Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kandidat Dieter Lenzen: Kopflose Hamburger Uni sucht neuen Chef

Von und

Nach monatelanger Meuterei meldete das Uni-Dickschiff Hamburg im Juli "Frau über Bord". Seitdem fehlt ein neuer Käptn. Im Gespräch ist Dieter Lenzen, bisher Präsident der FU Berlin. Es gibt keine Bestätigung, kein Dementi - aber es wäre ein bemerkenswerter Wechsel.

Präsidentensuche: Wer wird Chef an Hamburgs Uni? Fotos
DPA

Kommt er, kommt er nicht? Dieter Lenzen, 61, seit sechs Jahren Präsident der Freien Universität Berlin, ist als möglicher Präsident der Uni Hamburg im Gespräch. Bestätigen will das niemand, es gibt aber auch keine Dementis, energische schon gar nicht - nur ausweichende Auskünfte. Allerorten heißt es: Diese Personalie ist so heikel, darüber spricht man besser nicht.

Am Mittwoch veröffentlichte die "taz" einen Artikel mit der Überschrift "FU-Chef Lenzen soll nach Hamburg". Eine Quelle nannte die Zeitung für ihre Information so wenig wie alle anderen, die über einen Lenzen-Wechsel spekulieren.

Klar ist bisher nur: Die Universität Hamburg braucht dringend einen neuen, starken Kopf, nachdem im Juli Monika Auweter-Kurtz alias "Raketen-Moni", bis dato Präsidentin, aus dem Amt geputscht wurde. Und die Findungskommission der Uni Hamburg hat ihre "Shortlist" für den Präsidentenposten bereits aufgestellt. Das bestätigte Albrecht Wagner, Vorsitzender der Kommission und des Hochschulrates, SPIEGEL ONLINE.

Vorgestellt werden sollen die Kandidaten - üblicherweise zwei oder drei - den Mitgliedern des Hochschulrates, des Akademischen Senats und den Dekanen, einmal in der kommenden Woche und ein zweites Mal Ende November. Dann schlägt die Findungskommission ihren Favoriten vor, die Entscheidung liegt beim Hochschulrat. Geschehen soll all dies noch im November.

Passen würde Lenzen - aber was will er?

Nach Ende der Bewerbungsfrist Ende September sagte Wagner, er sei "zufrieden mit der Bewerberlage". Bis zur Wahl müsse "absolutes Stillschweigen über Namen" eingehalten werden. Erst wenn der oder die Neue "gewählt und bestätigt ist, werde der Name bekannt gegeben", schwor Wagner die Findungskommission ein. Im Oktober hatte Wagner noch einmal erklärt, was der neue Chef oder die neue Chefin für Hamburg mitbringen muss: Erfahrung an der Spitze einer großen Uni, gute Führungsqualität, hohe Kommunikationskompetenz, Integrationsfähigkeit.

Da würde Dieter Lenzen gut passen, jedenfalls nach drei dieser vier Kriterien. Bei der Besetzung von Präsident- oder Rektorenposten an deutschen Hochschulen geht der Trend klar zum Hochschulmanager. Fortan soll ein mächtiger Macher eine ziemliche komplexe Institution mit widerstreitenden Interessen und oft widerborstigen Professoren steuern, zugleich universitäre Interessen in der Politik durchsetzen und seine Hochschule in die besten Plätze vor den Drittmittel-Futtertrögen einwinken. Das Modell "primus inter pares" war gestern: ein alternder, von allen geachteter Professor, der nach vielen verdienstvollen Forscherjahren von seinesgleichen zum Rektor gewählt wird und nach kurzer Regentschaft wieder in die zweite Reihe tritt. Oder gleich in den Ruhestand.

Der Erziehungswissenschaftler Lenzen leitet - manche sagen: befehligt - eine der größten deutschen Unis mit mehr als 30.000 Studenten. Wortgewandt präsentiert er sich gern als erfolgreicher Manager den Medien, ist ausgesprochen streitbar, hat die Uni stramm geführt. Und in seiner Amtszeit konnte die FU bei der Exzellenzinitiative punkten und darf sich jetzt "Elite-Uni" nennen, was durchaus nicht selbstverständlich war.

Gesucht: "Kapitän für die Queen Mary"

Allerdings bemängeln Kritiker unter anderem mangelndes Fingerspitzengefühl im Umgang mit Mitarbeitern. Lenzen gilt als harter Knochen mit autoritärem, mitunter ruppigem Stil, zudem als Unions- und wirtschaftsnah. Er ist parteilos, war aber als Spitzenkandidat der Berliner CDU im Gespräch. Einen Treueschwur zur FU zitierte der "Tagesspiegel" so: "Das wäre sonst ja, als hätte man ein Kind gezeugt und würde sich davonmachen."

Auf die Frage, ob Lenzen nicht genau dem Suchprofil der Uni entspreche, sagte Albrecht Wagner SPIEGEL ONLINE, es gebe europaweit viele mögliche Kandidaten. Es werde sicher jemand Profiliertes sein, denn: "Wenn Sie einen Kapitän für die Queen Mary suchen, holen sie sich keinen von einem Alsterschiff", erklärt Wagner die Jobbeschreibung betont hanseatisch.

Der Asta der Uni Hamburg ist verärgert, dass die Personalie Lenzen eine Woche vor Beginn des Verfahrens öffentlich genannt wurde. Die Spekulationen schadeten der Universität, sagte der Asta-Vorsitzende Séverin Pabsch SPIEGEL ONLINE. Unter den Studentenvertretern hält man es für möglich, dass eine Kandidatur Lenzens "bewusst an die Öffentlichkeit durchgestochen wurde", um die Kandidatur zu hintertreiben.

Intrigenstadl an der Waterkant

Was ein wenig nach Verschwörungstheorie klingt, ist bei der Besetzung von Führungsposten an Hochschulen wie auch in der Politik oder bei Unternehmen verbreitet: Wer einen Kandidaten beschädigen will, lanciert seinen Namen zum richtigen, beziehungsweise falschen Zeitpunkt, nämlich recht früh im Besetzungsverfahren. Und die Rektoren- oder Präsidentenkür an Unis hat oft viele Mitwisser, sie ist ein notorisch indiskretes Geschäft.

Gerade an der Uni Hamburg scheint jede Art von "Durchstecherei" möglich. Schon beim Rauswurf der Präsidentin Monika Auweter-Kurtz, dem eine monatelange Meuterei vorangegangen war, präsentierte sich die Universität als Intrigantenstadl an der Waterkant. Beim Asta gibt man sich in der heiklen Personalfrage so ahnungslos wie anderswo: "Es könnte auch sein, dass gar nichts dran ist", so Studentenvertreter Pabsch zu SPIEGEL ONLINE über das Gerücht der Lenzen-Kandidatur.

Lenzens Sekretariat enthält sich jeden Kommentars. Goran Krstin, persönlicher Sprecher des FU-Präsidenten, teilte am Freitag per E-Mail mit, Lenzen werde öfter angefragt, solche Anfragen seien aber "ihrer Natur nach" vertraulich. Eine Stellungnahme dazu, ob Lenzen die FU verlassen werde, womöglich in Richtung Hamburg, sei nicht möglich. Auch Lenzen sei nicht zu sprechen, da erkrankt.

Dieter Lenzen in Berlin - "Not my president"

In Berlin polarisiert Dieter Lenzen. Den fürs Renommee wie auch für die Finanzen wichtigen Erfolg bei der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern hatten der FU wenige zugetraut, es glückte unter seiner Ägide: "Ein neuer Schritt in der Geschichte der Universität, die in den zurückliegenden Jahrzehnten immer als zweitrangig betrachtet worden ist", so Lenzen. Er gilt als Prototyp des umtriebig-unternehmerischen Hochschulchefs. Er ist seit 2007 auch Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz, 2008 zeichnete das Centurm für Hochschulentwicklung ihn als "Hochschulmanager des Jahres" aus. Zu den Top-Verdienern unter Deutschlands Uni-Bossen zählt Lenzen bereits. Will so einer an eine taumelnde Universität, die gerade eine Präsidentin mit Fäusteschütteln und unter Absingen wütender Schmähungen vom Hof gejagt hat?

Käme es so, wäre es ein Fest für viele der traditionell auf links gestrickten FU-Studentenvertreter. Bereits vor zwei Jahren war ein "Dieter-Lenzen-Fanclub", auch bekannt als "Fanclub of Excellence", immer für ein paar satirische Lobpreisungen und "Jubelspaziergänge" gut, ganz nach dem Vorbild des " Udo-Corts-Fanclubs" für den damaligen hessischen Wissenschaftsminister.

Aktuell heißt eine Berliner Anti-Lenzen-Kampagne "Not my President": Eine 30-köpfige Studentengruppe will eine Urabstimmung über den Präsidenten erreichen. Bis zum 5. Dezember sollen dafür 3500 Unterschriften zusammenkommen, bislang hat die Initiative davon gut zwei Drittel erreicht. Ein Votum gegen Lenzen hätte indes nur empfehlenden Charakter.

"Wir würden uns freuen, wenn das stimmt", sagt Katharina Dahme von "Not my President" zu den Wechselgerüchten. Der FU-Präsident fördere nur wirtschaftlich verwertbare Fächer, zu Lasten der Geistes- und Sozialwissenschaften. Außerdem setze er einseitig auf Forschung, die Lehre bleibe auf der Strecke. Die Kommilitonen in Hamburg, vermutet Dahme, würden am "autoritären Stil" Lenzens "wenig Freude haben".

Linke Hamburger Studenten hatten einst schon Auweter-Kurtz einen höchst frostigen Empfang bereitet und bei ihrem Amtsantritt Transparente mit der Aufschrift "Not welcome Mrs President" geschwenkt. Die ließen sich mit Übertünchen nur eines Buchstabens locker recyceln - sofern Studentenvertreter nicht ebenfalls die Phase lähmender Grabenkämpfe an der Universität Hamburg beenden wollen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ente
Wurzbacher, 13.11.2009
Zitat von sysopNach monatelanger Meuterei meldete das Uni-Dickschiff Hamburg im Juli "Frau über Bord". Seitdem fehlt ein neuer Käptn. Im Gespräch ist Dieter Lenzen, bisher Präsident der FU Berlin. Es gibt keine Bestätigung, kein Dementi - aber es wäre ein bemerkenswerter Wechsel. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,661170,00.html
Ob ein erfolgreicher,gefragter 61jähriger sich den Weg nach ganz unten an den Intrigantenstadel antut?Da müßte Herr v. Beust schon eine Menge Geld in die Hand nehmen und genau daran mangelt es in Hamburg mittlerweile.Deswegen halte ich die Meldung für eine Ente.
2. Mit
saul7 14.11.2009
Zitat von sysopNach monatelanger Meuterei meldete das Uni-Dickschiff Hamburg im Juli "Frau über Bord". Seitdem fehlt ein neuer Käptn. Im Gespräch ist Dieter Lenzen, bisher Präsident der FU Berlin. Es gibt keine Bestätigung, kein Dementi - aber es wäre ein bemerkenswerter Wechsel. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,661170,00.html
Lenzen, dem jetzigen Chef der FU-Berlin, bekäme die Hamburger Uni einen durchsetzungsfähigen und durchaus erfolgreichen Rektor. Warum er sich den Wechsel antun sollte, verstehe wer will...
3. demokratie?
aldo nord 17.11.2009
warum hier kein wort über das verfahren zur wahl verloren wird, ist mir schleierhaft. ein akademischer senat bestehend u.a. aus vertretern der sparkasse und von unilever wählt unter ausschluss der öffentlichkeit einen menschen zum Präsidenten einer so großen ÖFFENTLICHEN einrichtung, über den im vorfeld nicht ansatzweise diskutiert werden kann... warum hat man auweter-kurtz dann abserviert?
4. Per Definition: Elite - Ein nationalsozialistisches Gedankengut
xtraa, 20.11.2009
Neues von der Bildungsfront: Auf der Suche nach dem akademischen Übermenschen kommt CDU-Sturmbandführer Lenzen nach Hamburg. Erklärtes Ziel ist die Euthanasie nicht geldwerter Studenten und die territoriale Ausweitung der Elite. Liebe Siegermächte, könntet ihr noch mal zurückkommen? Die Entnazifizierung hat noch nicht angeschlagen. Zwar heißt das geputschte Regime heute nicht mehr Reichsbildungsministerium sondern akademischer Senat, aber die Figuren haben die selben Ziele. Soweit zum Ausdruck "Elite".
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Wir sind viele: Deutschlands Hochschulriesen

Fotostrecke
Uni Hamburg: Putsch gegen die Eiserne Lady

Fotostrecke
Kuriose Proteste: Hurra, es darf gejubelt werden