Männerclub Hochschulspitze: Die Herren bleiben unter sich

Die Studentenschaft wird immer bunter, doch die universitäre Chefetage ist vermackert, blass und angejahrt. Diversität hat an der Spitze der Hochschulen Seltenheitswert. Das Hochschulmagazin "duz" erklärt, warum dieser Mangel für Unis, die oben mitspielen wollen, zum Risiko wird.

Männerclub Hochschulleitung: Die Ausreißer werden nur langsam mehr Fotos
Corbis

Manchmal erweist sich eine Sackgasse als Schnellstraße: Als Prof. Dr. Joybrato Mukherjee 1999 sein erstes Staatsexamen fürs Lehramt ablegte, hatten Absolventen wie er kaum Chancen eingestellt zu werden. "Dabei war Lehrer immer mein Traumberuf", erzählt Mukherjee. Sein Professor bot ihm damals an, doch zu promovieren. Mukherjee griff zu, machte seinen Doktor in englischer Linguistik, habilitierte sich und wurde 2004 zum Professor in Gießen berufen.

Gerade mal 29 Jahre alt war er damals. Dass er fünf Jahre später zum Präsidenten der Hochschule gewählt wurde und damit zum jüngsten Oberhaupt einer staatlichen Universität überhaupt, schien folgerichtig. "Ungewöhnlich war nicht die Wahl, sondern mein Werdegang", erzählt der Rheinländer mit indischen Wurzeln am Telefon.

Mit dem breiten Lächeln und dem schwarzen Studienratsbärtchen, welches seine Jugend eher unterstreicht als kaschiert, sticht der Präsident der Uni Gießen auch heute noch aus der Riege der deutschen Hochschulpräsidenten heraus. In den Präsidien der Universitäten dominiert eher die Farbe grau: Gesetzte Herren jenseits der 50 sind in der Mehrzahl und lenken die Geschicke.

Vielfalt ist kein Selbstläufer

Ein Blick über die Grenzen zeigt, dass Deutschland Nachholbedarf hat. Wie die "New York Times" berichtete, berief jede fünfte bis sechste Hochschule der Association of American Universities (AAU) in den vergangenen Jahren im Ausland geborene Chefs. AAU-Chefin Molly C. Broad begründet dies damit, dass immer mehr im Ausland geborene Studierende an amerikanischen Unis Abschlüsse erwerben und Karriere machen.

Eine Tagung des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft Ende Juni sollte den Gedanken der Diversität auch hierzulande befördern. Ungleichheit als Chance lautet das Motto. "Wenn sich eine Hochschule sensibel gegenüber der Vielfalt der Studierenden zeigt, wird sich das auch bald in den Führungsetagen widerspiegeln", hofft der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbandes, Dr. Volker Meyer-Guckel.

Doch das ist kein Selbstläufer. Zwar ist inzwischen jeder zehnte Studierende nicht in Deutschland zur Schule gegangen. Zwar gibt es mehr Frauen als Männer, die ein Studium abschließen. Doch in den Führungsteams der Hochschulen sind Frauen, Ausländer und jüngere Leute immer noch Exoten. Eine Ursache für die homogenen Chefetagen sind die gewundenen und zeitraubenden Karrierewege in Deutschland.

"Kein Fisch überlebt, wenn das Wasser zu sauber ist"

Das durchschnittliche Habilitationsalter liegt jenseits der 40. Und mit jeder Karrierestufe steigt die Dominanz der Männer. Nur jede 6. Professur ist von einer Frau besetzt, in den höchsten Besoldungsgruppen beträgt der Frauenanteil nur noch zwölf Prozent.

Eine weitere Ursache sehen Wissenschaftler in dem Bedürfnis nach sozialer Identität. "Wir befördern in der Tendenz Menschen, die uns ähnlich sind", erläutert Prof. Dr. Heike Bruch. Sie erforscht Teamstrukturen und leitet das Institut für Führung und Personalmanagement der Uni St. Gallen. Die Tendenz zur Homogenität verfestige sich, je stärker sie bereits ausgeprägt sei, erläutert Bruch.

"Wir gewöhnen uns an die Homogenität", unterstreicht Prof. Heather Hofmeister Ph.D. Die Prorektorin für Personal und wissenschaftlichen Nachwuchs an der RWTH Aachen ist Expertin für Gender- und Lebenslaufforschung. "Und dann merken wir, wie künstlich und komisch es ist, wenn alle Führungskräfte mit kurzen grauen Haaren und in dunklen Anzügen rumlaufen", setzt sie nach.

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Frauenanteil an der Hochschulleitung: In 15 Jahren von wenig auf weniger wenig

In der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) sieht man erste Anzeichen eines Wandels. "Ich kenne kaum eine Hochschule, in der keine Frau im Präsidium sitzt. Das war vor zehn Jahren noch ganz anders", berichtet Prof. Dr. Hans-Jürgen Prömel, HRK-Vize für Personalstrukturen und Hochschulmanagement. Eine Statistik des Kompetenzzentrums für Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS) zeigt, dass sich der Frauenanteil in Hochschulleitungen - zwar schwankend und mit Einbrüchen - seit 1996 mehr als verdoppelt hat. Jedes fünfte Präsidiumsmitglied war 2009 weiblich, jeder zehnte Hochschulchef eine Frau. Der Druck, auch weibliche und ausländische Wissenschaftler bis zur Spitze zu fördern, werde weiter steigen, prognostiziert Bruch. "Die Hochschulen müssen sich öffnen, sonst verlieren sie im Wettlauf um die besten Köpfe." Wer nur ähnliche Menschen fördere, verliere nämlich die Besten aus dem Blick.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Als Präsident einer deutschen Universität ist mir
eigene_meinung 18.07.2011
ein 55-jähriger in Deutschland geborener Professor mit Erfahrung lieber als eine 25-jährige indische Jungprofessorin, die weder der deutschen Sprache mächtig ist noch die deutsche Kultur oder das deutsche Rechtssystem kennt. Wenn Qualifikation und Erfahrung stimmen, sollten selbstverständlich Herkunft und Geschlecht keine Rolle spielen.
2. heute wieder Frauentag - wie (fast) jeden Tag
whitelies 18.07.2011
Heute darf die FrauIn vom feministischen Beobachter wieder mal die einschlägigen Gender-Parolen herunterbeten - den Schrott kann ich inzwischen auswendig. Endlich erkenne ich aber auch, warum es den Bundeswehr-Einheiten in Afghanistan an Abschreckungswirkung mangelt: eine Kampfeinheit ohne Frauen ist einfach nicht glaubwürdig - und Soldatengräber ohne Frauen auch nicht....
3. Frauentag?
Niamey 18.07.2011
Zitat von sysopDie Studentenschaft wird immer bunter, doch die universitäre Chefetage ist vermackert,*blass*und angejahrt. Diversität hat an der Spitze der Hochschulen Seltenheitswert - und für Unis, die oben mitspielen wollen, wird der Mangel zum Risiko. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,769919,00.html
Ja und? Ich breche gleich in Tränen aus über soviel Mitleid. Müssen Frauen wirklich überall mitspielen. Erst Polizei und Bundeswehr, dann merkte man, dass die nach 10 Km Fußmarsch mit Sturmgepäck und nem MG mit Munition platt waren. Na, wenigstens hatte man ein Einsehen und hat diese frauenfeindliche Einrichtung fast abgeschafft ;-) Die Mädels sollten mal wieder an Familie und Kinder denken, sonst brauchen wir bald keine Unis mehr in Deutschland....
4. Fight back, conservative white old man!
mr.yellow-blue 18.07.2011
Dieses Diversity-Zeug ist widerlicher Totalitarismus. In Frankreich ist es bereits so, dass Firmen ohne Diversity-Politik Nachteile bei Ausschreibungen u.a. erhalten. Wie CO2-Emmisionshandel der nächste politisch-korrekte, kommunistische Eine-Welt-Diktion. Die Zurückdrängung der eigenen, hegemonen Gruppe ist natürlich eine Chance, ne klar. Das ist nur eines: blöd. "Und dann merken wir, wie künstlich und komisch es ist, wenn alle Führungskräfte mit kurzen grauen Haaren und in dunklen Anzügen rumlaufen", setzt sie nach. Aha, also ich finde es eher komisch, wenn ein Inder eine deutsche Universität führt.
5. bequem
jens45 18.07.2011
Zitat von sysopDie Studentenschaft wird immer bunter, doch die universitäre Chefetage ist vermackert,*blass*und angejahrt. Diversität hat an der Spitze der Hochschulen Seltenheitswert - und für Unis, die oben mitspielen wollen, wird der Mangel zum Risiko. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,769919,00.html
nach all den Plagiatsaffären sieht man ja, was für eine veraltete Profriege offensichtlich ihr Unwesen treibt. Bequem und desinteressiert
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