Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Leipziger Journalistik-Fehde: Immer mitten in die Presse

Von

Ein Student stellt das Buch eines Professors ins Netz, erhält dafür eine Abmahnung, der Streit eskaliert - Leipziger Kommunikationswissenschaftler stecken tief in einer Kommunikationskrise. Die Abteilung für Journalistik findet aus den Querelen nicht mehr heraus.

Campus der Uni Leipzig: Journalistik-Zwist mit harten Bandagen Zur Großansicht
ddp

Campus der Uni Leipzig: Journalistik-Zwist mit harten Bandagen

Einen Fehler habe er schon gemacht, das sehe er ein, sagt der Leipziger Student Roger Vogel. Er habe gedacht, es sei nichts dabei, als er das Buch "Medienfreiheit nach der Wende" einscannte und im Internet zum Download anbot. Es wurde zum Ausgangspunkt von Querelen, die derzeit das Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft, Abteilung Journalistik, an der Universität Leipzig erschüttern.

Bei der Kommunikation unter den Kommunikatoren gibt es jetzt schwere Turbulenzen. Journalistikprofessor Marcel Machill ist Mitherausgeber des Buches und sieht sich heftiger Kritik an seinen Lehrmethoden ausgesetzt. Das wertet er als "initiierte Medienkampagne" - langsam geht es auch um seine Reputation. Auch Medienwissenschaftler Machill kann nicht mehr zurück.

Was als Zwist um die unerlaubte Verbreitung von wissenschaftlicher Literatur begann, hat sich zu einem offenen Schlagabtausch zwischen Studenten, Hochschule und Machill ausgewachsen. Im Internet und in der Presse überziehen sich beide Seiten mit Vorwürfen und Kontern.

Ein Mann, ein Buch, ein Flachbettscanner

Die Urheberrechtsverletzung ist unstrittig. Für die illegale Buchverbreitung wird Student Roger Vogel am Ende wohl eine vierstellige Summe an Abmahngebühren zahlen müssen; auf eine Strafanzeige verzichtete der Verlag allerdings. Er habe "der Allgemeinheit einen Gefallen tun wollen", sagt Vogel SPIEGEL ONLINE - und eben nicht an die Konsequenzen gedacht.

Machills einführendes Buch, an dem sich ein offenbar schon lange schwelender Streit entzündete und das er als einer von drei Herausgebern publizierte, kostet 39 Euro und ist Pflichtlektüre für eine Klausur des Professors. Und nur dafür will Roger Vogel das Buch eingescannt haben. Angesichts von 343 Studenten der Einführungsveranstaltung und einer Erstauflage, die deutlich darunter lag, kam es beim Buch tatsächlich schnell zu Lieferschwierigkeiten - laut Verlag "eine Woche lang, weil es nachgedruckt wurde". Auch die 20 Bücher (nebst zwei Präsenzexemplaren) in der Universitätsbibliothek waren ständig ausgeliehen und somit kaum verfügbar.

"Bis auf das besagte Buch habe ich 90 Prozent der aufgeführten Literatur in einem Reader zusammengestellt", sagte Machill SPIEGEL ONLINE. "An dem Buch selbst verdiene ich keinen Pfennig, und es ist mir völlig egal, ob 10 oder 10.000 Menschen es lesen." Als Stellungnahme auf seiner Institutsseite ergänzt der Professor, er halte es aber "durchaus für vertretbar, dass sich Studenten für eine Grundlagen-Vorlesung ein bis zwei Bücher anschaffen".

Zitiert: "Keine Lust, meine Zeit mit irgendwelchen Studenten zu vertändeln"

Was es mit dem Streit zwischen Machill und Vogel auf sich hat und ob es nicht um mehr geht als um eine urheberrechtliche Dummheit, wollte ein Journalist der "Süddeutschen Zeitung" genauer wissen. Er schrieb, Machill habe sich nicht äußern wollen - und das Gespräch mit dem Satz beendet: "Ich habe keine Lust, meine Zeit mit irgendwelchen Studenten zu vertändeln."

Gegenüber SPIEGEL ONLINE bestreitet Professor Machill dieses Zitat. Er habe lediglich gesagt, "keine Interview-Zeit für Studenten zu vertändeln, die Urheberrechtsverletzungen begehen"; ansonsten aber investiere er "sehr gerne Zeit für Studenten". Der Journalist habe ihn falsch wiedergegeben.

Das aber schildert der "SZ"-Mitarbeiter, der als freier Journalist vor Jahren auch für SPIEGEL ONLINE geschrieben hatte, ganz anders: Das Telefonat habe nur knapp 30 Sekunden gedauert, Machill sei sofort zum Gebrüll übergegangen - "und es wäre auch schwierig, das Wort Urheberrechtsverletzungen zu brüllen", so der Journalist sarkastisch. Er habe den Professor korrekt zitiert.

Wortwörtliche Aussage oder nicht, es wäre eine Petitesse, hätte nicht just dieses Zitat den Studentenzorn richtig hochkochen lassen. Buch-Kopierer Roger Vogel gründete die Facebook-Gruppe "Causa Machill". Ein Mitglied schreibt, er habe "das Gefühl, ihr/wir wollen so schnell wie möglich Machill so oft wie mglich über die Medien ins die Fresse schlagen, dass die Uni nicht umhinkommt, was zu unternehmen?!" (Fehler wie im Original). Auch sonst kreist die Diskussion fast ausschließlich darum, wie man nun gegen Machill vorgehen könne.

Besonders streng sei Machill bei Fehlstunden, selbst eine Beerdigung sei keine ausreichende Entschuldigung für eine versäumte Seminarstunde, kritisieren Gruppenmitglieder. Machills Vorlesung sei hingegen "didaktisch nichts vorzuwerfen", sagt Vogel, der auf Facebook unter dem Pseudonym Roger Fågel schreibt.

"Zu dementieren gibt es wenig, zu differenzieren eine ganze Menge"

Die teils heftigen Anwürfe gegen den Professor erschienen in einer Gruppe, die man nur mit vorheriger Einladung einsehen konnte - doch auf der Web-Seite des Journalistik-Lehrstuhls wurden sie in Ausschnitten dokumentiert, eingerahmt von zwei länglichen Stellungnahmen Machills und einer missratenen Glosse ohne Autorennennung ("Post von Vågner"). Die Dokumente seien ihm von "Studenten, die sich von dieser Kampagne distanzieren, zugespielt" worden, so Machill. Weil er eine Medienkampagne gegen sich vermute, mache er die Facebook-Diskussion zu seiner Person öffentlich.

Ist alles, wie Machill glaubt, böse Intrige? Für die Uni jedenfalls ist die Kritik am Leiter des Lehrstuhls für Journalistik II nicht ganz neu: Prorektor Wolfgang Fach, zuständig für Lehre und Studium, sagte, Machill sei "einmalig, wir haben laufend Probleme mit ihm". So zitierte ihn die "Süddeutsche Zeitung". Es vergehe "praktisch kein Semester, in dem ich mich nicht mit der Causa Machill beschäftigen muss. Es fehlt mir leider der Löffel, um diesen Brei auszulöffeln."

Schon wieder falsch wiedergegeben - das zumindest behauptet Machill in einer Stellungnahme. In einer Erklärung der Uni sagt jedoch Prorektor Fach zu seinen eigenen deutlichen Worten: "Zu dementieren gibt es wenig, zu differenzieren eine ganze Menge." Er sei von einem Hintergrundgespräch ausgegangen - "sonst hätte ich, wie es üblich ist, ein Blatt oder auch mehrere vor den Mund genommen". An den Zitaten würde er "jedenfalls nicht herummäkeln", so Fach am Montag zur "SZ".

Comunicazione! Der Konflikt hätte sich leicht vermeiden lassen

Mehrere Kollegen sparen, ohne Nennung ihrer Namen, nicht mit Kritik an Machill: Seinem Fachbereich Journalistik fehle es grundsätzlich an einer klaren fachlichen Ausrichtung. Das Klima sei angespannt, Machill "diskussionsfreudig". Ein Kollege sagt über den streitbaren Professor, er setze zu sehr auf "reinen Wissenstoff", prüfe vorzugsweise "Bücher, die er selbst geschrieben hat", und thematisiere praktisches Journalistenhandwerk zu wenig.

Zu den Vorwürfen der Studenten und Kollegen sagte Machill SPIEGEL ONLINE, er bekomme "durchaus ein zweigeteiltes Feedback" auf seine Arbeit: "Ich bin vielleicht etwas altmodisch, aber ich möchte, dass die Studenten in meine Vorlesung kommen, zuhören und mitschreiben. Ich halte das für den besten Weg. Damit muss man leben." In einer Stellungnahme vom Montag ergänzte Machill, auch im "Häppchen-Zeitalter" des rasch durchgeklickten Internets müsse er als Universitätsprofessor "die Studenten dazu anleiten, sich intensiv mit Literatur zu befassen".

Aus der Ferne wirkt es wundersam, wie man in der Kommunikationswissenschaft untereinander kommuniziert - oder besser: übereinander. Machill hätte sich zügig direkt an den Studenten wenden können; der hätte sich zügig direkt für die Urheberrechtsverletzung entschuldigen können. Darauf haben beide verzichtet.

Pikante Pointe: Der Streit um illegale Veröffentlichungen war eigentlich völlig überflüssig. Was der Student und der Dozent nicht wussten, wie beide SPIEGEL ONLINE sagten: Das Buch "Medienfreiheit nach der Wende" stand die ganze Zeit zur Verfügung - nach Anmeldung auf der Seite paperC.de, denn der UVK-Verlag hatte es zum gebührenfreien Lesen oder zum kostenpflichtigen Download ins Netz gestellt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Beamtung
oli345 10.12.2010
Es ist bestimmt nicht gut, dass Professoren quasi unantastbar sind.
2. hmmm
kuriosos 10.12.2010
nun ja was sie dort unantastbar nennen nenne ich freiheit der lehre. sicherlich ist diese situation eine besondere, aber dafür, also den einzelfall, komplett alles was gut und richtig ist und gut funktioniert, über den haufen zu werfen halte ich für schlimmer. schlimmer zumindest, als das ein vermeintlicher depp mit seinem reaktionären gebaren davonkommt.
3. Streit um drei
angst+money 10.12.2010
Ein aus dem Ruder gelaufener Hahnenkampf.
4. ...
felisconcolor 10.12.2010
Es ist nicht gut das man als Student so dumm ist
5. .
alexbln 10.12.2010
der gute herr prof. -ehemals bertelsmann stiftung - da weiß man schon wie er an seine professur gekommen ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Der Test-Triathlon
Reuters; DPA
Jetzt kommt es knüppeldick: 50 Fragen zum Allgemeinwissen, 30 Fotos mit mehr oder weniger prominenten Menschen, dazu eine Textübung. Die Aufnahme an der Hamburger Henri-Nannen-Schule schafft nur, wer diesen Parcours mit Bravour absolviert. Schaffen Sie's?

Fotostrecke
Campus-Knigge: Benimmregeln für den Uni-Alltag

Wo geht's denn hier in den Journalismus?
"Irgendwas mit Medien..."
DPA
Für viele Abiturienten und Studenten ist Journalist ein Traumberuf. Rechtlich darf jeder sich so nennen - das garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes, die Pressefreiheit verbietet jede Reglementierung des Berufszugangs. In Deutschland gibt es rund 70.000 Journalisten, rund die Hälfte Freiberufler. Wer davon leben will, muss sein Handwerk lernen und beherrschen.
Der klassische Weg: Volontariat
Praxis pur verspricht das Volontariat - bei Zeitungen und Zeitschriften, in Online-Redaktionen, bei Radio und Fernsehen, privat oder öffentlich-rechtlich. Die Ausbildung dauert zwischen zwölf und 24 Monaten und ist meist durch Tarifverträge geregelt. Typischerweise fahren Volontäre Karussell: Sie durchlaufen verschiedene Ressorts ("Volo, du Amöbe, mach' du den Abendtermin!") und nehmen an Fortbildungen teil. Ein vorheriges Studium ist keine Pflicht - aber längst die Regel.
Der Königsweg: Journalistenschule
Viel Andrang, rare Plätze: Journalistenschulen sind ein Nadelöhr. Auch hier dominiert die Praxis. Es unterrichten gestandene Journalisten, in Praktika wird das Gelernte eingesetzt und ausgebaut. Die Ausbildung dauert in der Regel anderthalb bis zwei Jahre. Mal zahlen Journalistenschüler Gebühren, mal erhalten sie Geld.

Zu den wichtigsten Einrichtungen zählen die Henri-Nannen-Schule (Hamburg), die Deutsche Journalistenschule (München), die Berliner Journalisten-Schule, die Axel-Springer-Akademie und die Evangelische Journalistenschule (alle in Berlin). Die RTL-Journalistenschule (Köln) bildet speziell für TV-Berufe aus, die Electronic Media School (Babelsberg und Bremen) für Radio, Fernsehen und Internet. Die Holtzbrinck-Schule (Düsseldorf) und die Kölner Journalistenschule sind auf Wirtschaft spezialisiert.
Der Trampelpfad: Studium
Und wo bleibt die Theorie? Hier: Studiengänge in Journalistik oder Publizistik, Medien- oder Kommunikationswissenschaft gibt es an beinah jeder größeren Universität (siehe Hochschulkompass). Besonders bekannt sind die Journalistik-Studiengänge in Leipzig, Dortmund und München. Dort absolvieren die Studenten auch Pflichtpraktika - wer nur theoretisch weiß, wie eine gute Glosse entsteht, hat es schwer.

Was Chefredakteure der ganz alten Schule von den Absolventen halten? Sie rümpfen die Nase, rollen die Augen und raten: "Studieren Sie lieber etwas Handfestes, Jura oder BWL oder sogar Byzantinistik." Damit haben sie nicht unbedingt Recht, ein Medienstudium kann schon nahe an den Beruf heranführen. Trotzdem gehen Absolventen meist noch ins Volontariat oder in eine Journalistenschule - denn ein schickes Uni-Zeugnis allein beeindruckt im Journalismus niemanden. Erstklassige Arbeitsproben und sinnvolle Praktika schon.
Der Sonderweg: Rein ins Wasser, Schwimmen lernen
Was ebenfalls geht: Man wird Journalist, indem man's einfach ist - "Learning by doing" in Neudeutsch. Medienberufe sind offen für Autodidakten und Quereinsteiger mit krummen Biografien. Wer viel und gut schreibt, der findet auch seinen Platz. Praktika und Kontakte sammeln, sich als Experte für bestimmte Themen einen Namen machen, die Arbeit intelligent organisieren - und irgendwann fragt niemand mehr nach Ausbildung und Abschlüssen. Für das große Heer der freien Journalisten gilt das ohnehin, für Redakteursjobs nur bedingt. Da zählen bei der Einstellung auch formale Qualifikationen.