu schützen. Und ich glaube, dass wir den Gaza-Streifen vor drei Jahren nicht hätten verlassen dürfen."

Jeden Tag steht in der Zeitung, dass wieder fünf oder zehn Raketen eingeschlagen sind, in Sderot, Netivot und anderen israelischen Städten rund um Gaza - dass die israelische Armee mit Vergeltungsschlägen antwortet.

Heute Nachmittag noch hat Lenny einen Freund im Krankenhaus besucht, der im Dienst als Soldat von einer Kassam-Rakete getroffen wurde. "Vielleicht wird er nur noch ein Bein haben", sagt Lenny. Wenn ich ihn reden höre, beschleicht mich das Gefühl, dass er an einen Frieden nicht wirklich glaubt.

Er zieht in zwei Wochen nach Amsterdam: "Es wird höchste Zeit, mal anderswo zu leben."

Freitag, 5. Dezember

Zwei Monate Jerusalem: Diese Stadt zerrt jeden Tag an meinen Nerven, tritt mir vors Knie, küsst mich in den Schlaf, schnauzt mir ins Gesicht, schubst mich von hinten, macht sich lustig, spricht eine Stunde über die Vorfahren, die in Auschwitz ermordet wurden. Bis ich nicht mehr kann und mich ins Taxi setze, nach Tel Aviv, an den Strand, die Schuhe aus und die Füße ins Meer. Wenn ich abends auf meinem Bett sitze, wünsche ich mir manchmal einen zweiten Kopf, für die Nacht, damit ich wenigstens ruhig schlafen kann - und damit das Brummen irgendwann aufhört.

Mittwoch, 24. Dezember

Zur Person
Matthias Thiele
Markus Flohr, 28, war Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und studiert seit Oktober Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem.
Bei "Herbei, o ihr Gläubigen" öffnet der Typ hinter mir geräuschvoll eine Flasche Mineralwasser. Richtig genervt bin ich aber, als er während der Bibellesung auf seinem Mobiltelefon herumtippt: "Hallo, Nitzan, sitze gerade bei den Deutschen in der Kirche. Jetzt liest die Nonne", oder so. Heiligabend in der deutschen Erlöserkirche in der Altstadt, das bedeutet: Gottesdienst unter Beobachtung. Die Kirche ist brechend voll. Auf einen Deutschen hier kommen zwei israelische Touristen, die "Church Hopper". Sie gehen von einer Kirche zur nächsten, um sich mal anzuschauen, was die Christen Heiligabend so machen. Mitten in der Predigt stehen sie auf und drängeln zum Ausgang. Um Mitternacht beginnt anderswo der nächste Gottesdienst. Schließlich haben sie bei einem Reiseveranstalter in Tel Aviv viel Geld für diese Nacht bezahlt.

Nach dem "O du fröhliche" treffen sich alle Deutschen unter dreißig vor dem Hauptportal. Wir wandern durch die Nacht nach Betlehem. Wir sind etwa 50 Volontäre, Studenten, Zivis. Wir stapfen gen Süden, so wie einst Josef und Maria, wenn man der Bibel glaubt. Es ist kalt, dunkel, und es regnet. Vorneweg marschiert Pastor Michael Wohlrab. Betlehem liegt im Westjordanland, also müssen wir über einen israelischen Checkpoint, durch die meterhohe graue Mauer, die "Peace Wall".

Es ist drei Uhr nachts, als wir in der Geburtskirche ankommen. Wir schauen uns die Grotte an, in der Jesus geboren worden sein soll; dort drängt sich der Gesandte des Papstes in Betlehem mit vier anderen katholischen Geistlichen, es ist eine winzige Höhle. Sie singen, dann schließen sie die Augen und beten. Wir gehen in ein Seitenschiff der Kirche, und Pastor Wohlrab stimmt noch einmal "O du fröhliche" an.

Als ich wieder zu Hause bin, lese ich, dass heute rund 60 Raketen aus dem Gaza-Streifen in Israel eingeschlagen sind.

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