Joschka Fischer im SPIEGEL-Gespräch: "Das ist der zweite Fall der Berliner Mauer"

Von Christian Füller, Berlin

Die Wirtschaft am Abgrund, der Westen in der Krise, sogar Bush verstaatlicht jetzt Konzerne - wer erklärt diese neue Welt? Joschka Fischer versuchte es in der Berliner Humboldt-Uni. Ein Lehrstück über globale Politik, die "Kernschmelze des Finanzsystems" - und Bürger, die dringend Orientierung suchen.

Berlin - Frau Götze, 48, ist zusammen mit ihrer studierenden Tochter Julia, 22, gekommen. Die angehende Politologin Lea, 22, will wissen, "ob er wieder dicker geworden ist", interessiert sich aber vor allem für die Politik. Genau wie ihr Kommilitone Oliver, 21, der "sicher kein Linker ist", aber gespannt wartet: "Was sagt er uns über die US-Wahlen nächste Woche?"

Grüner Fischer in Humboldt-Uni: "Kernschmelze des Weltfinanzsystems"
DPA

Grüner Fischer in Humboldt-Uni: "Kernschmelze des Weltfinanzsystems"

Das Auditorium Maximum der Humboldt-Universität ist zum "SPIEGEL-Gespräch - live an der Uni" proppenvoll. Denn Joschka Fischer, der Ex-Linksaußenminister und Princeton-Gastprofessor, soll Amerika nach George W. Bush erklären. Draußen skandiert eine Menge Studierender so laut "Wir wollen rein", dass der Präsident der Uni, Christoph Markschies, nervös wird.

Schon bei der ersten Frage legt Joschka Fischer dann die Stirn, ach was, das ganze Gesicht in tiefe Falten. "Na, wer wird die Wahl denn nun gewinnen?", will Moderator und SPIEGEL-Außenpolitikchef Gerhard Spörl wissen. Und keiner versteht Fischer, weil er das Mikro wie eine brennende Kerze vor sich hält – den Kopf aber zur Seite dreht. "Ich wusste nicht", blafft Fischer dann ins grummelnde Publikum, "dass Sie in so jungen Jahren schon Ohrenprobleme haben." Das findet das Publikum witzig.

Es setzt sich zusammen zu 80 Prozent aus StudentInnen, zu 20 Prozent aus Menschen gesetzten Alters, zur Hälfte aus Frauen, und es ist gewillt, zwei Stunden geduldig Weltpolitik anzuhören.

Warum eigentlich?

Man merkt es erst, als Fischer mal den Mund hält, um die Frage eines Hobbydiplomaten in der zweiten Reihe anzuhören. Da purzeln Weltregionen, gefährliche Staaten und Energiepolitik so wild durcheinander, dass man sich gleich wieder nach Joschka sehnt.

Oder wenn Fischer auf die Frage, seit wann er denn wusste, dass das mit dem Irak schief läuft, diese Schote erzählt: "Colin Powell, der Außenminister, sagte leise zu mir: 'Ich muss irgendwas im Irak machen'."

Da glaubt man den Republikaner, der gerade den Demokraten Barack Obama zur Wahl empfohlen hat, einem förmlich ins Ohr flüstern zu hören: "Ich wollte es doch nicht! Aber der George W."

Powell war jener Mann, der dann doch ziemlich überzeugend in der Uno-Vollversammlung mittels einer Powerpoint-Präsentation den bevorstehenden Angriff auf den Irak rechtfertigte.

Fischers Publikum ist jedenfalls ziemlich lässig: Ein Student, der gerade noch tief in der Lektüre über den Weltkapitalismus steckte, holt nun einen rosa Einkaufszettel hervor. Gekochter Schinken, Pasta, TK-Pizza, auch Kiwi und Butter wollen notiert sein - während Joschka Fischer gerade sehr eindrucksvoll klar macht, dass die eigentliche Gefahr Pakistan sei. Und nicht etwa Iran, "den Bush als Hegemonialmacht erst erschaffen" habe. In der ersten Reihe springt eine große schwarzhaarige Frau auf – um zum Telefonieren zu gehen. Ein älterer Herr, in Berlins öffentlichen Podien gefürchtet als hartnäckiger Frager, wackelt nach vorne. Sehr nahe an die Bühne. Aber er fragt nicht. Er knipst ein Foto.

Fischer ordnet die Finanzkrise ein wie kein zweiter. "Dass ein George W. Bush am Ende seiner Amtszeit quasi den Sozialismus einführt, um die Banken zu retten", das amüsiert ihn nur einen Moment. "Und wenn dieser Schuss nicht sitzt, wird der nächste Schritt die Vollverstaatlichung sein."

Jetzt merkt das Publikum, dass die Krise vielleicht doch eine Krise ist – aber der grüne Superstratege nutzt die Gelegenheit, um die Dimension endgültig klar zu machen. "Das ist der zweite Fall der Berliner Mauer. Mit allen Konsequenzen, nur nicht nach Osten, sondern für den Westen." Der Kapitalismus an seinem Ende, jedenfalls an seinem Relaunch. "Die Kernschmelze des Weltfinanzsystems hat stattgefunden."

Ach ja, Joschka Fischer ist sich ziemlich sicher, dass Barack Obama das Rennen machen wird am Dienstag in einer Woche. Obendrein aber könnte es einen historischen Linksrutsch zugunsten der Demokraten im Senat und im Repräsentantenhaus geben, sagt er. Das ist die Chance der USA, auf die große Krise eine überzeugende Antwort zu geben "und sich neu zu erfinden". Sagt Fischer – und fügt nach einer Kunstpause an: "Die viel spannendere Frage aber ist: Was, wenn er nicht gewinnt?"

Zwei Stunden dauert es. Nach einer Stunde gehen ein paar. Aber am Ende sind sie voll des Lobes. Obwohl der letzte Rock'n Roller der deutschen Politik "an Esprit verloren hat", was auch Frau Götze zugeben muss. Aber, befindet sie: Er kann trotzdem noch den Globus erklären. "Er konnte rund um die Welt sagen, wo und warum es brennt." Am nächsten Vormittag muss sie, die Lehrerin für Englisch und Deutsch, ihren Schülern wieder die Globalisierung erklären. "Da hilft mir das."

"Ich fand es kein bisschen langweilig", sagt Julia, 21, die Studentin der Bildenden Kunst. "Er kann sehr gut erklären". Auch die VWL-Studentin Paulina, eine Polin, ist vollkommen zufrieden. "Ich bin gekommen, um Fischer zu sehen. Und es war gut!"

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insgesamt 42 Beiträge
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1. Orientierung
mexi42 28.10.2008
Zitat von sysopDie Wirtschaft am Abgrund, der Westen in der Krise, sogar Bush verstaatlicht jetzt Konzerne - wer erklärt diese neue Welt? Joschka Fischer versuchte es in der Berliner Humboldt-Uni. Ein Lehrstück über globale Politik, die "Kernschmelze des Finanzsystems" - und Bürger, die dringend Orientierung suchen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,586888,00.html
Fischer gehörte doch zu denen, die während Schröders unsäglicher Regierungszeit den Leuten die Orientierung nahmen. Nach dem Motto: Nie wieder Krieg, ohne uns.
2. Bilderberg-Konferenz
JohnD 28.10.2008
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1346214&sid=6354a195aa7bb06908c266976a0b4545 Wer ein bisschen sucht, findet heraus, dass sich im Juni auch Paulson und Fischer dabei waren, sowie Bernanke und andere allerdings ständige Teilnehmer aus der Hochfinanz, Großkonzernen und den Medien dabei waren - und garantiert wusste man von der bevorstehenden Krise. Wollen wir hoffen, dass das die guten Onkels/Tanten sind, die sich im Geheimen um die Welt kümmern. Leider sieht es eher nach Machterhalt aus, und nach Beruhigung der Bevölkerung, die diese Macht bedroht. Den Rockefellers gehört nicht nur ein Großteil der Banken, sondern ein Großteil der FED.
3. Dummdreistigkeit in der Pose des Außenministers
Balkanese 28.10.2008
Was Fischer verzapft, ist plumper Quatsch. Dieser Mann hat von Geschichte keine Ahnung. Er schwadroniert als Eleve seiner Lehrerin, der schrecklichsten aller Weiber, der Dame Albright. Was bleibt, ist alles nur Abzocke im Nachhinein für plattes Geschwätz. Alles, was Fischer realiter geleistet hat, waren Bomben auf Belgrad. Das ist sein Beitrag zur Geschichte. Und dazu sage ich Pfuiteufel...
4. Ich würde diesen Artikel so zusammenfassen
Knighter 28.10.2008
Gut. Hier die Zusammenfassung: "In der ersten Reihe springt eine große schwarzhaarige Frau auf – um zum Telefonieren zu gehen." Also dieser Artikel hat weniger als nichts gesagt, hätte sich der Spiegel auch sparen können.
5. Unglaubwürdig
Jochen Kissly 28.10.2008
Fischer, der noch nicht mal weiss wie eine Ehe funktioniert erklärt dem staunenden Publikum die Welt. Unglaubwürdig ist noch geschmeichelt - ich habe es nicht veergessen dass es auch die Grünen waren die Detschland in den Krieg getrieben haben. JK
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