Dos und Don'ts beim Büffeln: Lerne lieber ganz gelassen

4. Teil: Dritter Fehler - Schlaf, Kindchen, schlaf!

Die junge Frau aus dem Seminar schlief aufgrund ihres Lernpensums kaum länger als vier Stunden pro Nacht. Das ist viel zu wenig, denn Lernen findet im Schlaf statt - nicht umsonst heißt es oft: Schlaf erst mal eine Nacht drüber.

Denn im Schlaf festigt das Gehirn die Gedächtnisinhalte und führt sie in den Langzeitspeicher über. Es benötigt dabei jene neuronalen Netzwerke, die tagsüber eingehende Informationen verarbeiten, das konnten Forscher in vielen Experimenten zeigen. Die Signale würden sich also in die Quere kommen, wenn beides gleichzeitig ablaufen würde.

Der Schlafforscher Jan Born, Direktor am Institut für Neuroendokrinologie an der Universität Lübeck, hat zusammen mit seinen Kollegen Probanden Vokabeln lernen lassen. Ein Teil der Versuchsteilnehmer durfte danach schlafen, die anderen mussten wach bleiben. Die Schläfer merkten sich die Vokabeln besser und behielten sie länger im Gedächtnis als die Vergleichsgruppe. Im Magnetresonanztomografen zeigte sich zudem, dass bestimmte Areale der Großhirnrinde beim Abfragen der Vokabeln bei ihnen aktiver waren als bei den Unausgeruhten.

Besser: Gehen Sie rechtzeitig ins Bett und gönnen sich ausreichend Schlaf, besonders am Tag vor der Prüfung. Wie viel ausreichend ist, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Der Wert schwankt - zum Teil erheblich - um acht Stunden herum. Schlafmangel hat einen ähnlich verheerenden Einfluss auf unsere Konzentrationsfähigkeit wie Alkohol.

Zahlreiche Experimente belegen, dass ein kurzer Mittagsschlaf eine positive Wirkung auf die Gesundheit und die geistige Leistungsfähigkeit hat. 10 bis 20 Minuten reichen aus; länger wäre sogar schädlich, denn es beeinflusst den Nachtschlaf negativ. Fast alle Menschen fallen am frühen Nachmittag, ungefähr zwischen 13 und 15 Uhr, in ein Leistungstief - es wäre also besser, in diesem Zeitraum keine geistig herausfordernden Aufgaben lösen zu müssen.

Da das Gehirn während des Schlafs für diese Schwerarbeit Energie benötigt, greift es auf den Glukosespeicher in der Leber zurück. Dieser leert sich über Nacht. Sie sollten ihn durch ein Frühstück aus Obst und kohlenhydratreicher Kost wieder auffüllen, denn ohne eine ausreichende Glukoseversorgung können sie am Morgen keine geistigen Hochleistungen vollbringen.

Genau genommen hat die junge Frau noch einen vierten Fehler begangen. Einem ähnlichen Fehler erliegen viele Studierende, wenn sie an einem schönen Tag ins Schwimmbad gehen und dort für eine Prüfung lernen. Wissenschaftler haben festgestellt, dass man sich in der Umgebung, in der das Wissen abgespeichert wurde, leichter an dieses Wissen erinnert. Forscher hatten dazu in einem Experiment Probanden gebeten, Wortlisten beim Tauchen auswendig zu lernen. Es stellte sich heraus, dass die Teilnehmer sich später unter Wasser an mehr Wörter erinnern konnten als an Land. Im Schwimmbad zu lernen, bietet sich also nur an, wenn man die Schwimmmeister-Prüfung pauken will.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Mein Profil
air plane 25.04.2012
Zitat von sysopKurz vor der Klausur büffeln viele Studenten Tag und Nacht - dabei wissen Hirnforscher längst, wie wenig das tatsächlich nützt. Buchautor Markus Reiter zeigt die drei größten Fehler beim Lernen auf - und erklärt wie sie sich vermeiden lassen. Dos und Don'ts*beim Büffeln: Lerne lieber ganz gelassen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,828738,00.html)
Lerntechniken, Didaktik; Pädagogik überhaupt: Mir scheint (eigene Erfahrung) an deutschen Bildungseinrichtungen, beginnend bei der Grundschule, gibt es da große Defizite. Gelangen Erkenntnisse der Art, wie im Artikel beschrieben, eigentlich nicht in die Institutionen? Den einzigen guten Unterricht, an den ich mich erinnern kann, anschaulich, strukturiert und zielführend, war, als ich meinen Segelschein gemacht habe.
2. Kein Titel
ohne_sorge 25.04.2012
Da ist man in Deutschland mit der Einführung von Bachelor und Master ja gerade in die andere Richtung gerannt. Viel in kurzer Zeit lernen und danach viel vergessen ist ja genau das deutsche System geworden. Herzlichen Glückwunsch an unsere Bildungspolitiker!
3. Englisch - man muß es können
_christoporus_ 25.04.2012
Do's and Don'ts
4.
Mr_Weed 25.04.2012
> Genau genommen hat die junge Frau noch einen vierten Fehler begangen. [...] Wissenschaftler haben festgestellt, dass man sich in der Umgebung, in der das Wissen abgespeichert wurde, leichter an dieses Wissen erinnert. D. h. man soll immer im Prüfungsraum lernen oder genügt da schon die Ähnlichkeit von Räumen?
5.
OlGa 25.04.2012
Zitat von ohne_sorgeDa ist man in Deutschland mit der Einführung von Bachelor und Master ja gerade in die andere Richtung gerannt. Viel in kurzer Zeit lernen und danach viel vergessen ist ja genau das deutsche System geworden.
Ich glaube, das war mit dem "schnell lernen, schnell vergessen" nicht gemeint. Naja, selbst wenn es hier einen Bezug gäbe, würde ich unsere Bildungspolitik nicht an einem einzigen Spiegel-Artikel festmachen oder zu Fall bringen.
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Zur Person
  • die arge lola
    Markus Reiter gibt Seminare für klares und verständliches Deutsch und hält Vorträge zur Hirnforschung. Er lebt als Publizist in Stuttgart. In seinem neuen Buch "Schlaue Zellen. Das Neuro-Buch für alle, die nicht auf den Kopf gefallen sind" gibt er Tipps, wie man neurowissenschaftliche Erkenntnisse im Alltag nutzen kann.

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