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Jungfrau mit 31: "Ich wünsche mir ein Gegenüber"

Mit 15 dachte er, nächstes Jahr habe ich bestimmt eine Freundin. Mit 20 fragte er sich, was, wenn ich allein bleibe? Mit 31 ist Regiestudent Wolfram Huke immer noch Single. Darüber hat er einen Dokumentarfilm gedreht. Ein Gespräch über Zweifel, Jungfräulichkeit und Online-Dating.

HFF München / BR

SPIEGEL ONLINE: Herr Huke, waren Sie schon mal verliebt?

Huke: Ja, regelmäßig.

SPIEGEL ONLINE: Geklappt hat es aber nie?

Huke: Ich wurde bisher immer abgelehnt, das macht einen nicht selbstsicherer. Die Leute sagen: Du musst dich einfach trauen! Aber das ist nicht leicht, wenn man noch nie Erfolg hatte.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Huke: Im Teenageralter ging es mit Pech und etwas zu viel Schüchternheit los. Mit jedem Korb ist die Unsicherheit gewachsen und irgendwann zum Problem geworden. Ich bin davon überzeugt, dass ich ein guter Freund wäre. Ich weiß nur nicht, wie der Übergang vom Single- zum Pärchen-Dasein funktioniert. Wenn ich ein Date habe, weiß ich irgendwann nicht mehr weiter: Soll ich sie jetzt berühren? Küssen?

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Dokumentarfilm über Partnersuche: Beziehungsweise allein
SPIEGEL ONLINE: Inzwischen sind Sie 31 Jahre alt und noch Jungfrau. Schämen Sie sich deswegen?

Huke: Nein, vor wem? Aber es hat mir lange Zeit Probleme bereitet. An meinem 15. Geburtstag habe ich noch gedacht: Nächstes Jahr hast du eine Freundin. Als ich dann 20 war, dachte ich: Ich habe meine ganze Jugend verpasst. Das unbeschwerte Ausprobieren ist vorbei. Was, wenn ich die nächsten zehn Jahre allein bleibe? Wenn ich Freunden davon erzählte, lachten sie mich aus.

SPIEGEL ONLINE: Über Ihre Suche nach der ersten Freundin haben Sie den Dokumentarfilm "Love Alien" gedreht. Ein ziemlich persönliches Thema für ein anonymes Publikum - vermutlich keine leichte Entscheidung.

Huke: Im Moment geht es mir ganz gut. Wäre ich in einer depressiven Phase, hätte ich den Film nicht machen können. Aber ursprünglich wollte ich keinen Film über mich machen, sondern über Menschen, die keinen Partner finden. Denn viele Artikel, Reportagen, Serien darüber sind sehr klischeehaft, "Bauer sucht Frau" beispielsweise. Diese Beiträge zeigen auch immer nur die Außensicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen sehr intime Bilder: Sie nehmen die Kamera mit zur Psychologin, zum Date, und einmal kann man erahnen, dass Sie unter der Bettdecke masturbieren. Haben Sie keine Angst davor, diese Bilder öffentlich zu zeigen?

Huke: Angst habe ich nicht, das habe ich mir ja vorher überlegt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich mir damit bei der Suche einen Gefallen tue.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Huke: Es ist wahnsinnig uncool, keinen Erfolg bei den Mädels zu haben. Beziehungstherapeuten sagen: Frauen wollen erobert und verführt werden. Ich sage: Schade, das kann ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon daran gedacht, zu einer Prostituierten zu gehen?

Huke: Ich war tatsächlich mal ganz spontan bei einer Prostituierten. Ich fand die ganze Situation aber so erbärmlich, dass ich wieder gegangen bin. Dort bekäme ich auch nicht das, was ich suche. Liebe würde fehlen und Zärtlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Dann vermissen Sie Sex gar nicht so sehr?

Huke: Mit 15 bis 25 hat mir der Sex, das Knutschen sehr gefehlt. Heute vermisse ich es natürlich immer noch, aber nicht mehr so stark - auch wenn ich gar nicht weiß, was mir eigentlich fehlt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn für Sie besonders schlimm daran, allein zu sein?

Huke: Es bietet so wenig Perspektiven. Ich habe mittlerweile sehr viel ausprobiert, ich war im Ausland, schließe bald mein zweites Studium ab. Aber was kommt jetzt? Nur Hobbys und Arbeit? Das reicht mir nicht. Ich wünsche mir ein Gegenüber. Ich will nicht mehr alles nur für mich machen. Es ist eine düstere Aussicht, das ganze Leben allein zu bleiben. Auch wenn ich mich mit dem Alleinsein inzwischen arrangiert habe.

SPIEGEL ONLINE: Im Film haben Sie sich bei Online-Partnerbörsen angemeldet. Suchen Sie jetzt noch aktiv nach einer Freundin?

Huke: Ich versuche, so oft es geht raus ins echte Leben zu gehen. Internetdating mache ich nicht mehr, es fühlt sich nicht richtig an. Du suchst dort andere aufgrund von Eigenschaften aus, das kann das Profilfoto sein oder das Hobby. Aber ich verliebe mich nicht in Eigenschaften und Fakten. Es war immer eine besondere Situation, ein schöner Moment, in dem ich gedacht habe: Wow, was bist du für eine charmante Person. So etwas habe ich bei dem sehr zielgerichteten Online-Dating nie erlebt. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass es bei diesen Dates nach einem Schema F ablaufen muss.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

Huke: Es muss ablaufen wie in einem ganz tollen romantischen Hollywood-Film. Und wenn ich nicht weiß, wie das geht, werde ich aussortiert. Ich habe mich auch schon mit Frauen getroffen, die gesagt haben: Du bist supernett, aber dein Aussehen ist unter meinem Niveau. Gerade beim Online-Dating denken Frauen - und sicher auch Männer: Da kommt noch was Besseres. Ich glaube, dass sich viele so etwas verbauen.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht verbauen Sie sich auch was, weil Sie zu hohe Ansprüche an die Liebe haben.

Huke: Mich hat kürzlich jemand gefragt: Interessierst du dich nicht vielleicht für die falschen Frauen? Das kann sein. Aber was sind die richtigen Frauen? Was die richtigen Ansprüche? Ich kann natürlich versuchen, mein Interesse zu verändern. Aber wie mache ich das?

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie denn bereit, an Ihrem Single-Leben etwas zu verändern, mit dem Sie sich inzwischen arrangiert haben?

Huke: Ich glaube, wenn ich die Frau gefunden habe, bin ich bereit, ziemlich viel aufzugeben.

SPIEGEL ONLINE: Dann hoffen Sie noch?

Huke: Eine gewisse Hoffnung bleibt. Besonders wenn ich mal wieder jemanden treffe und denke: boah, toll!

Das Interview führte Frauke Lüpke-Narberhaus

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Zur Person
Wolfram Huke, geboren 1981, machte mit 15 sein erstes Zeitungspraktikum und arbeitete danach als Lokalreporter. Er hat ein abgeschlossenes Philosophiestudium, seit 2006 studiert er Regie an der Filmhochschule München. Der Dokumentarfilm "Love Alien" ist sein erster langer Dokumentarfilm.
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