Jura-Zulassungspanne: Huch, sind wir beliebt

Von Anna Lu

Erstsemester fluten das Fach Jura an der Bonner Uni. Denn die Verwaltung glaubte: Studienplatzvergabe können wir selber. Doch das misslang gründlich, aus Versehen wurden 590 statt 350 Studienanfänger zugelassen. Jetzt sind Studenten wie Mitarbeiter genervt.

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Unfreiwilliger Rekord: In Bonn starteten dieses Jahr fast 600 Jura-Erstsemester ins Studium

Die dicken Bücher werden zugeklappt, das dumpfe Geräusch füllt den ganzen Hörsaal. Die Vorlesung ist vorbei, die Jura-Erstsemester streben schnatternd hinaus. Auch Daniel Schmidt, 20 Jahre alt, packt sein Bürgerliches Gesetzbuch ein und blickt mürrisch drein. Frustriert sei er, sagt der lockige Student. Und das sind gerade viele bei den Bonner Jura-Studienanfängern.

Es liegt nicht an der Vorlesung oder am Fach, sondern an den berstenden Hörsälen, dem Gedränge, dem Kampf um Bücher in der Bibliothek. Selbst die Schlangen vor den Toiletten reichen manchmal über die Treppen bis ins nächste Stockwerk. Normal beim Studienstart? Normal wären 350 Erstsemester im Bonner Juridicum. Momentan aber herrscht Ausnahmezustand: 590 Studenten sind gekommen - 240 zu viel.

Ausrutscher bei der Zulassung passieren Hochschulen immer wieder. In Heidelberg etwa führte ein Computerfehler 2008 zu rund 70 versehentlichen Zulassungen im Fach Medizin; auch bei den Psychologen der Hamburger Uni grassierte Chaos wegen einer Zahlenpanne. Und nun erklärt die Bonner Uni die aktuelle Jura-Studentenschwemme mit einer "Verwaltungspanne".

Selbst verschuldeter Massenauflauf

Das suggeriert, in Bonn habe der Computer vielleicht zu viele automatische Zulassungen verschickt, wegen technischer Mängel. Tatsächlich aber haperte es in Bonn keineswegs an der Technik. Der Teufel steckte vielmehr im System der Studienplatzvergabe - die Uni Bonn hat ihre Jura-Plätze schlicht selbst überbucht.

Man kennt das von Fluggesellschaften: Weil immer einige Passagiere ihre Reise nicht antreten, stehen zu viele auf der Liste. Meist geht das gut, manchmal gibt es großen Ärger am Schalter, weil doch mehr Fluggäste kommen, als das Flugzeug Platz bietet.

In Maßen ist es auch an Unis normal, dass sie mehr Plätze vergeben, als real vorhanden sind. Denn viele Studieninteressenten bewerben sich für ihr Wunschfach an mehreren Hochschulen zugleich. Da sind Überbuchungen gängig, um am Ende nicht mit zu wenig Studenten dazustehen. Dafür muss man allerdings eine zuverlässige Prognose treffen - was in Bonn misslang.

Meist suchen sich die Unis inzwischen ihre Studenten auch in beliebten Massenfächern selbst aus: Sie legen eine Abinote fest, gewichten einzelne Fächer oder lassen die Bewerber Motivationsschreiben verfassen. Die Hochschulen könnten das Verfahren auch über die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund laufen lassen, die jahrzehntelang abertausende Studenten gleichmäßig über Deutschland verteilte - und dafür oft arg geprügelt wurde. Doch den kostenpflichtigen Dienst nutzte im Fach Jura dieses Jahr allein die LMU München, ließ die Anfängerzahlen von den Dortmundern prognostizieren und die Zulassung abwickeln. Die Bonner Verwaltung dagegen dachte: Zulassung können wir allein.

Erklären möchte die Uni eher nichts

Konnte die Uni nicht, berichten Interne, die ihren Namen nicht nennen wollen: Die Verwaltung sei davon ausgegangen, dass nur jeder zehnte Zugelassene seinen Platz wirklich antreten würde. Dann aber - Überraschung! - erwies sich Bonn aber als beliebter, als die Bonner Verwaltung es selbst für möglich hielt. Etwa jeder Dritte nahm seinen Platz tatsächlich in Anspruch. Die Zahlen sind geschätzt, offiziell ist nichts. Immerhin: Uni-Sprecher Andreas Archut dementiert diese Version nicht.

Während man im Juridicum eifrig daran arbeitet, die Erstsemesterflut in den Griff zu bekommen, sieht die Uni null Erklärungsbedarf: Seit Semesteranfang gibt es keine offizielle Stellungnahme, das Dekanat darf sich nicht zur Panne äußern, 590 Erstsemester sind verunsichert. "Jeder weiß ungefähr Bescheid", sagt ein Lehrstuhl-Mitarbeiter, "keiner weiß Genaueres." Und das nervt Mitarbeiter wie Studenten.

Besonders aufgebracht ist die Fachschaft Jura: "Wenn wir als Bindeglied zwischen Studenten und Verwaltung fungieren sollen", sagt deren Sprecher Lukas Schütz, "wäre es vielleicht angeraten, den Fachschaftsrat mit Informationen auszustatten." Die Verwaltung sei wohl intern zu beschäftigt damit gewesen, den schwarzen Peter hin- und herzuschieben, vermutet er.

"Wir finden eine rheinische Lösung"

Von Erklärungen hält die Uni nicht viel, von einer Entschuldigung gar nichts. Vielmehr sagt Pressesprecher Archut selbstbewusst: "Wir sind im Rheinland, wir finden eine rheinische Lösung - pragmatisch, zielorientiert und wenig dogmatisch." In der Praxis hieß das: Nur mit Nachtschichten konnten die Anmeldungen für die obligatorischen Jura-Arbeitsgemeinschaften gestemmt werden. "Mittlerweile hat aber jeder einen Platz", sagt Mitarbeiterin Silke Weingartz. Sie wirkt sehr erleichtert, dass sich der Trubel der ersten Semesterwochen langsam legt.

Zwar sind manche Vorlesungen noch immer hoffnungslos überlaufen, die meisten halten aber parallel jetzt gleich zwei Dozenten, denen die Studenten alphabetisch zugeteilt sind. Wulf-Henning Roth, Professor für Bürgerliches Recht, ist zufrieden. Seine Vorlesung ist gut besucht, aber nicht überfüllt. Nach der Vorlesung nimmt er einen dicken Stapel Skripte wieder mit.

Offen bleibt: Lag die Universität mit ihrer Studienplatz-Prognose so falsch, weil sie erstmals die Studentenauswahl in Jura selbst übernahm - und nicht der ZVS überließ, wie noch im Vorjahr? Und warum entschieden sich im zweiten Nachrückverfahren so viele Bewerber für in Bonn, während nach den beiden ersten Runden Plätze frei blieben? Was immer den Bonn-Boom ausgelöst hat, alle Beteiligten sind sich sicher: Wie in Jura üblich, werden einige Semester harten Studiums die Studentenreihen stark lichten.

Daniel Schmidt seufzt leise, erzählt von den Durchfallquoten. Nach einem begonnenen VWL-Studium in Marburg ist er zu Jura gewechselt. Dieses Studium will er auf jeden Fall beenden, hier, im Bonner Juridicum. Daniel schultert seine Bücher und verlässt den Hörsaal. Noch ist er einer von vielen, einer von 590.

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