Studentische Selbsttäuschung: Juhu, ich langweile mich

Das Referatsthema ist öde, das Studium langweilig, der Job ätzend. Doch wir verteidigen alles als spannend, interessant, herausfordernd, vor allem vor uns selbst. Stefanie Unsleber, 24, spürt solchen Uni-Alltagsphänomenen nach - und erklärt, wie wir uns selbst austricksen.

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Corbis

Studentische Langeweile: Interdependenztheorie? Total spannend!

Mein erstes Studium habe ich abgebrochen. Islamwissenschaft und Philosophie, in der Universität war das langweiliger als in den Geschichten von "Sophies Welt" und den Infobänden zu islamischem Fundamentalismus. Ich brauchte ein neues Fach. Die Wahl fiel auf Politikwissenschaft. "Ist es das jetzt wirklich?", fragten meine Eltern. "Bist du dir sicher?", meine Freunde. "Ja", sagte ich. Der Studienplan klang gut: Internationale Beziehungen, Vergleich politischer Systeme, Afrika, Asien, Krieg, Krisen und dazu der theoretische Unterbau.

Es war schrecklich langweilig.

Aber das erzählte ich keinem, auch nicht mir selbst. Stattdessen hörte ich mich über die Interdependenztheorie plaudern. Schilderte, wie interessant die Parteienlandschaft Thailands ist. Versuchte, meine Freunde für das Rechtsstaatsprinzip zu begeistern. Wahrscheinlich habe ich sie ziemlich genervt, mich selbst ja auch.

Aber Menschen wie ich begegnen mir ständig. Da ist die Freundin, die sich nie besonders für Betriebspsychologie begeistern konnte, aber nun ständig davon spricht, seit sie ihre neue Hiwi-Stelle hat. Oder meine ehemalige Mitschülerin, die jetzt als Finanzberaterin arbeitet und mir erklärte, wie interessant sie das deutsche Steuersystem findet.

Menschen ertragen keine Dissonanz

Mein Nebenfach war Psychologie, das hat mir wirklich gefallen. Dort bin ich irgendwann auf die Theorie der kognitiven Dissonanz gestoßen. Der Sozialpsychologe Leon Festinger hat vor über 50 Jahren Studenten der Stanford Universität um einen Gefallen gebeten. Sie sollten eine langweilige Aufgabe anderen Kommilitonen schmackhaft machen. Festinger bildete zwei Gruppen: Die einen bekamen für ihre Überzeugungsarbeit einen, die anderen zwanzig Dollar. Schließlich stellte Festinger überrascht fest, dass die Studenten, die nur einen Dollar bekommen hatten, die Aufgabe im Nachhinein interessanter fanden als vorher. Warum?

Sie empfanden kognitive Dissonanz. Es gab da diesen Widerspruch in ihrem Kopf: "Die Aufgabe war langweilig." Versus: "Ich habe einem Studenten trotzdem erzählt, dass sie lustig und interessant gewesen sei."

Menschen ertragen diese Dissonanz nicht lange, sie fühlen sich unwohl. Stattdessen wählen sie eine der drei Möglichkeiten, um den Widerspruch aufzulösen:

  • Ich ändere mein Verhalten und sage dem Studenten, dass ich ihn angelogen habe.
  • Ich ändere meine Kognition, und glaube selbst, dass die Aufgabe interessant war - das taten die Studenten, die nur einen Dollar bekommen hatten.
  • Ich finde etwas, das mein Verhalten rechtfertigt - so wie bei den Studenten, die zwanzig Dollar bekommen hatten. Das Geld war genügend Rechtfertigung für eine Lüge.

Hätte man mich für mein Politikstudium bezahlt, ich hätte eine Rechtfertigung dafür gehabt, dass ich täglich zur Uni gehe. Ich aber saß freiwillig in der Vorlesung - wenn ich mich langweilte, was machte ich dann hier? Ich empfand zweifellos kognitive Dissonanz.

Auch für mich gab es drei Möglichkeiten: Entweder ich brach mein Studium ab. Das wäre konsequent gewesen, aber das wollte ich keinesfalls tun. Oder ich redete es mir schön. Das tat ich bereits, wenn auch mit immer geringerem Erfolg. Oder ich fügte eine weitere Kognition hinzu. Zum Beispiel, dass es sinnvoll ist, irgendein Studium zu beenden. Dass ich schon halb durch bin. Und dass ein Bachelor sowieso nur drei Jahre dauert. Das war genügend Rechtfertigung. Ich musste nicht mehr so tun, als würde ich mich für John Locke begeistern. Ich konnte mich wieder nach Herzenslust langweilen und habe mein Studium schließlich abgeschlossen.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. ziemlich dramatisch
autocrator 26.03.2012
Da hat die autorin mit ein paar klugen worten aus dem psychologiebuch das ziemlich allgemeine und weitverbreitete phänomen des gnädigen selbstbetruges beschrieben - am eigenen beispiel. das Schlimme dabei ist ja nicht, dass sie sich selbst belog. Das schlimme ist: ihren ausführungen ist zu entnehmen, dass Psychologie eigentlich das fach ihrer wahl gewesen wäre! das schlimme ist: sie hat ihre eltern belogen, hat nicht den mut aufgebracht zu sagen "sorry, auch das mit der politikwissenschaft war ein schuss in den ofen", und aber, vor allem: sie hat die gesellschaft betrogen! Ich glaube an den satz, dass jemand nur dort wirklich gut ist, was er persönlich auch wirklich "will". Und nichts braucht unsere gesellschaft dringender, als wirklich gute leute, ob im handwerk, in der wissenschaft, in der politik, oder der psychologie. Gnädige selbstbetrüger, mediocre, die sich halt so durchwurschteln, interesse und aktivität nur heucheln, aber ansonsten den herrngott einen guten mann sein lassen und in der sache nie wirklich etwas beitragen - davon haben wir in unserem lande mehr als genug. das nebenfach psychologie bringt der autorin wohl gar nichts, ausser ein paar kluge worte, die sie nun gelernt hat. Schade für sie, aber v.a. schade für die gesellschaft, schade für die psychisch kranken menschen, denen sie hätte helfen können, schade für die sache, egal in welcher richtung sie sich engagiert hätte.
2. Re: Ziemlich dramatisch
J.Fuchs 26.03.2012
Zitat von autocratordas nebenfach psychologie bringt der autorin wohl gar nichts, ausser ein paar kluge worte, die sie nun gelernt hat. Schade für sie, aber v.a. schade für die gesellschaft, schade für die psychisch kranken menschen, denen sie hätte helfen können, schade für die sache, egal in welcher richtung sie sich engagiert hätte.
Ziemlich dramatisch sind nur Ihre Ausführungen. Ich denke das mit der Kognitiven Dissonanz ist so eine Sache. Auf der einen Seite redet man sich Dinge schön, die nicht schön sind, auf der anderen Seite aber hat jeder Studiengang seine langweiligen und uninteressanten Bereiche, egal wir sehr man sich für das eigentliche Fach interessiert. Auf einer Universität sollten Studiengänge meines Erachtens auch breitere Kompetenzen vermitteln und etwas zur persönlichen Reifung beitragen, und das tun sie bisweilen auch. Wenn sich die Dame für Politik interessiert, kann ihre Studienwahl nicht komplett verkehrt gewesen sein, selbst wenn sie verständlicherweise dem Thailändischen Parteiensystem nichts abgewinnen kann. Und nur weil man gewisse Teile aus der Psychologie interessant findet, wird man noch kein guter Psycholge.
3. Großer Fachbereich
shatreng 26.03.2012
Zitat von sysopDas Referatsthema ist öde, das Studium langweilig, der Job ätzend. Doch wir verteidigen alles al
Sie sollte sich eine Uni mit einem großen Gesellschaftswissenschaftenbereich suchen. Ich kann - trotz des Bachelors - sehr viel frei wählen und Veranstaltungen der Politikwissenschaft, Soziologie, Kulturwissenschaft und Umweltwissenschaft besuchen. Daneben Softskillkurse in Moderation, Visualisierung, journalistisches schreiben. Ich bräuchte viel mehr Zeit, den ich dank des Bachelors nicht habe, um die ganzen interessanten Veranstaltungen zu besuchen.
4. Langeweile im Studium
blackstar2000 26.03.2012
Zitat von sysopDas Referatsthema ist öde, das Studium langweilig, der Job ätzend. Doch wir verteidigen alles al
Jaja, das kennen wohl alle Studenten. Der einzige, der das Thema wichtig findet, ist der Prof. Und bei dem deshalb, weil er Geld dafür bekommt... Und als Anfänger-Prof nicht mal besonders viel.
5.
Celegorm 26.03.2012
Zitat von J.FuchsAuf der einen Seite redet man sich Dinge schön, die nicht schön sind, auf der anderen Seite aber hat jeder Studiengang seine langweiligen und uninteressanten Bereiche, egal wir sehr man sich für das eigentliche Fach interessiert.
Ich denke, letzteres ist eher der Punkt und die "kognitive Dissonanz" darum auch irrelevant. Das Problem ist eher, dass viele Studenten ähnlich naiv wie die Autoren an ein Studium herangehen und meinen, nur weil etwas grundsätzlich cool und interessant klingt, wäre dann jede einzelne Vorlesung actionbepackte Unterhaltung. Was natürlich Quatsch ist. Theorie und Details einer Ausbildung oder Arbeit sind nie von A bis Z interessant geschweige denn reiner Spass. Auch im besten Studium oder Traumjob nicht. Weshalb man sich eigentlich bewusst sein sollte, dass Arbeit halt auch immer Arbeit bedeutet und manchmal etwas Sitzleder erfordert. Oder einfach langweilig sein kann. Was aber auch kein Problem ist, solange man auf übergeordneter Ebene die Motivation und das nötige Interesse behält. Weshalb es oft auch nicht wirklich nachvollziehbar ist, wie viele Studenten mit derart falschen Erwartungen an die Sache herangehen und dann wegen dieser Enttäuschung und dem ersten Widerstand gleich hinschmeissen. Etwas "kognitive Dissonanz" sollte man ja noch verkraften können, zumal die Motivation auch sein sollte, das Ziel zu erreichen.
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Zur Person
  • Uli Reinhardt
    Steffi Unsleber, 24, hat schon in der Schulzeit Bücher über destruktiven Gehorsam und die Stolperfallen menschlicher Kommunikation gelesen. Später studierte sie in Heidelberg Psychologie und Politik. Jetzt besucht sie die Zeitenspiegel-Reportageschule in Reutlingen, abends im Bett blättert sie immer noch in Psychologiebüchern.

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