Klagelied der Jungschauspieler: Vergesst den Applaus, wir brauchen Geld!

Von Alexander Linden

Angst vor der Pleite, dubiose Angebote, dauernde Unsicherheit: Von ihrem Beruf können Jungschauspieler kaum leben. Auf SPIEGEL ONLINE berichten sechs Darsteller von Dumping-Gagen, Anzüglichkeiten und dem ewigen Kampf um die nächste Rolle.

Tobias Schönenberg sitzt an seinem Schneidetisch und ärgert sich. Ein neues Rollenangebot liegt vor ihm, endlich mal wieder. Ein tolles Skript, ein schönes Projekt. Wäre da nicht die Sondergage, die der Produzent anbietet. Tobias ist Schauspieler, er kennt das schon. Es kommt kaum noch ein Vertragsangebot ins Haus, das nicht eine Sondergage als Bedingung vorsieht.

Doch das so wohlklingende Wort ist eine Mogelpackung, es erlaubt den Produktionsfirmen, weit unter dem zu zahlen, was in der Branche üblich ist. Die ohnehin spärlichen Gagen werden locker halbiert. Halsabschneiderei sei das, was Darstellern inzwischen angeboten werde, sagt der 24-Jährige.

Tobias wirft den Vertrag auf einen Stapel Papier. Trotzdem wird er ihn später unterschreiben. Eine Wahl bleibt ihm gar nicht.

Voller Kühlschrank oder neue Kamera?

"In manchen Monaten kann man von der Schauspielerei nur schwer leben", sagt er. Tobias wohnt im Hamburger Grindelviertel, einen Teil seiner Wohnung hat er zu einem kleinen Studio umgebaut. Dort schneidet er Demobänder für Schauspieler und dreht Imagevideos für Ärzte und Anwälte. In dieser Nische hat er sich ein zweites Standbein aufgebaut. Damit kommt er über die Runden. Doch das Equipment ist teuer. "Muss ich wählen zwischen einer neuen Kamera und einem vollen Kühlschrank, nehme ich die Kamera", sagt er.

Tobias spielte früher in der Daily Soap "Verbotene Liebe". Nach zwei Jahren aber hatte er es satt. "Ich konnte mich da nicht mehr entwickeln, ich wollte nicht nur eine Rolle", sagt Tobias.

Er stieg aus, verzichtete auf regelmäßige Gagen, stürzte sich ins Leben - und in die Pleite. Anfangs kamen die Angebote nur spärlich, entsprechend fehlte das Einkommen. Das Beachboy-Image wurde er lange nicht los. Inzwischen spielt er auch Schurken und Mörder.

Enttäuschungen und Entbehrungen - Jungschauspieler berichten

Dass es schlimm werden wird, ahnen junge Schauspieler wie Tobias zwar. Doch dass sie oft weniger als ein Hartz-IV-Empfänger zum Leben haben werden, dass sie fast alle Rechte über ihre Persönlichkeit abgeben müssen, das ist ihnen nicht bewusst. Einen Tarifvertrag gibt es nicht, Gagen werden gedrückt und sind streng geheim - und reine Verhandlungssache. Buy-out-Verträge, bei denen Darsteller auf Beteiligungen an DVDs und TV-Ausstrahlungen verzichten, sind üblich und Rückstellungsgagen keine Seltenheit: Der Künstler bekommt erst dann Geld, wenn alle Produktionskosten abgezogen sind - also nie.

Die mächtigen Sender beherrschten das Schauspielgewerbe, beklagen sich die Künstler, wer aufmucke werde nie mehr gebucht. Leistungen haben erbracht zu werden, selbst dann, "wenn sich über den Bestand oder die Auslegung dieser Vereinbarung oder aus sonstigen Gründen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Parteien ergeben sollten", heißt es in einem Vertrag. Auf einen einstweiligen Rechtsschutz muss der Darsteller dabei verzichten.

7000 Euro brutto im Jahr - wenn's gut läuft

Selbst manch etablierter Schauspieler dreht nur an zehn Tagen pro Jahr und bezahlt wird nur nach Drehtagen. Das heißt: Wenn für einen Spielfilm sechs Wochen Produktion geplant sind, muss sich der Schauspieler die ganze Zeit bereit halten, wird aber nur für die drei, vier Tage bezahlt, an denen er vor der Kamera steht.

In Verträgen, die SPIEGEL ONLINE einsehen konnte, stehen Bruttogagen zwischen 500 und 700 Euro pro Drehtag. Bei zehn Drehtagen ergibt sich ein Jahresverdienst von 7000 Euro brutto. Und davon gehen mindestens zehn Prozent an die Agentur, plus Mehrwertsteuer. Nach inoffiziellen Schätzungen waren, bevor es mit den Dumping-Gagen losging, mindestens 1200 Euro pro Drehtag üblich.

Gelockt von Schlagzeilen und Glamour drängen Hunderte mehr oder weniger talentierter junger Leute auf die Bühne. Alle von der Hoffnung getragen, der nächste August Diehl, Daniel Brühl oder die nächste Nora Tschirner zu werden. Sie scheuen sich nicht, für sehr wenig Geld zu arbeiten. Ein Schauspieler gesteht, schon oft die Briefmarken der Rückumschläge in der Fanpost abgelöst zu haben. "Die Vita ist das Wichtigste", sagt er. Wenn Til Schweiger anriefe, würde er noch Geld oben drauflegen, um im nächsten Film dabei zu sein.

"Das ist ein knochenharter Job mit unregelmäßigem und schlechtem Einkommen, mit psychischer Belastung und Entbehrungen", sagt Beate Wolgast, Co-Geschäftsführerin der Agentur "die agenten". Das Problem sei, glaubt Wolgast, dass sich heute jeder Schauspieler nennen könne, die Bezeichnung sei nicht geschützt. "Durch dieses Überangebot ist der Markt überschwemmt, die Gagen werden gedrückt", sagt Wolgast. Für die Nachwuchskräfte sieht die erfahrene Agentin schwarz: "Junge Leute können sich heute kaum noch Hoffnung auf Gagenerhöhungen machen."

Die Schauspieler scheinen machtlos, Motto: Spiel mit oder geh nach Hause.

Auf SPIEGEL ONLINE erzählen Jungdarsteller von den Erfahrungen, Enttäuschungen und Entbehrungen rund um ihren Traumjob Schauspieler.

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insgesamt 152 Beiträge
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1. wie sand am meer
iosono3 14.10.2010
es gibt einfach zu viele davon und jeder kann schauspieler werden-nicht beim theater aber sonst....... ausserem braucht unsere gesellschaft mehr ''vordenker'' statt ''nach-quatscher''.
2. ....
wkaiser 14.10.2010
Zitat von sysopAngst vor der Pleite, dubiose Angebote, dauernde Unsicherheit: Von ihrem Beruf können Jungschauspieler kaum leben. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,723127,00.html
Das ist ja nun nichts Neues, sondern war schon immer so.... Wer sich so einen potentiell brotlosen Beruf aussucht, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Zudem gibt es auch eine ganze Reihe von Jungschauspielern, die anscheinend gut von ihrem Beruf Leben können. Es ist nun mal überall so: man bekommt nicht das gezahlt, was man zum Leben braucht, sondern das, was jemand bereit ist, für eine Leistung zu zahlen. Anscheinend gibt es zu viele Schauspieler, sonst wären die Gagen höher. Was soll also das Gejammer?
3. Feuerschlucker
Wolfgang Jung 14.10.2010
Zitat von sysopAngst vor der Pleite, dubiose Angebote, dauernde Unsicherheit: Von ihrem Beruf können Jungschauspieler kaum leben. Auf SPIEGEL ONLINE berichten sechs Darsteller von Dumping-Gagen, Anzüglichkeiten und dem ewigen Kampf um die nächste Rolle. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,723127,00.html
Wieviele Schauspieler, Mediengestalter, Sozialpädagogen, Kunsthistoriker und Feuerschlucker gibt es eigentlich in Deutschland? Oder andersherum gefragt: Wieviele Arbeitnehmer in diesem Land haben noch einen "normalen Arbeitsvertrag" mit "gleichbleibendem Netto-X" am Monatende? Deutschland hat 82 Millionen Einwohner. Kennt jemand zufällig die Zahl dieser spezifischen Art von Arbeitnehmern?
4. Sehe ich auch so...
juergw. 14.10.2010
Zitat von wkaiserDas ist ja nun nichts Neues, sondern war schon immer so.... Wer sich so einen potentiell brotlosen Beruf aussucht, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Zudem gibt es auch eine ganze Reihe von Jungschauspielern, die anscheinend gut von ihrem Beruf Leben können. Es ist nun mal überall so: man bekommt nicht das gezahlt, was man zum Leben braucht, sondern das, was jemand bereit ist, für eine Leistung zu zahlen. Anscheinend gibt es zu viele Schauspieler, sonst wären die Gagen höher. Was soll also das Gejammer?
Und wenn denn einer mal richtig Geld verdient ,drehen die Künstler durch und enden im Drogendesaster. Auf der einen Seite sieht man immer die gleichen Gestalten in den Fersehfilmen bei ARD und ZDF !Öde ,da spielen dann 70zigjährige feurige Liebhaber.Traumschiffkapitän wird man mit 80zig Jahren etc. Jeder der in der Seifenoper mitspielt hofft auf den Oskar!
5. Ferkelei
dasky 14.10.2010
Zitat von sysopDie Jungschauspieler packen es nur falsch an. Sie sollten wie Frau Kekilli Filme mit Titeln und Inhalt wie in 'Die Verfickte Praxis', '2002 wilde Sex-Nächte', 'Casa Rosso', 'Die Megageile Küken-Farm', 'Ein Sommertagstraum', 'Hotel Fickmichgut' oder auch 'Süsse Teeny-Träume' zum Sprungbrett für eine preisgekrönte Schauspielerkarriere machen.
....stöhn...ich mache alles (http://www.youtube.com/watch?v=PEZMtXcsOcg)....bei den Preisverleihungen schaut dann sogar Frau Ferkel (https://www.titanic-magazin.de/shop/images/default_shop/Aufkleb-Merkelferkel_PK.jpg) voll Begeisterung, Respekt und Anerkennung zu ....
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Etwa 20.000 Schauspieler gibt es in Deutschland schätzungsweise, gesicherte Daten existieren nicht. Die Zahl derer, die regelmäßig arbeiten können, liege bei höchstens 5000, vermutet Vorstand Hans-Werner Meyer. Und von denen könne nur ein Bruchteil von der Bezahlung gut leben. Einen klassischen Mindestlohn lehnt der BFFS jedoch ab. "Eine Mindestgage könnte sehr schnell zu einer Normalgage werden", fürchtet Meyer.
Warum fallen sie durchs soziale Netz?
Arbeitslosengeld I gibt es für die meisten Schauspieler nicht, weil sie im Regelfall eben keine zwei Jahre dauerhaft angestellt sind. Auf der anderen Seite argumentieren die Sozialbehörden gern, dass Hartz IV auch nicht infrage komme, weil die Künstler dem Arbeitsmarkt ja nicht zur Verfügung stünden, falls gerade mal wieder ein Engagement kommt. Die Schauspieler fallen durchs soziale Netz. Sie sind jung, sie sind schön, sie sind pleite.
Wer leidet unter schlechten Gagen?
Der rapide Verdienstverfall trifft die gesamte Branche. "Selbst etablierte Namen haben es im Moment schwer", sagt Hans-Werner Meyer vom Schauspielerverband. Auch bei ihnen gebe es Einkommenseinbußen von bis zu 50 Prozent. Die Wirtschaftskrise habe ihre Spuren bei den Budgets hinterlassen.

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