Master-Platz-Mangel: Gut ist nicht mehr gut genug

Von Silvia Dahlkamp

Fehlende Studienplätze: Master ohne Platz Fotos
Frauke Thielking

Ohne Einser-Bachelor wird es schwer mit dem Master-Platz. Darum üben sich viele Studenten jetzt im Krisenmanagement: Lars flüchtet in die Schweiz, Alexander hofft auf Losglück, und Saskia jobbt als Verkäuferin.

Die Hoffnung flackerte noch einmal auf, als der Brief von der Uni Frankfurt kam. Saskia T., 21, hatte sich fest vorgenommen, stark zu sein. Ihr Magen zog sich trotzdem zusammen. Wenn es doch noch eine Zusage war? Vielleicht im Nachrückverfahren?

Die Psychologiestudentin riss das Kuvert auf und las, was sie eigentlich schon wusste: Absage. Klar. Schließlich hatte sie ihren Bachelor nur mit 2,0 geschafft. Und ein "Gut" ist nicht gut genug, wenn jedes Jahr immer mehr Studenten um zu wenige Master-Plätze kämpfen. An der Goethe-Universität kamen auf 100 Master-Plätze 1289 Bachelor-Psychologen. Jetzt jobbt Saskia fürs Erste als Verkäuferin.

Bisher tauchten Fälle wie der der jungen Thüringerin in keiner Statistik auf. Niemand zählt die Gescheiterten. Stattdessen verweisen die Kultusminister auf Erhebungen, wonach alle Studenten irgendwie, irgendwo noch einen Platz ergattern können, wenn sie nur flexibel genug sind.

Laut einer Studie der Hochschul-Informations-System GmbH zog zum Wintersemester 2011/2012 jeder vierte Student nach bestandener Bachelor-Prüfung um. Jeder zweite, weil seine Uni den Master-Studiengang, den er belegen wollte, gar nicht erst anbot. Und jeder zehnte, weil er es nicht über die Zulassungshürde schaffte.

Im schlimmsten Fall werden 36.000 Plätze fehlen

Doch was passiert, wenn die mehr als 500.000 Erstsemester, die gerade gestartet sind, in drei bis vier Jahren durchs Nadelöhr Master schlüpfen wollen? "Dann werden womöglich doppelt so viele Studenten wie vor drei Jahren um eine nahezu unveränderte Anzahl von Master-Plätzen kämpfen", befürchtet Christian Berthold von der Beratungsfirma CHE Consult, die Modellrechnungen für das Centrum für Hochschulentwicklung erstellte. Es seien Gleichungen mit vielen Unbekannten, "aber im schlimmsten Fall werden 36.000 Plätze fehlen", prophezeit der Experte. Doch die Kultusministerkonferenz wartet ab, spricht von einem "ausreichenden Studienplatzangebot".

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Zu wenig Master-Plätze: Zwangspause nach dem Bachelor
Wenn sich bewahrheitet, was Berthold sagt, könnten nicht nur die Faulen und Leistungsschwächeren am Übergang zum Master scheitern. In drei, vier Jahren wird mehr noch als jetzt die Ziffer hinter der Eins darüber entscheiden, wer eine Chance bekommt - gerade in Fächern wie Betriebswirtschaft, Psychologie oder in einzelnen Natur- und Sozialwissenschaften.

Als wäre die Situation jetzt nicht schon bedrückend genug, muten die Unis den Studenten auch noch etliche Organisationsprobleme zu. Eines davon wurde Lars Dietrich, 25, zum Verhängnis. Der Einser-Abiturient und Einser-Bachelor-Absolvent studierte in Münster zunächst Bio und Chemie, wollte dann in den "Master of Science" wechseln. Dafür musste er sich im Laufe des sechsten Semesters bewerben. Weil er als "Zweifach-Bachelor-Student" aber selbst mit Bestnoten erst nach dem Semester die nötigen Creditpoints zusammengehabt hätte, flog er aus dem Verfahren. Prodekan Robert Klapper gibt zu: "Ein Geburtsfehler im System."

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Statt zu warten, zog Dietrich in die Schweiz, will dort nach dem Master noch seinen Doktor machen. In Münster ließ er nicht nur Freunde, sondern auch ein politisches Amt zurück. Der Biologe war einer von vier gewählten studentischen Senatoren. "Das System vertreibt die, die politisch aktiv sind und sich für andere einsetzen", klagt der münstersche AStA-Vorsitzende Friedrich Bach.

Bereits im September hatten AStA und Fachschaftenkonferenz eine Resolution an Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, CDU, geschickt. Ein Thema war die Lage der Betriebswirtschaftler. In Münster stieg die Zahl der Anfänger in drei Jahren von 360 auf 508. Gleichzeitig blieb es bei 150 Master-Plätzen, um die im Sommer über 2000 angehende Manager aus ganz Deutschland konkurrierten - so viele wie nie. Am Ende geht es dann manchmal zu wie an der Losbude. Um sich vor den Massen und massenhaften Klagen zu retten, warf die Uni Potsdam 600 Namen in eine Trommel - und zog 45 glückliche Master-Gewinner.

Wo so viel Druck ist, da wächst auch die Zahl der Ego-Studenten, die auf Mailing-Listen oder bei Facebook zwar von den Präsentationen, Mitschriften und Referaten ihrer Kommilitonen profitieren, aber nie selbst etwas posten oder weiterleiten. Wer weiterkommen will, muss eben besser als gut - und gewiefter als die anderen sein. "Bologna erzieht uns zu Einzelkämpfern", klagt ein Psychologiestudent. Er gehört zu denen, die am meisten zu verlieren haben. Wer im Bachelor steckenbleibt, kann kein Psychotherapeut werden.

"Bitte, bitte keine Zwei"

Noch schlimmer ist es bei Lehrern: Weil ihre Ausbildung Ländersache ist, hilft auch Wandern nicht. Ohne den "Master of Education" gibt es kein Referendariat, ohne Referendariat keine Stelle an einer Schule.

"Bitte, bitte keine Zwei", bettelte deshalb eine Lehramtsstudentin in Hamburg und brach in Tränen aus. Der Professor antwortete: "Ich kann doch nicht nur Einser geben." Die Szene spielte in einem Hörsaal der Hansestadt, in der sich zum Wintersemester 10.200 Studierende auf 2750 Master-Plätze bewarben.

"Wird schon nicht so schlimm sein", glaubte der Hamburger Student Alexander Limmer, 24, bis er Ende August selbst eine Ablehnung für den Master bekam. Er dachte: "Jetzt ist alles aus." Hiwi-Job an der Uni weg, Bafög gestrichen. Und das Schlimmste: keine Chance mehr auf einen Job als Lehrer. 96 Pädagogen hatte es genauso getroffen.

In ihrer Verzweiflung sammelten sie 5000 Unterschriften, stürmten den Wissenschaftsausschuss und rangen schließlich der Stadt ab, zusätzliche Master-Plätze einzurichten.

Jetzt sitzt Alexander Limmer trotzdem in völlig überfüllten Kursen. In Geografie wurde sogar gelost, wer in den Raum darf. Aber es geht wenigstens weiter. Darauf kann Saskia T., die Psychologiestudentin aus Frankfurt, nur hoffen. Im nächsten Winter hat sie nach zwei Wartesemestern einen Schnitt von 1,8. Ob das reicht?

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insgesamt 94 Beiträge
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1.
thomas.b 08.01.2014
Der Master ist nicht der Standard, das muss man sich klar machen. Das Diplom gibt es nicht mehr, dafür haben wir nun den Bachelor. Dass es darüber hinaus eine harte Auslese geben muss, dürfte einleuchten.
2. Abwrackprämie Bildung!
jwalter2 08.01.2014
Wir erinnern uns an die Konjukturprogramme nach der Lehmann Pleite: Abwrackprämie, ein Fonds zur Förderung von Infrastrukturprojekten und mehr Geld für Bildung. Was zu Hölle ist eigentlich mit dem Geld passiert? Die Strassen sind löchrig, die Bildung löchriger...nur die Autofahrer freuten sich über einen Zuschuss von 2.000 EUR. Vielleicht wäre eine Abwrackprämie Bildung an der Zeit - zur Abschaffung bescheuerter NC's und Erneuerung von Masterstudienplätzen! Ich wette, wenn die Autoindustrie nach Ingenieuren heulen würde, würde es funktionieren...
3.
doitwithsed 08.01.2014
Krankes System. Mit meinen Vordiplomsnoten hätte ich bei solchen Eingangshürden in das Haupstudium keine Chance gehabt. Hat trotzdem für ein Einser-Diplom gereicht, und das in einem MINT-Fach ohne sonderliche Kuschelnoten. Wievielen werden so die Chancen verbaut?
4. verfehlte Förderpolitik
nervmann 08.01.2014
Zitat von sysopOhne Einser-Bachelor wird es schwer mit dem Masterplatz. Darum üben sich viele Studenten jetzt im Krisen-Management: Lars flüchtet in die Schweiz, Alexander hofft auf Losglück, und Saskia jobbt als Verkäuferin. Masterplätze: Zu wenig Studienplätze im Master - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/masterplaetze-zu-wenig-studienplaetze-im-master-a-939787.html)
Holt das Geld von den universitätsunabhängigen Forschungseinrichtungen wie Max-Planck, Helmholtz, Leibnitz und Fraunhofer an die Unis. Kein Wunder, dass die Auftragsforschung fürs Militär machen müssen, wenn sie so finanziell geknebelt werden.
5.
aquarelle 08.01.2014
Zitat von sysopOhne Einser-Bachelor wird es schwer mit dem Masterplatz. Darum üben sich viele Studenten jetzt im Krisen-Management: Lars flüchtet in die Schweiz, Alexander hofft auf Losglück, und Saskia jobbt als Verkäuferin. Masterplätze: Zu wenig Studienplätze im Master - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/masterplaetze-zu-wenig-studienplaetze-im-master-a-939787.html)
Soviel ich weiß werden Masterplätze aber nicht bloß anhand der Note vergeben. Sie macht zwar einen Großteil aus (leider) aber intern an vielen Unis wird ebenfalls auf Praktika, soziales Engagement oder andere Auszeichnungen geschaut. Man muss halt ein wenig besser sein als andere und sich von der Masse abheben aber es ist falsch zu glauben, dies setze ausschließlich ein Einser-Abschluss voraus. Auch bei uns war 'eine zwei eine durchaus gute Note'. Die Hälfte ist an der Uni geblieben, die andere ist für den Master woanders hingegangen. Wie schlimm es tatsächlich wird, wird sich erst Ende dieses Jahres zeigen, wenn die Bachelorflut kommt.
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