Junglehrer im Eignungstest: Casting für ein besseres Klassenzimmer

Von Anna Kistner

In Deutschlands Schulen arbeiten zu viele Lehrer, die nicht mit Kindern und Jugendlichen umgehen können. Experten fordern deswegen einen Eignungstest für angehende Lehramtsstudenten. Wie der aussehen könnte, zeigt die Uni Passau.

Draußen treten Turnschuhe nervös auf der Stelle herum, Schweißhände zerkneten Karteikarten.

Drinnen im Seminarraum 206 der Universität Passau sitzen fünf Lehrer, ehemalige Schulleiter, Professoren und Lehrstuhlmitarbeiter an einer langen Tischreihe. Vor ihnen steht eine große grüne Schultafel. Kamera eins läuft. Kamera zwei läuft.

Die Beobachter casten in den folgenden Stunden elf junge Menschen, darunter Florian, Katy und Constantin. Die drei Lehramtsstudenten nehmen an einem in Deutschland einzigartigen Eignungstest teil. Sie wollen wissen, ob sie vor der grünen Tafel richtig stehen. Ob sie das können: Lehrer sein.

Jedes Wintersemester schreiben sich fast eine Viertelmillion junge Leute für ein Lehramtsstudium an deutschen Hochschulen ein. Die einzige Zugangsbeschränkung ist die Abiturnote. "Aber aus einem guten Schüler wird nicht automatisch ein guter Lehrer", sagt Professor Norbert Seibert von der Universität Passau. Deswegen hat er am Lehrstuhl für Schulpädagogik einen Eignungstest entwickelt. Der funktioniert nach den Regeln eines Assessment-Centers: In Selbstpräsentation, Gruppendiskussion, Rollenspiel und Empathieübung achtet die Jury auf Körperhaltung, Sprachkompetenz und Einfühlungsvermögen. Nach jeder Übung verteilt sie Noten zwischen eins und sechs. Die Aufnahmen der Kameras sollen später im Studium die Fortschritte der Kandidaten dokumentieren.

Die Motivation der Studenten für den Lehrerjob und ihr Interesse an der Arbeit mit Schülern sind besonders wichtige Bewertungskriterien. Seibert sucht "Lehrer aus Überzeugung". Das größte Naturtalent kann an der Schule untergehen, wenn es statt Biologielehrer lieber Vogelkundler auf Neuseeland geworden wäre.

Florian ist 24, trägt neonfarbene Turnschuhe und im Gesicht einen Schnauzbart, der an einen Truckfahrer erinnert. Er hat eine Lehre zum Informatikassistenten abgeschlossen und spielt Schlagzeug in einer Band. Während er der Jury von seinen Hobbys erzählt, fixiert er die Karteikarte in seiner Hand.

Katy hat vor kurzem ihr Kunststudium in Köln abgebrochen. Sie ist 20 und will jetzt in Passau Grundschullehramt studieren. Sie ist klein, trägt eine große Brille und gibt sich Mühe, Blickkontakt zu halten.

Constantin ist 21 Jahre alt und war vorher Praktikant bei einem Musiklabel. Die Branche sei ihm aber "zu unsicher", deshalb schrieb er sich spontan für Lehramt an Hauptschulen ein. Mit dem Lehrertest sucht er Bestätigung für seine Entscheidung: "Gerade weil ich mir so viel anderes vorstellen kann."

Berufsberatung de luxe

Jeder vierte Lehramtsstudent in Deutschland wollte zu Beginn des Studiums nie Lehrer werden, wie Frankfurter Bildungsforscher bei einer Studie herausfanden. Über die Hälfte der Befragten hoffte auf ein einfaches Studium in Heimatnähe oder wünschte sich einen familienfreundlichen Arbeitsplatz. Sind das gute Gründe, um Lehrer zu werden?

Der Passauer Test findet seit 2009 in den Wochen vor dem Vorlesungsbeginn statt, die Teilnahme ist freiwillig. Knapp die Hälfte der 120 Lehramtsstudierenden wagt in diesem Sommersemester den Auftritt vor der insgesamt zehnköpfigen Jury.

Constantin spielt in blauem Hemd und Jeans den Kumpeltyp. "Kennen Sie den Kultusminister von Bayern?", fragt Seibert streng. Die Antwort: "Keine Ahnung." Florian stellt er später dieselbe Frage und bekommt dieselbe Antwort. Immerhin punktet Florian mit Ehrlichkeit: "Draußen auf dem Gang rätseln wir schon alle darüber."

Seibert hat Kandidaten erlebt, die nach zwei Übungen flohen, weil sie die Belastung, von einer Gruppe ausgefragt zu werden, nicht aushielten. Dabei führt selbst ein negatives Testergebnis nicht zum Rausschmiss aus dem Studium. Seinen Eignungstest versteht Seibert als "Berufsberatung de luxe": die Guten in ihrer Entscheidung bestärken, den Ungeeigneten Alternativen zeigen. Finde eine Auswahl der Besten erst am Ende des Referendariats statt, seien "viele Referendare auf der Einbahnstraße Lehramt oft schon zu weit gefahren, um noch eine Kehrtwende hinzulegen", sagt Seibert.

Die Anforderungen an Lehrer sind gestiegen in den vergangenen Jahren. Immer häufiger müssen sie die Fehler von Eltern ausbügeln. Viele Pädagogen bringt das an ihre Grenzen. Laut Statistischem Bundesamt ging 2010 jeder fünfte Lehrer in Deutschland aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand, über die Hälfte davon wegen psychischer Beschwerden.

Wie gut versteht der Kandidat andere Menschen?

Bildungsforscher haben herausgefunden, dass sich schon im Studium abzeichnet, wer später scheitern wird: die Verlegenheitsstudenten. Lehramtskandidaten, die nie Leidenschaft für ihren Beruf empfunden haben und deswegen schneller an Burnout leiden.

Florian wird in den Seminarraum gerufen.

"Haben Sie Vorbilder?"

"Ja, den Schlagzeuger von Iron Maiden."

"Warum wollen Sie Hauptschullehrer werden?"

"Es ist der sicherste Job der Welt."

Für die Beobachter klingt seine Antwort nach Notlösung. Schon länger fordert daher der Deutsche Philologenverband, dass jeder Lehramtskandidat gecastet wird. Baden-Württemberg hat bereits im Wintersemester 2010 einen Online-Selbsttest für Studienanfänger eingeführt. Die Bundesländer Bremen, Hessen und Nordrhein-Westfalen empfehlen Lehramtsinteressenten den 20-seitigen Fragebogen "Fit für den Lehrerberuf?" des Deutschen Beamtenbundes. Und auch die Berliner Bildungssenatorin denkt derzeit über Eignungstests für Lehrer nach.

Langfristig lassen sich Kosten sparen, wenn sich offensichtlich ungeeignete Lehramtsstudenten frühzeitig für eine andere Karriere entscheiden; Studierende, die dem Druck im Klassenraum später mit großer Wahrscheinlichkeit nicht standhalten würden.

So betrage der Schaden, den frühpensionierte Lehrer dem Freistaat Bayern bescheren, jedes Jahr 250 Millionen Euro, sagt Seibert. Kein Wunder, dass er deswegen schon Mitarbeiter des Finanzministeriums zur Test-Besichtigung locken konnte. Unterstützung vom bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle bekommt er allerdings noch keine: Ein Eignungstest könne nur den Ist-Zustand einer Person beschreiben, Erstsemester würden sich aber im Laufe eines Studiums entwickeln, sagt Spaenle.

Die wichtigste Prüfung in Passau ist die Empathieübung. Die elf Kandidaten bekommen eine Szene aus einer Dokumentation über eine Hauptschule gezeigt. Zu sehen ist eine Lehrerin, die einen aufmüpfigen Schüler aus dem Unterricht werfen will. Der weigert sich zu gehen. Es wird gedroht und geschrien, einzelne Worte sind kaum zu verstehen. Die Studenten sollen nacheinander in die Rolle des genervten Schülers, der aufgebrachten Lehrerin und der enttäuschten Eltern des Schülers schlüpfen. Die Beobachter wollen sehen: Wie gut versteht der Kandidat andere Menschen? Kann er Perspektiven wechseln, Gefühle benennen?

"Zeigen Sie Emotionen!"

Außer Katy, die ohne Hemmungen drauflosplappert und eine Null-Bock-Schülerin darstellt, kommt kaum ein Kandidat aus seiner Haut. Constantin versenkt seine Hände in den Hosentaschen und sagt, das Video mache ihm Angst. Seibert eilt ihm zu Hilfe. "Zeigen Sie Emotionen!" Constantin lässt sich von Seibert nicht provozieren: "Ich schreie kein Kind an." Er wirkt in Seiberts Augen zu kontrolliert.

Florian, dem Schlagzeuger, versagt beim Empathietest die Stimme. Sprachlos steht er vor den Prüfern. Später sagt er: "Das war ein Schock." Er will trotzdem nicht den Traum vom Lehrerberuf aufgeben.

Etwa 15 Prozent der Teilnehmer wird nach dem Eignungstest nahegelegt, die Finger vom Lehramtsstudium zu lassen. Seibert sagt: "Wenn alle Studenten am Test teilnähmen, wären bis zu 40 Prozent ungeeignet."

Florian geht mit einem "mulmigen Gefühl" in das Abschlussgespräch. Im zweiten Rollenspiel des Tages sollte er eine verstockte Grundschülerin - gespielt von einer Uni-Mitarbeiterin - dazu bringen, ihm ihr Herz auszuschütten. Sein hingemurmeltes Niederbayerisch war kaum zu verstehen. Als er nicht weiterwusste, drohte er der Schülerin, ihre Eltern anzurufen. Die Beobachter fanden das pädagogisch nicht wertvoll - ermutigten Florian aber, seinen Dialekt nicht ganz abzulegen. Das könne ein Mittel sein, um das Vertrauen von Schülern zu gewinnen.

Die Prüfer bemühen sich, die "Stärken und Entwicklungsmöglichkeiten" der Kandidaten herauszustellen, und meiden Wörter wie "Schwäche". Trotzdem bekommt Florian keine Empfehlung für den Lehrerberuf. Er müsse sich bewusst sein, dass er an einer Hauptschule "jeden Tag Grenzerfahrungen" mache, sagen die Beobachter.

Bei Katy fällt das Urteil der Beobachter eindeutig positiv aus. "Sie werden eine tolle Lehrerin. Ich wäre gern Schüler bei Ihnen", sagt Seibert. Sie werde sich vor einer Klasse behaupten können. Katy verlässt den Raum rot vor Glück.

Auch Constantin freut sich über das Prädikat "authentisch". Allerdings sei er etwas zu rational, haben die Prüfer gesagt. Constantin findet dennoch, es sei "kein Fehler, den Lehrerberuf mal auszuprobieren". Er könnte ein guter Lehrer sein, glaubt er. Die Frage ist, ob er mit dem Beruf glücklich wird.

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1. Prozentsätze
seikor 18.06.2012
wieso ändert sich eigentlich der Prozentsatz der ungeeigneten Lehramtsstudendenten von 15 auf 40%, wenn sich die Anzahl der überprüften Studenten vergrößert? Ich hätte lieber ein paar frühe Fehlentscheidungen der Auswahljury, als hinterher 40% ungeeignete Lehrer, von denen sich vielleicht noch einige entwickeln. Um die täte es mir zwar leid, aber solange keine andere Möglichkeiten gegeben werden... (Anreize für engagierte Lehrer, unterschiedliche Gehälter für unterschiedlich qualifizierte Lehrer usw. - kann doch nicht sein, dass ein engagierter hervorragender Lehrer auf den Euro dasselbe verdient, wie einer, der mittags zum Baden geht und nur Minimalprinzip lebt...)
2. Lehrer?
zufriedener_single, 18.06.2012
Ich habe das mal für ein Jahr gemacht: Vertretungslehrer (Quereinsteiger) (Mathe, Informatik) in den Klassen 10 und 11 an einer Gesamtschule. Mein Fazit: Nie Wieder! Für den Beruf des Lehrer reicht Fachwissen nicht aus. Was wirklich benötigt wird, sind Drillsergeants aus der Army, um die Kids mal richtig zu schleifen! Jede Schule sollte ihren eigenen Steinbruch habe zu dem die lernrenitenten, pupertierenden Jugendlichen geschickt werden. Dort sollen sie einfach bis zum Erbrechen solange Steine klopfen, bis sie darum betteln wieder am Unterricht teilnehmen zu dürfen. Wenn 80% der Schüler der Ansicht sind, daß Schule der "Freizeitkiller #1" ist, dann läuft gewaltig was schief. Abgesehen davon halte ich unser dreigliedriges Schulsystem und die Lehrpläne für menschenverachtend, aber das ist ein anderes Thema...
3.
Zitrone! 18.06.2012
Zitat von seikorwieso ändert sich eigentlich der Prozentsatz der ungeeigneten Lehramtsstudendenten von 15 auf 40%, wenn sich die Anzahl der überprüften Studenten vergrößert? Ich hätte lieber ein paar frühe Fehlentscheidungen der Auswahljury, als hinterher 40% ungeeignete Lehrer, von denen sich vielleicht noch einige entwickeln. Um die täte es mir zwar leid, aber solange keine andere Möglichkeiten gegeben werden... (Anreize für engagierte Lehrer, unterschiedliche Gehälter für unterschiedlich qualifizierte Lehrer usw. - kann doch nicht sein, dass ein engagierter hervorragender Lehrer auf den Euro dasselbe verdient, wie einer, der mittags zum Baden geht und nur Minimalprinzip lebt...)
Weil der beschriebene Test freiwillig ist und nur die hingehen, die sich gewisse Chancen ausrechnen! Ich bin allerdings skeptisch, ob hier wirklich die entscheidenden Eigenschaften abgeprüft werden. Vielleicht sollte man lieber mehr Sozialarbeiter, Psychologen usw. einstellen und den Lehrern das Lehren überlassen - so altmodisch das klingt.
4. Angehende Studenten gehen's an.
cassandros 18.06.2012
Zitat von sysopMarkus BurkeIn Deutschlands Schulen arbeiten zu viele Lehrer, die nicht mit Kindern und Jugendlichen umgehen können. Experten fordern deswegen einen Eignungstest für angehende Lehramtsstudenten. Wie der aussehen könnte, zeigt die Uni Passau. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,838190,00.html
Zuvorderst drängt sich die Frage auf, ob man bei angehenden LA-Stundenten, sprich Abiturienten im Alter von ca. 19 Jahren, die noch nicht einmal Erstsemester sind, schon mit hoher Sicherheit feststellen kann, wer dereinst nach abgeschlossener Hochschulausbildung Jahre später mit Kindern und Jugendlichen umgehen kann, ... und wer nicht. Wenn das schon vor der Einschreibung festgestellt werden kann, muss man fragen, wozu der Lehramtler jahrelang noch Pädagogik studieren muss? Scheinbar scheint das ja am Ende nicht viel Effekt zu haben. Oder? Das riecht wieder nach einer arg realitätsfernen Unternehmung, die sich irgendein Oberregierungsrat im Unterrichtsministerium ausgedacht hat.
5. Das ist nix
harald0078 18.06.2012
Dank G8 haben wir Lehramtsstudenten, die mit 17 in Vorlesungen sitzen und nach 8 Semestern 21 Jahre alt sind. Großartig, so jemanden in die Schule zu stellen. Keinen Plan vom Leben. Dabei hören Schüler vor allem Lehrern zu, die etwas draufhaben und gute Leute sind, die als Vorbilder taugen. Der Test allerdings ist auch nix, denn tatsächlich ist es gar nicht so selten, dass die Lehrer, die in der Uni nix taugen hervorragende Lehrer werden. Denen sollte man diese Möglichkeit nicht nehmen. Und was das wichtigste ist - haben die Menschen, die diesen Test erstellt haben überhaupt selber eine Ahnung davon, was gute Lehrer ausmacht?
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