Männer-Modemagazin: Helden in Strickshorts

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Mit Brusthaar oder ohne, kernig oder feminin: Männer haben mehr Möglichkeiten zur Selbstdarstellung als je zuvor. Studenten der Hochschule für Künste Bremen haben dem Phänomen "Der schöne Mann" ein ganzes Magazin gewidmet - denn fesche Kerle braucht das Land.

Studenten-Magazin: Sexy Jesus, Dandy oder Waldschrat? Fotos
Ariane Pfannschmidt

So richtig schön ist dieser schlacksige, rotbärtige Mann auf dem Foto nicht. Verträumt schaut er aus dem Fenster eines Baumhauses. Seine nackten Käsebeine stecken in blauen Strickshorts und korallroten Lycrasocken. "Mir ging es nicht so sehr um das Aussehen, sondern um die Eigenschaft des Mannes, sich seine Kindlichkeit zu bewahren. Das wollte ich in der Kleidung durchblitzen lassen", sagt die Modedesign-Studentin Elena Clausen, 29, über ihre Kollektion.

Der Rotbärtige setze zielstrebig wie ein Erfolgsmann vom Typ George Clooney abstruse Ideen à la Jürgen Vogel um: "Er ist einer, der mit ein paar Latten und Nägeln ganze Baumhäuser baut." Insgesamt 50 Studenten im Fach "Integriertes Design" an der Hochschule für Künste Bremen haben sich mit Texten, Fotos, Mode und Grafikdesign über drei Semester "Dem schönen Mann" gewidmet. Herausgekommen ist ein intelligentes Magazin im schweren Taschenbuchformat, das zum Nachdenken anregt.

Schon länger ist es auch für Männer salonfähig, halbe Monatsgehälter in Designermode oder Sammlungen limitierter Sneaker zu investieren. Vorbilder findet der stilbewusste Mann in Avantgarde-Magazinen wie "Fantastic Man", in Fashionblogs wie "Bryanboy.com", "The Fashionisto.com" oder "Dandy Diary" hält er sich über die Frühlingstrends von John Galliano bis Paul Smith auf dem Laufenden. Er scannt die neusten Streetstyles bei "The Sartorialist" oder informiert sich bei "Mr. Porter", wie man maßgeschneiderte Schuhe richtig pflegt.

Früher politische Rebellion, jetzt Ästhetisierung

"Vor allem junge Männer reagieren ganz extrem auf Mode", sagt die Kulturwissenschaftlerin und Heftherausgeberin Annette Geiger. Für viele sei Mode vielleicht das wichtigste Mittel der Identitätsfindung und Abgrenzung geworden. Dabei würde sich gerade die Generation Praktikum über ihren Stil förmlich von der Gesellschaft abkapseln: "Was bei früheren Generationen die politische Rebellion war, ist heute die Ästhetisierung."

Zeit also für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema. Intellektuell geht es in "Der schöne Mann - Das Magazin" ganz schön zur Sache: Die Gastautoren haben philosophische und kunsthistorische Essays zur "Auferstehung der Brustbehaarung", der "Schönheit des Antihelden" oder einen "Abgesang auf den Herrn" verfasst, die Studenten die männliche Attraktivität in einem "ABC des schönen Mannes" eingefangen. Sie untersuchen die Garderobe Don Drapers aus der Serie "Mad Men" ebenso wie den Zusammenhang von Outfit und Macht bei Barack Obama und dem chinesischen Staatsoberhaupt Hu Jintao.

Vor allem aber kreieren die Studenten in 15 Kollektionen ihre ganz eigenen Versionen eines schönen Mannes und setzen sie in Fotostrecken in Szene. So wählt Student Harm Coordes den Obdachlosen als Inspiration für seine Entwürfe; Svetlana Willer entwirft für den coolen, modernen Hausmann lässige, der Streetwear entlehnte Outfits und inszeniert ihn auf Waschmaschinen und Mikrowellen. Die türkischstämmige Dilay Baris kleidet den "westöstlichen Dandy" in minimalistische Capes und Hemden. "Superhelden im Schafspelz" streifen in silbernen Leggins und grünen Strickjacken durch sommerliche Wiesen. Sogar ein erotischer Jesus spreizt in grobgestricktem Hemd und Kreuzkrone lasziv die Beine auf einer Fensterbank.

Individualität ist Trumpf

Jede Kollektion zeigt ihre ganz individuelle Vorstellung von Männlichkeit - vom verträumten, jungenhaften Kreativen bis zum steifen Vampir, ein breites Spektrum, auch bei den Models. Dabei bleiben die markanten Gesichter der Profimodels, ihre Schmolllippen und glattrasierten Brustpartien weniger im Gedächtnis hängen als die Halbglatze und der Bierbauch des Kommilitonen, der sich in weißer, loser Kleidung in eine verwüstete Umgebung gestellt hat.

Student Coordes sagt auf der Releaseparty des Hefts in Hamburg: "Jeder Mann möchte etwas Einzigartiges darstellen". Das ist sicher der Anspruch aller Entwürfe in "Der schöne Mann". Doch Coordes - mit rotem Talibanbart, Hochwasserhosen in Boots und kuscheliger Strickjacke - stellt fest, dass Anspruch und Wirklichkeit auf der Straße weit auseinanderklaffen: "Eigentlich sehen die Leute überall gleich aus."

Das mag an den großen Modeketten liegen. Oder daran, dass über das Internet die Trends aus New York und Tokio simultan im Umland von Herford verfügbar geworden sind. Die Modewelt sei gewissermassen "gleichgeschaltet". So fänden sich enge Jeans im skandinavischen Stil, knallbunte Ray-Ban-Brillen und das Fixie-Rennrad in Kopenhagen ebenso wie in Peking, sagt Coordes: "Das ist schade."

Zumal "Der schöne Mann" zeigt, dass der junge Mann mit Faible für Farben und Formen mehr modische Freiheiten hat als je zuvor. Um schön zu sein - das postuliert das Magazin - braucht ein Mann heute weder den Körperbau von Beckham, das Lächeln von George Clooney oder die Moneten von Bill Gates. Mann kann wild, haarig, naturburschig sein, ein unterernährter Nerd oder ein androgynes Wesen, Anzug tragen oder ein speiseeisfarbenes Wallegewand - gesetzt den Fall, dieses unterstreicht Charakter und Persönlichkeit und Er fühlt sich damit wohl.

Herausgeberin Annette Geiger sagt: "Die Mode würde es heute niemandem mehr verzeihen, wenn er über Kleidung etwas darstellen möchte, was er nicht ist." Oder wie es eine Leserin bei der Releaseparty zum Magazin sagt: "Eine klare Idee von sich haben und die gekonnt umsetzen. Das ist schön, richtig schön."

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insgesamt 11 Beiträge
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1. Mit sone´plÜnten
f.a.g. 13.02.2012
möchte ich nicht mal tot überm`Zaun hängen. Peshawar lässt grüssen !
2. krankes Männerbild
billger 13.02.2012
LOL - ich finde das einfach nur krank. Vom seltsamen Männerbild welches sich in obigen Zitaten zeigt, mal abgesehen: Ich glaube kaum, dass das jemand anzieht.
3. Douchebags und andere OPFER...
Elizabeth_Tudor 14.02.2012
Wann haben Maenner aufgehoert welche zu sein? Nerd Brillen, gezupfte Augenbrauen, rasiert, epiliert, Gesicht und Speckfalten geliftet, unzaehlige Toepfchen, Flakone und Tiegel im Badezimmer und jetzt diese unterirdische Mode! ER muss ja kein Hoehlenmensch sein aber solche Warmgeduschten sind nicht mein Geschmack...Maenner sollten etwas darstellen und duerfen auch Ecken und Kanten haben...ansonsten kaufe ich mir einen Schosshund oder ein Stofftier...! Es ist wirklich traurig, wieviele Maenner sich zum Affen machen lassen..bloss um trendy zu sein. Im Prinzip wollen Frauen nur ihr Ebenbild mit dem Vorteil eines Geschlechtsteils ueber das sie nicht verfuegen, zur Lust- und Triebbefriedigung...!
4. Schön
skorpianne 14.02.2012
Zitat von sysopMit Brusthaar oder ohne, kernig oder feminin: Männer haben mehr Möglichkeiten zur Selbstdarstellung als je zuvor. Studenten der Hochschule für Künste Bremen haben dem Phänomen "Der schöne Mann" ein ganzes Magazin gewidmet - denn fesche Kerle braucht das Land. Männer-Modemagazin: Helden in Strickshorts - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,814072,00.html)
Sehr schöne Bilder von attraktiven Männern. Ist doch egal was sie anhaben, egal ob mit oder ohne Haare.
5. Mein Profil
air plane 14.02.2012
Zitat von sysopMit Brusthaar oder ohne, kernig oder feminin: Männer haben mehr Möglichkeiten zur Selbstdarstellung als je zuvor. Studenten der Hochschule für Künste Bremen haben dem Phänomen "Der schöne Mann" ein ganzes Magazin gewidmet - denn fesche Kerle braucht das Land. Männer-Modemagazin: Helden in Strickshorts - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,814072,00.html)
Ob das Land fesche Kerle braucht, sei mal dahingestellt. Die Fixierung auf Mode und Äußerlichkeiten wirkt bei Männern doch eher negativ, als ob kein oder nur geringes Selbstvertrauen vorliegt. Frauen stehen übrigens gar nicht so auf "fesche Kerle", das wird maßlos überschätzt. Die Beschäftigung mit seiner äußerlichen Attraktivität, Mode, Kosmetik etc. ist doch eher (biologisch begründet) weiblich belegt; das "Weibchen" macht sich hübsch, um ein im Status möglicht hochstehendes "Männchen" zu ergattern; kein möglichst hübsches "Männchen", davon hat das "Weibchen" nichts. Hübsch ist es selbst.
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