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Jura-Studium: Das Geschäft mit der Examensangst

Von Reiner Kramer

Wer sich auf das Jura-Examen vorbereitet, steht vor der Wahl, entweder viel Geld für ein kommerzielles Repetitorium auszugeben oder die Angebote der Uni zu nutzen. Die Mehrheit der Studenten zahlt lieber. Eine im Juli in Kraft tretende Reform der Jura-Ausbildung soll das ändern.

Jura-Reform: Künftig soll die Universität 30 Prozent des ersten Staatsexamens abnehmen
[M]:AP;mm.de

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"Die wenigsten gehen das Risiko ein, nicht hinzugehen." Das Repetitorium ist noch immer ein wesentlicher Faktor in der Vorbereitung auf das erste Jura-Examen, sagt Sebastian Dietz. Der 23-Jährige studiert im vierten Semester Rechtswissenschaften an der Universität in Köln und ist Mitarbeiter in der Fachschaft. "Die Angst vor dem Examen ist groß", erzählt der Student. Und keiner möchte das Risiko eingehen, "nicht alles getan zu haben".

An der Universität in Köln soll der "Große Klausurenkurs" auf die schriftliche Staatsprüfung vorbereiten: Nahezu jede Woche können drei Klausuren unter Examensbedingungen geschrieben werden. Eine Ergänzung zum "Rep", "aber keine Alternative", wie Dietz meint.

Etwa 90 Prozent der Jura-Studenten vertrauen auf professionelle Repetitoren bei ihrer Vorbereitung auf das erste Staatsexamen. Geprüft werden die angehenden Rechtsanwälte und Richter am jeweiligen Oberlandesgericht oder vom Landesjustizprüfungsamt (Bayern). "Die Fakultäten haben nicht die Prüfungsrelevanz", erklärt Peter Huber, Münchener Jurist und Vorsitzender des Deutschen Juristen-Fakultätstags. Solange das der Fall ist, überbrücken oft kommerzielle Paragrafenpauker die Kluft zwischen Vorlesungen und Staatsexamen. Und verdienen viel Geld damit.

Vorlesungen und Seminare zählen bei der Staatsprüfung bald mit
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Vorlesungen und Seminare zählen bei der Staatsprüfung bald mit

Wie etwa das Juristische Repetitorium Hemmer. 140 Euro müssen die Studenten pro Monat berappen, darin enthalten sind Kursmaterialien wie Klausuren und Skripte und eine monatliche Zeitschrift. Das Geschäft brummt, denn mit der Angst vor dem Examen lässt sich gut Geld machen. Jährlich bringen alleine die Repetitoren bei Hemmer in ihren 42 im gesamten Bundesgebiet verteilten Niederlassungen 12.000 Studenten durch die Prüfungen. Unter zehn Prozent ihrer Absolventen fällt durch, schätzt Mitinhaber Wüst nach seinen Erfahrungen.

Die am 1. Juli in Kraft tretende Reform der Jura-Ausbildung soll dem Geschäft mit der Angst Einhalt gebieten. Themen wie Rhetorik und Verhandlungsgeschick sollen künftig für ein "insgesamt stärkeren Praxisbezug im Studium" (Huber) sorgen. Außerdem sollen in Zukunft 30 Prozent der ersten Staatsprüfung in der Verantwortung der Uni liegen: In einem Schwerpunktbereich - das ergänzte frühere Wahlfach - soll dann der Stoff aus dem Vorlesungen abgefragt werden.

Da seien die Prüflinge "schlecht bedient" wenn sie voll auf das Rep setzten, meint Ulrich Schroth, Strafrechtler und Studiendekan an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München. Weiterhelfen können die Tutorien, Crash- und Examenskurse, die an der LMU angeboten werden. In der Fachschaft gibt es eine Broschüre, die Mittel und Wege "Zur Vorbereitung auf das erste Staatsexamen ohne Rep" aufzeigt. Die Schattenseite der Reform: Es werde zu einer "vermehrten Belastung der Universität" kommen, glaubt Schroth. Sprich: In einigen Veranstaltungen, etwa zu Straf- oder Gesellschaftsrecht, könnte es sehr voll werden.

Examen ohne Rep - nur was für Mutige

Wüst glaubt, durch die Reform würden eher mehr Studenten in seine Kurse strömen. "Keiner wird das Risiko eingehen, 30 Prozent des Examens in den Sand zu setzen." Auf die Vorlesungen abgestimmte Kursangebote will Hemmer dann in jeder Stadt anbieten. Wüst meint: "Wir machen die Ausbildung."

An der Universität in Münster, mit 6000 Jurastudenten eine der größten deutschen Fakultäten, wird seit 20 Jahren versucht, die angehenden Juristen im kostenlosen Uni-Rep auf die Prüfungen vorzubereiten. Ein Jahr dauert ein Kursus, 20 Stunden in der Woche auch während der Semesterferien - "eine sehr intensive Vorbereitung", wie Dekan Bodo Pieroth sagt. Vor allem die "Mutigen, Selbständigen und Selbstbewussten" stürzen sich in das Wagnis "Examen ohne Rep", und "die schließen im Verhältnis zu ihren Kommilitonen oft besser ab".

Ein Nachteil für die Wagemutigen: Zwölf verschiedene Spezialisten mit unterschiedlichem didaktischen Niveau unterrichten, während in den bezahlten Kursen meist lediglich drei Dozenten lehren. "Das Wasser abgraben konnten wir den Repetitoren bislang aber nicht." Denn nur was Geld koste, scheine für viele Studenten auch gut zu sein, so Pieroths Erklärung. Zudem gebe es einen "psychologischen Sog".

Pascal Hase, 22, bestätigt: "Jeder versucht so viel wie möglich zu machen." Er studiert im vierten Semester an der Universität in Münster. Die Angebote der Unis können mit dem Repetitorium nicht mithalten, meint er. Er hofft trotzdem, ohne kostenintensive Nachhilfe durch die Prüfungen zu kommen.

Die angehenden Juristen werden auch weiterhin in die Repetitorien strömen, meint Pieroth. Denn die intensive einjährige Vorbereitung bleibe die gleiche. Und was zählt, ist einzig das Ergebnis. "Sag mir, welche Note du hast, und ich sage dir, was du verdienst", fasst Sebastian Dietz zusammen. Die Repetitoren wird das freuen.

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