Undurchsichtige Aufnahmeprüfungen: Master Willkür

Von Marian Schäfer

Bei vielen Uni-Auswahlverfahren regiert die Willkür. Ein Gericht erklärte nun die Zulassung eines Duisburger Elite-Studiengangs für intransparent und verlangte Änderungen. Die Uni aber reagiert nur zögerlich - und lässt ihre Bewerber weiter im Ungewissen.

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Intransparenz macht unsicher: Keinen Masterplatz - und jetzt?

Markus Malow* war irritiert, als die Vorsitzende der Prüfungskommission plötzlich von "anderen Faktoren" sprach, die für eine Entscheidung zusätzlich herangezogen würden. "Aber ich sah keinen Grund nachzuhaken, schließlich hatte ich ein positives Feedback bekommen", erzählt der Student. Er hatte sich zum vergangenen Wintersemester für den Masterstudiengang Politikmanagement an der NRW School of Governance beworben, der am Politik-Institut der Uni Duisburg-Essen angesiedelt ist. "Ich war mir sicher, angenommen zu werden."

Ein Irrtum: Zehn Tage nach dem Gespräch zur Eignungsfeststellung kommt die Absage. Für den Masterstudiengang sei Malow nicht geeignet. Der Student hakt nach, will die Gründe erfahren. Jeder Student, der seinen Bachelor nicht mit mindestens 1,5 gemacht hat, muss sich diesem Auswahlgespräch stellen. Da muss es ja klare Kriterien geben, denkt Malow. Doch auch das ist ein Irrtum.

Die Professorin, die das Gespräch geleitet hatte, sagt lediglich: Malow sei zu schlecht gewesen, er sei für den Studiengang nicht geeignet. Der Student möchte das Protokoll sehen, bekommt es aber nicht. Es gibt ein erfolgloses Schlichtungsgespräch, dann klagt Malow, wird zunächst in erster Instanz aus formalen Gründen abgewiesen, bekommt dann aber vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster in allen Punkten Recht.

"Unangemessen hohe Zugangshürde"

Das Gericht erklärte, dass es die geforderte Abschlussnote von "sehr gut" (1,5 oder besser) als "unangemessen hohe Zugangshürde" betrachte - zumal nur fünf der 123 Studenten, die sich beworben hatten, diese Note vorweisen konnten. Die Richter prangerten vor allem das intransparente Verfahren und das Fehlen objektiv überprüfbarer Kriterien bei der Eignungsprüfung an.

Es ist ein Problem, mit dem sich viele Studenten herumschlagen: Der Bachelor kann zur Sackgasse werden, weil das Angebot an Masterplätzen geringer ist als die Zahl an Bachelor-Absolventen. Also wählen die Hochschulen aus, häufig mit nicht nachvollziehbaren Kriterien.

Immer wieder kommt es deswegen zu juristischem Streit. Einer der ersten Fälle war ein Urteil im November 2010. Damals schickte das Verwaltungsgericht Münster drei BWL-Bachelorabsolventen ins Masterstudium, die zuvor von der Uni Münster abgewiesen worden waren. Begründung: Beim Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium müsse immer der erste akademische Abschluss, im konkreten Fall also die Bachelornote, den Ausschlag geben. Bewerbungsschreiben und sonstige Kriterien seien allenfalls Nebenaspekte.

Die Entscheidung im Streit zwischen Malow und der Uni Duisburg-Essen liegt einige Monate zurück und mit ihr steht fest: Eine Eigungsprüfung hätte es so nicht geben dürfen. "Grundsätzlich berechtigt der Bachelor zum Masterstudium", sagt der Rechtsanwalt Wilhelm Achelpöhler aus Münster, der schon viele Master-Zulassungsverfahren vor Gericht angefochten hat. Unis könnten lediglich eine bestimmte Abschlussnote und Studienleistungen in ausgewählten inhaltlichen Bereichen fordern, wenn die gut begründet sind. Eine Extra-Auswahl aber könne es nicht geben, "solange es keinen Numerus Clausus, also eine festgesetzte Platzanzahl gibt", so Achelpöhler.

Der Jurist vermutet, die willkürliche Auswahl habe System: "Die wollen sich ihre Leute selber aussuchen und nicht selten die eigenen Studenten behalten und bevorzugen", sagt Achelpöhler. Er fühle sich an die Leitung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) erinnert, die gesagt haben soll, sie wolle keine Studenten aus Kleinkleckersdorf.

"Wir informieren Sie in Kürze"

Die Eignungsprüfung der School of Governance fiel vor Gericht auch deshalb durch, weil das 15 bis 30 Minuten lange Gespräch vor zwei Prüfern nicht formal festgeschrieben war. Die wesentlichen Kriterien und deren Gewichtung, kritisieren die Richter in ihrem Beschluss, könnten die Prüfer deshalb von Fall zu Fall sozusagen nach Gutdünken festlegen.

Anstatt schnell Transparenz zu schaffen, passierte den Sommer über nichts. Als die Uni die Bewerbungsseite für das kommende Wintersemester freischaltete, war die richterlich kritisierte Zugangshürde ebenso geblieben wie die Prüfungsordnung und die Eignungsfeststellung. Erst nach einer Anfrage von SPIEGEL ONLINE nahm die Uni den Link zu der Ordnung von der Seite.

Martin Florack, an der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften Prodekan für Lehre, Studium und Weiterbildung, sagte dazu: "Wir wollen sie so verändern, dass es transparent wird"- dazu sollten "Kriterien" eingeführt werden, die Florack aber nicht spezifzierte.

Am 16. Juli dann gibt die Uni auf ihrer Internetseite an, dass Bewerber für eine Zulassung ihren Bachelor mit 2,0 oder besser bestanden und einen Teil der Studienleistungen in bestimmten Bereichen der Politikwissenschaft erbracht haben müssen. Das sei rechtlich in Ordnung, findet der auf Studenten-Klagen spezialisierte Anwalt Achelpöhler.

Allerdings: Eine neue Prüfungsordnung, auf der das Verfahren basiert, gibt es noch immer nicht. Martin Florack erklärt, die entsprechende Änderung der Prüfungsordnung sei Anfang Juli durch den Fakultätsrat gegangen, voraussichtlich im August werde die Ordnung im Verkündungsblatt der Uni veröffentlicht und trete dann in Kraft.

Das Problem: Die Bewerbungsfrist für das Master-Programm der NRW School of Governance endet, so steht es auf der Website, am 27. Juli. Die sei aber "sowieso Makulatur", sagt Martin Florack. Einen Hinweis darauf gibt es auf der Webseite nicht. So wissen Bewerber weder, bis wann sie sich eigentlich bewerben können, noch, ob die Regeln für die Masterzulassung gelten, denn: Solange es keine neue Ordnung gibt, gilt die alte.

Und auch die neue Ordnung wird wohl nur eine Übergangslösung sein: Florack kündigt an, zum Wintersemester 2013/14, solle für das Master-Programm ein Numerus Clausus gelten - und eine Eignungsprüfung dann wieder fester Bestandteil sein.

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insgesamt 17 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Wololooo 20.07.2012
Es gibt nichts Schlimmeres als diese egoistischen Studenten, die gegen alels klagen, nur weil die Eltern Juristen sind oder eine gute Rechtsschutzversicherung haben. Wieso kann eine Uni nicht nur Studenten mit 1,5 zulassen? Das sollte doch bei einfachen Fächern wie Politikwissenschaften oder BWL für jeden machbar sein. Durch Klagen, werden nur die nachfolgenden Studenten mit mehr Bürokratie und klagesicheren (und entsprechend komplizierteren) Verfahren belastet. Das dieser Nach-Mir-Die-Sintflut-Kandidat seinen Namen ändern lässt, spricht ja schon Bände.
2.
OlafKoeln 20.07.2012
Zitat von WololoooEs gibt nichts Schlimmeres als diese egoistischen Studenten, die gegen alels klagen, nur weil die Eltern Juristen sind oder eine gute Rechtsschutzversicherung haben. Wieso kann eine Uni nicht nur Studenten mit 1,5 zulassen? Das sollte doch bei einfachen Fächern wie Politikwissenschaften oder BWL für jeden machbar sein. Durch Klagen, werden nur die nachfolgenden Studenten mit mehr Bürokratie und klagesicheren (und entsprechend komplizierteren) Verfahren belastet. Das dieser Nach-Mir-Die-Sintflut-Kandidat seinen Namen ändern lässt, spricht ja schon Bände.
Das ist doch einfach nur Unsinn. Es ist kein NC festgelegt, damit ist die Verfahrensweise unzulässig. Ein Verfahren muß transparent sein. So, wie geschildert, ist es Willkür. Dagegen zu klagen ist absolut verständlich und richtig.
3. Nochmal lesen
dergenervte 20.07.2012
Zitat von WololoooEs gibt nichts Schlimmeres als diese egoistischen Studenten, die gegen alels klagen, nur weil die Eltern Juristen sind oder eine gute Rechtsschutzversicherung haben. Wieso kann eine Uni nicht nur Studenten mit 1,5 zulassen? Das sollte doch bei einfachen Fächern wie Politikwissenschaften oder BWL für jeden machbar sein. Durch Klagen, werden nur die nachfolgenden Studenten mit mehr Bürokratie und klagesicheren (und entsprechend komplizierteren) Verfahren belastet. Das dieser Nach-Mir-Die-Sintflut-Kandidat seinen Namen ändern lässt, spricht ja schon Bände.
Es hatten sich nur 5 Studenten mit einer Note von 1,5 oder besser beworben. Außerdem hat Jeder das recht zu klagen wenn ihm ein Unrecht geschieht.
4. Unsinn
kaffee-junkie 20.07.2012
Zitat von WololoooEs gibt nichts Schlimmeres als diese egoistischen Studenten, die gegen alels klagen, nur weil die Eltern Juristen sind oder eine gute Rechtsschutzversicherung haben. Wieso kann eine Uni nicht nur Studenten mit 1,5 zulassen? Das sollte doch bei einfachen Fächern wie Politikwissenschaften oder BWL für jeden machbar sein. Durch Klagen, werden nur die nachfolgenden Studenten mit mehr Bürokratie und klagesicheren (und entsprechend komplizierteren) Verfahren belastet. Das dieser Nach-Mir-Die-Sintflut-Kandidat seinen Namen ändern lässt, spricht ja schon Bände.
Schon ziemlicher Unsinn. Der junge Mann hat seinen BA Abschluss und möchte sich auf einen Master Platz bewerben. Alle, die einen Schnitt von 1,5 haben werden aufgenommen, der Rest durch undurchsichtige Verfahren ausgewählt. Da muss Klarheit geschaffen werden. Finde ich vollkommen richtig und gut, dass sich jemand einsetzt. Letztendlich haben alle nach ihm kommenden Studenten einen Nutzen davon. Also nicht sehr egoistisch. Und ich glaube er lässt wohl seinen Namen ändern, damit nicht Herr Wololooo irgend einen Unsinn über ihn und seine "reichen Eltern" verbreitet...
5. Uni schließen
ReneMeinhardt 20.07.2012
und den bewerbern dies mitteilen, dann ist die ungewissheit auch verflogen.
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