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Massenansturm auf den Master: Wo die Studienplätze herkommen sollen

Von Frank van Bebber

Nach dem Bachelor ist Schluss, fürchten viele Studenten. Denn den Hochschulen fehlt oft das Geld für ausreichend Master-Studienplätze. Die Uni Hamburg konnte sich allerdings gegen die Politik durchsetzen, analysiert das Hochschulmagazin "duz" - mit harten Zahlen und harten Aufnahmeprüfungen.

Uni Hamburg: "Für 80 Prozent der Bachelor-Absolventen gibt es Platz im Master-Studium" Zur Großansicht
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Uni Hamburg: "Für 80 Prozent der Bachelor-Absolventen gibt es Platz im Master-Studium"

Manchmal muss es erst ganz schlimm kommen, bevor es etwas besser wird. Diese Erfahrung hat Prof. Dr. Holger Fischer gemacht. Er kümmert sich seit fast acht Jahren als Vizepräsident für Lehre an der Universität Hamburg um Abschlüsse und Studienplätze. Als die Universität der Hansestadt die Abschlüsse Bachelor und Master einführte, tüftelten der Geisteswissenschaftler und seine Kollegen an Kapazitätsvorgaben und Studienverläufen. Das Ergebnis war für die Professoren erschütternd: Nach der Kalkulation zeichnete sich nur für wenige Studenten die Chance ab, über den Bachelor hinaus an der Universität zu bleiben.

"Es wurde klar, dass nur ein Bruchteil der Bachelorabsolventen einen Platz bekommen sollte", erinnert sich Fischer. Eine Übergangsquote von mageren 30 bis 35 Prozent stand im Raum. Der vom Staat geforderte Pflichtbetrieb für eine hohe Zahl von Studienanfängern bis zum Bachelorabschluss fraß das meiste Geld. Für den Master und damit die wissenschaftliche Kür im Studium blieb viel zu wenig übrig. Den Studierenden drohte ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf um die wenigen Masterplätze. Dieses Szenario war so drastisch, dass es auch die Politiker der Hansestadt alarmierte - obwohl deren Interesse nach wie vor überwiegend den Bacheloranfängerplätzen gilt.

Denn Wissenschaftsminister werden derzeit daran gemessen, wie sie die doppelten Abiturjahrgänge von der Straße holen. Quer durch die Republik investieren Politiker darum am liebsten in große Erstsemester-Vorlesungen, nicht in kleine Seminare für fortgeschrittene Nachwuchstalente.

Dennoch kann Fischer heute von einer im Vergleich zu anderen Ländern vergleichsweise komfortablen Lage sprechen. In den Verhandlungen mit der Politik konnte die Universität Hamburg vor drei Jahren zusätzliche Mittel für Masterstudienplätze aus dem Haushalt für sich gewinnen. Fischer bilanziert: "Für 80 Prozent der Bachelorabsolventen gibt es Platz in einem Masterstudium." Wobei die Universität davon ausgeht, dass nur sieben von zehn Erstsemestern das Bachelorstudium abschließen. Die Quoten sind von Fach zu Fach verschieden: In Geistes-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften wird Fischer zufolge mit 60 Prozent kalkuliert, in den Naturwissenschaften mit 80 Prozent, bei den Lehrern mit 95 Prozent. Sie liegen damit aber insgesamt deutlich höher als jene 50 Prozent, die von der deutschen Wissenschaftspolitik zu Beginn der Studienreform genannt wurden.

Die Behörden rechneten mit Schreckenszahlen

Dabei hatte sich die Hamburger Hochschulpolitik zuvor nicht anders verhalten als andere Länderregierungen. Das hat Viola Herrmann vom Institut für Hochschulforschung (HoF) in einer 2008 veröffentlichten Studie herausgefunden: Offiziell verwies die Hamburger Behörde für Wissenschaft und Forschung gern auf die Hochschulautonomie. "Andererseits gibt es Dokumente, die den Einfluss der Behörde verdeutlichen", berichtete Herrmann. So ging ein Gutachten zur Strukturreform der Hamburger Hochschulen 2003 eben von einer 50-Prozent Übergangsquote aus, in den Wirtschafts und Sozialwissenschaften sogar nur von 30 bis 40 Prozent - Schreckenszahlen, die am Ende die besten Argumente für eine Nachbesserung waren.

Der Bachelor als Regelabschluss - von dieser Annahme hat sich Hamburg de facto verabschiedet. Die Wissenschaftsbehörde ist überzeugt, die Auswahl an Plätzen decke den Bedarf. Im vergangenen Jahr hätten 3384 Masterplätze zur Verfügung gestanden, sagt Behördensprecher Timo Friedrichs. "Damit erfüllen wir die erwartbare Nachfrage." Im vergangenen Jahr hat es erst 1951 Bachelorabsolventen gegeben. Die großen Bachelorjahrgänge sind an der Universität Hamburg jedoch noch nicht bis zum Abschluss gelangt. Entsprechend unterschiedlich ist die Auslastung der einzelnen Studiengänge. Bewerber drängen derzeit vor allem in Betriebswirtschaft, Biologie oder Psychologie.

"Wir können nicht alle Ressourcen in den Bachelor stecken"

Der Ansturm an den Hochschulen in Hamburg dürfte sich noch aus einem weiteren Grund in Grenzen halten: Bereits bei der Zulassung zum grundständigen Studium hält die Stadt an der Elbe den Zugang so eng wie kein anderes Bundesland. Für 83 Prozent der Anfänger-Studiengänge in der Hansestadt besteht eine Zulassungsbeschränkung, im Bundesschnitt ist dies gerade bei der Hälfte der Studiengänge der Fall.

Für den Präsidenten der Technischen Universität Hamburg-Harburg, Prof. Dr. Edwin Kreuzer, haben diese Hürden am Anfang ihren Sinn: "Wir können nicht ins Blaue hinein alle Personalressourcen in den Bachelor stecken und am Ende fehlen dann die Professoren für den Master", sagt er. Kreuzer sieht für seine Ingenieurschmiede den Durchmarsch zum Master ohnehin als Selbstverständlichkeit. "Wir haben immer gesagt, dass wir davon ausgehen, dass vier Fünftel der Bachelorstudenten in den Master übergehen, um das Äquivalent zum Diplom zu erreichen", sagt Kreuzer. Behinderungen durch die Politik oder eine Quotenregelung gebe es nicht. "Wir mussten der Behörde schon erklären, warum wir das so wollen. Aber wir konnten mit Argumenten überzeugen."

Trotz solcher Aussagen spürt Uni-Vizepräsident Fischer weiter die Angst der Bachelorstudierenden, keinen Masterplatz zu erhalten. Die Fachschaft Informatik an der Hamburger Universität warnt: "Wir haben zu wenig Masterplätze." Und im vergangenen Dezember machte die Geschichte der BWL-Studentin Tina Streiff die Runde. Trotz eines Bachelorabschlusses mit der Note 1,6 bekam sie keinen Masterplatz.

Wie Landeskinder und Zugezogene um Studienplätze konkurrieren

Vize Fischer hält diese Geschichte allerdings vor allem für ein Missverständnis, bei dem die Universität zu Unrecht schlecht wegkommt. Die Studentin hatte nämlich nicht an einem Test teilgenommen, den die Universität für alle BWL-Masterbewerber eingeführt hatte. Das brachte ihr den entscheidenden Malus. Der Test aber habe gerade die eigenen Bewerber schützen sollen, sagt Fischer. Und zwar gleichermaßen gegen Bewerber der eigenen Universität wie gegen Bewerber von auswärts.

Geben andere Hochschulen nämlich eher bessere Noten, sind die eigenen Kandidaten schnell chancenlos. "Wir wollen nicht in diese Falle tappen", begründet Fischer das neue Zulassungsinstrument. In Großstädten wie Hamburg müssen die Studenten solche Konkurrenz von außen besonders fürchten. Behördensprecher Friedrichs sagt: "Hamburg ist ein klassisches Nehmerland." Sowohl bei den Studienanfängern im ersten Semester als auch bei den Masterplätzen gebe es viele externe Bewerber.

Für die Behörde wie für die Universität sei zwar klar, dass sich interne und auswärtige Bewerber einer gemeinsamen Auswahl stellen müssen. "Eine Landeskinderregelung darf es nicht geben", sagt Friedrichs. Die Studierendenvertreter der Fachschaft Informatik fordern dennoch: "Wir wollen genug Plätze für alle, insbesondere für interne Bachelorabsolventen."

Die bei der Bürgerschaftswahl im Februar erfolgreiche SPD klagte in ihrem Wahlprogramm: "Das Missverhältnis zwischen der Zahl der Bachelorabsolventen und der Zahl der Masterstudienplätze hat zur Folge, dass das Potenzial vieler junger Menschen brach liegt." Deshalb sei es Ziel eines SPD-geführten Senats, "dass allen Bachelorabsolventen ein Masterstudiengang offen steht".

Das allerdings wird kosten. Als die Fraktion der Linkspartei vor zwei Jahren vergeblich 1000 neue Masterplätze für die Universität Hamburg beantragte, damit jeder Bachelorabsolvent einen Masterplatz bekommt, bezifferte sie den Finanzbedarf dafür auf nicht weniger als 17,3 Millionen Euro im Jahr. Zum Vergleich: Der Gesamtetat der Uni aus Landesmitteln beträgt 200 Millionen Euro.

Auch Uni-Vizepräsident Fischer könnte sich durchaus mit einem Platzangebot anfreunden, das eine Übergangsquote von 100 Prozent möglich machte. Allerdings schätzt er die Chancen darauf nüchtern ein: Möglich sei dies nur mit mehr Geld oder einem Abbau von Anfängerplätzen - "und beides ist nicht sehr realistisch".

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insgesamt 61 Beiträge
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1. Niedergang des deutschen Hochschulwesens
Diana Simon, 25.04.2011
Unser Bildungswesen war hervorragend - nur leider unterfinanziert. Das ganze Herumreformieren dient nur dazu, dies zu verschleiern. Wir retten lieber spekulierende Banken. Leute, die von Bildung nichts verstehen und nur auf Zahlen starren, wollen unbedingt die Abiturienten- und Studentenzahlen erhöhen und haben offensichtlich nicht begriffen, daß in anderen Ländern die Berufsausbildung zum großen Teil an Schulen und Hochschulen stattfindet (Maurerabitur, Buchhaltung studieren). Für ein praxisbezogene Studium hatten wir die Fachhochschulen (nicht nur für technische Studiengänge, auch z.B. für das Bibliothekswesen, pädagogische Hochschulen usw.), für die reine wissenschaftliche Ausbildung das Hochschulstudium - mit dem international geschätzten Diplom bzw. dem Magister-Abschluß. Die Durchgängigkeit der Bildungswege sorgte dafür, daß auch "Spätzünder" weiterkommen konnten. Ihre praktische Erfahrung war eher ein Vorteil für den weiteren Berufsweg. Was in Deutschland gefehlt hat, waren - außer der ordentlichen Finanzierung der herkömmlichen Bildungswege - Fortbildungsmöglichkeiten für Berufstätige auf allen Ebenen, auch durch Fernstudium. Aber wie üblich in Deutschland: bevor man die eigenen guten Systeme weiterentwickelt, äfft man lieber sklavisch das Ausland mit ganz anderen Traditionen nach.
2. Bis heute
janeway13 25.04.2011
Bis heute habe ich den Sinn des Bologna Prozess nicht so recht verstanden. Da wird von unserer Politik ein gut laufendes System kaputt gemacht. Warum nur? Einheitlichkeit wird es niemal in Europa geben. Dafür ist der Wille der unterschiedlichen Regierungen nicht vorhanden. Naja, und an den deutschen Unis wird es dann irgendwann heißen, Masse statt Klasse. Nein, dass will ich auch nicht. Mal sehen, wie es weitergehen wird, wenn der doppelte Abijahrgang, was an sich ja auch Quatsch ist(wir müssen nicht alles haben, was in den ostdeutschen Bundesländern ist), an die Universitäten drängen wird.
3. Wir würden ja gerne mehr Anbieten, ...
aatvf 25.04.2011
seit einführung des Bachelor & Master haben wir bei konstanter Studentenzahl etwas ein Drittel Verwaltungsmitarbeiter angebaut. Die Professorenkollegen stöhnen trotzdem unter der vielen zusätzlichen Verwaltungsarbeit. Gerne würde ich mehr an Forschung und Lehre anbieten, Akkretitierung, Qualitätsmanagement, Deutschlandstipendium, Evaluation, mehr Gremien (neu: Studienkommission, Hochschulrat), Rankingorientierung, wettbewerbliche Ausschreibungen - stehen dagegen. Alles gut gemeint, aber es ist genau deshalb viel, viel schlechter geworden. Überregulierung nennt man dies. Bitte laßt uns Professoren endlich das tun, wofür wir eingestellt worden sind, dann gibt es auch mehr Master.
4. Naja
Mr_Tee 25.04.2011
Man sollte vielleicht erwähnen das dies bei den MIT-Fächern nicht der Fall ist. Bei uns wird jeder zum Master zugelassen, da es nicht genügend Bewerber gibt. Im KIT oder an der TU München kann dies natürlich anders aussehen, wird im letzteren Fall noch ein Vorauswahl anhand von einem Aufsatz und einem persönlichen Gespräch getroffen.
5. Selbstgemachte Probleme
purzeltier, 25.04.2011
Zitat von sysopNach dem Bachelor ist Schluss, fürchten viele Studenten. Denn den Hochschulen fehlt oft das Geld für ausreichend Masterstudienplätze. Die Uni Hamburg konnte sich allerdings gegen die Politik durchsetzen, analysiert das Hochschulmagazin "duz" - mit harten Zahlen und harten Aufnahmeprüfungen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,757758,00.html
Dass nach dem Bachelor Schluss ist, war ein Wunschdenken der Politik das, losgelöst von der real existierenden Wirklichkeit, in Gesetze gegossen worden ist und nun schmerzvoll von den Hochschulen umgesetzt werden muss. Der "berufsbefähigte" Uni-Bachelor ist eine Vorgabe des Gesetzgebers. Im unseren exzellenten Fachhochschulen gab es diesen schon seit Jahrzehnten und bediente einen existierenden Markt mit herausragenden, praxisnah ausgebildeten Fachkräften. Der berufsbefähigte Bachelor, dessen Studiengang von Fachhochschulangestellten, Berufsschullehrer, Verwaltungsfachleuten etc. akkreditiert wird, existiert nur auf dem Papier und nur noch eine politische Lüge die krampfhaft von der Politik aufrechterhalten wird. Man zeige uns den Lehramststundenten der mit einem Bachelorabschluss in einer staatlich sanktionierten Schule unterrichten darf. Die Hochschulen stellen Bachelor als wissenschaftliche Hilfs(!)kräfte ein und nicht nach TV-L eingruppierte vollwertige Arbeitnehmer. Die für die Bildung verantwortlichen Ministerien für Finanzen und Kultusministerien (in dieser Reihenfolge) stellen grundsätzlich keine Bachelor ein. Deutschland braucht keine Universitätsbachelor und sollte es sich langsam eingestehen. Die Welt braucht die exzellent ausgebildeten Fachkräfte aus deutschen Hochschulen, Master oder Diplom, Name ist egal, Hauptsache Vollwertstudium. P
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