Jura-Bachelor: Angriff auf den Dinosaurier

Von Jochen Schönmann

Jura-Fakultäten sind traditionsfest und reformimmun. Als erste deutsche Universität nimmt Mannheim Abschied von den gefürchteten Blockprüfungen: Die Studenten können den Jura-Bachelor inklusive BWL erwerben - und trotzdem Staatsexamen machen, mit weniger Nervenflattern.

Seit Ewigkeiten zimmern Fakultäten, Kultusminister und Anwaltschaften an der Reform des Jura-Examens herum. Doch im Grunde herrscht seit Mitte des 19. Jahrhunderts das gleiche Schema: Man erwirbt während des Studiums ein paar Scheine, der große Hammer kommt zum Schluss - das Blockexamen.

Mannheimer Uni: Neue Ausbildung zum Unternehmensjuristen
DPA

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In den zwölf wohl brutalsten Tagen ihres Lebens schreiben die Studenten sechs Klausuren zu je fünf Stunden: drei im Zivilrecht, zwei im öffentlichen Recht, eine im Strafrecht. Dazu kommt separat eine Wahlfach-Klausur. Wegen der hohen Durchfallquoten ist das monströse Examen zu Recht gefürchtet. Wer durchfällt, darf nochmal, wer es dann nicht schafft, hat umsonst studiert. Motto: Vielen Dank, dass Sie sich um Ihre Zukunft bemüht haben – sie ist in diesem Moment vorbei. Für die Prüflinge ein echtes Horrorszenario.

Vielen Qualitätsbewahrern in den Fakultäten landauf, landab gilt diese archaische Methode noch heute als Garant für eine hochwertige Juristen-Elite. Selbst als man versuchte, die einzelnen Studiengänge an internationale Standards anzupassen, sperrten sich die Jura-Fakultäten nach Kräften gegen Bachelor- und Masterabschlüsse. Das Staatsexamen ist und bleibt die heilige Kuh der Juristen. Der Bachelortitel galt hingegen als Abbrecher-Zertifikat: als Lizenz zum Taxi fahren.

"Kein Jurastudium light"

Nach vielen erfolglosen Reform-Ansätzen, unter anderem von den Justizministern Baden-Württembergs und Sachsens geht die Universität Mannheim nun in die Offensive: Bachelor und Master ja, das Staatsexamen bleibt als Option dennoch möglich. Und zwar ohne das rüde Blockexamen.

"Das Ganze ist keinesfalls ein Jurastudium light", versichert Dekan Carsten Schäfer von der Uni Mannheim. Er stellt das Experiment in einen anderen Kontext: "Die derzeitige Juristenausbildung eignet sich für 20 Prozent der Studenten. Nämlich für die Elite. Für den Rest bringt sie nichts."

Tatsächlich orientiert sich die heutige Juristenausbildung noch immer an der Befähigung zum Richteramt - was nur die wenigsten Studenten erreichen können oder wollen. Zudem herrscht in kaum einem anderen Berufsfeld so große Chancenungleichheit: Wer ein Prädikatsexamen abliefert, kann sich seinen gut dotierten Job, ob in einer renommierten internationalen Kanzlei oder bei einem Global Player in der freien Wirtschaft, praktisch aussuchen. Für den Rest bleibt als Trostpflaster das kleine "Rechtsanwalt"-Messingschildchen über der Klingel. Miserabel sind die Karrierechancen für die zahlreichen "Vier-Gewinnt-Kandidaten", also jenen, die mit knapper Not das Examen bestehen.

"Viele merken viel zu spät, dass Jura eigentlich gar nichts für sie ist", sagt Schäfer. Beim Bachelor sei das anders. Im stark verschulten Modus werde die Leistung permanent geprüft. Jeder könne sehr schnell feststellen, ob er in diesem Fach richtig sei. Außerdem beinhalte der Bachelor in Mannheim zu 30 Prozent eine wirtschaftswissenschaftliche Komponente.

Mannheim punktet mit BWL-Wissen

Der Bachelor-Abschluss an der Schlossuniversität enthält zudem nicht wie in anderen Modellen lediglich abgespeckte Teile von jedem Rechtsgebiet, sondern konzentriert sich ausschließlich auf das Zivilrecht. Darin legen alle Teilnehmer den ersten Teil des Staatsexamens ab und nehmen an den ganz normalen Prüfungen teil, wie die Studenten des klassischen Studiengangs. Wer weitermacht, wird später in den Teilen Öffentliches Recht und Strafrecht geprüft. Ein geschichtetes Staatsexamen also, wie es in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen auch möglich ist. Nur gibt es dort eben keinen Bachelor- oder Master-Abschluss.

Ihren exzellenten Ruf in den Wirtschaftswissenschaften werfen die Mannheimer mit in die Waagschale. So wollen sie für Bachelor-Absolventen mit BWL-Kenntnissen echte Berufschancen in der Wirtschaft schaffen. Und wer sich dann doch fürs Staatsexamen entscheidet, hat eine betriebswirtschaftliche Zusatzqualifikation, die ihn vom normalen Volljuristen abhebt. Der Mannheimer Rektor Hans-Wolfgang Arndt nennt eine für Juristen unangenehme Wahrheit: "Noch in den siebziger Jahren waren mehr als 30 Prozent der Vorstände in deutschen Unternehmen Juristen. Heute sind es kaum noch fünf Prozent. Wir möchten diesem Bedeutungsverlust entgegenwirken."

Für viele Berufe abseits des Vorstandsessels sei das klassische Jurastudium außerdem ungeeignet. "Um in einem Unternehmen Karriere machen zu können, braucht man in der Regel kein Strafrecht", sagt Strafrechtler Björn Burkhart, der das Mannheimer Modell prägte. Umso wichtiger sei die zivilrechtliche Ausbildung, gepaart mit ökonomischer Kompetenz.

Schon genug Juristen ohne Perspektive

Auch für Staatsexamen-Kandidaten sieht Burkhart große Vorteile. Denn es entfalle nicht nur das Blockexamen, das Burkhart ohnehin für einen "bildungspolitischen Dinosaurier" hält. "Wichtig ist, das die Rechtsgebiete bei uns in der logischen Reihenfolge vermittelt werden", so der Professor. "Denn wer gewisse strafrechtliche Problemstellungen meistern will, der muss zunächst im Zivilrecht absolut sattelfest sein."

Doch nicht alle sind von der Abschichtung des Staatsexamens begeistert. An der Universität Tübingen warnt man vor dem Einstieg in den Ausstieg vom Blockexamen. Jura-Dekan Joachim Vogel hält es für unfair, wenn Studenten in Mannheim das Examen nun in zwei Teilen ablegen können - das sei einfacher als beim klassischen Modell. "Wenn die Studierenden das annehmen, dann wären wir gegen unseren Willen gezwungen, unsere Anforderungen zu senken."

Zivilrecht ohne Verbindung zu anderen Rechtsgebieten zu lehren, hält Vogel zudem kaum für möglich: "Die Rechtsgebiete fließen so sehr ineinander, dass man autark höchstens ein amputiertes Zivilrecht lehren könnte. Zu Lasten der Qualität."

Die Erfahrungen in Frankreich und Italien, sagt Vogel, zeigten zudem: Kaum einer der Studierenden bleibe beim Bachelor-Abschluss. Fast alle machten weiter. Übrig bliebe damit am Ende nur noch der vereinfachte Weg zum Staatsexamen. Und Juristen ohne Perspektive gebe es ja nun schon genug. Immerhin in diesem Punkt ist man sich mit den Mannheimern einig.

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