Lexikon der Dummheit: Doof wie Bohnenstroh

Von Philipp Maußhardt

Für Klugheit ist das Arsenal der Redewendungen überschaubar, für Dummheit gibt es umso mehr. Eine Forscherin hat gesammelt, wie clever und einfallsreich wir Sprachbilder erfinden. Das Hochschulmagazin "duz" resümiert, wer oder was, neben dem Esel und dem Stroh, noch für Blödheit herhalten muss.

Dummheit nutzt doch noch etwas, sie liefert den Beweis für die Intelligenz des Menschen Zur Großansicht
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Dummheit nutzt doch noch etwas, sie liefert den Beweis für die Intelligenz des Menschen

Lassen Sie mich heute über ein Thema reden, das niemanden betrifft. Es ist schön, über Themen zu reden, die niemanden betreffen, denn man kann einmal ganz offen alles aussprechen, ohne Gefahr zu laufen, dass sich jemand verletzt fühlt. Lassen Sie uns über die Dummheit sprechen. Also jenen Geisteszustand, der verhindert, dass man weiß, dass man dumm ist. Ich jedenfalls habe noch niemanden getroffen, der von sich behauptet, er sei dumm. Dumm sind immer nur die anderen.

Dumm kommt von tumb, von taub von stumm von stumpf. Die Angelsachsen sprechen von stupidity, was dieselben Wurzeln hat. Nur die Italiener sagen sciocco, klingt wie Schokolade. Schokolade macht dumm. Das war jetzt nur bedingt intelligent, weil ich den Wortstamm von sciocco nicht wirklich kenne. Aber tatsächlich sind dicke Menschen, also Schokoladenesser, statistisch gesehen dümmer als dünne Menschen. Aber am allerdümmsten, das ist belegt, ist das Bohnenstroh.

Bohnenstroh hat auf jeden Fall einen Intelligenzquotienten (IQ) von unter 80. Unter 80 IQ, so steht es in den Richtlinien der deutschen Schulämter, beginnt der "Förderbedarf". Förderbedarf ist ein anderes Wort für dumm. Wer unter 80 liegt, gilt als geistiger Tiefflieger, als Hohlkopf oder als Tranfunzel. Es gibt erstaunlich viele Wörter für einen Zustand, den keiner bei sich selbst erkennen kann. Darum zählt noch immer der Satz des Pythagoras zu den schlausten menschlichen Äußerungen: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Oder war es Sophokles?

Dummheit gibt es auch im Doppelpack mit Weisheit

Zum Glück kennen nur die wenigsten Menschen ihren eigenen Intelligenzquotienten. Es wäre wahrscheinlich für viele unerträglich zu wissen, dass sie unter 80 liegen. Dabei sollen ja dumme Menschen viel glücklicher sein, habe ich gelesen, und erst beim Sex... aber das ist ein anderes Thema.

Dummheit, la stupidité, wie der Franzose viel eleganter sagt, hat viele Facetten. Ganz wertfrei gesprochen ist es das Nicht-Wissen. Man hat eben keine Schule besucht, keine Eltern gehabt, die einem etwas erklären. Kann weder rechnen noch schreiben, weiß nicht, wo Buenos Aires liegt und wer die Zündkerze erfunden hat. Solche sogenannten dummen Menschen sind oft erstaunlich weise, wenn man sie beispielsweise nach dem Einfluss des Mondes auf das Wachstum der Bäume fragt oder zu welcher Stunde der Bock auf die Ziege springen soll. Sie sind dumm und weise zugleich.

Dann gibt es die Neunmalklugen, die ein Einserabitur gemacht und nach sechs Semestern ihr Jurastudium mit summa cum laude absolviert haben, aber zu dumm sind, bei anderen Menschen Bedürfnisse zu erkennen oder ihr eigenes Verhalten reflektieren zu können. Es sind die gescheiten Dummen oder die mit dem Tunnelblick und den Scheuklappen, die Fachidioten beziehungsweise die sozialen Nachtschattengewächse.

Hat eigentlich schon jemand mal gezählt, wie viele Ausdrücke es für die Dummheit gibt? Es sind erstaunlich viele dafür, dass niemand blöd sein will. Selbst die Werbung spielt damit: Man hat ja schon ein schlechtes Gewissen, wenn man seinen Wäschetrockner nicht im Mediamarkt kauft.

Die ganze Palette der Redewendungen zur Dummheit

Ja, es hat jemand gezählt. Nicht im statistischen Sinne, also nach Anzahl der Sprachbilder im deutschen Wortschatz. Nein, die Linguistin Dagmar Schmauks hat in einer Studie die ganze Palette der Redewendungen zur Dummheit aufgelistet und sie nach den ihnen zugrunde liegenden Vorstellungen untersucht. Den Grund, warum wir Menschen so gerne über die Dummheit (der anderen) sprechen, hat Frau Schmauks in der Tierwelt geortet. An Stelle tierischer Drohlaute habe der Mensch das gegenseitige Beschimpfen entwickelt. Das Ziel sei aber hier wie dort das gleiche: sich selbst herauszuheben im Kampf um die Rangordnung.

Dann kommt sie zum Wesentlichen, nämlich der fast unüberschaubaren sprachlichen Vielfalt, die Dummheit (der anderen) in Worte zu fassen. Und tatsächlich hält die deutsche Sprache ein nahezu unerschöpfliches Repertoire bereit für ein und denselben Sachverhalt, nicht einmal übertroffen von den ungefähr 324 Ausdrücken für Schnee der Isländer. Dumm wie Grütze, Mist reden, Geseire, Schrott fabrizieren, Vollidiot, Dorftrottel, dumm wie Schifferscheiße, dümmer, als die Polizei erlaubt...

Die Kreativität beim Erfinden immer neuer Sprachbilder und Metaphern könnte schon wieder als Beweis für die Intelligenz des Menschen herhalten. Da wird verglichen, was das Zeug hält: "Wenn du so lang wärst, wie du dumm bist, könntest du aus der Dachrinne saufen", und sogar das Finanzamt bemüht: "Wenn man Dummheit versteuern müsste, wärst du längst pleite." Und weil der Wissende die Fehlerquelle für intelligentes Verhalten treffsicher im Kopf/Gehirn vermutet, wird der arme Schädel eines so beschimpften wahlweise als Spatzenhirn, Schrumpfhirn, Schwachkopf, Matschkopf, Weichkeks oder Holzkopf bezeichnet.

Wenn eine Wissenschaftlerin das schreibt, klingt es irgendwie sachlicher, als wenn es die Ehefrau sagt. Zudem verzichtet die Sprachforscherin tunlichst darauf zu benennen, bei welcher Gelegenheit sie welche Beschreibung von Dummheit gehört, gelesen oder sonstwie gesammelt hat. Wir erfahren nicht, ob sie ihren Doktorvater für "nicht ganz proper" oder aber für "neben der Spur" hält, ob ihre Freundin "einen Schuss" oder "eine Schraube locker" hat, beziehungsweise wie viele Tassen ihr im Schrank fehlen.

Der Parteivorsitzende hat ein Rad ab

Das heißt: Die ganze Fleißarbeit, auf 110 Seiten Hunderte Ausdrücke von Dummheit zu sammeln, macht als Lektüre keinen wirklichen Spaß, weil wir nicht wissen, wem sie zuzuordnen sind. Erst wenn nämlich der taube Seckel mit dem Sprung in der Schüssel als der Parteivorsitzende XY identifiziert wird, fängt es an, interessant zu werden. Dann kommen wir in Fahrt, suchen nach immer neuen Ausdrücken für sein Spatzenhirn oder stellen schlicht fest, dass der Mann "ein Rad ab" hat.

Das Buch wird vermutlich kein Bestseller werden. Aber es könnte die kleine Zahl seiner Leser dazu motivieren, nicht nachzulassen im Erfinden von neuen Sprachbildern. Denn eines fällt auf: Viele der Sprachbilder stammen aus der Vergangenheit und lassen nicht mehr so recht den Zusammenhang erkennen. Wie Bohnenstroh aussieht, wissen nur noch alte Menschen, und auch einen Esel haben die Jüngeren zuletzt allenfalls im Zoo oder im Fernsehen gesehen.

Wir benötigen dringend neue Vergleiche, die uns die Dummheit als etwas Modernes, Alltägliches aus dem Hier und Heute erscheinen lassen. Der Versuch, neuzeitlichen Ersatz zu finden, ist gar nicht so einfach. Dumm wie Eternit? Naja. Bei dir ist wohl der Speicher voll. Schon besser. Du brauchst ein Upgrade für deinen Verstand. Nicht schlecht. Bei dir ist doch das Glasfaserkabel angebrannt. Auch gut.

Also, alle mal nachdenken! Es müssen noch viele Redewendungen erfunden werden, damit die Dummheit eine Zukunft hat. Das nächste Lexikon der Dummheit darf nicht nur 110 Seiten haben.

So nutzt die Dummheit doch noch zu etwas. Sie liefert den Beweis für die Intelligenz des Menschen. Wer den Zustand der geistigen Umnachtung so phantasievoll, so kreativ und witzig in Worte fassen kann, der muss wahrlich sehr gescheit sein. Umgekehrt wird das übrigens nichts: Für intelligente Menschen fehlen uns offenbar die Worte.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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1. ...
MadMad 15.07.2010
Der Mensch neigt schon immer dazu sich Bilder zu schaffen um schwer definierbare Eigenschaften besser zu kategorisieren. Das diese nicht immer stimmen oder teilweise sogar das Gegenteil zeigen ist dabei nicht wichtig, oder hat jemand Probleme damit zu erkennen, was mit dem Ausdruck "Dumm wie ein Stück Brot" gemeint ist ?
2. Dumm != Doof != Blöd
Emmi 15.07.2010
Die vermeintliche Synonymität von "dumm", "doof" und "blöd" ist irrig. Dumm ist das Gegenteil von klug und meint einen Mangel an Wissen/Bildung. Blöd ist das Gegenteil von intelligent und meint einen Mangel an Lernfähigkeit. Doof ist eine Charaktereigenschaft und bezieht sich meistens auf ein Verhalten, das sie ausdrückt. Man kann also blöd und infolgedessen dumm sein, aber auch Intelligenz schützt vor Dummheit nicht, wenn man nicht lernt. Übliche Intelligenztests sind zu 90% Wissenstests und sagen etwas darüber aus, was jemand gelernt hat, aber nur indirekt etwas über seine Intelligenz...
3. Lexikon
johndoe2 15.07.2010
Wie heißt das Buch und wo kann ich es kaufen. Ich kenn ne Menge Leute denen ich das Schenken würde :D wird sicher ein Bestseller!
4. Da gehen mehr als 110 Seiten
Zuul 15.07.2010
- Du gast einen IQ wie ein leerer Quarkbecher! - Brot kann schimmeln, was kannst du? - Delling! - Vokuhila im Kopf. - Neurokastrat. - Inselbegabter. - MacUser. Dass wir so wenig Worte für sehr schlaue Menschen haben, liegt vielleicht daran, dass wir weniger gern Komplimente verteilen als wir uns lustig machen. Selbstdienliches Verhalten vs. Gruppendienliches Verhalten ...
5. Schokolade
Vision6 15.07.2010
Zitat von EmmiDie vermeintliche Synonymität von "dumm", "doof" und "blöd" ist irrig. Dumm ist das Gegenteil von klug und meint einen Mangel an Wissen/Bildung. Blöd ist das Gegenteil von intelligent und meint einen Mangel an Lernfähigkeit. Doof ist eine Charaktereigenschaft und......
Wie wahr, wie wahr. Bei diesem Artikel hatte ich das Gefühl, daß jemand schnell Geld brauchte und sich dieses, trotz Dummheit (s.o.), mit einem Artikel beim Spiegel beschaffte. Wirklich wundere ich mich über denjenigen, der den Artikel angenommen hat. Familienbande? Oder doch nur blöd? Wer, wie oben gesagt, Äppel und Birnen in einen Topf wirft, hilft niemandem außer ggf. sich selbst. Und wer den unsäglichen und im Deutschen wirklich keinen Platz habenden Ausdruck 'nicht wirklich' benutzen muß, tut mir sogar leid, drängt sich doch die Vermutung des (IQ
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Magazin für Forscher und Wissenschaftsmanager
Heft 7/2010

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Zum Autor
Der Journalist Philipp Maußhardt, geboren 1958, begann nach dem Abitur ein Geografie- und Politikstudium. Als Lokaljournalist arbeitete er beim "Schwäbischen Tagblatt" und "Kölner Stadtanzeiger", schrieb später für "taz" und "Zeit" und wechselte 1997 zur Münchner "Abendzeitung". Bei der "Bunten" war er Chefreporter, ehe er 2002 zur Agentur Zeitenspiegel kam. Für seine Reportage über einen ehemaligen NS-Kreishauptmann von Kolomea erhielt er 1995 den Theodor-Wolff-Preis.

Buchtipp

Dagmar Schmauks:
Denkdiäten, Flachflieger und geistige Stromsparlampen.

Shaker Verlag; 116 Seiten; 19,80 Euro.

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