Burschenschafter Kai Ming Au: "Wir haben den Kampf verloren"

Um den chinesischstämmigen Burschenschafter Kai Ming Au entbrannte einst der Streit um einen "Ariernachweis" in der Deutschen Burschenschaft. Jetzt hat sein Bund, die Hansea Mannheim, den Dachverband verlassen. Im Interview erklärt der Student, wie mühsam der Streit mit den Rechtsextremen war.

Kai Ming Au beim Burschentag 2011: Wegen ihm stritt die DB um einen "Ariernachweis" Zur Großansicht
dapd

Kai Ming Au beim Burschentag 2011: Wegen ihm stritt die DB um einen "Ariernachweis"

SPIEGEL ONLINE: Ihre Burschenschaft Hansea Mannheim hat den Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) verlassen, weil dort die Rechtsextreme den Ton angeben. Sind Sie erleichtert?

Au: Nein. Das Problem in der Deutschen Burschenschaft ist mit unserem Austritt ja nicht gelöst. So lange sich die Debatte im Dachverband noch um Abstammungsfragen dreht und sich die Burschenschaften mit einer Zeit beschäftigen, die schon lange vergangen ist, können sie nicht in die Zukunft schauen.

SPIEGEL ONLINE: Zwei Jahre hat Ihre Burschenschaft zusammen mit anderen liberalen Bünden gekämpft, zuerst ging es um die sogenannte "Ariernachweis"-Debatte. Warum erst jetzt der Austritt?

Au: Hauptsächlich, weil das Vertrauen zwischen dem liberalen und dem erzkonservativen Lager verlorengegangen ist. Wir hatten keinen gemeinsamen Nenner mehr mit den Bünden des anderen Lagers. Wir wollten uns als Hansea nicht mehr für diesen Dachverband rechtfertigen. Denn wir haben kein Verständnis dafür, dass die DB nicht jene Burschenschaften ausschließt, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem beobachtet werden oder die führende NPD-Mitglieder in ihren Reihen haben. Das sind nur sehr wenige: Warum weist der Dachverband diese Bünde also nicht in ihre Schranken?

SPIEGEL ONLINE: Vor anderthalb Jahren sprachen Sie sich wegen dieser rechten Tendenzen aber noch gegen einen Austritt aus, um "das Feld nicht wortlos zu verlassen und eine Chance auf eine liberale Zukunft der Deutschen Burschenschaft zu vergeben". Haben die Rechtsaußen-Kräfte jetzt also gewonnen?

Au: Unser Austritt ist kein Triumphzug. Wir bedauern das zutiefst, weil die Hansea nahezu 60 Jahre Mitglied in der Deutschen Burschenschaft war. Die Frage war aber doch: Können wir liberalen Bünde die Entwicklung des Dachverbands beeinflussen? Nachdem der Burschentag 2012 den umstrittenen Schriftleiter Norbert Weidner der "Burschenschaftlichen Blätter" noch mal bestätigt hat, hatten wir den Kampf verloren. Danach waren wir hoffnungslos. Wir wollten dann noch den außerordentlichen Burschentag in Stuttgart abwarten...

SPIEGEL ONLINE: …auf dem vor vier Wochen dieser rechtsextreme Chefredakteur der Verbandszeitung doch noch geschasst wurde.

Au: Das ist richtig, es hat uns aber nicht ausgereicht. Es ist für uns einfach unverständlich, warum es satzungsgemäß nicht möglich ist, erzkonservative Bünde wie die Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks aus Bonn auszuschließen oder die Danubia in München oder die Dresdensia-Rugia aus Gießen - in der die beiden sächsischen NPD-Abgeordneten Arne Schimmer und Jürgen Gansel Alte Herren sind. Und dann wird auf dem Burschentag doch ernsthaft darüber diskutiert und abgestimmt, ob ein Burschenschafter Mitglied in einer nationalsozialistischen Vereinigung sein darf. Als Burschenschafter und normal denkender Mensch muss ich über so etwas doch nicht abstimmen. Mir fehlten die Worte, dass wir da über Dinge diskutiert haben, die selbstverständlich sein sollten.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gab doch nach dem Streit um den "Ariernachweis" auch liberale Strömungen in der DB. Unter anderem die Initiative "Burschenschafter gegen Neonazis".

Au: Ich kenne diesen ehemaligen Verbandsbruder der Raczeks nicht persönlich, bin aber kein Freund seines Blogs. Von dem, was er da postet, stimmt manches nicht. Die Sache ist gut, aber ich finde das Instrument falsch gewählt. Viele Punkte, die er anspricht, gehören nicht in die Öffentlichkeit - sondern sollten intern in seinem Bund geklärt werden. Er drängt damit die gesamte Deutsche Burschenschaft in die rechte Ecke.

SPIEGEL ONLINE: Hatte der Austritt auch etwas mit dem Streit um Ihre Person zu tun? Schließlich wollte die Deutsche Burschenschaft Sie wegen Ihren aus Hongkong stammenden Eltern 2011 ausschließen. Sie wurden mehrfach verunglimpft, es gab Putschpläne gegen Sie.

Au: Nein, ganz und gar nicht. Ich betrachte die Angelegenheit ganz sachlich. Durch das Urteil des Rechtsausschusses 2011 ist ja geklärt, dass ich mit meiner Herkunft auch Mitglied werden darf. Seitdem hat diese Debatte nichts mehr mit mir persönlich zu tun. Heute dürften theoretisch sogar Bewerber ohne deutsche Staatsangehörigkeit, die nur gebrochen Deutsch sprechen, aufgenommen werden. Das Problem aber ist doch, dass wir unsere Zeit in der DB damit verbracht haben, darüber zu diskutieren, wie deutsch jemand ist. Aber wir haben uns nicht weiter entwickelt. Viel lieber hätten wir von der Hansea auf dem Burschentag über den ESM-Rettungsschirm debattiert. Aber für solche bedeutenden aktuellen Themen war keine Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Wie waren denn die Reaktionen innerhalb der DB nach dem Austritt der Hansea?

Au: Es gab keine.

SPIEGEL ONLINE: Werden andere liberale Burschenschaften jetzt nachziehen?

Au: In den vergangenen Monaten habe ich mitbekommen, dass gerade in vielen liberalen Bünden Diskussionen über einen Austritt aus der Deutschen Burschenschaft stattfinden. Wir sind sicher nicht die letzte Burschenschaft, die der DB den Rücken kehrt.

SPIEGEL ONLINE: Planen Sie mit den bisher bereits ausgetretenen Verbindungen wie der Hilaritas aus Stuttgart, Wartburg Köln und Arminia Hannover einen neuen liberalen Dachverband?

Au: Nein, es gibt keine konkreten Pläne. Übrigens auch nicht dahingehend, dass die Hansea jetzt in den anderen Dachverband Neue Deutsche Burschenschaft eintritt. Mit der NDB hatten wir bisher nur wenig Kontakt. Wir möchten lieber erst mal zwei, drei Jahre ohne Dachverband bleiben und schauen, wie sich alles entwickelt. Wenn noch mehr Bünde aus der DB austreten, will ich aber die Neugründung eines liberalen Dachverbands der Burschenschaften nicht ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Die DB besteht seit 110 Jahren. Was glauben Sie, in welche Richtung wird sie sich in Zukunft entwickeln?

Au: Im kommenden Jahr übernimmt die Wiener akademische Burschenschaft Teutonia den Vorsitz in der DB. Die Teutonia gehört zum ostdeutschen Kartell, dem auch die Danubia und die Raczeks angehören. Da können Sie sich die Zukunft der Deutschen Burschenschaft ja ausmalen.

Das Interview führte Christian Fuchs

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
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1. Aua.
kahabe 27.12.2012
Entschuldigung für dieses Wortspiel. Hatte der Burschenschaftker Au nicht schon vorher verloren?
2. Wie auch immer...
tweet4fun 27.12.2012
Zitat von sysopUm den chinesischstämmigen Burschenschafter Kai Ming Au entbrannte einst der Streit um einen "Ariernachweis" in der Deutschen Burschenschaft. Jetzt hat sein Bund, die Hansea Mannheim, den Dachverband verlassen. Im Interview erklärt der Student, wie mühsam der Streit mit den Rechtsextremen war. Kai Ming Au spricht über den Austritt aus der Deutschen Burschenschaft - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/kai-ming-au-spricht-ueber-den-austritt-aus-der-deutschen-burschenschaft-a-874424.html)
... es hat sich für Einige leider nichts verändert. Man könnte es als Sturm im Wasserglas betrachten, wenn es nicht so dermaßen dumm wäre. Als Erinnerung: Tucholsky - Gedichte: Das Mitglied (http://www.textlog.de/tucholsky-das-mitglied.html)
3. ....
paulhaupt 27.12.2012
Ich finde es ganz gut, daß diese Leute nun mal klare Kante geben und zeigen welch Geistes Kind sie sind. Was sich mir nicht so richtig erschließt ist, warum ein Mensch mit asiatischen Wurzeln überhaupt den Wunsch hat in so einem merkwürdigen Verein Mitglied zu sein. Wie diese Leute ticken war doch eigentlich nie ein so großes Geheimnis.
4.
abwaschhilfe 27.12.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINE: Hatte der Austritt auch etwas mit dem Streit um Ihre Person zu tun? Schließlich wollte die Deutsche Burschenschaft Sie wegen Ihren aus Hongkong stammenden Eltern 2011 ausschließen.]
Auch wenn der Kommentator es nicht hören mag, aber der DATIV ist noch immer dem GENITIV sein Tod. So ein Artikel und dann falsches Deutsch? Ich fasse es nicht!
5. Schade, dass die Burschenschaften ihre Tradition verlieren.
Stauss 27.12.2012
Es waren demokratische und liberale Grundlage, die sie zu einem Mitbegründer der deutschen Demokratiebewegung 1848 werden liess. Jetzt sind das auch nur noch rechte Schreihälse und Bierdimpl.
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Der Burschenschafter Kai Ming Au, 28, stand im Zentrum des Konflikts der Deutschen Burschenschaften um den "Ariernachweis": Der Dachverband wollte seine Verbindung ausschließen, weil sie ihn, einen Deutschen mit asiatischen Gesichtszügen, aufgenommen haben. Au studiert "Finanzdienstleistungen und Corporate Finance" an der Hochschule Ludwigshafen. Er ist in Mannheim geboren, hat in der Bundeswehr gedient, die vorgeschriebenen Fechtmensuren geleistet und bekennt sich zum deutschen Vaterland.

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