Student im 13. Semester: "Eine Exmatrikulation käme ungelegen"

Andere machen in seinem Alter schon Karriere, Patrick Luzina studiert noch. Nun will ihn die FU Berlin rauswerfen. Der 32-Jährige versteht die Aufregung nicht: Früher seien zwölf Semester ganz normal gewesen. Er hat die Hochschule verklagt - und will jetzt Gas geben.

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dpa

FU Berlin: "Wer nicht zur Vorlesung geht, nimmt niemandem einen Platz weg"

SPIEGEL ONLINE: Sie studieren im 13. Semester Politik auf Diplom, die Regelstudienzeit beträgt neun Semester. Ihrer Uni sind Sie zu langsam. Deshalb will die FU Berlin Sie exmatrikulieren. Warum haben Sie nicht schneller studiert?

Luzina: Ich war drei Jahre lang Sprecher von Campusgrün, dem Bundesverband grüner Hochschulgruppen. Ich habe Bildungsstreiks und internationale Konferenzen organisiert, etwa 30 Stunden pro Woche war ich politisch engagiert. Nebenbei habe ich in einem Hotel gejobbt, um das Studium zu finanzieren. Da braucht man halt einen Moment länger. Manchmal habe ich nur einen Schein im Semester geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie geahnt, dass Sie deswegen von der Uni fliegen könnten?

Luzina: Nein, mir war nicht klar, dass ich so einen Druck bekommen würde. Als vor zwei Jahren absehbar war, dass ich die Regelstudienzeit überschreiten würde, habe ich gemeinsam mit einem Professor in einem Beratungsgespräch überlegt, wie es fixer gehen könnte. Ich habe unterschrieben, in zwei Semestern alle restlichen Seminare zu besuchen und Hausarbeiten abzugeben. Doch da hatte ich gerade mein Amt als Campusgrün-Sprecher angetreten.

SPIEGEL ONLINE: Von einer Exmatrikulation, falls Sie den Zeitplan nicht einhalten, war damals keine Rede?

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Luzina: Dass das die Konsequenz sein könnte, hatte mir niemand gesagt. Im Juni schickte die Uni einen Brief und wollte wissen, warum ich mit dem Studium nicht weitergekommen sei. Da drohte sie dann auch mit Exmatrikulation.

SPIEGEL ONLINE: Dass Langzeitstudenten seit der Umstellung auf Bachelor und Master an den Unis nicht mehr gern gesehen sind, ist aber bekannt.

Luzina: Ich bin doch kein Langzeitstudent! Ab doppelter Regelstudienzeit kann man vielleicht davon sprechen, aber doch nicht nach zwölf Semestern. Vor ein paar Jahren war es noch völlig normal, so lange für ein Diplom zu brauchen. Da hat das niemanden gejuckt. Ich verstehe die Aufregung nicht. Ich brauche höchstens noch drei bis vier Semester, jetzt gebe ich Gas.

SPIEGEL ONLINE: Wie macht die Uni Ihrer Meinung nach noch Druck auf Studenten, damit sie schneller studieren?

Luzina: Die FU hält Dozenten meines Wissens nach an, eine bestimmte Zahl von Studenten bei Klausuren durchfallen zu lassen. Kommilitonen erzählen mir, dass sie hier noch ein Referat halten und dort noch eine Hausarbeit abgeben müssen. Viel Freizeit bleibt da nicht. Wer so schnell studieren möchte, soll das tun. Aber wann entwickelt man dann bitte seine Persönlichkeit?

SPIEGEL ONLINE: Ist es merkwürdig, dass die meisten, mit denen Sie angefangen haben, schon längst ihren Abschluss gemacht haben?

Luzina: So ist das im Leben: Menschen kommen und gehen. Dafür habe ich viele neue Leute kennengelernt und ich habe immer gern studiert. Außerdem habe ich während meiner politischen Arbeit viel gelernt, was mich auch auf dem Arbeitsmarkt weiterbringen wird.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie, wenn die Uni Sie exmatrikuliert?

Luzina: Sie wollte das schon Ende September tun, aber ich habe dagegen geklagt und solange das Verfahren läuft, bleibe ich eingeschrieben. Ich habe mir noch keinen Plan B überlegt. Eine Exmatrikulation käme wirklich ungelegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten die Unis denn mit Studenten umgehen, die einfach nicht fertig werden?

Luzina: Die meisten Studenten bemühen sich doch, schnell ihren Abschluss zu machen. Ein paar Einzelfälle wollen vielleicht lebenslang an der Uni bleiben, aber dann sollen sie doch. Das Argument, dass Langzeitstudenten eine Menge Geld kosten, kann ich nicht nachvollziehen. Wer nicht in die Vorlesung geht, weil er nebenbei arbeitet oder Demos organisiert, nimmt doch niemandem einen Platz weg.

Das Gespräch führte Heike Sonnberger

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    An Deiner Uni müssen Sportstudenten ihre Basketbälle selbst mitbringen? Leihbücher verstauben unter dem Vermerk "bis 2031 ausgeliehen" bei Professoren im Büro? Ein Dozent verteilt die immergleiche Note, ohne die Arbeiten gelesen zu haben? Der UniSPIEGEL sucht nach Idiotien und Schildbürgerstreichen an deutschen Hochschulen: skurrile Zustände und Regeln, die das Lehren und Lernen unnötig erschweren und trotzdem nicht geändert werden. Schickt Eure absurden Aufreger bitte in Kurzform an uni-aufreger@spiegel.de

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Zur Person
  • Patrick Luzina
    Patrick Luzina, 32, studiert seit 2006 Politikwissenschaft auf Diplom an der FU Berlin. Seit einem halben Jahr arbeitet er außerdem für einen grünen Abgeordneten im Bundestag. Sein Amt als Sprecher von "Campusgrün" hat er Anfang September aufgegeben, um mehr Zeit für die Uni zu haben.

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