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Künstler-Casting: "Zu glatt, zu brav - das hassen wir"

Von Christian Fuchs

An Kunsthochschulen geht es mitunter zu wie beim Popstar-Casting - mit schrillen Bewerbungen, ätzenden Profs und zitternden Kandidaten. Wer in Berlin-Weißensee studieren will, trifft im Eignungstest für Mode, Malerei oder Design auf eine unbarmherzige Jury.

Der Dieter Bohlen der Kunsthochschule ist heute gut drauf. Er trägt Schlangenlederstiefel, schwarzes Sakko und reichlich Gel im schwarzen Haar. Seine Zigarette hält er mit angewinkeltem Arm steil nach oben. Gemeinsam mit den anderen Juroren ätzt er über seine Bewerber. "Erinnert mich an Volkshochschule", sagt er über die Leistung einer Kandidatin. Und über die nächste: "Das finde ich gruselig."

Dieser Dieter Bohlen heißt eigentlich Tristan Pranyko und ist Professor für Experimentelles Gestalten an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (KHB). Gerade beugt er sich mit sechs Kollegen über Zeichnungen, Collagen und Fotos von 55 Bewerbern, die ab Herbst Textil- und Flächendesign studieren wollen. Für die meisten Arbeiten hat die Jury jedoch nicht viel übrig: "zu bemüht" heißt es dann. Oder "sehr fleißig, aber trotzdem Kitsch" - das bedeutet eine Absage.

Immerhin wird die Hälfte der Kandidaten am Nachmittag ihrem Glück ein Stück näher sein. Ihre Mappen liegen auf den Stapeln "Ja" oder "Vielleicht" - sie dürfen in den nächsten Tagen an der Eignungsprüfung teilnehmen. An diesem Montagmorgen werden neue Studenten für Fächer wie Malerei, Bildhauerei, Kommunikationsdesign oder Produktdesign gesucht. Insgesamt bewerben sich 1300 junge Menschen.

Der Mappen-Coach steht in schlechtem Ruf

Das Gewimmel vor dem Eingang der Schule ist dem Vorsprechen an Schauspielschulen und auch Musiker-Castings wie bei "Deutschland sucht den Superstar" nicht unähnlich. Viele junge Frauen mit Piercings und bunten Strumpfhosen oder mit Handtäschchen und Goldohrringen warten rauchend auf ihren Termin. Auch ein paar Jungs mit Basecaps oder Britpopfrisuren sind da.

Andrea Stachl aus Regensburg wartet seit acht Uhr morgens darauf, ihre Mappe einzureichen. Sie interessiert sich für Mode-Design, einen begehrten Studiengang an der KHB. In ihrer Mappe hat die 19-Jährige gezeichnete Akte, Fotos von selbstentworfenen T-Shirts, Acryl- und Aquarellarbeiten. "Eigentlich haben die wenigsten Entwürfe etwas mit Mode zu tun", sagt sie. Ihr Konzept hieß "Die Entstehung des Lebens", weil sie an Mode am meisten die Menschen interessieren und warum sie sich wie kleiden.

Damit könnte sie den Nerv der Jury treffen. Sie achtet vor allem auf das Gesamtkonzept einer Bewerbung - und ob sie neben handwerklichem und künstlerischem Talent auch zeigt, "ob der Bewerber ein ehrliches Interesse an den Dingen hat", sagt Marie Perglerova. Die Studentin aus dem zweiten Jahr hilft beim Stapeln der Mode-Mappen. "Man muss den persönlichen Zug in den Arbeiten erkennen, sie dürfen keinen Schleier über die Person legen", so Tristan Pranyko.

Bewerber, die einen kommerziellen "Mappen-Coach" konsultierten, haben schlechte Karten. "Das sehen wir sofort", sagt eine Mitarbeiterin, "meist sind diese Bewerbungen einfach zu glatt, zu brav. Das hassen wir alle."

Aufsatzthema: Was ist Schönheit?

Julia Wohlfert aus Karlsruhe hat keinen Berater gefragt, sie bewirbt sich zum ersten Mal an einer Kunsthochschule. Die meisten Bewerber kennen solche Eignungstests allerdings genau - bei einer Aufnahmequote von zehn Prozent sind Ablehnungen nicht ungewöhnlich.

Julia schreckt das nicht. Noch in der Nacht hatte ihr Freund aus Karton und einer Weltkarte eine auffällige Mappe für ihre Werke gebastelt. Sofort nach der Abgabe bekommt Julia die erste theoretische Aufgabe. Sie soll in einem Aufsatz erklären, was Schönheit ist. Auch die Namen Hegel und Kant purzeln auf dem Aufgabenblatt herum.

Schon die Künstler Georg Baselitz und Günther Uecker mussten durch die Eignungstests der 1946 in der Bauhaustradition gegründeten Schule. Seitdem heißt das Credo: Design soll nützlich sein. Heute entstehen deshalb in den elf Werkstätten auch Computerarbeitsplätze für Klassenzimmer, Wassertaxen oder gesunde Busfahrersitze.

An Julias Bewerbung findet Professor Pranyko allerdings wenig Gutes. "Minus, Minus, Minus, ich find's erschreckend", lautet sein Urteil. Geknickt holt Julia ihre Weltkarten-Mappe wieder ab. Ihr Freund nimmt sie in den Arm, Tränen stehen ihr in den Augen. Sie ist enttäuscht, will sich aber weiter bewerben. Ein paar Glückliche dürfen noch bleiben. In den nächsten vier Stunden sollen sie Menschen und deren Beziehungen zum Raum portraitieren. Und über Nacht eine theoretische Hausaufgabe lösen.

Kleider, Puppen, Papierbälle

Am zweiten Tag erfährt Andrea Stachl, dass sie eine Runde weiter gekommen ist. "Meine Mutter ist aufgeregter als ich", glaubt die Regensburgerin. Drei Tage lang muss sie nun Puppen drapieren, schriftliche Theoriefragen beantworten sowie Farb- und Gestaltungsaufgaben lösen. Beim Mode-Aufnahmetest liegen ein riesiges Holzbrett und ein Zeichenblock auf ihrem Schoß. Andrea hat drei Stunden Zeit, zwei Kleider und ein Stillleben aus einer Maske und Schuhen zu zeichnen.

Zur gleichen Zeit sollen die Produktdesigner einen Kubus aus allen Perspektiven zeichnen und die Bewerber für Textildesign in vier Stunden einen Fußball aus Papier basteln. Konzentriert beginnen die Bewerber zu skizzieren, schneiden, kleben und zu falzen. Es wird diskutiert und untereinander geholfen. Trotz Konkurrenz herrscht eine freundliche Atmosphäre.

Jeder Kandidat wird aus der Arbeit heraus zu einem 20-minütigen Einzelgespräch mit der Jury geladen. Sie will die Menschen hinter den Arbeiten durch Fragen nach dem Lebenslauf und nach ihren Ansichten kennen lernen. Hier ist jeder ganz auf sich gestellt.

Dass es nicht kuschelig wird, macht Professor Pranyko gleich am Anfang klar. Jeden Prüfling begrüßt er mit "Willkommen zum Verhör".

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