Kommunikationstraining für Mediziner: "Zieh'n Se sich mal aus!"

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Viele Patienten verstehen beim Arzt nur Bahnhof, denn der Medizinerzunft mangelt es beim Gespräch an Sensibilität: Statt Empathie gibt es Fachkauderwelsch. Universitäten wie Witten/Herdecke wollen die Schwäche beseitigen - und stellen die Hochschüler vor extreme Situationen.

Kommunikationstraining für Mediziner: "Zieh'n Se sich mal aus!" Fotos
Universität Witten/ Herdecke

"Schwierig", "kompliziert", "verfahren": Wenn Sebastian Krapp seinen Tag auf der Intensivstation beschreibt, ist ihm die Anspannung immer noch anzumerken. Als diensthabender Arzt hatte er da gerade eine 15-jährige Türkin mit Alkoholvergiftung behandelt und stabilisiert, als Mutter und Schwester der Patientin bei ihm auftauchten. Ihre Forderung: Krapp solle auch eine gynäkologische Untersuchung vornehmen, um zu garantieren, dass die Jugendliche keinen Sex hatte - und er sollte diese Untersuchung vor der jungen Patientin auch noch geheim halten, das Ergebnis aber der Familie mitteilen.

"Da kam einfach alles zusammen", erinnert sich Krapp, "der Eltern-Kind-Konflikt, die Sprachbarriere zwischen der Mutter und mir, die kulturellen Unterschiede." Irgendwann ließ die Mutter durchblicken, dass vor dem Krankenhaus noch der Bruder warte, um die Jungfräulichkeit seiner Schwester garantiert zu bekommen, woraufhin Krapp laut über einen Polizeieinsatz nachdachte, um seine Patientin zu schützen: "Das war eine Situation, in der ich sehr wenig richtig und fast alles falsch machen konnte. Da bin ich wirklich an meine Grenzen gekommen."

Genau das war das Ziel: Denn Krapp, 29, ist Medizinstudent, und die Situation mit der fordernden Mutter ist als Rollenspiel fester Bestandteil seiner Ausbildung an der Privatuni Witten/Herdecke. "Die Schauspielerinnen, die das mit mir gemacht haben, haben ihre Rollen überzeugend gespielt, ich bin ziemlich ins Schwitzen gekommen", erzählt er. Das knapp 15-minütige Gespräch wurde auf Video aufgenommen und anschließend zusammen mit einer Psychologin und anderen Medizinstudenten ausgewertet. "Da merkt man erst, wie man mit seinem Verhalten, seiner Gestik und vermeintlich nebensächlichen Formulierungen auf andere wirkt", berichtet der angehende Mediziner Giovanni Torsello von seinen Aha-Erlebnissen in den simulierten Patientengesprächen.

Praxiserfahrung vom ersten Semester an

Solche Simulationen sind in Witten für alle Nachwuchsärzte verpflichtend. Nach und nach erkennen die Universitäten die Notwendigkeit, ihren Medizinstudenten nicht nur den richtigen Umgang mit dem Skalpell beizubringen und ihnen Theorie über den menschlichen Körper einzutrichtern. In Witten/Herdecke wurde das Medizinstudium schon vor elf Jahren reformiert, seither sind Praxisnähe und die Kommunikation mit den Patienten ein entscheidender Ausbildungsinhalt. Therapie beginnt mit der Sprache - nach diesem Motto erfahren die Studenten schon ab dem ersten Semester, wie wichtig die Kommunikation ist.

"Ich war gerade zwei Wochen hier, da hatte ich als Erstsemester schon in einer allgemeinärztlichen Sprechstunde mit echten Patienten zu tun", erzählt Ricarda von Krüchten. Parallel dazu durchlief sie das Kommunikationstraining, bei dem immer komplexere Situationen simuliert wurden - etwa, wenn eine schwangere Frau ihr behindertes Kind gerne austragen, der Mann es aber abtreiben lassen möchte und beide bei der Ärztin Unterstützung erhoffen.

"Natürlich will niemand in solche Situationen kommen. Gleichzeitig ist klar, dass wir später mal alle genau solche Situationen erleben werden", sagt Sebastian Krapp. Besser also, man setze sich schon im Studium damit auseinander, als irgendwann in der Realität völlig überfordert zu sein. Dabei geht es im Wittener Curriculum nicht darum, Rezepte für den richtigen Patientenumgang zu vermitteln. "Die gibt es nämlich nicht", sagt Giovanni Torsello, "aber wir können und müssen eine Haltung entwickeln, mit der wir den Patienten gegenüber treten."

"Kommunikative Tabuzone"

Wie wichtig dieses Training unter geschützten Bedingungen ist, merken viele Mediziner unmittelbar nach dem Berufseintritt. "Manchmal schicken wir gestandene Oberärzte in die Simulationen", sagt Martin Fischer, Professor für Didaktik und Bildungsforschung im Gesundheitswesen in Witten. "Dann erleben wir erschütternde Dinge." Keine Begrüßung, nur die rüde Aufforderung "Zieh'n Se sich mal aus!", zwischendurch noch schnell ein unverständliches Fachgespräch mit einem vorbeieilenden Kollegen: Aufgehoben und umsorgt fühlt man sich als Patient da nicht unbedingt.

Das theoretisch fundierte Nachdenken über das ärztliche Kommunikationsverhalten dürfe nicht mit der Approbation enden, fordert Fischer: "Wir müssen diese Ausbildungsinhalte in die Weiterbildung übernehmen und kontinuierlich entwickeln."

Denn Arzt-Kommunikation sei viel mehr als nur das Gespräch mit Patienten. Genau so viele Verständigungspannen gebe es zwischen Ärzten und dem Pflegepersonal oder unter Kollegen, etwa bei der Übergabe von einer Schicht im Krankenhaus an die nächste. Diese Kommunikation im Team werde noch viel zu wenig thematisiert, sagt Martin Fischer: "Lieber beschimpfen sich Ärzte ritualisiert und nach Disziplinen sortiert." Da lästert dann der Chirurg über den Internisten, der Internist über den Anästhesisten und alle zusammen über den Allgemeinmediziner. "An diese kommunikative Tabuzone müssen wir ran."

Die Grundlage dafür werde den Wittener Medizinstudenten mitgegeben, bestätigt Matthias Kraska, Student im zehnten Semester. Das bedeute aber auch oft, sich von lieb gewordenen Idealisierungen zu verabschieden: "Die Eins-zu-eins-Betreuung ist eine Fiktion, genauso wie die Idee der Interaktion auf Augenhöhe", sagt Kraska, der die ärztliche Kommunikation zum Schwerpunkt seines Studiums gemacht hat. Als Arzt habe man kommunikative Macht: "Dem muss ich mich stellen, um sie richtig einzusetzen und verantwortungsvoll damit umzugehen."

Denn er weiß: Im späteren Berufsalltag ist für das Nachdenken über das eigene Handeln oft kaum noch Zeit. "Praxiserfahrung ist für uns auch Hierarchieerfahrung", sagt Matthias Kraska, "und der Klinikbetrieb ist, gelinde gesagt, relativ reflexionsfrei."

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Forum - Verordnen Ärzte zu oft überflüssige Behandlungen?
insgesamt 1031 Beiträge
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1.
samsonax, 12.02.2011
Zitat von sysopBei Kernspintomographien liegen die Deutschen vorn, die generellen Kosten für Behandlungen steigen für die Krankenkassen regelmäßig und Gesundheitspolitiker scheinen resigniert zu haben. Wer ist schuld? Verordnen Ärzte einfach zu oft überflüssige Behandlungen?
Zwei Drittel aller "Gerätediagnosen" bei GLVlern dienen alleine dem Zweck, abrechnen zu können.
2.
maximilian sperber, 12.02.2011
Zitat von sysopBei Kernspintomographien liegen die Deutschen vorn, die generellen Kosten für Behandlungen steigen für die Krankenkassen regelmäßig und Gesundheitspolitiker scheinen resigniert zu haben. Wer ist schuld? Verordnen Ärzte einfach zu oft überflüssige Behandlungen?
Ja, aber einem Gott soll man nicht widersprechen.
3.
miruwa 12.02.2011
Problem sind die Patienten. Wenn man sich deutsche Wartezimmer und Ambulanzen anschaut fragt man sich wie die Menschheit so lange überlebt hat.
4. Die Politiker sind schuld
Martin Franck 12.02.2011
Solange die Politik keine Priorisierung medizinischer Leistungen will, und jedwede Bewertung vermeidet, will sie es offensichtlich so. Würde ein einzelner Arzt zuviel Anordnen, wäre es ein Einzelfall. Gibt es zu viele Leistungen im gesamten Land ist es ein systematisches Problem. Sprich Philipp Rösler will es so. Und da wir in einer Demokratie leben, ist es letztendlich der Souverän, sprich das Volk, dass es genau so will. Wo ist also das Problem?
5.
maximilian sperber, 12.02.2011
Zitat von miruwaProblem sind die Patienten. Wenn man sich deutsche Wartezimmer und Ambulanzen anschaut fragt man sich wie die Menschheit so lange überlebt hat.
Eine Lichtung der Wartezimmer würde unter den derzeitigen Bedingungen nicht zu einer Reduzierung der Gesundheitskosten führen.
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