Magersüchtige Studenten: Mein Körper, mein Feind

Von Rebecca Erken

Nach der Mensa verschwindet Hanna auf der Toilette und erbricht sich. Wenn jemand nachfragt, sagt sie, ihr werde schnell schlecht. Essstörungen haben nicht nur Jugendliche, oft kommen sie erst im Studium. Viele Studierende schämen sich still, statt Hilfe zu suchen.

Angefangen hatte es im Alter von 13 Jahren, vor der Jugendweihe: Damals nahm Hanna (die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert) ein paar Kilo ab, weil sie ein schickes Kleid tragen wollte und keinen dämlichen Hosenanzug. Um Gewicht zu verlieren und trotzdem normal essen zu können, erbrach sie sich regelmäßig. Eine gute Methode, wie sie dachte.

Hanna bewunderte die Frauen in den Musikvideos und auf den Laufstegen. "Ich wollte, dass die Kleider bei mir genauso aussehen. In manchen Läden hatte ich aber die größte Konfektionsgröße. Obwohl ich nie dick war, wurde mir das ständig vermittelt."

Als die Kilos runter waren wie geplant, hatte die Krankheit sie bereits im Griff. Hanna ist jetzt 22 Jahre alt, Lehramtsstudentin in Jena. In ihrer WG weiß niemand etwas von der Bulimie, der Ess-Brech-Sucht, mit der sie sich noch immer quält. Anzusehen ist ihr nichts, ihr Gewicht ist normal. Zwischen Mensa und Vorlesung verschwindet Hanna oft auf den Toiletten. Wenn Kommilitonen mitbekommen, wie sie sich erbricht, erzählt sie, ihr werde einfach schnell schlecht. "Das ist bei mir schon so routiniert. Andere gehen aufs Klo. Ich übergebe mich in der Zeit zweimal."

"Eine extreme Form, sich zurückzuziehen"

Dass Teenager in der Pubertät an Essstörungen erkranken können, ist mittlerweile im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen. Doch auch angehende Akademiker sind von dem Leiden betroffen. "Viele Studenten haben ihre Essstörung als Jugendliche nie überwunden, oder sie wurden nie therapiert", sagt Beate Schuhmann, psychosoziale Beraterin beim Studentenwerk Thüringen. "Im Studium fallen sie durch den Leistungsdruck und Prüfungsstress wieder in alte Muster zurück."

Und selbst wer die Jugendjahre übersteht, ist keineswegs sicher: Das häufigste Erkrankungsalter für Bulimie liegt nach Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zwischen 20 und 30 Jahren. "Ich habe den Eindruck, dass die Studenten heute unter einer zunehmenden Vereinsamung und Individualisierung leiden", erklärt Bernd Nixdorff, psychologischer Psychotherapeut an der Uni Hamburg. "Eine Essstörung ist die extreme Form, sich zurückzuziehen, weil man sich nur noch mit dem eigenen Körper beschäftigt."

Laut einer Studie der Universität Jena leiden 29 Prozent der Frauen zwischen 12 und 32 Jahren an Frühsymptomen einer Essstörung. Bei den Männern der gleichen Altersgruppe sind es immerhin 13 Prozent.

Die Ursachen sind vielfältig: Schwierigkeiten in der Familie, großer Leistungsdruck, eine Art Überbietungswettbewerb im Freundeskreis. Doch auch das durch Fernsehen und Werbung vermittelte Schönheitsideal habe einen "erheblichen Einfluss auf die Entstehung von Essstörungen", sagt Cornelia Thiels, Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Professorin an der Fachhochschule Bielefeld. So waren auf den Fidschi-Inseln vor der Einführung des Fernsehens Essstörungen kaum bekannt, fanden Forscher von der Harvard University heraus, erst nach dem Sendestart 1995 hielt die Krankheit Einzug.

Auf vielen lastet ein hoher Druck

Die Helfer in den psychosozialen Beratungsstellen der Hochschulen berichten von wachsenden Problemen mit Essstörungen. Oft kämen Studenten mit anderen Anliegen in die Sprechstunde, mit Beziehungskrisen, familiären Spannungen oder Prüfungsangst. Erst nach ein paar Sitzungen stelle sich heraus, dass die Hilfesuchenden zusätzlich noch ein gestörtes Essverhalten hätten.

Die Jenaer Studentin Hanna wurde durch einen Flyer auf die psychosoziale Beratungsstelle des Studentenwerks aufmerksam. Dort erzählte sie, wie sie in der WG das Radio laut stellt, wenn sie sich übergibt, von der Heimlichtuerei vor dem eigenen Freund - und vor allen Dingen von diesem schrecklichen Druck, der auf ihr laste. Der Druck, den Eltern gerecht zu werden, aber auch dem eigenen überhöhten Anspruch. Eine schlechte Klausur zu schreiben, ein Wochenende zu vergammeln, sich Auszeiten zu gönnen, das gab es für Hanna nicht.

In der Therapie lernte sie nach und nach zu akzeptieren, dass sie es nicht jedem recht machen kann. Sie gestand sich Pausen zu und nahm sich Zeit für sich selbst. Je geringer der Druck wurde, desto seltener fiel sie in das schädliche Muster zurück. Vorbei ist die Sache für sie nicht.

Simone, Studentin der evangelischen Theologie in Berlin, steckte in einer Beziehung, die ihr zuwider war. "Ich wusste schon lange, dass ich eigentlich lieber mit einer Frau zusammen sein will, aber da, wo ich herkomme, aus der hessischen Provinz, war dieses Thema noch ein großes Tabu." Simone wurde depressiv und nahm innerhalb von drei Jahren 30 Kilo zu. "Ich habe meine Gefühle mit Essen betäubt und mir eine Art Schutzpolster angegessen, aber damals wusste ich überhaupt nicht, was mit mir los war", erzählt die 27-Jährige. Erst nach ihrem Coming-out bekam sie auch ihre Esssucht in den Griff.

Kummer mit unkontrolliertem Essen kompensieren

Die Hamburger Medizinstudentin Kathrin hat seit ihrem 12. Lebensjahr mit Essstörungen zu kämpfen. "Meine Mutter ist sehr früh krank geworden", erzählt die 26-Jährige. "Ich habe versucht, das mit unkontrolliertem Essen zu kompensieren." Ihr Ehrgeiz, weniger zu essen, führte schließlich zur Magersucht.

"Ich konnte mich überhaupt nicht mehr konzentrieren, sogar das Lesen ging nicht mehr." Weil es mit dem Studieren nicht klappte, arbeitete sie zunächst wieder in ihrem alten Job als Krankenschwester. Doch durch ihre Magersucht bekam sie Herzprobleme. Ein Weg von hundert Metern war zu anstrengend für sie.

Obwohl Kathrin untergewichtig war, wurde selbst in ihrem Umfeld aus Ärzten und medizinischem Personal niemand misstrauisch. "Ein schlanker Mensch, und sei er auch zu dünn, ist dort immer noch willkommener als jemand, der zu dick ist. Schlanksein assoziieren die meisten mit Selbstdisziplin, Ehrgeiz und Schnelligkeit", erzählt sie.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Schlankheitswahn – falsche Vorbilder?
insgesamt 952 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Constantinopolitana 03.01.2007
Hallo, einer meiner Freunde erzählte mir neulich, sein Sohn (15 oder so) habe sich verliebt - in eine ziemlich rundliche Klassenkameradin. Sie sei nett, interessant, witzig und so weiter und so fort, und er sei todunglücklich, weil daraus wohl nichts werden könne. Warum kann daraus nichts werden? Nicht, weil sie ihn nicht wiederliebt, nein! Weil der Junge Angst hat, wegen seiner fetten Freundin verspottet zu werden! Man wundert sich, man wundert sich, und eigentlich können einem die Jugendlichen leid tun, die wegen solcher Oberflächlichkeiten auf eine Beziehung verzichten. Bloß, daß der Schlankheitswahn so etwas neues sein soll, wage ich zu bezweifeln. In früheren Jahrhunderten schnürten sich die Frauen eine Wespentaille, und Weiblein und Männlein aus Adel und Bürgertum quetschten ihre Füße in gar abenteuerlich kleine und enge Schuhe. Man lese nach bei Schneewittchen und Aschenputtel oder auch in "Vom Winde verweht". Wer heute mit einer Taille von 60 - 70 cm herumläuft (als Frau), paßt in die kleineren Damengrößen oder ärgert sich, weil der Bund der Hosen, die von Länge und Hüftbreite passen, immer so schlackert - zur Zeit der Schnürleibchen galt jedoch das als bäurisch dicker Bauch. Und wer sich heute an Kate Moss oder Victoria Beckham orientiert, um zu wissen, was schön sein soll, schaute sich vor 100 Jahren vielleicht die Stummfilmschönheiten der UFA oder vor 300 Jahren eine schöne Geschnürte im Reifrock an - das Ergebnis war sicher nicht viel anders...man entspricht einfach nicht dem Ideal! Das Problem sind sicher nicht die Vorbilder, sondern die Tatsache, daß man als Heranwachsende(r) sich seiner selbst so furchtbar unsicher ist, daher unbedingt einer von den Altersgenossen akzeptierten Norm entsprechen will und alles mögliche Sinnvolle und Sinnlose tut, um dies zu erreichen. Die einen hungern, die anderen geben sich derart lässig, daß Schulversagen, Drogen, kleinere oder größere Kriminalität nur unterstreichen, wie sehr sie drüberstehen, andere wiederum wollen mit körperlicher Gewalt beweisen, daß sie ernstzunehmende Persönlichkeiten sind; meines Erachtens sind das nur Facetten desselben Problems. Die Frage ist doch eher, wie schafft man es, seinen Kindern zu helfen, daß sie sich selbst als Person akzeptieren? Allerbeste Grüße, Eva
2.
DJ2002dede 03.01.2007
---Zitat von sysop--- Junge Frauen und Mädchen eifern oft einem fragwürdigen Ideal nach: Immer schlanker, immer dünner wollen sie sein und ruinieren damit ihre Gesundheit. Sind es vor allem die falschen Vorbilder, die den Wahn fördern? Was kann gegen die gefährlichen Wünsche nach vermeintlicher Idealfigur getan werden? ---Zitatende--- Es sind auch die falschen Vorbilder, in Kombination mit der Peer-Group wie der andere Forist schon am eigenen Beispiel des Sohnes aufzeigte. Was man dagegen machen kann? Gute Frage. Als Elternteil ist man gegen eine Peer-Group machtlos, also geht es nur mit einer gesamtgesellschaftlichen Änderung. Und sowas ist bekanntlich schwer zu erreichen.
3.
inci 03.01.2007
---Zitat von sysop--- Junge Frauen und Mädchen eifern oft einem fragwürdigen Ideal nach: Immer schlanker, immer dünner wollen sie sein und ruinieren damit ihre Gesundheit. Sind es vor allem die falschen Vorbilder, die den Wahn fördern? Was kann gegen die gefährlichen Wünsche nach vermeintlicher Idealfigur getan werden? ---Zitatende--- zuerst einmal sollten kleidergrößen wieder einheitlich festgelegt sein. ich habe mit meiner tochter festgestellt, daß eine heutige bluse der größe 42 (muster von h+m) einer früheren größe 38 entspricht. durch die ständige "verschlankung" dieser maße ist es natürlich nicht verwunderlich, daß sich junge mädchen bis zur klapprigkeit hungern, nur um in größe 38 zu passen, die gemessen an den früheren größen eigentlich eher einer 34/36er größe entspricht. nicht zuletzt wurde ja bei den damen schon die konfektionsgröße 32 kreiert, in die wahrscheinlich nicht mal mein enkel passen würde, wenn der nächstes jahr in die schule kommt. und was die extrem dünnen "vorbilder" wie madame beckham und kollegInnen betrifft: glaubt jemand wirklich im ernst, die sind so schön schlank, weil sie immer eifrig sport treiben? im leben nicht, gibt es doch wundersame chemie und hormone die dem nachhelfen. sozusagen das gegenstück zur chemischen keule mancher bodybuilder. das zeug ist aber noch dermaßen teuer, daß es sich kaum eine leisten kann, und deshalb wird mit den altbekannten model-tricks nachgeholfen.
4.
Priest 03.01.2007
---Zitat von Constantinopolitana--- Die Frage ist doch eher, wie schafft man es, seinen Kindern zu helfen, daß sie sich selbst als Person akzeptieren? ---Zitatende--- Nur sehr schwer! Denn viele Erwachsene akzeptieren sich selbst kaum. Bestimmte Dinge werden ausgeblendet, ignoriert usw.. Das größte Problem ist meiner Meinung nach die Unehrlichkeit die in den Medien und dem Showbiz vorherrscht. Stars machen uns vor, dass sie nichts für ihr Aussehen tun ausser ein bisschen Training, von Schönheitsoperationen halten sie gar nichts. Selbst wenn dies mit den Operationen stimmt, sieht ein wenig Training nicht ao aus, dass sie 1 mal die Woche in ein 24h Fitness Center gehen sondern eine indivduelle Ernährungsberatung mit einem persönlichen Fitnesstrainer haben, der ein absolut abgestimmtes Training und Tagesablauf konzipiert. Da kommt man mit den Ernährungsbuch und dem Heimtrainer einfach nicht ran. Und Operationen? "Ich habe mich nicht operieren lassen!" Ja lec.. mich doch, kann man an der Nase abnehmen und gezielt am Busen zunehmen? Schauen sie sich bitte Filme von J.Lo und Kylie Minoque von früher an und von heute, da sehen sie wo die Schönheitsoperationen ihre Spuren (oder auch nicht) hinterlassen haben. Die sogenannten Vorbilder präsentieren sich gerne als Schönheitsikonen, die einen mit Videos vorgaukeln, dass sie dies alles nur durch harte Arbeit erreicht haben und schmeicheln damit ihrem Ego auch wenn dies bedeutet die Unwahrheit zusagen. Die Nachricht die damit transportiert wird ist für die breite Masse aber katastrophal, Lise Müller trainiert 7 mal die Woche und verzweifelt, dass sie keinen Körper wie ihr Vorbild hat. Jeder Mensch muss lernen, sich selbst mit seinen Fehlern zu akzeptieren und auch ehrlich dazu stehen. Unser Körper ist keine Skulptur die sich nach Belieben formen lässt, wir können nicht entscheiden 5g an den Schenkeln abzunehmen und Muskeln an bestimmten Teilen des Körpers aufzubauen. Wir können 10 Kg abnehmen aber die 5g an den Schenkeln bleiben. Hinzu kommt unser verzertes Selbstbild, ich habe in den letzten 2 Jahren gut 45 Kilo abgenommen und selbst als ich schon Kleidung trug die 2 Nummern kleiner war, sah ich noch immer keinen Unterschied im Spiegel. Unsere eigene Warnehmung bestimmt unsere Selbstzufriedenheit, wer akzeptiert dass die 5g Fett an den Schenkeln sind ist glücklicher als ein Victoria Beckham, die wahrscheinlich bei jedem Blick in den Spiegel neue "Fettwülzte" entdeckt. Niemand sollte aus Ästhetischen Gründen abnehmen und schon gar nicht für andere, Training und Abnehmen sollen eine Selbstverbesserung sein, also tut man es nur für sich. Aber die körperliche Veränderung reicht nicht aus, diese Veränderung muss auch im Kopf stattfinden. Wir alle haben Fehler und müssen damit leben, selbst jemand mit einem Körper wie Adonis wird feststellen, dass seine Nase etwas schief, das eine Auge höher als das Andere ist oder dass die Ohren abstehen, denn wer Fehler sucht wird sie auch finden. Die meißten Erwachsenen können dies nicht und für Jugendliche ist es schwerer, da deren Körper sich erst entwickelt und noch kein wirkliches Selbstbild haben und sich dieses Bild aus ihrer Umgebung und auch den Medien formen.
5. es geht noch viel dünner!!!
Besquare 04.01.2007
---Zitat von sysop--- Junge Frauen und Mädchen eifern oft einem fragwürdigen Ideal nach: Immer schlanker, immer dünner wollen sie sein und ruinieren damit ihre Gesundheit. Sind es vor allem die falschen Vorbilder, die den Wahn fördern? Was kann gegen die gefährlichen Wünsche nach vermeintlicher Idealfigur getan werden? ---Zitatende--- Die Vorbilder sucht sich der Mensch (außer die Eltern, weil die prägend sind) selber aus. Die Vorstellung eines Ideals ist falsch... Aber woher sollen die Mädels das wissen, wenn sie nicht wissen, wen sie darstellen? Es ist ein Problem des Selbstbildes... Wir haben Spiegel und Fernseher, und neben den Millionen "NORMALEN" Frauen aus der Nachbarschaft, starrt Frau unzufrieden ihr Spiegelbild und sehnsüchtig ihre Ikonen im Fernsehen an... ohne zu registrieren, dass sie in der direkten Nachbarschaft im oberen Drittel spielt (bspw.)... Frauen eifern Menschen nach, die sie meistens noch nicht einmal in der Realität GESEHEN haben... Madonna sieht nur deshalb noch so gut aus, weil sie die ZEIT HAT 4 Stunden am Tag mit einem professionellen Trainer (Sportlehrer zu deutsch) zu üben... da muss man schlank bleiben, und die Schönheitschirurgie tut ihr übriges... Die berühmten Frauen im TV tuen das BERUFLICH und es ist unsere schuld, das die Hofnarren unserer Zeit besser bezahlt sind als die Könige!!! Ich verabscheue mich selbst, mit freundlichem Gruß BeSquare
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS

© UniSPIEGEL 6/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -273-