Kampf der Prestige-Gier: Der Dr. als Titel muss weg

In den USA wurde Fritz Strack für seinen "Prof. Dr." ausgelacht - und macht sich angesichts der Skandal-Doktorarbeiten von Guttenberg und Co. Gedanken übers deutsche Recht. Mit kleinen Änderungen, sagt der Wissenschaftler, ließen sich Eitelkeits- und Karriere-Promotionen leicht ausbremsen.

Personalausweis: Der Titel im offiziellen Dokument hat unschätzbare Vorteile

Personalausweis: Der Titel im offiziellen Dokument hat unschätzbare Vorteile

"Professor Doctor? That's what they call you in Germany?" Die Angestellten einer amerikanischen Fluggesellschaft brach beim Lesen meines Namens beinahe in Gelächter aus - was bei mir ein Gefühl der Peinlichkeit auslöste, das bis heute nachklingt.

Die Erinnerung an die Episode wurde in letzter Zeit durch die zahlreichen Nachrichten über immer wieder neue Plagiatsfälle wachgerufen, verbunden mit Berichten über Vorteilsnahme und minimale wissenschaftliche Beiträge in deutschen Dissertationen. Grinste die Frau am Flughafen nicht nur wegen der vermuteten Eitelkeit, sondern auch, weil sie an der wissenschaftlichen Seriosität des "Herrn Doktor"zweifelte?

Auf jeden Fall erscheinen die wissenschaftlichen Abschlüsse an deutschen Universitäten und ihre tradierten Strukturen in einem anderen Licht. Dabei ist eine besondere deutsche Spezialität mitschuld an der Titelgier, die bislang kaum besprochen wurde: Wissenschaftliche Doktorgrade werden hierzulande zu Doktortiteln - und das ist ein großer Teil des Übels.

Basis der exklusiven Titelfunktion ist das Personalausweisgesetz, das ausschließlich den akademischen Grad des Doktors als Angabe über den Ausweisinhaber vorsieht. Auch wenn das Kürzel "Dr." aus juristischer Sicht weder als Titel noch als Namenszusatz (wie das vormals adelige "zu" in "zu Guttenberg") gilt, haben die zwei Zeichen auf Reisepass oder Plastikkarte aus der Bundesdruckerei enorme Vorteile.

Da ist einmal die Multiplikationsfunktion: bei Eröffnen eines Bankkontos, beim Beantragen einer Kreditkarte, eines Führerscheins oder der Aufnahme in ein Krankenhaus - stets wird der mit Dr.-Schmuck versehene Personalausweis vorlegt.

Vorteil für faule Profs: Steht wenig drin, ist die Korrektur viel leichter

Durch die wiederholte Verknüpfung von Namen und Grad wird die Anrede "Herr oder Frau Doktor" als Höflichkeitsgebot obligatorisch, die dann demjenigen allmählich das Gefühl gibt, der Doktor sei doch Teil des eigenen Namens. Die Verwendung für den persönlichen Gebrauch auf Türschildern, Briefköpfen und beim Einträgen ins Telefonbuch werden zur Selbstverständlichkeit.

So wird der Doktorgrad zu einer Art Adelstitel, mit dem Unterschied, dass das aus dem Titel resultierende Ansehen nicht von der gesellschaftlichen Stellung der Vorfahren bestimmt wird oder vom Geld, das einer für einen Einstieg in den Adelsstand per Adoption bezahlt. Das gesellschaftliche Prestige kann aus eigener Kraft erworben und für den persönlichen und beruflichen Vorteil genutzt werden.

Warum wohl wollten sonst so viele Leute promovieren? Es sind eben nicht nur Nachwuchswissenschaftler, die eine berufliche Tätigkeit in Forschung und Lehre anstreben. Viele sind einfach scharf auf das zusätzliche Geld und die Karrierechancen, die die Titelfunktion des faktischen Namenszusatzes mit sich bringen. Vor allem für den Aufstieg in Führungspositionen in Wirtschaft oder Politik ist ein sichtbarer Doktorgrad von unschätzbarem Vorteil.

Daher überrascht es kaum, dass externe Promotionen vor allem in BWL, den Sozial- und Politikwissenschaften und der Jurisprudenz verbreitet sind. Diese Promotionen sind auch bei Hochschullehrern beliebt, denn der meist geringe Erkenntnisertrag geht mit sehr niedrigem Betreuungsaufwand einher. Selbst wenn die Arbeit dann keinen Beitrag zum wissenschaftlichen Renommee des Mentors leistet, erhöht sie doch die Anzahl "seiner" Dissertationen. Und das wiederum zählt dann in Rankings etwas. Masse punktet vor Klasse, etwa bei formalen Bewertungen von Studiengängen wie durch das CHE.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 446 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Super Idee!
Ingeniör 24.06.2011
Ich finde die Idee gut. Und in der Praxis wird der Dr. bei den meisten in der Anrede heute weggelassen, vielleicht mal abgesehen von den Vorständen ...
2. Doktorgrad statt Doktortitel
syracusa 24.06.2011
Zitat von sysopIn den USA wurde Fritz Strack für seinen "Prof. Dr." ausgelacht - und macht sich angesichts der Skandal-Doktorarbeiten von Guttenberg und Co. Gedanken übers deutsche Recht. Mit einer kleinen Änderungen, sagt der Wissenschaftler, ließen sich Eitelkeits- und Karriere-Promotionen leicht ausbremsen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,770186,00.html
Bravo! Volle Zustimmung, und meine Unterstützung für eine entsprechende Gesetzesinitiative!
3. Alle über einen Kamm
Superjhemp 24.06.2011
Lieber Herr Strack, so langsam mag ich das alles nicht mehr hören, und von Ihrem Beitrag fühle ich mich jetzt auch in meiner Person angegriffen. Folgendes: Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen habe ich begonnen, an meiner Doktorarbeit zu arbeiten. Ja, natürlich habe ich auch aus Eitelkeit damit angefangen. Aber wenn das der einzige Grund gewesen wäre und nicht wenigstens ein bißchen wissentschaftlicher Eifer dazugekommen wäre, hätte ich keine sechs Jahre durchgehalten. Denn ich habe die Arbeit neben dem Beruf angefertigt. Ich konnte es mir nämlich leider nicht leisten, mich ein, zwei oder drei Jahre ohne Einkommen in die Bibliothek zu setzen und nichts anderes zu tun. Und ehrlich gesagt, die beiden Dinge - Beruf und Promotion - haben sich auch aus meiner Sicht gegenseitig befruchtet. Ich würde mich in diesem Sinne echt freuen, wenn jetzt nicht alle Doktoranten nach den Fällen Guttenberg, Koch-Mehrin und welche anderen noch aufdeckt werden, über ein und denselben Kamm geschoren werden. Nicht jeder, der promoviert, jagd gleich (ausschließlich) den drei Typen im Personalausweis und auf der Kreditkarte hinterher. Mit freundlichen Grüßen
4. Aber ohne Elite gehts doch nicht!
Hercules Rockefeller 24.06.2011
Das geht in Deutschland schon aus psychiologischen Gründen nicht. Der Michel will gebückt nach oben schauen dürfen, so ist es nunmal. Ohne Profs und Doks geht ihm die letzte Führung verloren, die Republik wäre am Ende, Panik bräche aus... Schließlich gehts hier nicht darum, was einer sagt, sondern wer etwas sagt! Wenn "Experten" behaupten, Atomkraft ist sicher, dann ist sie das. Und wenn "Experten" sagen, die Finanzmärkte sind sicher, alles easy, dann ist das auch so. Wenn man einen Dr. gemacht hat, kann man "dem Deutschen" sagen, dass "oben" das neue "unten" ist und er wird das dann auch so verinnerlichen und für richtig halten...
5. Sozialpsychologe
scipio_africanus 24.06.2011
Zitat von sysopIn den USA wurde Fritz Strack für seinen "Prof. Dr." ausgelacht ...
Hübsch: dann hat der gute Herr Professor Sozialpsychologe wohl seinen Professor-Titel noch extra auf dem Flugschein vermerken lassen? Im Perso steht jedenfalls nur der Doktorgrad. Ansonsten sollte man vielleicht auch nicht so pauschalisieren: in den USA ist es durchaus nicht unüblich - und abweichend von der sonstigen Vornamenmanie - einen Promovierten zunächst mit "Doctor XYZ" anzusprechen. Das kann auch dann Bestand haben, wenn der Promovierte seinen Gesprächspartner nur mit seinem Vornamen anspricht ... Erfahrungen aus vielen USA-Aufenthalten bei Unternehmen, Behörden und Kliniken. Ein letzter interessanter Aspekt: der Futterneid des Sozialpsychologen gegenüber den Medizinern - eine experimentelle medizinische Doktorarbeit kann auch auf 30 Seiten mehr Erkenntnisgewinn bringen als 500 Seiten aus den Sozial"wissenschaften", der Psychologie oder gar der Politologie ;-) ... wie es heute funktioniert, viele Seiten zu füllen, haben wir ja inzwischen gelernt.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Doktortitel
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 446 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Doktoranden: Warum promovieren? Darum promovieren!
Zum Autor
Fritz Strack, 61, ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Würzburg. Er gilt als international renommierter Forscher auf den Gebieten soziale Kognition, Emotion und Verhalten. Von 2007 - 2010 war er Mitglied der Senatskommission zur Prüfung wissenschaftlichen Fehlverhaltens an der Uni Würzburg.

Fotostrecke
Promotion und Karriere: Die Dax-Doktoren
Ämter, Titel, Würden
Corbis
Wer macht hier wohl was? Selbst wer jahrelang auf dem Campus herumschleicht, versteht oft nicht die Uni-Hierarchien - die wichtigsten akademischen Würden im Schnelldurchlauf. Mehr...

Fotostrecke
Silvana Koch-Mehrin: Neue Aufgabe in Brüssel
Zur Großansicht
DER SPIEGEL