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Studenten bei Schönheitswettbewerben: Miss Master

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Studenten bei Schönheitswettbewerben: Kluge Köpfe, krasse Körper Fotos
DPA

Sie streben nach Wissen - und nach Schönheit: An Unis wird Körperkult immer wichtiger, viele Studenten nehmen mittlerweile an Miss- und Misterwahlen teil. Warum nur?

Matthias Schnabel will noch ein paar Gewichte stemmen, bevor seine nächste Prüfung beginnt. In einer halben Stunde wird er sich im Allee-Center in Remscheid mit freiem Oberkörper einer siebenköpfigen Jury stellen. Vorher muss er das Bestmögliche aus seinen Muskeln herausholen. Also verschwindet der 27-Jährige im Fitnessstudio ein Stockwerk höher.

Dann beginnt das Schaulaufen im Einkaufszentrum: Fünf Männer in kurzen Hosen und neun Frauen in Bikinis stolzieren zu Techno-Beats auf die Bühne, sie präsentieren ihre eingeölten Körper, schmeißen sich in Pose, stemmen die Arme in die Hüften und lächeln herausfordernd in die Menge. Passanten in Winterjacken bleiben stehen, schauen die Halbnackten verwundert an. Es geht um die Wahl zu "Miss Remscheid" und "Mister Remscheid".

Matthias, Sportstudent aus Köln, trainiert vier- bis sechsmal pro Woche im Fitnessstudio, seit drei Jahren ernährt er sich vegan, in letzter Zeit isst er fast ausschließlich Rohkost. Fast alle Anwärter auf den Titel geben als Hobbys "Fitness" und "gesunde Ernährung" an, einer kocht gern "Low Carb" und "Paleo". Und: Die Hälfte der 14 Teilnehmer studiert, unter anderem BWL, Bankwesen und Maschinenbau.

Seit ein paar Jahren gebe es bei Schönheitswettbewerben einen deutlichen Trend, sagt Rudi Köhlke von der Miss Germany Corporation, Moderator des Remscheider Wettbewerbs und der Einzige auf der Bühne, der seinen Körper versteckt: in einem grauen Anzug mit Glitzerkrawatte. "Der Anteil der Studenten hat sich extrem gesteigert", sagt er. Bei der Wahl zur Miss Germany 2015 waren 14 von 24 Teilnehmerinnen an einer Hochschule eingeschrieben.

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Wieso wollen junge Menschen, die nach Wissen und einem Uni-Abschluss streben, an Schönheitswettbewerben teilnehmen? Warum lassen sie sich freiwillig von einer Jury beurteilen, die wie in Remscheid unter anderem aus einer Nagelstudio-Besitzerin und einem Fitnessstudio-Betreiber besteht? Matthias Schnabel kann die Fragen nicht verstehen. "Wieso sollte ich meinen Körper nicht bewerten lassen?", sagt er. Der sei schließlich das Ergebnis konsequenter Arbeit. Dahinter stecke nicht nur viel Disziplin, sondern auch eine gesunde und bewusste Lebenseinstellung.

"Das Streben nach körperlicher Perfektion hat zugenommen"

Carina Abels, im Januar dieses Jahres zur "Miss Köln" gekürt, sagt: "Für mich ist es wichtig zu wissen, wie Außenstehende mich beurteilen." Auf High Heels in einem knappen Bikini marschiert sie über den Remscheider Laufsteg, Startnummer drei. Moderator Köhlke preist die Gewinne an, darunter einen Fitnessgutschein und eine Handyuhr. Das Schaulaufen in Bademode mache sie nicht gern, erzählt Carina später, aber sie nehme es in Kauf. "Die Juroren müssen ja sehen, wie wir gebaut sind."

Neben den Proportionen der Kandidaten und den beiden "Catwalks in Abend- und Bademode" sei das Interview wichtig, sagt der Veranstalter. Länger als ein paar Minuten kommen die Teilnehmer allerdings nicht zu Wort. Carina schafft es immerhin, ins Mikrofon zu sagen, dass sie gern nähe, zeichne und natürlich viel Sport treibe, am liebsten Poledance. "Das ist die Kunst", sagt Carina, die in Frankfurt am Main Mode- und Markenmanagement studiert, "etwas zu sagen, das den Juroren im Kopf bleibt."

Anastasia Kasanski, 22 Jahre alt, hat in ihrer Schönheitskarriere schon elf Misstitel gesammelt, darunter "Miss Bonn", "Miss Bad Zwischenahn" und "Miss Wangerooge". Sie ist stolz auf diese Auszeichnungen - dabei ist ihr Lebenslauf unabhängig von den Titeln beeindruckend. Sie hat mit 17 Abitur gemacht, einen Bachelorabschluss in Wirtschaftspsychologie und steht nun vor dem Abschluss ihres Masterstudiums an einer privaten Hochschule in Iserlohn.

Kaffee ohne Milch und Zucker

Warum hat sie das Bedürfnis, immer wieder mit anderen um Schönheitskrönchen zu kämpfen? "Es ist so ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich es immer wieder schaffen kann", erzählt die 22-Jährige bei einem Kaffee "ohne Milch und Zucker" in einem Kölner Café und spricht damit aus, was viele Schönheitskönige und -königinnen antreibt. Erfolg im Studium reicht nicht aus. "Wenn man mit den Wettbewerben einmal anfängt, kann man nicht mehr aufhören", sagt Multi-Miss Anastasia.

"Vergleichen ist wichtiger denn je", sagt Wilfried Schumann, Leiter des Psychologischen Beratungsservice der Universität Oldenburg. "Gleichzeitig hat das Streben nach körperlicher Perfektion extrem zugenommen." Die Studenten seien schließlich mit einer Flut schöner Bilder aufgewachsen. Die Schönheitswettbewerbe seien nur eine Extremform: Das Schaulaufen beobachte er auch auf dem Campus und im Internet, auf den Instagram- und Facebook-Profilen der Studenten.

Wer sich nicht den Juroren bei Misswahlen stellt, misst sich anhand der Likes und Follower. Viele Studierende, die in Beratungsstellen Hilfe suchen, litten unter diesem Druck, sagt Schumann: nicht nur in ihrem Studienfach gute Leistungen zu erzielen, sondern auch ihren Körper trimmen und ihn bestmöglich inszenieren zu müssen.

In vielen Hochschulsportzentren werden Kurse wie Bodyshaping oder Bodystyling angeboten. In Köln ist das Fitnessangebot des Hochschulsports laut AStA massiv ausgebaut worden. An der Universität Bonn will einer Umfrage zufolge ein Drittel der normalgewichtigen Studenten abnehmen. Der Körper ist eine Rohmasse, die ähnlich modelliert werden kann wie der Lebenslauf.

"Ich weiß, was viele Leute über Misswahlen denken"

"Der Körper wird zur Visitenkarte", sagt die Sportsoziologin Stefanie Duttweiler von der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Topmanager und Banker würden in Bewerbungsgesprächen heute manchmal nach ihren Marathonzeiten gefragt. Die Studenten passten sich dieser gesellschaftlichen Entwicklung an. Inzwischen hätten so viele Menschen einen akademischen Titel, da benötige man zusätzliche Mittel, um sich von anderen abzuheben.

Das nimmt mitunter skurrile Formen an: Wer kann schon von sich behaupten, "Miss Meerjungfrau" zu sein? Um diesen Titel zu gewinnen, tauchte Vada Müller im September 2014 im selbst gebastelten Meerjungfrauenkostüm mit einer Flosse durch ein Schwimmbecken im baden-württembergischen Schorndorf. Die Studentin der Publizistik aus Wien posierte unter Wasser und erklärte im Interview, sie habe schon immer den Film "Arielle" geliebt.

"Ich weiß, was viele Leute über Misswahlen denken", sagt Vada heute. Man müsse aber oft auch spontan auf komplexe Fragen antworten, manchmal gehe es um die Terrormiliz IS oder den Absturz von Flug MH 370. "Da reicht es nicht aus, sich einfach nur den Weltfrieden zu wünschen", sagt die 21-Jährige. Vada hat keine Angst, in ihrem späteren Berufsleben wegen der Misswahlen nicht ernst genommen zu werden.

Auch Sonja Schmidt glaubt, dass ihr Titel bei Bewerbungen eher helfen wird. Die 25-Jährige ist "Apfelkönigin" der Stadt Tönisvorst am Niederrhein - und auch sie studiert, Logistik im niederländischen Venlo. Bei ihren letzten Vorstellungsgesprächen sei sie auf die Auszeichnung angesprochen worden, erzählt Sonja, die Chefs seien beeindruckt gewesen. In einem kurzen rosa-grünen Dirndl steht sie nun im Düsseldorfer "Apfelparadies", einem Obsthandel, und verteilt Äpfel eines Bauern aus ihrem Heimatort. Auf ihrem Kopf sitzt ein Glitzerkrönchen. "Du bist sehr schön", sagen die Kinder zu ihr, dann wollen sie ein Foto mit der "Prinzessin".

Die Studenten bei der Wahl in Remscheid warten auf die Siegerehrung. Der Moderator hat den Zettel mit ihren Namen verlegt. Macht ja nichts, dann stellt er eben noch einmal die gesponserten Preise vor, darunter ein Bleaching und eine Zahnreinigung im Wert von 500 Euro. Schließlich findet er den Zettel. Die Sieger sind: Carina Abels und Matthias Schnabel. Eine Assistentin legt ihnen die schwarz-rot-goldenen Schärpen um. Die Gewinner lächeln in die Kameras. Ein Bleaching haben sie nicht nötig.

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insgesamt 46 Beiträge
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1. Intelligenz ist sexy.
klausbaerbel 06.01.2016
Aber Sportstudent mit 27 und Misterwahl = Narzisst. Viel Spass mit dem, Mädels.
2. Ja nun fragen wir
awoth 06.01.2016
uns mal alle, wie das kommt! Wenn man wie unser ehemals für Dichter und Denker bekanntes Land aus Sparsamkeitsgründen bildungsmässig in den Abgrund steuert und als Ideal der Jugend Supermodels, Superstars und Fussballer propagiert, ist das halt so. Irgendwann kommt das an den Unis an. Wetten, dass Frau Klum und Herr Bohlen und Ronaldino bald Ehrendoktoren bzw. Professuren bekommen? Begründung : Sie sind erfolgreich! Welcher echte Professor kommt auch nur auf 10% deren Einkommens?? Weiter so, Deutschland!
3. Aus Spaß OK!
jozu2 06.01.2016
Warum soll man so etwas nicht machen, wenn's Spaß macht? Wer das allerdings macht, weil er eine Ergänzung zu seinem Studium sucht, der hat nicht verstanden, was eine Uni macht und sollte sie schnellstmöglich wieder verlassen.
4. Also bitte...
fatherted98 06.01.2016
...soviele sind das auch nicht. Vor allem weil die meisten nicht die Voraussetzungen dafür haben, dort die Wurst vom Teller zu ziehen. Und die Schönlinge die das wirklich machen, haben ja meist im Hinterkopf ohne große Anstrengung Kohle zu machen....warum soll man ihnen das verübeln. Was den Körperkult an Deutschen Unis angeht...bitte mal in einen Vorlesungssaal gehen und die Leute dort angucken bevor man so was verallgemeinert.....da ist nix von Körperkult zu spüren....und die paar SchickiMickis die dort rumhängen...gabs schon immer.
5.
In Vino Veritas 06.01.2016
Mehrere Gründe: a) Der Hochschulabschluss wird hintergeworfen. b) Die Universitäten und FHs überbieten sich mit aberwitzigen Studiengängen, um mehr Studenten anzulocken. Das Niveau jeglichen Abschlusses ist wie beim Abitur bereits entwertet. c) Der amerikanische Sport- und Körperkult bei jungen Männern und Frauen, der angeblich zu Höherem befähigt ("Ich war Captain der Cheerleader ...)" d) Entwertung der klassischen Ausbildungsberufe. Viele schmücken sich mit ihrem Studium, obgleich das nur eine Art von Beschäftigungstherapie zwischen Hartz IV und der Monotonie der Arbeitswelt ist. Der Ernst des Lebens beginnt heute dank unserer Wohlstandsgesellschaft erst ab 25. e) Heutige Emanzipation nebst Körperkultur und freizügiger Sexualität. Eine Teilnahme an einem Schönheitswettbewerb ist kein Tabu mehr, selbst wenn man sich "gebildet" outet. Das führt natürlich dazu, dass die hübsche Bürokauffrau Chantal oder der durchtrainierte Kfz-Mechaniker Kevin jetzt eben BWL oder Sportpädagogik studiert. Die Zeiten ändern sich und somit auch der Hintergrund der Leute, die dort mitmachen. So ist aber der Median der Schönheitskönige weder schlauer noch dümmer wie früher.
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© UNI SPIEGEL 6/2015
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Heft 6/2015 Was vom Erasmus-Gefühl bleibt

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