Von Eva Kopytto
Charlotte Rolfes ist aufgeregt. Vor dem Eingang sind rote Teppiche ausgebreitet, Journalisten brüllen Anweisungen, der Geruch von Sekt und Schnittchen liegt in der Luft. Um Charlotte herum tobt ein Blitzlichtgewitter, als die Stars der deutschen Filmbranche im Minutentakt an ihr vorbeischreiten. Sie ist zu Gast beim Berlinale-Empfang der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen (NRW), der mit einem jährlichen Förderetat von 36 Millionen Euro größten deutschen Filmförderungsgesellschaft.
Die Filmregie-Studentin der renommierten Internationalen Filmschule Köln steht kurz vor ihrem Abschluss. Sie ist zum ersten Mal auf diesem Empfang, bei dem sich namhafte Regisseure wie Tom Tykwer und Wim Wenders mit anderen mehr oder minder bekannten und einflussreichen Personen aus der deutschen Filmbranche zum "Get together" treffen. Charlotte freut sich, dass sie eine der begehrten Einladungen ergattern konnte. Sie will heute versuchen, Kontakte für ihr späteres Berufsleben zu knüpfen.
Ein Gläschen Sekt und dann stürzt sie sich ins Getümmel. "Mut antrinken", sagt sie halb ernst, halb scherzhaft. Sie lässt ihren Blick durch die Menge wandern und entdeckt schnell bekannte Gesichter: Ihre Hochschulprofessoren und zwei Schauspieler. Mit denen Kontakt aufzunehmen, ist kein Problem, Fremde anzusprechen, gestaltet sich dagegen schwer: "Viele hier kenne ich nicht, oder kenne nicht den Namen zum Gesicht. Da kann man nicht einfach drauflosquatschen und was erzwingen. Es muss sich ergeben", sagt Charlotte. Am Ende des Abends und vier Sektgläser später hat sie viel Spaß gehabt, und immerhin zwei, drei neue Kontakte geknüpft. Für weitere Begegnungen setzt sie auf die kommenden Veranstaltungen.
Frühstück mit Hintergedanken
Drei Tage später, das Filmbüro Nordrhein-Westfalen hat zum Berlinale-Frühstück geladen. In einem Restaurant am Spreeufer tauschen sich Hunderte Studenten und Filmemacher aus ganz Deutschland zwischen Rührei und Kuchen aus. Heute ist Charlotte erfolgreicher; sie hat Kontakt zu zwei Kameraleuten aufgenommen, die sie für kommende Filmprojekte braucht. Ein paar Tische weiter ist ihre Kommilitonin Alexandra Brodski im Gespräch. "Manchmal ergeben sich Kontakte, die einem zwar nicht direkt was bringen, aber über die Zeit aufgebaut werden und einem dann doch weiterhelfen", erklärt die 21-Jährige. Auch sie steht kurz vor dem Abschluss.
Alexandra sucht dringend Unterstützung für einen Dokumentarfilm, den sie bereits gedreht hat. Sie hofft auf einen Sendeplatz im Fernsehen oder auf finanzielle Unterstützung, um das Projekt auszubauen. Und dann hat sie noch ihren Abschlussfilm im Hinterkopf. Für den braucht sie personelle Unterstützung. Das Drehbuch dazu hat sie am Abend zuvor noch fertig geschrieben. Doch außer einem leckeren Frühstück, etwas Small-Talk mit Kommilitonen und bereits bekannten Produzenten ergibt sich für die nicht viel Neues. Alexandra setzt ihre Hoffnungen lieber auf den Berlinale-Empfang der Deutschen Filmhochschulen. Eine Großveranstaltung, die in erster Linie dazu gedacht ist, den Nachwuchs mit etablierten Größen der Filmbranche zusammenzubringen.
Hektik beim Empfang
Elf Uhr morgens. Dem eisigen Wind zum Trotz, ist der Andrang enorm, kaum das der Empfang begonnen hat. Damit hat die 27-Jährige Eleni Katsoni nicht gerechnet. Die Regie-Studentin hat in diesem Jahr die Leitung des Empfangs übernommen und ist entsprechend nervös. Heute muss alles klappen - und dann geht es so hektisch los. Die charmante Brünette macht das Beste draus: Sie versorgt die wartenden Gäste mit warmem Tee und bittet freundlich um Verständnis. Dann kümmert sie sich zusammen mit Helfern darum, dass die Technik funktioniert und das Programm wie geplant ablaufen kann. Binnen einer Stunde füllen sich die Säle, die die Studenten liebevoll dekoriert haben. Im Eingangsbereich verteilen Filmhochschulen Infomaterial.
Ein halbes Jahr Vorbereitung hat Eleni in die Veranstaltung gesteckt, denn für sie ist dieser Empfang eine wichtige Nachwuchs-Plattform. "Ich habe dadurch letztes Jahr eine Produzentin kennen gelernt, die bei meinem Abschlussfilm mitmacht", erklärt sie und muss schnell in den Kinosaal huschen, um nach dem Rechten zu schauen.
"Das macht Mut für die Zukunft"
Im Saal zeigen Studenten Trailer zu ihren Filmprojekten. Das Publikum: Redakteure, Filmverleiher, Produzenten und Festivalvertreter. In der ersten Reihe wartet Alexandra. Gleich ist sie zusammen mit ihrer Filmpartnerin Eva Blondiau dran und will ihren Dokumentarfilm anpreisen. Es geht um Albaner und ihren traditionellen Hirtengesang. Alexandra ist aufgeregt, tagelang hat sie an der Präsentation gearbeitet.
Nach der Vorführung dann Erleichterung: Zwei Festivalvertreter melden Interesse an. Eine Produzentin aus Berlin, Katrin Springer, will sich Alexandras Ideen für einen längeren Film näher anschauen und die Studentinnen gegebenenfalls bei Produktion und Finanzierung unterstützen. Für Springer ist die Veranstaltung eine Art Talentbörse: "Hier finden wir Themen und Leute, in denen Potential steckt und wir können die Nachwuchsregisseure Deutschlands treffen."
Eine Stunde später finden wir Alexandra im Foyer. Ihr Professor hat sie mit einem renommierten Produzenten bekannt gemacht. "Sowas ist immer ein guter Türöffner", sagt sie als die beiden ihre Kontaktdaten austauschen. Der Produzent scheint interessiert an ihrem Filmprojekt zu sein, Alexandra ist zufrieden über das bisherige Feedback zu ihrer Arbeit. "Das ist mehr als ich erwartet habe. Ich habe gute Leute kennen gelernt, einen Schritt in Richtung Öffentlichkeit unternommen, das alles macht Mut für die Zukunft."
Der kleine Bruder der Berlinale
Und auch Organisatorin Eleni hätte gerne einen Film gezeigt, um sich ins Gespräch zu bringen. Aber dafür blieb neben den Vorbereitungen für den Empfang der Filmhochschulen keine Zeit. Aber so konnte sie ihre Kontakte zu Sponsoren aus der Filmbranche ausbauen, einige davon persönlich kennenlernen und manche sogar mit ihrem Talent beeindrucken.
Auch Charlotte hat schon mehrere Runden gedreht. "Hier ist die Hemmschwelle Leute anzusprechen kleiner", erklärt sie. Allein der Austausch mit anderen Studenten und die Möglichkeit deren Arbeiten zu sehen, sei sehr inspirierend, findet sie. "Das gibt mir Ideen für die Zukunft, aber auch die Bestätigung, weiter zu machen."
Am frühen Abend dann steht Eleni auf der Bühne und kündigt Iris Berben an, die diesjährige Schirmherrin. "Der Empfang ist eine große Chance für Studenten und mittlerweile so was wie der kleine Bruder an der Hand der erwachsenen Schwester Berlinale", erklärt Berben. Eleni steht daneben und schmunzelt. Sie kann tief durchatmen und freut sich auf den Abend: Endlich Zeit, noch mal mit dem ein oder anderen Gast zu sprechen. Morgen will sie sich dann ein paar Filme ansehen und hofft, dass sie es irgendwann einmal mit einem eigenen Film auf die Berlinale schafft.
Schließlich lag der Debüt-Film "Romeos" von zwei ihrer Vorgängerinnen an der Internationalen Filmschule dieses Jahr gut im Rennen. Das macht Mut.
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