Zwischenruf: Akkreditieren hilft beim Studieren

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Modell der DNA: "In der Biologie ändert sich alles rasend schnell"

Harsch war die Kritik des Aktionsrats Bildung an der Akkreditierung deutscher Studiengänge - und ungerecht, findet der Genetikprofessor Hans-Jörg Jacobsen. Die Verfahren funktionieren. Wer will schon in eine Zeit zurück, in der Länderministerien mitreden durften?

Es ist doch erstaunlich, wie manche vergangenen Dinge rückblickend verklärt werden. So erklärte der Aktionsrat Bildung, ein neunköpfiges Professorengremium, zu Anfang der Woche, die heutige Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland sei teuer, bürokratisch und ineffizient und müsse dringen reformiert werden. Und er wies darauf hin, dass es früher Rahmenprüfungsordnungen gab, die Vorgaben dazu machten, wie Studiengänge sein sollen.

Mir sei auch im Namen meiner Biologie-Kollegen an der Leibniz-Universität Hannover an dieser Stelle darum ein Einwurf gestattet: An den Schmerz, den uns die unseligen "Diplomprüfungsrahmenordnungen" (DPO) damals bereiteten, erinnern wir uns noch sehr genau. Wir hatten in Hannover damals versucht, unsere Studiengänge zeitgemäß zu konzipieren und ich erinnere mich zu gut, wie wir bei der Genehmigung der eigenen Prüfungsordnungen bei uns in Niedersachsen voll und ganz der Willkür von Ministerialbeamten ausgeliefert waren.

Verwaltungsbeamte sollten prüfen, inwieweit eine lokale Prüfungsordnung mit der bundesweit gültigen Rahmenordnung für Biologie übereinstimmte. Dabei zeigte schon die Entstehung dieser DPOs, wie schlecht sie konzipiert waren: So wurde etwa die letzte DPO für Biologie sechs Jahre lang (1980-86) von Kommissionen auf föderaler Ebene ausgehandelt.

Biologie von heute mit Inhalten von vorgestern?

Sechs Jahre finden Sie lang? Danach fermentierte die DPO für Biologie für acht Jahre in den 16 zuständigen Länderministerien und musste dann bis 1997 umgesetzt werden. In den Fachbereichen war das Entsetzen entsprechend groß, als wir Ende der neunziger Jahre mit Lehrinhalte konfrontiert wurden, die von den Gremien in den frühen Achtzigern formuliert worden waren. In der Biologie ändert sich alles rasend schnell, das war auch damals schon der Fall. Die notwendigen inhaltlichen Aktualisierungen mussten wir darum vor dem Ministerium verstecken, um den Studenten ein Studium bieten zu können, das in die Zeit passte und einigermaßen auf dem aktuellen Stand der Forschung war.

Versuche, den Studenten auch Projektmanagement zu vermitteln, wurden vom Ministerium dann aber, weil nicht explizit in der DPO aufgeführt, abgelehnt. Heute wäre ein derartiges Modul ein sogenannter "soft skill" und problemlos Bestandteil in jedem Curriculum.

Wer kritisiert, dass 1998 das Hochschulrahmengesetz reformiert und der Bologna-Prozess vorbereitet wurde und damit auch die Akkreditierung kam, vergisst, welche Möglichkeiten das den Hochschulen gab, ihre Studiengänge zu erneuern.

Erstmals mussten öffentlich zugängliche Modulbeschreibungen angefertigt werden, in denen verschiedene Vermittlungsformen kombiniert und aufeinander abgestimmt wurden, in denen Inhalte und Lernziele definiert werden sollten. Dabei kam heraus, dass es in vielen Studiengängen erhebliche inhaltliche Redundanzen gab, die man ohne schlechtes Gewissen streichen konnte.

Studenten und Profs prüfen: Kann man das überhaupt so studieren?

Ein negativer Effekt für die Studenten soll hier nicht verschwiegen werden: Aus der durch Bologna eingeleiteten Ausweitung der Inhalte entstand eine anfänglich unterschätzte stärkere Belastung der Studenten, vor allem in den grundständigen Bachelor-Programmen.

Wenn der Aktionsrat Bildung nun gegen die Akkreditierung wettert, geißelt er ein System, welches bei der Bewilligung von Forschungsprogrammen unwidersprochen ist. Das "Peer-Reviewing" durch externe und unabhängige Gutachter. Bei der Akkreditierung von Studiengängen analysieren externe Fachkollegen, Vertreter der Berufspraxis und Studenten ein Programm und haben vor allem eins im Blick: Lässt sich dieses Fach so sinnvoll studieren?

Es wird dabei interaktiv geprüft, ob es unterschiedliche Prüfungsformen gibt, ob die personelle und sachliche Ausstattung den Anforderungen für den Studiengang gerecht wird oder wie Ergebnisse der Lehrevaluation zu Konsequenzen führen. Man mag gerade in Letzterem einen Angriff auf die Freiheit von Forschung und Lehre sehen. Aber ich finde es ebenso wichtig, dass Studenten ein Recht auf gute Ausbildung haben.

Niemand kann zur Diplomrahmenprüfungsordnung zurück wollen

Um zu erklären was ich meine, ein Beispiel aus der Arbeit in einem Akkreditierungsrat: Eine obskure Sekte versuchte mit viel Geld aus unklaren Quellen eine Hochschule zu gründen und strebte eine staatliche Anerkennung an. Ihre Studiengänge bekamen sie Dank des geltenden Akkreditierungsverfahrens natürlich nicht akkreditiert - aber man stelle sich vor, diese Einrichtung hätte mit intern organisierter Qualitätssicherung auf dem Papier auditierte Studiengänge anbieten können: Was können die Absolventen derartiger Programme mit ihren Zeugnissen anfangen, die in der wirklichen Welt überhaupt nicht akzeptiert würden?

Sicher ist die derzeitige Programmakkreditierungen durch Agenturen nicht das Nonplusultra, aber sie bringen von Außen ihre Bewertung ein, wie es bei Forschungsvorhaben gute Praxis ist. Andere Elemente zur Qualitätssicherung der Lehre wäre tatsächlich die Entbürokratisierung der Universitätsalltage, weniger Lehrverpflichtungen, bei gleichzeitiger sinnvoller Überprüfung der Qualität der geleisteten Lehre.

Und wenn wir schon bei den Wünschen sind: Wichtig wäre die Entwicklung eines die Grundlehre sichernden akademischen Mittelbaus im Rahmen eines Wissenschafts-Tarifvertrags und entsprechende Anreize für gute Lehre, die es schon ansatzweise gibt. Notwendig ist zudem, dass die Strukturen externer Qualitätssicherung der Lehre weiterentwickelt werden. Denn nach wie vor ist es so, dass die Akkreditierungsagenturen auf nicht immer abgestimmt erfolgende Entscheidungen der KMK und des Akkreditierungsrates reagieren müssen. Es gibt also einiges zu tun - aber in die Zeit der politischen Rahmenprüfungsordnungen kann niemand zurück wollen.


ZUR PERSON

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Hans-Jörg Jacobsen

Hans-Jörg Jacobsen, 64, ist Professor für Pflanzengenetik an der Leibniz-Universität Hannover und Vorstandsmitglied im Wissenschaftlerkreis Grüne Gentechnik e.V.
Jacobsen erinnert sich mit Grausen an die Diplomprüfungsrahmenordnungen der achtziger und neunziger Jahre. An Akkreditierungsverfahren hat er als Koordinator, Gutachter und Mitglied in einem Akkrediterungsausschuss mitgewirkt.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Was sagt wohl Prof.Jacobsen zur GENDER-Forschung?
analyse 19.04.2013
Da wurden in der Zeitschrift "Regio" vor kurzem 2 Professorinnen der Universität Göttingen befragt zu unterschiedlichem Verhalten von Jungen und Mädchen die nach Meinung der Professorinnen ausschließlich umweltbedingt sind.Auf die zaghafte Frage des Reporters,ob es denn nicht auch genetisch bedingte Unterschied gäbe,antwortete eine Professorin."dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte!" ???
2. Vielen Dank
borea 19.04.2013
für einen ausgewogenen Artikel, der das Akkreditierungswesen nicht kategorisch ablehnt, sondern eher konstruktiv betrachtet. Ich würde mir mehr Austausch wünschen, mehr Erfahrungen und nicht nur das Nachgeplapper platter Polemik. Akkreditierung ist sicher nicht das non-plus-ultra und sollte weiterentwickelt werden. Das benötigt aber eine kritische journalistische Begleitung. Vielleicht sollten einfach alle Kritiker mal als Gutachter an einem solchen Verfahren teilnehmen, als nur aus der Ferne eine schnelle Meinung zu präsentieren. Noch ein Punkt: Bei aller Freiheit von Forschung und Lehre, die Hochschulen werden immer noch von der öffentlichen Hand finanziert. Da ist es doch zwingend notwendig zu prüfen, ob das Geld nicht durch schlechte Angebote verschleudert wird.
3. Ein interessanter Artikel
jjs 21.04.2013
Dies ist ein sehr guter Artikel, aber ein paar Punkte passen mir daran nicht: a) Jacobsen hat recht, wenn er moniert, dass staatliche Rahmenverordnungen und staatlich verwaltete administrative Vorgänge ewig Zeit brauchen und dass sich die Forschungsthemen heutzutage so schnell verändern, dass man mit dem alten System, geregelt durch den langsamen Staat nicht weiterkommt. Aber ich habe bei derartigen Akkreditierungen bereits erlebt, dass man bei der Antragstellung vor allem darauf achten muss, dass die richtigen Schlagwörter fallen, ansonsten hat man Schwierigkeiten. Das kann auch nicht der Sinn einer Antragstellung in diesem Bereich sein, dass man darauf fast mehr Zeit verwendet als auf die Planung der Ausgestaltung der Lehre in einem Bachelor- oder Master-Studiengang. Insofern wäre es in meinen Augen wünschenswert, wenn man wieder zum vorherigen System zurückkehrt, der Staat sich aber deutlich schneller bewegt, so, wie es ja auch inzwischen schon im Kultus-Bereich für den Unterricht an den Schulen der Fall ist, wo inzwischen ja eher beklagt wird, dass zu schnell zu viele Änderungen kommen. b) Der zweite Punkt ist, dass in diesem Artikel zwischendurch verlangt wird, die Zahl der Lehrverpflichtungen zu reduzieren. 8 Semesterwochenstunden für einen Universitätsprofessor, das ist meiner Ansicht nach wirklich nicht zu viel. Natürlich muss eine Vorlesung sauber vorbereitet werden und der Übungs- bzw. Praktikumsbetrieb organisiert werden, was zusätzlich Zeit erfordert. Aber die Hälfte einer 40-Stunden-Woche bleibt dann sicherlich immer noch für die geliebte Forschung. Und es ist schon die Verpflichtung eines Forschers, nicht nur, selbst neues Wissen zu generieren, sondern auch, das in der Zunft vorhandene Wissen -- und nicht nur das eigene Spezialwissen -- der nächsten Generation weiterzugeben. c) Und das bringt mich zum dritten Punkt: Bei diesem weiterzugebenden Wissen muss man mit gewissen Grundlagen anfangen. Man kann beispielsweise in der Physik wirklich nicht sofort mit der Allgemeinen Relativitätstheorie und mit Quantenfeldern beginnen, sondern muss den Leuten klassische Newtonsche Mechanik vorab vermitteln, damit die Ideen hinter der Relativitätstheorie und hinter der Quantenmechanik dem Studenten klar werden. Auch wenn es schön aus der Sicht der Forschung wäre, die Studenten möglichst schnell an die aktuelle Forschung heranzubringen und dementsprechend die Lehrpläne auszugestalten, ist es doch so, dass man mit den Grundlagen beginnen muss. Und die grundsätzlichen Themen dieser Anfängervorlesungen ändern sich über Jahre hinweg nicht, auch wenn dann vielleicht bei einem sich schnell entwickelnden Fach, wie der Biologie, bereits dort einige Berichtigungen und Erweiterungen vorgenommen werden müssen. Für aktuelle Forschungsthemen sollte es dagegen so wie früher Spezialvorlesungen geben, in die sich interessierte Studenten setzen können, nicht nur solche, die verpflichtend sind für ein Wahlfach. Aber dazu lässt der vollgepfropfte Stundenplan an den Unis seit der Einführung von Bachelor und Master den Studenten keine Zeit mehr, was wirklich schade ist.
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