Jugend in Tunesien: "Die Diktatur hat unsere Träume geraubt"

Gut ausgebildet, gut vernetzt - und wütend: Viele der Demonstranten in Tunesien sind Studenten und Akademiker. Im Interview erklärt Uni-Dozentin Emna Ben Jemaa, was die junge Generation auf die Straße trieb und wie es sich mit dem neuen Lebensgefühl Freiheit lebt.

Revolte in Tunesien: Aufstand der frustrierten Jugend Fotos
Emna Ben Jemaa

SPIEGEL ONLINE: Frau Ben Jemaa, Sie sind 33 Jahre alt, arbeiten an der Time-Universität in Tunis. Damit gehören Sie zu der Generation, die die Proteste auslöste, die Ende vergangener Woche zum Sturz des Ben-Ali-Regimes führten. Können Sie erklären, aus welchem Lebensgefühl sich die Jasmin-Revolution speiste?

Emna Ben Jemaa: Viele mussten zusehen, wie Leute ohne Qualifikation rasant aufgestiegen sind, während sie selbst hart, aber erfolglos gearbeitet haben. Wer ein Diplom hat, konnte die Früchte seiner Mühe nicht ernten. Man musste einflussreiche Leute kennen, um voranzukommen - die Korruption ist rekordverdächtig in Tunesien.

SPIEGEL ONLINE: Das ist es, was Studenten und Schüler auf die Straße treibt?

Ben Jemaa: Das Schlimmste war für viele, dass man nicht äußern konnte, womit man unzufrieden ist. Was tun, wenn einem die Träume geraubt werden und die Hoffnung? Neu ist die Verzweiflung allerdings nicht. Schon vor einigen Jahren gab es Auseinandersetzungen. Der Staat hat aber dafür gesorgt, dass sie totgeschwiegen wurden. Die Regierung hat Kritiker einfach weggesperrt.

SPIEGEL ONLINE: Betrachten Sie ihr Land jetzt mit anderen Augen?

Ben Jemaa: Ich entdecke meine Landsleute durch die aktuellen Ereignisse neu. Obwohl die Polizei auf sie schießt, trotz aller Misshandlungen, versuchen sie, friedlich zu protestieren.

SPIEGEL ONLINE: Viele junge Leute wollen Tunesien verlassen, heißt es.

Ben Jemaa: Viele träumen von einer besseren Zukunft und davon, woanders zu leben, das stimmt. Allerdings gibt es ebenso viele, die in Frankreich arbeiten und die es zurück in ihre Heimat zieht.

SPIEGEL ONLINE: Beteiligen Sie sich selbst an den Protesten?

Ben Jemaa: Ich arbeite auch als Journalistin und drücke meinen Protest durchs Schreiben aus, zusammen mit anderen, die so alt sind wie ich. Wir arbeiten ihm Team, obwohl wir uns kaum kennen. Manche gehen protestieren, andere besorgen Bilder, und meine Kollegen und ich bereiten die Informationen auf, für Webseiten, Magazine und fürs Radio.

SPIEGEL ONLINE: Ist derzeit noch das Militär in Tunis, wie verhalten sich die Soldaten?

Ben Jemaa: Die Armee ist hier, zum Glück. Die Soldaten verhalten sich sehr professionell. Sie sind präsent und hilfsbereit. Die Anwesenheit der Armee beruhigt uns, denn den Soldaten können wir vertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie, dass Ihnen etwas zustoßen könnte?

Ben Jemaa: Es bleibt das Risiko, von der Polizei festgenommen zu werden. Das ist mir bereits einmal passiert, im Mai vergangenen Jahres. Sieben Stunden dauerte das Verhör, ich wurde ausgefragt und angeschrien. Bis jetzt weiß ich nicht genau, was mir vorgeworfen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Sie und Ihre Kollegen auf den Druck?

Ben Jemaa: In Tunesien lernen Journalisten, sich selbst zu zensieren - oder die Redaktion übernimmt das. Ich sollte schon Sätze aus Beiträgen von mir löschen, meine Texte verändern. Man muss seine Botschaft zwischen den Zeilen vermitteln; das gelingt meist auch.

SPIEGEL ONLINE: In diesem Interview sind Sie ziemlich offen.

Ben Jemaa: Noch vor einer Woche hatte ich Angst, als ich einem französischen Magazin ein Interview gab. Aber jetzt spreche ich ohne Hemmungen, denn wir haben durch die Proteste einige Hindernisse überwunden. Ein Restrisiko bleibt natürlich. Sollte mir doch noch etwas zustoßen, war es das wert.

SPIEGEL ONLINE: Was wünschen Sie sich für die nächsten Wochen?

Ben Jemaa: Die Zeit für Proteste ist vorbei. Jetzt geht es darum, die Wahlen vorzubereiten. Wir brauchen eine unabhängige Kommission, die Korruption und Kriminalität in Regierungskreisen aufzeigt. Und ich wünsche mir eine vertrauenswürdige, regierungsfähige Partei. Im Grunde will ich ein Tunesien wie vor den Protesten, nur frei und nicht beherrscht von einem Diktator: Ein Land, in dem es gut ausgebildete Nachwuchskräfte gibt und in dem es sich in aller Gelassenheit arbeiten und leben lässt.

Die Fragen wurden schriftlich beantwortet, das Interview führten Christoph Titz, Oliver Trenkamp und Valérie Wagner.

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Zur Person
Emna Ben Jemaa
Emna Ben Jemaa, 33, ist Dozentin an der privaten Time-Universität in Tunis, Tunesien, und arbeitet als Journalistin. Bis vor einer Woche schrieb sie nur zwischen den Zeilen was sie wirklich dachte. Dann demonstrierte sie gegen das Ben-Ali-Regime, berichtete für ausländische Medien und gab Interviews unter anderem für die spanische Tageszeitung "El Pais".
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