Von Christoph Scheuermann
Viele denken, sie sei bei den Grünen, sagt Josephine Dietzsch. Vielleicht liegt es am Kapuzenpulli, an der Art, wie sie sich kleidet, aber genau weiß sie das nicht. Dietzsch ist Bundesvorsitzende der Liberalen Hochschulgruppen, vor einigen Monaten wurde sie FDP-Mitglied. Sie ist froh, dass man ihr das nicht gleich ansieht.
Es ist derzeit nicht einfach, sich als FDP-Fan zu outen, vor allem in Berlin, wo es deutlich mehr linke Revolutionäre unter den Hochschülern gibt als Aktenkofferträger.
Dietzsch ist 22 Jahre alt und studiert an der Humboldt-Universität Europäische Ethnologie und Sozialwissenschaften. Ihr Leben sei schwieriger geworden, seit sie im Januar zur Bundeschefin der liberalen Studentengruppen gewählt wurde, sagt sie. Wenn sie an der Uni nicht gerade beschimpft wird, hört sie den Satz: Ihr wollt doch nur Studiengebühren. Das ist zwar nicht ganz falsch, macht die Kommunikation in einem linken Umfeld aber kompliziert. Wenn sich nach einer Sitzung des Studentenparlaments ein paar Leute zum Bier treffen, ist Dietzsch meist nicht eingeladen. Auch auf Partys redet sie nicht mehr so unbefangen wie früher über ihre politische Haltung. "Die Anfeindungen sind da", sagt Dietzsch.
Sie sitzt in Berlin-Mitte mit fünf Kommilitonen am Konferenztisch im Büro der liberalen Studenten. Es gibt Kaffee und Apfelschorle, in der Mitte des Tisches hat jemand einen Teller Chips auf einer gelben Serviette platziert. Abgesehen von der gescheitelten Frisur Marcel von Vollands, des Vorsitzenden der Liberalen Hochschulgruppe der Freien Universität, ist die Serviette das Einzige, was in dem Raum an die FDP erinnert. Etliche Kommilitonen sehen in Volland und seinen Freunden im besten Fall seifige Streber, die an warmen Tagen ihren Pulli über die Schulter werfen und das mit Lässigkeit verwechseln. Im schlechteren Fall sind sie die gelben Feinde.
"Wie kannst du kapitalistische Hure nachts ruhig schlafen?"
Sven Hilgers, der auch am Tisch sitzt, ist der Vorsitzende des Landesverbands Berlin-Brandenburg der Liberalen Hochschulgruppen. Er sagt, er höre oft, dass er "mit den herrschenden Kräften" unter einer Decke stecke, weil er nicht alle Vorschläge ablehnt, die von oben kommen. Er sei der "Präsidentenliebling" und nur an Karriere interessiert. Ein "Apparatschik".
Wenn Dietzsch vor Wahlen zum Studentenparlament für die liberalen Kandidaten Plakate klebt, hängen die ungefähr 20 Minuten lang. Dann reißt sie jemand ab oder beschmiert sie.
Svenja Hahn ist Dietzschs Pressesprecherin, sie studiert in Gießen Geschichte und Kulturwissenschaften. Sie erzählt, wie sie einmal für ihre Liberale Hochschulgruppe Werbung machte, als ihr eine Studentin zurief: "Wie kannst du kapitalistische Hure nachts ruhig schlafen?"
Fast alle der bundesweit 67 Liberalen Hochschulgruppen leiden unter dem momentan eher schlechten Ruf der FDP. 2010 hatte die Hochschulgruppe an der Humboldt-Uni vier Sitze im Studentenparlament, heute sind davon noch zwei übrig. An der Freien Universität ist es nur einer.
Freiheit von der FDP
Die Studenten versuchen sich nun als Pragmatiker zu verkaufen, als die rationalen Dienstleister vom Campus, die ganz nah an den Bedürfnissen der jungen Leute sind. Es soll mehr über universitätsspezifische Themen gesprochen werden: über 24-Stunden-Bibliotheken, Mensa-Automaten, Busverbindungen, Prüfungsordnungen, weniger über den allgemeinen Zustand der Welt.
Es fallen Worte wie Sacharbeit und Inhalte. Es ist der Gegenentwurf zur seit Jahrzehnten währenden Diskussion über die Weltrevolution, mit der sich vor allem linke Studentengruppen immer noch nächtelang beschäftigen. "In der Hochschulpolitik gibt es genug zu tun", sagt Josephine Dietzsch. Ihr Mitstreiter Volland sagt, er fühle sich nicht angesprochen, wenn im Studierendenausschuss über die Lage chilenischer Bauern diskutiert werde. Er wischt ein Staubkorn vom Jackettärmel. "Wo ist der Relevanzgrad?" Er hege den Verdacht, dass es bei solchen Debatten um "Selbstbespaßung" gehe.
Sie stehen sich immer noch verbittert gegenüber, die Linken und die Liberalen, fast wie früher. Der Unterschied ist, dass die liberalen Studenten inzwischen vorsichtiger geworden sind, zurückhaltender. Dietzsch legt Wert auf die Feststellung, dass die Liberalen Hochschulgruppen zwar liberal, aber nicht mit der Parteistruktur verbunden sind wie die Juso-Hochschulgruppen mit der SPD oder die Grünen Hochschulgruppen mit den Grünen. Dietzsch sagt, Liberalismus bedeute Freiheit. Das kann auch heißen: Freiheit von der FDP. Sie sehe sich als "Ansprechpartnerin" für die Partei, mehr nicht.
In ihrer aktuellen Werbekampagne achtet die Hochschulgruppe peinlich genau darauf, dass die Buchstabenfolge F, D und P nicht in dieser Reihung auftaucht. Sie hat daher möglichst unverfängliche Zitate von zumeist toten Intellektuellen, Forschern und Musikern herausgesucht, von Friedrich Schiller oder Albert Schweitzer, auf Postkarten gedruckt und mit der Überschrift versehen: "Freiheit neu denken". Das aktuellste Zitat ist von 1971 und stammt von Hildegard Hamm-Brücher, der großen alten Dame des deutschen Liberalismus. Hamm-Brücher war lange Zeit FDP-Mitglied, trat aber vor zehn Jahren aus. Sie ist hinreichend unverdächtig.
Schließlich findet sich im Büro dann doch ein politisches Bekenntnis in Form eines Plakats "Ihre FDP im 17. Deutschen Bundestag". Das Poster zeigt sämtliche Abgeordneten der FDP. Es hängt auf dem Herrenklo.
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