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Kulturkampf auf dem Campus: Istanbuls Studenten bekämpfen die Rüpel vom IS

Von Christopher Piltz

Studenten gegen den IS: Die Mutigen von Istanbul Fotos
Charlotte Schmitz

Die Türkei hat ein IS-Problem, das merken auch die Studenten in Istanbul. Als erstmals Islamisten auf ihrem Campus aufmarschierten, wehrten sich Sena, 22, und ihre Kommilitonen heftig. Doch ihre Angst wächst.

Sena Özcanli, 22 Jahre alt, Studentin der Arbeitsökonomie, ist eine zierliche Frau mit blasser Haut und dunklem Pagenschnitt. Sie ist klug und aufgeweckt und sah die Männer als eine der Ersten kommen. Sie hörte deren Kampfgeschrei, sah die geballten Fäuste, die Stöcke, die geschwungen wurden.

Özcanli wusste, dass es nun auch um die Freiheit ging. Darum, sagen zu dürfen, was man denkt. Also rief sie "Verschwindet aus unserer Universität", warf Flaschen und stellte sich den Angreifern mutig entgegen. Der Islamisten-Mob warf Tische um, schlug zu, verletzte etliche von Özcanlis Kommilitonen, die nicht weichen wollten. Dann zogen sich die Brutalos zurück, aber sie kamen in den Wochen danach noch einige Male wieder. Glücklicherweise griff die Polizei jedes Mal rechtzeitig ein, sodass das Schlimmste verhindert werden konnte. Allerdings wurden nicht nur Islamisten, sondern auch einige von Özcanlis Freunden festgenommen. "Behinderung der Bildung" wurde ihnen vorgeworfen.

"Es ist lächerlich", sagt Özcanli, "wir verteidigten uns nur, wir behinderten niemanden." Im Januar 2015, vier Monate nach dem ersten Angriff der Islamisten, steht die junge Frau in der Eingangshalle des Laleli-Campus der Istanbul Universität. Draußen fegt ein Schneesturm über die Stadt hinweg, drinnen sitzen Studenten auf kaltem Steinboden und lesen in Büchern oder Ordnern. Özcanli zeigt auf den schmalen Eingang, durch den die Männer kamen, um sie und die anderen zu bestrafen. Wofür? Für Plakate, die sie ausgedruckt und in der Eingangshalle aufgehängt hatten. Plakate, auf denen "Mörder IS" stand oder "Gegen die Grausamkeiten des IS". Das passte den Männern nicht, denn in Wahrheit, so hielten sie den Studenten vor, verübe der IS keine Massaker. Die Brüder seien im "Heiligen Krieg", im Dschihad, täten also nur, was getan werden müsse.

Die Universität als Protestbühne

Neben Özcanli steht Güney Yakar, auch er hat die Angriffe miterlebt, hat sich gewehrt. Yakar ist ein groß gewachsener Mann, 21 Jahre alt, Archäologiestudent. Er trägt Rollenkragenpullover, dunklen Mantel und einen Schnurrbart. Er sieht aus wie ein Berliner Hipster, aber er hat ganz andere Probleme. Yakar und Öczanli haben beide im Gezi-Park protestiert, sie sagen: gekämpft. 17 Tage Widerstand, vor zwei Jahren war das. Erst gegen die Bauarbeiter, die Bäume fällen wollten, bald gegen die regierende AKP und die Polizei, die im Namen der Regierung hart durchgriff. Yakars Mutter sah im Fernsehen, wie er sich den Wasserwerfern entgegenstellte. Sie rief ihn an, er solle Ruhe geben. Yakar hört nicht auf seine Mutter und kämpfte weiter.

Bis heute begehren Yakar und Özcanli fast täglich auf, die Universität ist ihre Protestbühne. Sie prangern fehlende Gelder für ihre Bibliothek und heruntergekommene Seminarräume an. Empören sich, dass sogar Toilettenpapier in der Uni fehlt, während sich Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan einen neuen Präsidentenpalast baut, mit mehr als tausend Räumen. Sie protestieren gegen die Privatisierung des alten Istanbuler Bahnhofs, fordern Reformen und mehr Freiheiten, und müssen sich nun auch noch gegen die Angriffe der IS-Sympathisanten zur Wehr setzen. Gegen Männer, denen es zuwider ist, dass andere junge Menschen für Freiheit und Demokratie kämpfen und sich das Recht herausnehmen, eine andere Meinung zu haben.

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IS-Fahnen im Buchladen

Auch darum sind es angespannte Tage an den türkischen Universitäten, nicht nur in Istanbul, sondern auch in Ankara und in der Region Diyarbakir, wo es Schlägereien zwischen Studenten und radikalen Islamisten gab. Özcanli, Yakar und ihre Kommilitonen warben mittlerweile um Unterstützung, sie starteten eine Petition an den Rektor: "Wir, die Studenten der Istanbul Universität, wurden Opfer der Aggression von IS-Unterstützern." Über 900 Studenten unterzeichneten, Politiker der Oppositionspartei CHP solidarisierten sich mit ihnen. Von der Uni-Leitung sei aber "rein gar nichts" gekommen, sagt Yakar, Bitten um Hilfe seien unbeantwortet geblieben. "Also müssen wir uns selbst gegen die Islamisten verteidigen", sagt Yakar. "Einige der Angreifer studieren ebenfalls an der Uni, andere kommen von außen. Sie nennen sich Müslüman Gençlik, Muslimische Jugend. Sie wollen die Macht über die Hergele gewinnen, und wir wollen sie nicht hergeben."

"Hergele" ist der Spitzname der Uni-Eingangshalle, sie ist das Herz der Universität. Hier Präsenz zu zeigen, darauf zielen alle politisch aktiven Studenten ab. Die "Hergele" ist eine prächtige Halle, schlank, hohe Säulen, die Fensterfronten reichen bis unter die Decke in 15 Metern. An den Wänden Fackelhalter, aus denen jetzt Glühbirnen Licht an die Wand werfen.

Wie explosiv die Stimmung auf dem Campus ist, kann man nicht nur in der Hergele, sondern auch während eines Spaziergangs im Viertel merken. Manch einer versucht, Kapital aus dem Konflikt zu schlagen. Ein alter Mann hat eine Decke ausgebreitet, es liegen aus: Lupen, Taschenrechner, Schraubenzieher - und Pfefferspray, Schlagringe, Schlagstöcke, Klappmesser. Alles für wenige Lira zu kaufen. Das könne heutzutage doch jeder gebrauchen, sagt der Händler. Auch Studenten würden bei ihm einkaufen. Etwas entfernt, im Buchladen "Küresel Kitap", gibt es nicht nur Lesestoff, sondern auch Pins und Fahnen mit dem Logo des "Islamischen Staates". Im Regal stehen Bücher von Osama Bin Laden und weiteren islamistischen Führern.

Ungewissheit und Angst vor Radikalen

Das Schicksal des IS entscheidet sich auch in Istanbul, zumal es Berichte gibt, nach denen die Terrororganisation in den Außenbezirken der Stadt rekrutiert. Über 3000 türkische Männer und Frauen sollen mittlerweile über die Grenze gegangen sein und sich in Syrien und dem Irak dem IS angeschlossen haben. Dazu zogen Tausende Islamisten aus Europa los, um für den IS zu kämpfen, ihr Weg führte sie oft über den Flughafen Istanbul.

Keiner weiß nun so genau, was passieren wird, aber einige Studenten rechnen mit dem Schlimmsten - auch weil Ende Dezember eine linke Gruppe weitere Ausschnitte einer sozialistischen Zeitung an die Wände der Hergele klebte. "Der IS-Terror schürt Angst", "Religiöse Gewalt ist kein Schicksal", "Die Religion ist das Gift der AKP und des IS" ist darauf zu lesen. Erneut ein Protest gegen den IS, erneut eine Provokation. Und plötzlich waren wieder die Männer da. Hängt es ab, sagten sie. Oder wir kommen.

Seitdem bangen die Studenten, sie befürchten, dass die Attentate von Paris ihre Gegner noch einmal ermutigen, radikaler gegen sie und andere Andersdenkende vorzugehen.

Terror beginne nicht, wenn Menschen sterben, sagt Yakar. Es müsse kein Blut geben, keine Explosionen. Es reiche die Angst davor zu sagen, was man denkt.

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1. Kulturkampf
5michael5 25.03.2015
Er fand schon seit Menschengedenken statt. Hüten wir uns allzu nervös zu werden. Trotzdem müssen wir ab und zu stehen bleiben: Um eine Gegemacht zu bilden gegen Wahn und Fanatismus.
2. Studenten verhaften...
Teddi 25.03.2015
obwohlsie sich nur gegen Angriffe wehrten. aus verdrehten Gründen verhaften... das sichere Zeichen einer Diktatur, und nicht einer Demokratie. Das ist sowieso auch noch so eine beliebte Verdrehung: Nur weil ein Staatsoberhaupt angeblich vom Volk gewählt wurde, ist das noch lange keine Demokratie, wie wir in vielen der heutigen angeblichen Demokratien beobachten können. Und dann noch mindestens eine ganz offensichtliche Duldung der Dschihadisten... Bei diesem Erdogan wundert mich inzwischen auch schon überhaupt nichts mehr.
3. Erdogan als Unterstützer der IS
wahrheit29 25.03.2015
Kein Wunder dass solche Dinge in der Türkei passieren symphatisiert und unterstützt doch Erdogan heimlich die IS und hält diesem Terrorverein den Rücken frei.
4. Wehrhaftigkeit
karend 25.03.2015
"Terror beginne nicht, wenn Menschen sterben, sagt Yakar. Es müsse kein Blut geben, keine Explosionen. Es reiche die Angst davor zu sagen, was man denkt." Und die Unileitung unternimmt nichts. Viel Erfolg und Kraft den Studenten. Hoffentlich erhalten sie bald notwendige Unterstützung.
5. zweckentfremdetes Logo
indubioprorero 25.03.2015
man muss vor Augen halten, dass das Symbol bzw. Logo des IS schon Jahrhunderte alt ist. Es ist das Symbol des Propheten Muhammed und wird von extremistischen Gruppierung zweckentfremdet. Also darf eine Flage mit diesem Symbol nicht gleich als 'IS Support' gedeutet werden Bitte informieren sie sich besser über den Islam und deren Symbolen
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Titelbild
Heft 1/2015 Die bizarre Geschichte zweier Studenten, die ein wertvolles Bild gestohlen haben