Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Marx zurück auf dem Campus: Die kleine Oktoberrevolution

Von

Ein Gespenst geht um an Deutschlands Unis. Es heißt Karl Marx. Zum Wintersemester hat der Studentenverband der Linken Marx-Lesekreise an 31 Hochschulen gestartet - und schlägt auch Kapital aus der Finanzkrise: Schon sieht der SDS die Industrie "am Rande des Abgrunds".

Der Hörsaal 1098 der Freiburger Universität ist bis auf wenige Lücken gefüllt. Auf einem Tisch am Eingang liegen zwei große Stapel mit Beitrittserklärungen. Einer ist für die Partei Die Linke, der andere für deren Hochschulorganisation, den SDS. Ein großes violettes Banner zieht sich über die Tafel: "Das Kapital lesen: Kapitalismus verstehen, konfrontieren, überwinden!"

Heute soll Karl Marx wiederbelebt werden. Der SDS in Freiburg will es so. Und das Comeback des Kommunisten ist keineswegs ein Freiburger Soloritt. An 30 weiteren Hochschulen in der Republik hat Die Linke.SDS mit Beginn des Wintersemesters Lesekreise gestartet. Ziel und Motto: "Marx neu entdecken."

Es ist eine kleine Oktoberrevolution, die der SDS als Vorhut der Linken starten will. Die Partei bläst zur Offensive an den Unis - als Teil ihrer Expansionsstrategie in Richtung Westen, mit sie sich endgültig als gesamtdeutsche Partei festzusetzen versucht. Man will weg vom Ruf, nur aus Altkommunisten im Osten plus ein paar verzopften Westgewerkschaftern zu bestehen.

Dabei soll der SDS helfen. Das Kürzel steht hier zwar für "Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband", doch der Anklang zum historischen Vorbild, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, ist gewollt. Im Mai startete Die Linke.SDS bereits einen großen Kongress "40 Jahre 68" mit dem Slogan "Die letzte Schlacht gewinnen wir!"

"Ausbeutungsverhältnisse verstehen"

Und nun sollen interessierte Studenten sich zwei Semester lang mit dem "Kapital" von Karl Marx auseinandersetzen, es lesen und diskutieren. Und es am besten aus den Lesekreisen hinaus in die Hörsäle hineintragen: "Wir wollen, dass unsere Lesekreisbesucher ihr gewonnenes Wissen aktiv in Seminaren einsetzen können", sagt Win Windisch.

Der Philosophiestudent aus Berlin engagiert sich beim SDS und ist Mitorganisator der bundesweiten Marx-Offensive. Er kritisiert das Fehlen von Alternativen zur neoliberalen Theorie, kritische Betrachter seien "im Hörsaal kaum erwünscht". Und gerade weil Karl Marx von vielen mit einem Schulterzucken behandelt werde, "packen wir den Klassiker jetzt aus und eignen uns seine Inhalte an". Und dann? "Wollen wir verstehen, was alles falsch läuft in der Wirtschaft, wie Ausbeutungs- und Machtverhältnisse aussehen - und mit welchen Alternativen wir den Kapitalismus überwinden können."

Im Hörsaal 1098 in Freiburg ist es mit den Alternativen noch nicht so weit. Bevor die Lesekreise richtig loslegen, heizen "bekannte kritische Wissenschaftler" vor. Wolfgang Fritz Haug führt die Freiburger ins Thema ein. Haug ist emeritierter Philosophieprofessor mit Forschungsschwerpunkt Marxismus. Und Mitglied bei der Linken. Er sagt den Studenten Sätze wie: "Durch die Finanzkrise wird Ihre gesamte materielle Lage, werden Ihre gesamten Lebenspläne nachhaltig betroffen sein." Und: "Es wird nichts so sein wie zuvor." Außerdem: "Die Industrie steht am Rande des Abgrunds." Aus den Bankreihen brandet Knöchelapplaus.

Lesekreise aller Länder vereinigt euch!

Klappt der Traum der Linken, haben die Studenten bald jede Menge Marx im Kopf: Auf seiner Homepage stellt der SDS Lesetipps und Schaubilder bereit. Für die Lesekreise in den einzelnen Unis wurden extra "Kapital-Teamer" gecoacht. In einem Internet-Forum können die Nachwuchsmarxisten Ergebnisse zusammentragen. Und nächsten Sommer, zur Wahlkampfzeit, soll dann gelten: Lesekreise aller Länder vereinigt euch! Denn dann plant Die Linke.SDS eine internationale Auswertungskonferenz zum Bündeln der Ideen.

Haug, der Marx-Kenner, sagt es den Freiburger Studenten so: "Vielleicht ist das der Moment - nicht nur an den 31 Hochschulen -, in dem überall auf dem Globus eine neue Gesellschaft möglich wird." Und: "Wir haben Marx viel zu lange auf dem Dachboden verstaut." Dabei blickt er in einen vollen Saal und wenig skeptische Gesichter. Er sagt: Schön, dass sich auch in Freiburg die Bänke füllen, dieser "Höhle des neokapitalistischen Löwen".

Wenige Schritte entfernt vom Hörsaal 1098, im Nachbargebäude, liegt das Institut für Allgemeine Wirtschaftsforschung der Uni Freiburg. Die Höhle. Viktor Vanberg ist dort Professor für Wirtschaftspolitik. Er ist der Löwe. "Die Finanzkrise als Beleg für das Ende der Marktwirtschaft zu sehen, ist absurd", sagt Vanberg. "Menschen ziehen es nun mal vor, in kapitalistischen Systemen zu leben."

"Eine andere Welt ist möglich"

Marx wieder an die Uni zu holen, das hält Vanberg für überholt. Als Teil der Theoriegeschichte spiele er zwar eine wichtige Rolle und sollte "gemeinsam mit weiteren wichtigen Theoretikern" viel entschiedener auf dem Lehrplan stehen. Aber zum großen Heilsbringer oder gar Ablöser des Kapitalismus tauge der Philosoph nicht: "Dass das Modell der Zentralplanwirtschaft gescheitert ist, das haben wir gesehen."

Win Windisch vom SDS sieht die Sache anders. Zwar gab es, "das können wir nicht leugnen", eine Entwicklung hin zum Kapitalismus - doch könne es doch gerade deshalb nun eine "Entwicklung weg vom Kapitalismus hin zu neuen Ideen geben". Windisch: "Die Lesekreise kommen da genau zum richtigen Zeitpunkt. Eine andere Welt ist möglich."

Im Hörsaal 1098 beendet der SDS die erste Lesesitzung mit zwei Aufrufen. Einer gilt der nächsten Kundgebung vor der Sparkasse, es geht um die Kontrolle von Banken. Der andere Aufruf gilt allen Interessierten, den SDS jetzt bei einem Bier noch besser kennenzulernen. Im "Bettelstudenten", einer Freiburger Kneipe, hat man vorsorglich für "eine große Runde" reserviert.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Marx reloaded: Wie die Linke Studenten umgarnt

Fotostrecke
Mythos Ché Guevera: Kratzen an der Ikone