Lernen unter Druck: Studenten setzen auf Leistung statt Eile

Forscher haben den Studenten den Puls gefühlt und festgestellt: Einen schnellen Abschluss finden viele nicht mehr ganz so wichtig. Das allerdings ist kein Ausdruck neuer Gelassenheit. Die Nachwuchs-Akademiker setzen in ihrer vollgepackten Ausbildung nur andere Prioritäten.

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Jens-Ulrich Koch/dapd

Studenten am schwarzen Brett: Wie komme ich durch mein Studium?

Entspannung ist an den Unis eingekehrt, jedenfalls ein bisschen - oder sieht es nur so aus? Eine neue Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums legt die Vermutung nahe, dass sich Studenten wieder etwas mehr Zeit lassen. "Die Wichtigkeit eines schnellen Studienabschlusses hat für die Studierenden wieder abgenommen", heißt es im "11. Studierendensurvey", einem regelmäßig durchgeführten Blick in die studentische Seele.

Für die Studie haben Forscher der Universität Konstanz im Wintersemester 2009/2010 rund 28.000 Fragebögen an Studenten von 25 Hochschulen geschickt. Rund 7500 ausgefüllte Fragebögen kamen zurück und konnten ausgewertet und mit anderen Untersuchungsergebnissen kombiniert werden.

Aber wie kommt es, dass die Studenten trotz Bachelordruck nicht mehr ganz so sehr durchs Studium hetzen? Noch im letzten Jahr zeigte sich, wie gestresst viele sind. Und jetzt die neue Gelassenheit?

"Arbeitseifer hat kontinuierlich zugelegt"

Es "mag damit zusammenhängen, dass erforderliche Zusatzqualifikationen, wie ein Auslandsaufenthalt, der Erwerb fachfremden Wissens oder Fremdsprachenkenntnisse, in einer engen Regelstudienzeit nicht zu bewältigen sind", schreiben die Studienautoren. Das klingt nicht so, als sei das große Chillen ausgebrochen. Die Studenten haben lediglich akzeptiert, dass nicht alles gleichzeitig geht. Praktikum in Indien, Bewerbungstraining, Ungarisch-Kurs, Konferenzen, Wettbewerbe, Studienreisen - all das lässt sich nur schwer in die Bachelor-Regelstudienzeit quetschen.

Zumal die Forscher auch feststellen: "Der eigene Arbeitseifer hat kontinuierlich zugelegt." Zur Jahrtausendwende war demnach nur ein Viertel der Studenten bereit, sich voll ins Studium zu knien. Jetzt ist es mehr als ein Drittel. Gut ein Viertel der Uni-Studenten gab sogar an, mehr Lehrveranstaltungen zu besuchen, als laut Studienordnung nötig sind. "Die strikteren Regelungen in den neuen Studiengängen und das umfangreiche Stoffvolumen zwingen die Studierenden zu einem erhöhten Einsatz, vor allem, wenn die Examensnote und die Zusatzqualifikationen an Bedeutung gewinnen." Von Gelassenheit kann also keine Rede sein, die Studenten schätzen den Druck nur realistischer ein.

Ansonsten bestätigt die Studie, dass sich am altebekannten Problem der sozialen Unausgewogenheit der Studentenschaft wenig getan hat: Noch immer kommen die meisten Studenten aus Akademikerfamilien (58 Prozent). Nur an den Fachhochschulen sieht es in der Hinsicht besser aus: Dort stellen ie sogenannten "Bildungsaufsteiger" mit 60 Prozent die Mehrheit, also Studenten, deren Eltern keine Hochschulerfahrung haben.

Dass der Druck auf die Studenten zugenommen hat, ist ebenfalls wenig überraschend. Viele haben der Studie zufolge das Gefühl, dass ihr Studium stark auf die Vermittlung von Faktenwissen ausgerichtet ist. "Gegenüber 2001 berichten an Universitäten mehr Studierende von hohen Ansprüchen (plus 12 Prozentpunkte)", heißt es in der Untersuchung.

Mit den Inhalten sind viele Studenten zufrieden

Und passend dazu, klagen mehr Studenten als früher über zu hohe Anforderungen. Während 2001 erst 39 Prozent der Studenten die Leistungsanforderungen als zu hoch empfanden, waren dies bei der jüngsten Umfrage 51 Prozent. An den Fachhochschulen haben die Klagen dagegen im gleichen Zeitraum weniger zugenommen (von 32 auf 39 Prozent).

Zwar findet eine Mehrheit die Prüfungsanforderungen "noch nicht zu hoch". Doch immerhin 27 Prozent der Studenten an Universitäten und 37 Prozent an Fachhochschulen berichten von zu vielen Prüfungen im Semester. Ein Drittel empfindet den Lernaufwand für die Prüfungen als zu hoch.

Zweifel an ihrer eigenen Studierfähigkeit haben besonders häufig Jura-Studenten (42 Prozent). In den anderen Fächern machen sich zwischen 20 und 30 Prozent der Studenten größere Sorgen, ob sie den Ansprüchen gerecht werden.

Die Befragung zeigt auch, dass die große Mehrheit der Studenten insgesamt mit der inhaltlichen Qualität des Studiums zufrieden ist. Die Art der Lehrveranstaltungen wird überwiegend als gut bezeichnet. Die Identifikation mit dem gewählten Studienfach ist laut Umfrage hoch. Nur wenige Studenten denken an Fachwechsel oder Studienabbruch.

Im Vergleich zu früheren Ergebnissen der regelmäßig vorgenommen Umfragen haben sich auch die Ansprüche an den späteren Beruf gewandelt. Vor allem der Faktor "Arbeitsplatzsicherheit" hat stark an Bedeutung gewonnen.

Das Bundesbildungsministerium sieht die Ergebnisse positiv: "Die Studienqualität, die sich in den letzten Jahren ständig verbessert hat, bleibt auf hohem Niveau erhalten." Die Opposition hingegen sieht sich in der Kritik am Kurs von Bildungsministerin Annette Schavan bestätigt: "Noch immer ächzen die Studierenden in Bachelor-Programmen unter überfrachteten Lehrplänen, übertriebener Stoffmenge und immensem Prüfungsstress", so Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Schavan habe die soziale Dimension der Bologna-Reform ignoriert.

otr/dpa

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Es ist einfach nicht mehr drin!
Tr1ple 15.03.2011
Bei den Wirtschaftswissenschaften kann man an der Uni eigendlich das Wissenschaft streichen. Es werden keine Hausarbeiten verlangt sondern ausschließlich Klausuren und vereinzelt auch Referate. Die Klausuren besteht man eigl. nur mit Bolimie lernen und von Forschung kann keine Rede sein. In anderen Fächern sieht das allerdings anders aus. Die Bewertung der einzelnen Klausuren und die Arbeit ist vergleichsweise schlecht. So müssen Studenten in Geschichtlichen oder Geologischen Seminaren Hausarbeit-Referat-Klausur ablegen wobei die WiWi Studenten nur eine Klausur schreiben. Die einen bekommen für mehr Arbeit und Universitätsaufenthalt 4ECTS (Geo.,Geschi) und die anderen 6ECTS (WiWi). Wie das die Norm sein kann weiß ich nicht und finde es Outragous! Wir hätten nie das Anglosystem übernehmen dürfen denn wie es ausschaut brauchen die Studenten genau so lange (und werden bestraft: Regelstudienzeit+Vermerk in ihrem Zeugniss) und es kostet dem Staat das selbe.
2. Auswertung der Daten
unidozent 15.03.2011
Nach einer kurzen Durchsicht der Studie habe ich mich doch sehr über die Art der Darstellung der an sich ja recht interessanten Daten gewundert: die statistische Auswertung erfolgt rein deskriptiv. Natürlich gibt es gewisse Unterschiede in den einzelnen Werten der abgefragten Items (= Fragen im Fragebogen) bzw. in den Mittelwerten. Nur ist dies an sich nicht interessant. Die Preisfrage ist doch, ob diese Unterschiede (z.B. zw. Uni und FH, zw. BA/MA/Diplom., zw. dieser und älteren Studien) statistisch signifikant sind: mir drängt sich der Verdacht auf, dass man im Ministerium nicht weiss, wofür simple t-tests und ANOVA eigentlich da sind. Es wäre übrigens schön, wenn dies auch denjenigen Journalisten auffallen würde, die über solche empirische Studien berichten.
3. Resignation statt Gelassenheit
sponleser_2011 15.03.2011
Sehr wahr, der Artikel. Im Grunde sind die Studenten nur realistisch: Was juckt es schon den Arbeitgeber, ob einer 23 oder 27 beim Berufseinstieg ist. Entscheidend sind die Noten, eine gewisse Vielfalt im Lebenslauf und die richtigen Praktika. Und natürlich zeigt die Befragung auch, dass die Studenten von den ganzen Anforderungen heillos überfordert sind. Von Arbeitgeberseite kommen nur Ansprüche wie "schnell studiert, beste Noten, Auslandserfahrung, praktische Erfahrungen, Fremdsprachen, Spezialkenntnisse...", während die Uni einem vorgibt, man müsste alles in 6 Semestern fertig haben. Wenn dann länger studiert wird, dann ist das keine "Gelassenheit", eher schon Resignation.
4. .....
Mathe-Freak 15.03.2011
Zitat von sponleser_2011Sehr wahr, der Artikel. Im Grunde sind die Studenten nur realistisch: Was juckt es schon den Arbeitgeber, ob einer 23 oder 27 beim Berufseinstieg ist. Entscheidend sind die Noten, eine gewisse Vielfalt im Lebenslauf und die richtigen Praktika. Und natürlich zeigt die Befragung auch, dass die Studenten von den ganzen Anforderungen heillos überfordert sind. Von Arbeitgeberseite kommen nur Ansprüche wie "schnell studiert, beste Noten, Auslandserfahrung, praktische Erfahrungen, Fremdsprachen, Spezialkenntnisse...", während die Uni einem vorgibt, man müsste alles in 6 Semestern fertig haben. Wenn dann länger studiert wird, dann ist das keine "Gelassenheit", eher schon Resignation.
Welch Überforderung mal 40 Stunden die Woche was zu machen, wobei viele nicht mal 40 Stunden haben. Kein Wunder das viele Studenten einen Praxisschock erleben, den Kater kann man nicht mehr ausschlafen, in wichtigen Positionen sind Überstunden Pflicht und und. Die dauerheulende Elite, wie ätzend. Verglichen mit früher wären die meisten nicht einmal ins Studium zugelassen. Unser Prof. hat hat uns zu Semesterbeginn sein alten Zulassungstest schreiben lassen, es hat niemand bestanden. Das sagt so einiges über die Qualität der heutigen Studenten aus....
5. ...
Newspeak 15.03.2011
Zitat von Mathe-FreakWelch Überforderung mal 40 Stunden die Woche was zu machen, wobei viele nicht mal 40 Stunden haben. Kein Wunder das viele Studenten einen Praxisschock erleben, den Kater kann man nicht mehr ausschlafen, in wichtigen Positionen sind Überstunden Pflicht und und. Die dauerheulende Elite, wie ätzend. Verglichen mit früher wären die meisten nicht einmal ins Studium zugelassen. Unser Prof. hat hat uns zu Semesterbeginn sein alten Zulassungstest schreiben lassen, es hat niemand bestanden. Das sagt so einiges über die Qualität der heutigen Studenten aus....
In wichtigtuerischen Positionen sind Überstunden vielleicht Pflicht. Gute Arbeitgeber schaffen es das Pensum eines Mitarbeiters an dessen Leistungsfähigkeit anzupassen bzw. die Mitarbeiterzahl an die Zahl der Aufträge o.ä. Wer mehr Zeit braucht, um Dinge zu schaffen, der bringt deshalb nicht unbedingt mehr Leistung. Abgesehen davon...es gibt bei den Studenten große Unterschiede nach Fach. Fragen sie mal einen Chemiker, der vormittags Vorlesungen und Seminare und nachmittags bis abends Praktika hat, wo seine 40 Stunden sind. Das sagt vor allem etwas über das Bildungssystem. Auch früher haben sich die Leute ihr Wissen in den seltensten Fällen selbst angeeignet oder wurden genial geboren. Wenn man den Zustand der Schulen anschaut, dann kann man jungen Studenten an der Uni wirklich keinen Vorwurf machen, daß sie ihr Unwissen wesentlich verschuldet hätten. Dieses Land ist eben keine Bildungsrepublik. Das sind alles Sonntagsreden. Geld gibt es trotzdem nicht. Und Wertschätzung auch nicht. Das sieht man ja an unserer Bundeskanzlerin. Die verunglimpft gleich mal einen ganzen Berufsstand (den des wissenschaftlichen Mitarbeiters), wenn es opportun ist.
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Pannen beim Bachelor: Wer ist schuld?
Wie geht das mit der Akkreditierung?
Alle Bachelor- und Masterstudiengänge müssen akkreditiert, also begutachtet und zugelassen werden - mindestens alle sieben Jahre. Dafür ist ein Netz von zehn Akkreditierungsagenturen zuständig.
Wer hat die Studiengänge so gestaltet, wie sie sind?
Die Agenturen erhalten ihre Lizenz vom zentralen Akkreditierungsrat, der wiederum von den Kultusministern der Länder und den Hochschulrektoren eingesetzt wurde. Aufgabe der in der Öffentlichkeit kaum bekannten Organisationen ist es, die Vorgaben der Kultusminister für Bachelorstudiengänge auszulegen und umzusetzen - dazu gehören Dauer, Lernpensum und Ausstattung der Studiengänge. Zwischen 10.000 und 15.000 Euro kann so eine Bewertung durch eine Akkreditierungsagentur wie AQAS für einen Bachelor-Studiengang kosten - um diese Ausgaben kommen Unis und FHs nicht herum. Ebensowenig wie um den umfangreichen, oft mehrere hundert Seiten starken Antrag samt Modulhandbuch und konzeptioneller Beschreibung.
Lernen die Akkreditierer aus ihren Fehlern?
Als Reaktion auf Bachelorkrise und Bildungsstreik hat der Akkreditierungsrat seine Kriterien geändern. Die "Studierbarkeit" wurde aufgewertet und ist ein eigenes Kriterium bei der Begutachtung von Studiengängen geworden. Die Akkreditierungsagenturen sollen jetzt auch prüfen, ob die Arbeitsbelastung eventuell zu hoch ist und ob die Studenten adäquat betreut werden. Zur Diskussion um die "Studierbarkeit" von Studiengängen sagte Rolf Dobischat vom Deutschen Studentenwerk, das sei, "als müsse man über die Trinkbarkeit von Trinkwasser diskutieren".
Was soll sich für die Studenten ändern?
Die Akkreditierer wollen die Zahl der Prüfungen einschränken. Unter andderem soll ein Studienmodul, also ein Fachgebiet, künftig "in der Regel nur mit einer das gesamte Modul umfassenden Prüfung" abgeschlossen werden. Bisher gab es teilweise drei oder mehr Prüfungen. "Wir fassen uns da an die eigene Nase", sagte Achim Hopbach, Geschäftsführer des Rates. "Bisher haben wir zu viele Studiengänge mit zu vielen Prüfungen zugelassen". Auch "Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit" ist ein neues Kriterium, das anzuwenden ist.
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Studienabbruch: Der Druck im Kessel steigt