Kopftuchverbot an türkischen Unis: "Verhüllung ist Auflehnung"

Wegen des Verhüllungsverbots brechen manche junge Türkinnen das Studium ab, andere tricksen mit Perücken oder Hüten. Nazan Aksoy hat nie ein Kopftuch getragen - und lehnt das strenge Verbot trotzdem ab. Die Kopftuch-Studentinnen seien sogar Vorkämpferinnen der Demokratie, sagt die Istanbuler Professorin im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

SPIEGEL ONLINE:

Frau Aksoy, Sie kennen türkische und deutsche Unis. Sind Ihre Studenten in der Türkei anders gekleidet als bei uns?

Uni in Istanbul: Demonstration gegen das strikte Kopftuchverbot
AP

Uni in Istanbul: Demonstration gegen das strikte Kopftuchverbot

Nazan Aksoy: Nein, ich habe nicht den Eindruck. In der Türkei hat sich in den letzten Jahren vieles geändert. Jeans und T-Shirt sind heute auch hier das Übliche.

SPIEGEL ONLINE: Selbst bei den Kopftuch-Trägerinnen?

Aksoy: Auch junge türkische Frauen mit Kopftuch kleiden sich inzwischen lockerer als früher. Sie tragen zwar meist keine T-Shirts, aber richtige Schleier sieht man kaum noch. Die Türken in Deutschland sind dagegen in der Regel viel konservativer. Die Familien haben die Türkei vor Jahrzehnten verlassen und wissen gar nicht, wie viel sich hier verändert hat.

SPIEGEL ONLINE: Sitzen denn auch in Ihren Vorlesungen Studentinnen mit Kopftuch?

Aksoy: Auf keinen Fall, das ist strengstens verboten. Das Gesetz wird mittlerweile in der ganzen Türkei sehr ernst genommen, an privaten Hochschulen genauso wie an den staatlichen. Wenn ich eine Studentin in meiner Klasse dulden würde, die das Tuch trägt, bekäme ich großen Ärger.

SPIEGEL ONLINE: Vor einigen Jahren galt das Verbot auch schon, aber viele Studentinnen scherten sich nicht darum.

Aksoy: Es hing von der jeweiligen Hochschule ab. Doch dann wurde eines Tages der Rektor der großen Marmara-Universität hier in Istanbul gefeuert, weil er Kopftücher zugelassen hatte. Seitdem hat es kein Rektor mehr gewagt, diese Studentinnen an seiner Uni lernen zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Haben sich die jungen Frauen damit arrangiert?

Aksoy: Einige haben sich dem Verbot unterworfen und lassen das Tuch jetzt weg. Andere sind einfallsreich und tragen Perücken oder andere Kopfbedeckungen, um ihre Haare zu verbergen. Man sieht manchmal die seltsamsten Hüte!

SPIEGEL ONLINE: Was geschieht mit Studentinnen, die ihr Kopftuch nicht ablegen wollen?

Aksoy: Das ist das Schlimme: Sie kommen nicht mehr zur Uni. Intelligente, aufgeweckte junge Frauen können ihr Studium nicht vollenden, weil sie auf das Tuch nicht verzichten wollen. Meine Tochter, die nie ein Kopftuch trug, hat Medizin studiert. Einige ihrer besten Freundinnen tragen ein Kopftuch. Die konnten plötzlich keine Vorlesung mehr besuchen. Sie können jetzt keine Ärztinnen werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist es denn üblich, dass Frauen mit und ohne Kopftuch miteinander befreundet sind?

Aksoy: Aber ja! Meist unterscheidet sie nicht viel voneinander. Nur jetzt werden sie vor den Toren der Hochschule in zwei Gruppen aufgeteilt.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich also die Kopftuch-Fraktion, als es sie an den Unis noch gab, nie abgeschottet von den anderen Studentinnen und Studenten?

Aksoy: Überhaupt nicht. Viele der Mädchen mit Kopftuch waren sehr aufgeschlossen und wissbegierig - und viele junge Frauen ohne das Tuch denken andererseits schrecklich konservativ. Bedenken Sie: Das Tragen des Kopftuchs ist ja eine Art Protestbewegung. Die Frauen kämpfen für ihre Sache, lehnen sich auf. Sie streiten in Wahrheit für die Demokratie, in der jede Frau anzieht, was sie will.

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SPIEGEL ONLINE: Also ist das Tragen eines Kopftuchs in der Türkei kein Zeichen für Unterdrückung, sondern für mutiges Aufbegehren?

Aksoy: Aus Sicht vieler junger Frauen schon. Ich selbst würde ja nie ein Kopftuch tragen. Für mein Empfinden schreibt die Religion das auch nicht vor.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem sind Sie strikt gegen das Verbot.

Aksoy: Natürlich! Denn so eine Maßnahme ist keine religiöse Angelegenheit mehr, sondern eine Einschränkung der persönlichen Freiheit.

SPIEGEL ONLINE: Wieso wird das Verbot an den Hochschulen gerade jetzt so strikt durchgesetzt, wo die AKP-Regierung von Premier Erdogan doch den gemäßigten Islamismus propagiert?

Aksoy: Weil die Regierung nicht so kann, wie sie gern möchte. Es gibt schließlich noch viel mehr Machtzentren in der Türkei, vor allem das Militär, aber auch Präsident Sezer, der ebenfalls gegen das Kopftuch ist. Auch die Schulbehörde ist voller radikaler Kemalisten. Die glauben, wenn ein paar Frauen mit Kopftuch im Hörsaal sitzen, dann ist gleich die Säkularisierung der Türkei in Gefahr, dann stürzt der ganze Staat ins Chaos. Was für ein Unfug!

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Ihren ehemaligen Studentinnen, die auf das Tuch nicht verzichten wollen oder können?

Aksoy: Notgedrungen bitte ich sie, das Tuch abzunehmen. Viele von ihnen kommen aus ärmeren Verhältnissen. Es ist schrecklich, wenn diese intelligenten Frauen aus so einem nichtigen Grund ihre akademische Ausbildung abbrechen. Religiöse Symbole sind doch nicht so wichtig. Wenn man gegen das Gesetz nichts machen kann, dann muss man sich eben daran halten.

Das Interview führte Andreas Ross

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