Entspannung ist an den Unis eingekehrt, jedenfalls ein bisschen - oder sieht es nur so aus? Eine neue Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums legt die Vermutung nahe, dass sich Studenten wieder etwas mehr Zeit lassen. "Die Wichtigkeit eines schnellen Studienabschlusses hat für die Studierenden wieder abgenommen", heißt es im "11. Studierendensurvey", einem regelmäßig durchgeführten Blick in die studentische Seele.
Für die Studie haben Forscher der Universität Konstanz im Wintersemester 2009/2010 rund 28.000 Fragebögen an Studenten von 25 Hochschulen geschickt. Rund 7500 ausgefüllte Fragebögen kamen zurück und konnten ausgewertet und mit anderen Untersuchungsergebnissen kombiniert werden.
Aber wie kommt es, dass die Studenten trotz Bachelordruck nicht mehr ganz so sehr durchs Studium hetzen? Noch im letzten Jahr zeigte sich, wie gestresst viele sind. Und jetzt die neue Gelassenheit?
"Arbeitseifer hat kontinuierlich zugelegt"
Es "mag damit zusammenhängen, dass erforderliche Zusatzqualifikationen, wie ein Auslandsaufenthalt, der Erwerb fachfremden Wissens oder Fremdsprachenkenntnisse, in einer engen Regelstudienzeit nicht zu bewältigen sind", schreiben die Studienautoren. Das klingt nicht so, als sei das große Chillen ausgebrochen. Die Studenten haben lediglich akzeptiert, dass nicht alles gleichzeitig geht. Praktikum in Indien, Bewerbungstraining, Ungarisch-Kurs, Konferenzen, Wettbewerbe, Studienreisen - all das lässt sich nur schwer in die Bachelor-Regelstudienzeit quetschen.
Zumal die Forscher auch feststellen: "Der eigene Arbeitseifer hat kontinuierlich zugelegt." Zur Jahrtausendwende war demnach nur ein Viertel der Studenten bereit, sich voll ins Studium zu knien. Jetzt ist es mehr als ein Drittel. Gut ein Viertel der Uni-Studenten gab sogar an, mehr Lehrveranstaltungen zu besuchen, als laut Studienordnung nötig sind. "Die strikteren Regelungen in den neuen Studiengängen und das umfangreiche Stoffvolumen zwingen die Studierenden zu einem erhöhten Einsatz, vor allem, wenn die Examensnote und die Zusatzqualifikationen an Bedeutung gewinnen." Von Gelassenheit kann also keine Rede sein, die Studenten schätzen den Druck nur realistischer ein.
Ansonsten bestätigt die Studie, dass sich am altebekannten Problem der sozialen Unausgewogenheit der Studentenschaft wenig getan hat: Noch immer kommen die meisten Studenten aus Akademikerfamilien (58 Prozent). Nur an den Fachhochschulen sieht es in der Hinsicht besser aus: Dort stellen ie sogenannten "Bildungsaufsteiger" mit 60 Prozent die Mehrheit, also Studenten, deren Eltern keine Hochschulerfahrung haben.
Dass der Druck auf die Studenten zugenommen hat, ist ebenfalls wenig überraschend. Viele haben der Studie zufolge das Gefühl, dass ihr Studium stark auf die Vermittlung von Faktenwissen ausgerichtet ist. "Gegenüber 2001 berichten an Universitäten mehr Studierende von hohen Ansprüchen (plus 12 Prozentpunkte)", heißt es in der Untersuchung.
Mit den Inhalten sind viele Studenten zufrieden
Und passend dazu, klagen mehr Studenten als früher über zu hohe Anforderungen. Während 2001 erst 39 Prozent der Studenten die Leistungsanforderungen als zu hoch empfanden, waren dies bei der jüngsten Umfrage 51 Prozent. An den Fachhochschulen haben die Klagen dagegen im gleichen Zeitraum weniger zugenommen (von 32 auf 39 Prozent).
Zwar findet eine Mehrheit die Prüfungsanforderungen "noch nicht zu hoch". Doch immerhin 27 Prozent der Studenten an Universitäten und 37 Prozent an Fachhochschulen berichten von zu vielen Prüfungen im Semester. Ein Drittel empfindet den Lernaufwand für die Prüfungen als zu hoch.
Zweifel an ihrer eigenen Studierfähigkeit haben besonders häufig Jura-Studenten (42 Prozent). In den anderen Fächern machen sich zwischen 20 und 30 Prozent der Studenten größere Sorgen, ob sie den Ansprüchen gerecht werden.
Die Befragung zeigt auch, dass die große Mehrheit der Studenten insgesamt mit der inhaltlichen Qualität des Studiums zufrieden ist. Die Art der Lehrveranstaltungen wird überwiegend als gut bezeichnet. Die Identifikation mit dem gewählten Studienfach ist laut Umfrage hoch. Nur wenige Studenten denken an Fachwechsel oder Studienabbruch.
Im Vergleich zu früheren Ergebnissen der regelmäßig vorgenommen Umfragen haben sich auch die Ansprüche an den späteren Beruf gewandelt. Vor allem der Faktor "Arbeitsplatzsicherheit" hat stark an Bedeutung gewonnen.
Das Bundesbildungsministerium sieht die Ergebnisse positiv: "Die Studienqualität, die sich in den letzten Jahren ständig verbessert hat, bleibt auf hohem Niveau erhalten." Die Opposition hingegen sieht sich in der Kritik am Kurs von Bildungsministerin Annette Schavan bestätigt: "Noch immer ächzen die Studierenden in Bachelor-Programmen unter überfrachteten Lehrplänen, übertriebener Stoffmenge und immensem Prüfungsstress", so Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Schavan habe die soziale Dimension der Bologna-Reform ignoriert.
otr/dpa
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