Klagelied der Jungschauspieler: Vergesst den Applaus, wir brauchen Geld!
Angst vor der Pleite, dubiose Angebote, dauernde Unsicherheit: Von ihrem Beruf können Jungschauspieler kaum leben. Auf SPIEGEL ONLINE berichten sechs Darsteller von Dumping-Gagen, Anzüglichkeiten und dem ewigen Kampf um die nächste Rolle.
Tobias Schönenberg sitzt an seinem Schneidetisch und ärgert sich. Ein neues Rollenangebot liegt vor ihm, endlich mal wieder. Ein tolles Skript, ein schönes Projekt. Wäre da nicht die Sondergage, die der Produzent anbietet. Tobias ist Schauspieler, er kennt das schon. Es kommt kaum noch ein Vertragsangebot ins Haus, das nicht eine Sondergage als Bedingung vorsieht.
Doch das so wohlklingende Wort ist eine Mogelpackung, es erlaubt den Produktionsfirmen, weit unter dem zu zahlen, was in der Branche üblich ist. Die ohnehin spärlichen Gagen werden locker halbiert. Halsabschneiderei sei das, was Darstellern inzwischen angeboten werde, sagt der 24-Jährige.
Tobias wirft den Vertrag auf einen Stapel Papier. Trotzdem wird er ihn später unterschreiben. Eine Wahl bleibt ihm gar nicht.
Voller Kühlschrank oder neue Kamera?
"In manchen Monaten kann man von der Schauspielerei nur schwer leben", sagt er. Tobias wohnt im Hamburger Grindelviertel, einen Teil seiner Wohnung hat er zu einem kleinen Studio umgebaut. Dort schneidet er Demobänder für Schauspieler und dreht Imagevideos für Ärzte und Anwälte. In dieser Nische hat er sich ein zweites Standbein aufgebaut. Damit kommt er über die Runden. Doch das Equipment ist teuer. "Muss ich wählen zwischen einer neuen Kamera und einem vollen Kühlschrank, nehme ich die Kamera", sagt er.
Tobias spielte früher in der Daily Soap "Verbotene Liebe". Nach zwei Jahren aber hatte er es satt. "Ich konnte mich da nicht mehr entwickeln, ich wollte nicht nur eine Rolle", sagt Tobias.
Er stieg aus, verzichtete auf regelmäßige Gagen, stürzte sich ins Leben - und in die Pleite. Anfangs kamen die Angebote nur spärlich, entsprechend fehlte das Einkommen. Das Beachboy-Image wurde er lange nicht los. Inzwischen spielt er auch Schurken und Mörder.
Enttäuschungen und Entbehrungen - Jungschauspieler berichten
Die mächtigen Sender beherrschten das Schauspielgewerbe, beklagen sich die Künstler, wer aufmucke werde nie mehr gebucht. Leistungen haben erbracht zu werden, selbst dann, "wenn sich über den Bestand oder die Auslegung dieser Vereinbarung oder aus sonstigen Gründen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Parteien ergeben sollten", heißt es in einem Vertrag. Auf einen einstweiligen Rechtsschutz muss der Darsteller dabei verzichten.
7000 Euro brutto im Jahr - wenn's gut läuft
Selbst manch etablierter Schauspieler dreht nur an zehn Tagen pro Jahr und bezahlt wird nur nach Drehtagen. Das heißt: Wenn für einen Spielfilm sechs Wochen Produktion geplant sind, muss sich der Schauspieler die ganze Zeit bereit halten, wird aber nur für die drei, vier Tage bezahlt, an denen er vor der Kamera steht.
In Verträgen, die SPIEGEL ONLINE einsehen konnte, stehen Bruttogagen zwischen 500 und 700 Euro pro Drehtag. Bei zehn Drehtagen ergibt sich ein Jahresverdienst von 7000 Euro brutto. Und davon gehen mindestens zehn Prozent an die Agentur, plus Mehrwertsteuer. Nach inoffiziellen Schätzungen waren, bevor es mit den Dumping-Gagen losging, mindestens 1200 Euro pro Drehtag üblich.
Gelockt von Schlagzeilen und Glamour drängen Hunderte mehr oder weniger talentierter junger Leute auf die Bühne. Alle von der Hoffnung getragen, der nächste August Diehl, Daniel Brühl oder die nächste Nora Tschirner zu werden. Sie scheuen sich nicht, für sehr wenig Geld zu arbeiten. Ein Schauspieler gesteht, schon oft die Briefmarken der Rückumschläge in der Fanpost abgelöst zu haben. "Die Vita ist das Wichtigste", sagt er. Wenn Til Schweiger anriefe, würde er noch Geld oben drauflegen, um im nächsten Film dabei zu sein.
"Das ist ein knochenharter Job mit unregelmäßigem und schlechtem Einkommen, mit psychischer Belastung und Entbehrungen", sagt Beate Wolgast, Co-Geschäftsführerin der Agentur "die agenten". Das Problem sei, glaubt Wolgast, dass sich heute jeder Schauspieler nennen könne, die Bezeichnung sei nicht geschützt. "Durch dieses Überangebot ist der Markt überschwemmt, die Gagen werden gedrückt", sagt Wolgast. Für die Nachwuchskräfte sieht die erfahrene Agentin schwarz: "Junge Leute können sich heute kaum noch Hoffnung auf Gagenerhöhungen machen."
Die Schauspieler scheinen machtlos, Motto: Spiel mit oder geh nach Hause.
Auf SPIEGEL ONLINE erzählen Jungdarsteller von den Erfahrungen, Enttäuschungen und Entbehrungen rund um ihren Traumjob Schauspieler.
- 1. Teil: Vergesst den Applaus, wir brauchen Geld!
- 2. Teil: Eine Soap? Niemals! - Luisa Wietzorek, 23, Schauspielerin und Synchronsprecherin
- 3. Teil: "Ich hoffe, dass ich nie zum Amt gehen muss" - Marlon Kittel, 26, Schauspieler und Hörbuchsprecher
- 4. Teil: "Wer weiß, wann meine GZSZ-Rolle mal endet" - Jörn Schlönvoigt, 24, Seriendarsteller und Pilot
- 5. Teil: "Ich musste mich begrabbeln lassen" - Raúl Richter, 23, Soapstar und Tänzer
- 6. Teil: "Ich soll immer den Problemtypen spielen" - Vincent Redetzki, 18, Film- und Theaterschauspieler
- 7. Teil: Fluch der Attraktivität - Sebastian Ströbel, 33, Schauspieler und Werbestar
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