Von Lukas Eberle
Der Tisch, an dem sich Helge Meeuw täglich zehn Stunden über Bücher beugte, steht ganz rechts hinten im Lesesaal der medizinischen Bibliothek. Eine kleine Neonlampe spendet Licht, das Fenster ist gut 25 Meter entfernt. "Hier hatten wir unsere Ruhe", sagt Meeuw, "der Sobotta und ich."
Der Sobotta-Anatomie-Atlas ist 840 Seiten dick, das Biochemie-Buch von Löffler sogar mehr als 1200 Seiten. Schwere Kost. "Die Reaktionsabfolge des Zitratzyklus muss einfach gnadenlos rein in dein Hirn", sagt Meeuw. "Eine halbe Stunde essen, dann eine Kaffeepause und zurück an den Tisch. Die anderen verquatschen sich, aber das ist nichts für mich."
Die Vorbereitung auf das jüngst bestandene Physikum war die schwerste Zeit in Meeuws Studium. Am Ende kämpfte er sich durch Prüfungen in Biochemie, Anatomie, Physiologie, Psychologie, dazu Biologie, Chemie und Physik. Er ist stolz auf seine Note: eine Zwei. Meeuw will ein guter Student sein, er will in allem, was er anpackt, gut sein. So ist das bei Leistungssportlern. Es geht ums Gewinnen oder Verlieren, Bestehen oder Durchfallen. Meeuw will als Student nichts geschenkt haben, nur weil er eine Olympiahoffnung ist.
Seit 2006 studiert Helge Meeuw Medizin in Magdeburg. Gleichzeitig gilt der 26-Jährige als der beste Rückenschwimmer Deutschlands. Meeuw ist Europarekordler, hat eine Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften gewonnen und will bei seinen dritten Olympischen Spielen, 2012 in London, über sich hinauswachsen.
Seine beiden Biografien, die des Studenten und die des Sportlers, passen gut zueinander. Medizinstudenten und Schwimmer sind oft auf sich gestellt, beim Lernen und Trainieren. Sie müssen sich selbst motivieren, diszipliniert leben und ehrlich zu sich sein. Es ist das Gegenteil des Mantras von der Teamarbeit, das heute die Arbeitswelt beseelt. Firmen richten Großraumbüros ein, jeder muss jederzeit kommunizieren, und kreative Elitetrupps sollen die Probleme der Zukunft lösen.
Auch Individualisten können erfolgreich sein
Individualisten gibt es immer seltener. Dabei ist es genauso möglich, einsam erfolgreich zu sein. "Ich fühle mich manchmal allein", sagt Meeuw. "Aber das tut mir gut, so bin ich imstande, mehr zu leisten." Kontrolle über das eigene Leben zu haben, das ist ihm wichtig.
Seine Mutter, zwei Onkel und sein Großvater sind Mediziner. Meeuws Vater ist Lehrer. Es war immer klar, dass er studieren wird. Was genau muss wie und wo im Körper geschehen, damit ein Mensch einen Schritt macht? Was ist ein Gedanke? Was ist Schlaf? Diese Fragen interessieren ihn. "Wir wissen viel über die Mechanismen des Körpers", erklärt Meeuw, "aber warum er so funktioniert, das ist das Spannende." Er sei ein kritischer Geist, sagt er.
Seine Bücher trägt Helge Meeuw in einem Rucksack der Nationalmannschaft, an die Seite hat er einen Schlüsselanhänger gehängt, "Ich bin Sportler" steht darauf.
Beim Mittagessen in der Mensa fragt ein Kommilitone, ob Helge am Abend mit auf ein Konzert gehen wolle, irgendeine Hardrockband. Meeuw schüttelt den Kopf. "Mensch Helge", sagt der Kommilitone, "ich möchte dich dieses Jahr mindestens einmal besoffen sehen."
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