Klagelied der Jungschauspieler: Vergesst den Applaus, wir brauchen Geld!
5. Teil: "Ich musste mich begrabbeln lassen" - Raúl Richter, 23, Soapstar und Tänzer
Ähnlich wie Jörn sieht das auch sein Serienkollege Raúl Richter. Dass Soap-Schauspieler per se schlechter seien, will er nicht gelten lassen. Auch er spielt in GZSZ mit und ist noch eine Spur bekannter als Jörn Schlönvoigt. Vor kurzem tanzte er bei der RTL-Show "Let's dance". Raúl ist ein echtes Boulevardprodukt und sagt gern Triviales wie: "Ich möchte mit meinen Rollen einfach meine Fans glücklich machen."
Er ist einer jener Nachwuchspromis, die gut aussehen, immer lächeln und von Agenten und Produzenten so weichgespült wurden, dass die wahre Persönlichkeit kaum noch erkennbar ist. Dabei hat Raúl in Wirklichkeit einiges zu sagen, zum Beispiel, dass mal alle Schauspieler für ihre Rechte in einen Generalstreik treten sollten, etwa so wie die Drehbuchautoren vor einiger Zeit halb Hollywood lahm legten, um bessere Bedingungen zu erkämpfen. Wenn alle zusammenhielten, könnten die Sender doch gar nichts ausrichten. "Aber das macht keiner, hier sind alle so satt und so neidisch", schimpft Raúl. Darum würde auch nie offen über Gagen geredet und darum könne auch keine Verbesserung eintreten.
An Raúl Richter zeigt sich, was jungen Schauspielern so passieren kann auf ihrem Weg nach oben. Dass sogar scheinbar erfahrene Kräfte bei der Jagd nach guten Rollen auf dubiose Gestalten hereinfallen. Im vergangenen Jahr bekam Raúl ein Drehbuch geschickt, das ihn reizte. Absender: ein vermeintlicher Caster aus Berlin. "Ich bin da hingegangen, weil das Buch echt gut war", erzählt der 23-Jährige. Jahrelang fing er sich Absage über Absage ein. Nun glaubte er, an einen Profi geraten zu sein.
"Ich sollte mich auf den Fußboden legen"
Doch statt vorzusprechen wurde der Teenieschwarm in einen dunklen Hinterraum mit Bett geführt. "Ich sollte mich plötzlich auf den Fußboden legen. Der Typ sagte, er wolle meine Atmung überprüfen und meine Muskeln abtasten." Zwischendurch habe sich der Mann immer wieder schnell weggedreht und das Zimmer verlassen. Dann wurde weitergetastet. "Es war furchtbar", erinnert sich Raúl. "Ich lag da auf dem Boden ein- und ausatmend in einem runtergekommenen Zimmer und musste mich von diesem alten Herren begrabbeln lassen."
Erst später habe er herausgefunden, dass der Berliner Senat dem Mann schon längst die Genehmigung zum Führen einer Schauspielschule entzogen hatte, und schon etliche andere Schauspieler Erfahrungen mit den obskuren Atem- und Abtastübungen des selbsternannten Schauspiellehrers gemacht hatten - darunter offenbar auch einige bekannte Namen. Doch die schweigen aus Scham.
Da dämmerte ihm, dass Schauspielerei nicht alles ist, dass es schnell vorbei sein kann. Auch Raúl sieht sich nun für den Fall der Fälle nach Alternativen um. Trotz regelmäßigem Einkommen beginnt er demnächst eine Ausbildung zum Immobilienhändler. Häuser zu vermitteln sei doch auch toll.
- 1. Teil: Vergesst den Applaus, wir brauchen Geld!
- 2. Teil: Eine Soap? Niemals! - Luisa Wietzorek, 23, Schauspielerin und Synchronsprecherin
- 3. Teil: "Ich hoffe, dass ich nie zum Amt gehen muss" - Marlon Kittel, 26, Schauspieler und Hörbuchsprecher
- 4. Teil: "Wer weiß, wann meine GZSZ-Rolle mal endet" - Jörn Schlönvoigt, 24, Seriendarsteller und Pilot
- 5. Teil: "Ich musste mich begrabbeln lassen" - Raúl Richter, 23, Soapstar und Tänzer
- 6. Teil: "Ich soll immer den Problemtypen spielen" - Vincent Redetzki, 18, Film- und Theaterschauspieler
- 7. Teil: Fluch der Attraktivität - Sebastian Ströbel, 33, Schauspieler und Werbestar
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