Student mit Gedächtnisverlust: Leben ohne Ich
Wie fühlt sich das an, wenn man nicht mehr weiß, wer man ist? Wenn man seine Mutter nicht mehr erkennt, seine Freunde, die Freundin? Wenn das eigene Spiegelbild einen Fremden zeigt? Lehramtsstudent Alexander ist genau das passiert - er verlor bei einem Unfall sein Gedächtnis.
Es war der 16. Juli 2008, ein warmer Sommertag in Marburg. Es ist das Datum, an dem sich Alexanders Leben in ein Vorher und ein Nachher spalten sollte.
Der 24-jährige Student, Sport und Geschichte auf Lehramt, geht zur Uni, eine Klausur steht an. Er will eine Straße überqueren, da rauscht ein Auto um die Kurve. Alexander weicht zurück, stolpert und knallt mit dem Hinterkopf auf den Bordstein.
Kann passieren, dass einer auf den Kopf fällt. Kann gut ausgehen, Platzwunde, Gehirnerschütterung, Übelkeit, mehr nicht. Profan eigentlich. Aber auch Tragödien beginnen profan.
Alexander stürzt also böse, fällt in Ohnmacht, wacht wieder auf. Und weiß dann nicht mehr, wie er heißt, wo er herkommt, wo er hinwill.
Alexanders Geschichte ist die Geschichte einer Amnesie, die nicht zu Ende geht. Die zeigt, wie fragil das Gehirn ist und wie mächtig es zugleich über das Sein bestimmt, das Sein erst ausmacht. Es ist aber auch, da ist Trost, die Geschichte eines Neuanfangs.
Alexander hat lange überlegt, ob er auch mit seinem Nachnamen und auf Fotos gut erkennbar im UniSPIEGEL erscheinen möchte. Er hat es dann abgelehnt. Er will nun, vier Jahre nach dem Unfall, neu anfangen, nicht mehr nur der Mann ohne Gedächtnis sein und nicht mehr so oft darüber sprechen müssen, was ihm widerfahren ist. Er möchte, dass ihm die Menschen unvoreingenommen begegnen.
Im Krankenhaus: "Wie heißen Sie?"
Nach dem Sturz ist Alexander mehrere Minuten bewusstlos, dann holen ihn herbeigerufene Sanitäter aus der Ohnmacht. "Wie heißen Sie?", fragen sie ihn. "Was ist passiert?" "Was für ein Tag ist heute?" Alexander kann keine Antworten geben, er kennt sie nicht. Vorübergehender Gedächtnisverlust als Folge einer Gehirnerschütterung und eines Schädelhirntraumas, diagnostizieren die Sanitäter. Sie irren.
In der Marburger Uni-Klinik bemühen sich die Ärzte, den Patienten zu beruhigen. Starker Schwindel, Übelkeit und Amnesie seien normal bei solchen Verletzungen. Die verschwänden üblicherweise nach einigen Stunden, heißt es. Alexander ist erleichtert. Die Computertomografie ergibt keine Auffälligkeiten. Sein Gehirn scheint okay.
Eine Schwester kümmert sich um ihn. Als sie für ein paar Minuten das Zimmer verlässt, ist Alexander das erste Mal nach dem Unfall allein. Ruhe im Zimmer, gelegentlich leise Schritte auf dem Flur. Er geht zum Spiegel. Und sieht einen Mann, den er nicht kennt. Nicht das lange dunkelblonde Haar, nicht die starken Schultern, nicht die Augen, die ihn jetzt anschauen. Er ist nicht mehr er. "Das war das seltsamste Gefühl überhaupt", erinnert er sich heute.
Der Freund: "Ich habe ihm erzählt, was er macht"
Die Ärzte wollen herausfinden, um wen es sich bei ihrem Patienten handelt. Sie durchsuchen Alexanders Rucksack und finden sein Portemonnaie, darin ein Personalausweis. Alexander bewohnt ein Zimmer im Haus einer Studentenverbindung.
Dort lebt auch Serkan, ein Freund, Medizinstudent, er hatte im Laufe des Tages bereits mehrmals versucht, Alexander anzurufen. Als am Abend das Gemeinschaftstelefon klingelt, ist Serkan als Erster am Hörer. Die Klinik ist dran. Alexander habe einen Unfall gehabt, aber es gehe ihm den Umständen entsprechend gut. Er sei bei Bewusstsein. Ob jemand in die Klinik kommen könne?
Serkan macht sich sofort auf den Weg. Den Anruf bei Alexanders Familie, die zwei Stunden entfernt von Marburg wohnt, verschiebt er zunächst, "ich wollte erst sehen, was los ist". Im Krankenhaus trifft er Alexander im Wartezimmer. "Er saß dort mit einem Röntgenbild in der Hand. Er sah aus wie immer, kerngesund." Serkan läuft auf seinen Freund zu. "Servus Alex!", sagt er. Alexander schaut ihn an. Erkennt ihn nicht.
Serkan bemüht sich, Vertrauen herzustellen. Sie sitzen im Wartesaal der neurologischen Abteilung auf unbequemen Stühlen und versuchen, Alexanders Leben zu rekonstruieren.
"Ich habe ihm erzählt, was er macht, wo er herkommt, wer wir sind." Nichts. Alexander erinnert sich an nichts, eine ganze Stunde lang geht das so. Dann tut sich etwas. Es ist nur ein Gefühl, etwas Vages. Er spürt plötzlich, dass dieser Mensch ihm einmal etwas bedeutete, dass er ihm irgendwie wichtig war.
"Ich kann es nicht richtig erklären", sagt Alexander. "Man spricht ja immer vom Band der Freundschaft. Vielleicht geht das nicht kaputt." Diese Wahrnehmung wird ihn ab jetzt begleiten, sie erscheint ihm wie eine Gabe. "Nach dem Unfall haben sich viele Leute bei mir gemeldet, mir geschrieben oder mich auf der Straße oder an der Uni angesprochen und so getan, als wären sie meine Freunde. Ich habe irgendwie gefühlt, dass das bei den wenigsten der Fall war", sagt er.
Die Mutter: "Er hat mich angeschaut, als wäre ich irgendeine Unbekannte"
Am Morgen nach dem Unfall kommt seine Mutter zu Besuch. Serkan hatte sie am Abend noch angerufen. Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen. An ihrer Seite: eine der beiden Schwestern von Alexander und seine Freundin. Alex sitzt im Bett und blättert in einer Zeitschrift, als sie das Zimmer betreten. Er freut sich nicht. Erkennt sie nicht. Vorsichtig setzen sich die drei zu ihm, seine Mutter will ihn umarmen. Er schreckt zurück. Fremde Frau. Zu nah.
"Die drei haben nur geweint", daran erinnert sich Alexander, es ist ja sein neues Leben, in dem das Gedächtnis wieder funktioniert, "sie mussten das Zimmer immer wieder verlassen. Da habe ich das erste Mal begriffen, dass das, was passiert ist, für mein Umfeld schwieriger zu ertragen ist als für mich selbst."
Für Alexanders Mutter ist es der "schlimmste Tag ihres Lebens". Vom eigenem Kind nicht erkannt, gar zurückgewiesen zu werden, das sei eine furchtbare Erfahrung. "Er hat mich angeschaut und mit mir gesprochen, als wäre ich irgendeine Unbekannte. Dass er mich nicht gesiezt hat, hat mich gewundert", erzählt sie.
Dennoch verbringt sie jeden Tag mehrere Stunden im Krankenhaus, versucht, die Nähe zu ihrem Sohn wieder aufzubauen. Die Prellung am Hinterkopf ist bereits ein paar Tage später nur noch eine Schwellung, doch Alexanders Gedächtnis will nicht zurückkehren.
Noch machen ihm die Ärzte Hoffnung. Einige Tage Amnesie seien nicht ungewöhnlich nach einem solchen Sturz, keine Angst, wird schon, Kopf hoch. Alexander glaubt ihnen nicht. "Der Tag, an dem ich das gespürt habe, war furchtbar. Es war die dritte Nacht im Krankenhaus, und ich stand eine halbe Stunde im Bad und habe geweint. Ich fühlte mich so hilflos."
Die Diagnose: körperlich gesund
Alexander bleibt zehn Tage im Krankenhaus. Als er entlassen wird, gilt er körperlich als gesund. Die Ärzte können nichts mehr für ihn tun. Regelmäßige Treffen mit einer Psychologin sollen ihm in den kommenden Wochen helfen, den Unfall zu verarbeiten und ins Leben zurückzufinden. In ein neues Leben. Auch die Ärzte signalisieren ihm jetzt: Es ist vielleicht eine dauerhafte Amnesie, alles, was vor dem Sturz auf die Bordsteinkante passierte, ist ausgelöscht und wird es vermutlich bleiben.
Zwar ist Alexanders prozedurales Gedächtnis, in dem Fähigkeiten wie Lesen, Laufen und Fahrradfahren verankert sind, nicht vom Unfall beeinträchtigt worden. Auch sein Allgemeinwissen ist noch da, er weiß, dass Angela Merkel Kanzlerin ist und ein Delfin kein Fisch. Doch sein episodisches Gedächtnis, das ist weg. Autobiografische, persönliche Erlebnisse sind ausgelöscht. Als wären sie nie passiert, als hätte jemand in seinem Hirn den "Delete"-Knopf gedrückt. Der erste Schultag? Weg. Der erste Kuss? Weg. Die erste Liebe? Weg. Alles weg. Alexanders Leben ist gelöscht. Er ist gelöscht. Es bleibt: der Wille zu überleben. Dazu muss sein Selbst, irgendein Selbst auferstehen, für das es sich zu leben lohnt.
Der Hirnforscher
Was mit Alexander geschah, ist äußerst selten. Der Psychologe und Gedächtnisforscher Hans Markowitsch von der Uni Bielefeld behandelte bisher deutschlandweit 50 Patienten mit dauerhafter Amnesie. Er geht davon aus, dass das Gedächtnis nicht verloren, sondern der Zugang blockiert ist - manchmal aufgrund eines traumatischen Erlebnisses, wie ein Unfall es sein kann. "Die Patienten haben eine lebensbedrohliche Situation erlebt und merken, dass sie sterblich sind. Sensible, stressanfällige Menschen reagieren darauf, indem sie die Erinnerung an ihr früheres Leben nicht mehr zulassen."
Wenn das stimmt, könnte das Gedächtnis theoretisch, Simsalabim, eines Tages komplett wieder da sein. Markowitsch hält das jedoch für unwahrscheinlich: "Je länger der Eintritt der Amnesie her ist, desto seltener wird die Rückkehr der Erinnerungen."
- 1. Teil: Leben ohne Ich
- 2. Teil: Die Rückkehr: Millisekunden aus dem Film seines Lebens
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