Neuer Medizinstudiengang: Bitte experimentiert mit uns

Mehr als tausend Bewerber, 40 Plätze - und trotzdem ist es kein typisches Medizin-Bewerbungsverfahren: An der Uni Oldenburg startet nun ein neuer, internationaler Studiengang für angehende Ärzte. Gefragt sind Aspiranten mit Einfühlungsvermögen.

Medizinstudium in Oldenburg: "Das Konzept ist zukunftsorientierter" Fotos
DPA

Jana-Katharina Freese lächelt, gerade hat sie ihr letztes Gespräch hinter sich gebracht, jetzt muss sie nur noch warten und hoffen. Die 22-Jährige hat sich in ihrer Heimat Oldenburg um einen Studienplatz an der neu gegründeten European Medical School (EMS) beworben. "Ich habe alles gegeben und hoffe sehr, dass es geklappt hat", sagt sie.

Sie hat viele Konkurrenten: Mehr als 1200 junge Männer und Frauen aus Deutschland und dem Ausland haben sich für den bundesweit ersten grenzüberschreitenden Studiengang für Humanmedizin beworben. Die Universität Oldenburg, an der es vorher keinen Medizinstudiengang gab, arbeitet dabei mit der niederländischen Universität Groningen zusammen: Zukünftige Mediziner besuchen Seminare an beiden Unis.

40 Studienplätze werden für den Start der EMS im Oktober vergeben, davon rund 40 Prozent vorab über die Stiftung für Hochschulzulassung und rund 60 Prozent über das hochschuleigene Auswahlverfahren. Die Uni hat dazu dreimal so viele Bewerber eingeladen, wie sie Plätze zu vergeben hatte.

Junge und ältere Studenten sollen voneinander profitieren

Jana-Katharina Freese und ihre Mitbewerber absolvierten fünf verschiedene Übungen und ein Motivationsgespräch, um zu beweisen, dass sie für das Studium geeignet sind. "Wir suchen echte Persönlichkeiten, die nicht nur naturwissenschaftlich denken und sich von der Theorie her leiten lassen, sondern auch über gute Kommunikationsfähigkeiten verfügen und Einfühlungsvermögen haben", sagt EMS-Dekan, Eckhart Hahn. Die Entscheidung, wer letztlich genommen wird, hängt vom Abschneiden am Auswahltag und von der Abiturnote ab. Bescheid bekommen Freese und die anderen Anfang September.

"Wir sind nicht nur von der Vielzahl der Bewerber sehr beeindruckt, sondern auch von deren Qualität", sagt Hahn. Jana-Katharina Freese beispielsweise ist ausgebildete Krankenschwester, andere Bewerber sind Rettungssanitäter. Aber auch 17-jährige Abiturienten sind dabei. Für Hahn eine perfekte Mischung, da sehr junge Menschen und solche mit erster Berufserfahrung im Studium voneinander profitieren können.

Das große Interesse an der EMS zeige, dass das Konzept ankomme, sagt Hahn. Zwar müsse sich das Studium an der bundesweit einheitlichen Approbationsordnung orientieren. Da es sich jedoch um einen Modellstudiengang handele, könnten neue Wege beschritten werden.

Angst vor den Patienten nehmen

Viele Bewerber wie Clara Barkhaus aus Lüneburg und Tobias Büttner aus dem bayerischen Coburg reizt besonders die internationale Ausrichtung des Studiums, denn mindestens ein Jahr davon müssen die deutschen Studenten an der Universität Groningen verbringen. "Von einem solchen Austausch kann man nur profitieren", sagt Büttner. Barkhaus ergänzt: "Andernorts wird eine internationale Ausbildung inklusive nicht geboten."

Es gibt noch einen weiteren Unterschied zur medizinischen Ausbildung in Deutschland. In Oldenburg kommen die Studenten schon frühzeitig in Kontakt mit Patienten. "Jede Woche beginnt mit einer Patientenvorlesung, in der das nötige Theoriewissen orientiert am Patientenproblem vermittelt wird", sagt Hahn. Das heißt: Ein Patient nimmt an der Vorlesung teil, erst stellt der Dozent ihn und sein Krankheitsbild vor, dann dürfen die Studenten ihn befragen. Auf diese Weise soll den Studenten die Angst vor den Patienten genommen werden. Für die 19-jährige Jorina Maier aus Leer war das ein Hauptgrund für ihre Bewerbung. "Das Konzept ist viel zukunftsorientierter als andere Studiengänge", sagt sie.

Zudem stehen schon früh im Studium praktische Erfahrungen auf dem Programm. Noch vor der ersten Arbeit in einer Klinik lernen die Studenten bereits in der 10. Studienwoche den Alltag in einer allgemeinmedizinischen Praxis kennen - ebenfalls ein Novum bei der Ausbildung. "Beinahe jede Krankengeschichte fängt in einer Praxis an", sagt Hahn. Bei den Praktika in Arztpraxen sollen die Nachwuchsmediziner zudem den Job des niedergelassenen Arztes besser kennenlernen. Der Ärztemangel auf dem Land habe auch damit zu tun, dass Studenten während ihres Studiums meist gar nicht mit der Arbeit in Praxen in Berührung kämen und sich daher tendenziell nicht dafür entschieden, sagt Hahn.

Derweil ist für die Studienbewerber aber erst noch das Warten auf die Entscheidung angesagt. Für Jasper Steingrüber aus Berlin steht schon jetzt fest: "Wenn es dieses Jahr nicht klappen sollte, versuche ich es im nächsten Jahr noch mal."

Yasmin Schulten-Jaspers/dapd/fln

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Für Kinder reicher Eltern?
mats123 03.09.2012
Bei den interviewten Personen drängt sich der Verdacht auf, dass hier insbesondere die Kinder reicher Leute mit einem schönen Studienplatz in Oldenburg versorgt werden. Die genannten Personen sind offensichtlich großteils mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden.
2.
aquarelle 03.09.2012
Zitat von mats123Bei den interviewten Personen drängt sich der Verdacht auf, dass hier insbesondere die Kinder reicher Leute mit einem schönen Studienplatz in Oldenburg versorgt werden. Die genannten Personen sind offensichtlich großteils mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden.
Und wo steht das? Nur weil es sich um einen neuartigen Studiengang handelt? Bis auf die frischen Abiturienten haben zumindest die Krankenschwester oder der Rettungssanitäter bereits eigenes Geld verdient um sich das Studium zu finanzieren. Immer dieser Neid der Besitzlosen...
3. Meine Güte...
zitronenkuchen 03.09.2012
Wieder eine dieser unnötiogen Studiengangsinnovationen. 'Der Abiturient mit 17' und der Rettungssanitäter können voneinander profitieren... Aha, seit wann ist das Hauptziel eines Studienganges dass man voneinander profitiert und demnach die Studenten ausgesucht werden? Das Medizinstudium ist, so wie es klassisch gelehrt wird, eben anspruchsvoll, sehr theoretisch aber bewährt. Ich denke nicht, dass es Sinn macht bzw. die Studenten davon profitieren direkt nach ein paar Wochen mit Patienten 'konfrontiert' zu werden. Denn letztenendes muss nuneinmal erst ein grosses Wissen von den Profs vermittelt werden bevor man am Patienten irgendetwas ausrichten kann. Nur mit Einfühlsamkeit wird mit man kein guter Arzt; genauso wenig wie ohne Einfühlsamkeit. Aber entweder man bringt diese soft skills mit sich, oder nicht. Aber einen extra internationalen blabla Medizinstudiengang unter dem Deckmäntelchen der verbesserten Ausbildungsstruktur braucht kein Mensch. Die armen Studenten, die darauf mal wieder reinfallen. Aber was will man erwarten von 17- Jährigen?
4. Nicht ganz von der Hand zu weisen..
Ist das wirklich so? 03.09.2012
.. Ihre Kritik an diesem neuen Studiengang. Ich habe in den letzten Jahren während mehrerer Praktika am Klinikum Oldenburg den Eindruck gewonnen, dass der EMS-Studiengang in erster Linie ein Prestigeprojekt für die Uni Oldenburg darstellt. Gründungsdekan Hahn ist bei weiten Teilen der medizinischen Belegschaft aufgrund von objektiv unhaltbaren Versprechen wenig wohlgelitten. Zum Thema Praxisorientierung und frühen Patientenkontakt: Ich habe selbst während meines Medizinstudiums an der Uni Göttingen zahlreiche Auslandspraktika unter anderem in Schweden und den USA (also zwei Ländern die für deutsche Medizinabsolventen durchaus potentielle Traumländer sind) absolviert. Überall wurde der hohe Wissensstand und die fundierte Ausbildung der deutschen Medizinstudenten gelobt. Insbesondere in Schweden beginnt der Patientenkontakt im Studium wesentlich früher als in Deutschland und die Studenten müssen auch sehr viel früher eigenverantwortlich arbeiten. Die Ausbildungsqualität der fertigen Assistenzärzte erhöht das nicht! Prinzipiell ist natürlich eine gute praktische Ausbildung sehr wichtig, die absolute Voraussetzung dafür ist jedoch ein fundiertes theoretisches Wissen. Ich habe Zweifel ob alle, die über den Inhalt eines Medizinstudiums mitdiskutieren wollen wissen, wie groß und umfassend diese Wissensbasis ist. Ein letzter Punkt noch zu den erhofften "Synergie-Effekten" zwischen z.B. Rettungssanitätern und 17-jährigen Abiturienten. Auch an meiner Universität gab es beide Sorten von Studenten sehr zahlreich, mit dem einzigen Unterschied, dass die Abiturienten damals noch 19 Jahre alt waren. Ein von-einander-profitieren konnte ich zu keinem Zeitpunkt ausmachen, warum sollte das in Oldenburg nun plötzlich anders sein?
5.
LeToubib 03.09.2012
Irgendwie tun mir diese zukuenftigen Medizinstudenten jetzt schon leid, denn sie sind auf Gedeih und Verderben auf diese eine Universitaet angewiesen, mit Wechseln ist nichts - so steht es zumindest auf der Homepage. Gut, ueber das Zwangsjahr in den Niederlanden kann man trefflich streiten; ich frage mich nur, ob man in diesem Beruf wirklich Hollaendisch beherrschen muss. Brauchen denn die Niederlaender so dringend deutsche Aerzte, weiss das zufaellig jemand? Und PJ in einem der kleinen Oldenburger Stadtkrankenhaeuser anstatt in einer echten Uniklinik? Ich weiss ja nicht ...
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