Neue Regeln fürs Medizinstudium: Hausarzt werden ohne Zwang

Von Heike Sonnberger

Deutsche Medizinstudenten jubeln: Der Bundesrat hat gegen Pläne einiger Länder gestimmt, angehende Ärzte für mehrere Monate in eine Hausarztpraxis zu schicken. Die Wahlfreiheit im Praktischen Jahr bleibt damit erhalten. Um sechs Wochen bei einem Hausarzt kommen Studenten aber nicht herum.

Medizinstudenten protestieren: "Nicht alle wollen Hausarzt werden" Fotos
Christian Wittke/MedizinFotoKöln

Medizinstudenten und medizinische Fachgesellschaften hatten sich monatelang gegen mehr Zwang in der Ausbildung von Nachwuchsärzten gewehrt. Sie waren zumindest teilweise erfolgreich: Der Bundesrat stimmte gegen die Pläne einiger Länder, angehende Mediziner in ihrem Praktischen Jahr (PJ) zu mindestens drei Monaten in einer Hausarztpraxis zu verpflichten.

Bisher ist das letzte Jahr des Medizinstudiums in drei viermonatige Abschnitte geteilt: Chirurgie, Innere Medizin und ein Wahlfach. Nach viel Hin und Her soll das nun auch so bleiben. Die Anträge von Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen, drei verpflichtende Monate in der Allgemeinmedizin in die Approbationsordnung für Ärzte aufzunehmen und dafür die anderen Stationen um je einen Monat zu kürzen, lehnte der Bundesrat am Freitag ab. Ebenso war der Vorschlag gescheitert, sogar einen viermonatigen Pflichtabschnitt in der Allgemeinmedizin einzuführen.

"Es ist perfekt gelaufen, das hätten wir nicht erwartet", sagte Christian Kraef, 22, Koordinator für Gesundheitspolitik bei der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). In den vergangenen Tagen hatten Studenten unter anderem in Köln, Berlin, Freiburg und Leipzig gegen eine Einschränkung der Wahlfreiheit im PJ demonstriert.

Der Pflichtabschnitt sollte mehr Studenten dazu bringen, später in einer Hausarztpraxis zu behandeln - und damit dem Ärztemangel auf dem Land entgegenwirken. Studentenvertreter hatten jedoch stets davor gewarnt, dass mehr Zwang nicht zu mehr Begeisterung führen werde.

"Herz und Hirn der Studierenden gewinnen"

Stattdessen müssen die Universitäten bis 2019 so viele Ausbildungsplätze in Hausarztpraxen sicherstellen, dass theoretisch alle rund 10.000 PJ-ler eines Jahrgangs drei Monate bei einem Hausarzt verbringen könnten. Bisher steht für weniger als zehn Prozent der Studenten ein Platz in der Allgemeinmedizin zur Verfügung. Außerdem sieht die neue Approbationsordnung vor, dass Medizinstudenten künftig vor dem PJ insgesamt sechs Wochen praktische Erfahrungen bei einem Hausarzt sammeln müssen. "Damit können wir leben", sagte Kraef.

Bevor die Approbationsordnung in Kraft treten kann, muss das Bundesgesundheitsministerium die Änderungen noch absegnen. Ein Sprecher sagte, man begrüße den Verzicht auf einen Pflichtabschnitt, der die Wahlfreiheit der Studenten eingeschränkt hätte.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Degam), die sich sehr für ein Pflichtquartal starkgemacht hatte, sprach von einer verpassten Chance. Jetzt wolle man die Herausforderung annehmen, den Ärztenachwuchs für einen freiwilligen Abschnitt in der Allgemeinmedizin zu begeistern. "Wir werden Herz und Hirn der Studierenden gewinnen und durch eine neue, für viele Studierende noch unbekannte Ausbildungsqualität überzeugen", sagte Degam-Präsident Ferdinand Gerlach. Alle Studenten könnten von einigen Monaten in Hausarztpraxen profitieren - auch wenn sie später nicht diesen Beruf ergreifen wollen, sagte er.

Hormos Dafsari, Medizinstudent aus Köln und Sprecher der bvmd, sagte: "Ich könnte mir schon vorstellen, eines Tages mal als Hausarzt zu arbeiten, aber man darf da nicht sofort reingezwungen werden." Er begrüßte viele andere Änderungen, die neu ins Ausbildungsrecht der Ärzte aufgenommen wurden. So soll zum Beispiel die Mobilität im Praktischen Jahr verbessert werden. "Vorher konnte ich für mein PJ einfacher nach Namibia gehen als nach Stuttgart", sagte Dafsari.

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1. Abstruser Unsinn!
doc 123 11.05.2012
Zitat von sysopbvmdDeutsche Medizinstudenten jubeln: Der Bundesrat hat gegen Pläne einiger Länder gestimmt, angehende Ärzte für mehrere Monate in eine Hausarztpraxis zu schicken. Die Wahlfreiheit im Praktischen Jahr bleibt damit erhalten. Um sechs Wochen bei einem Hausarzt kommen Studenten aber nicht herum. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,832687,00.html
Kein "normaler" Arzt wird Allgemeinmediziner und damit vorprogrammiert auch Hausarzt. Jeder strebt zunächst einmal einen "echten" Facharzt-Titel wie Chirurg, Internist oder Hautarzt an. NUR wenn man diese Facharztweiterbildung nicht bekommt, stückelt man eben und wird Allgemeinmediziner. Daneben gibt es noch die hausärztlich tätigen Internisten, die es nicht schafften, eine reguläre internistische Praxis zu bekommen. Nichts gegen die Hausärzte, die einen wirklichen Kampf an der Front mit Psychos, alten Menschen, eingebildeten Kranken, Krankschreibungen etc. etc. führen müssen, diese haben unser aller Mitgefühl und auch entsprechende Bezahlung verdient. Freiwillig wird diese Tätigkeit jedenfalls ernsthaft kein Ärzt nach Abschluss seines Studiums in Erwägung ziehen!
2.
Rainer Helmbrecht 11.05.2012
Zitat von doc 123Kein "normaler" Arzt wird Allgemeinmediziner und damit vorprogrammiert auch Hausarzt. Jeder strebt zunächst einmal einen "echten" Facharzt-Titel wie Chirurg, Internist oder Hautarzt an. NUR wenn man diese Facharztweiterbildung nicht bekommt, stückelt man eben und wird Allgemeinmediziner. Daneben gibt es noch die hausärztlich tätigen Internisten, die es nicht schafften, eine reguläre internistische Praxis zu bekommen. Nichts gegen die Hausärzte, die einen wirklichen Kampf an der Front mit Psychos, alten Menschen, eingebildeten Kranken, Krankschreibungen etc. etc. führen müssen, diese haben unser aller Mitgefühl und auch entsprechende Bezahlung verdient. Freiwillig wird diese Tätigkeit jedenfalls ernsthaft kein Ärzt nach Abschluss seines Studiums in Erwägung ziehen!
Ich halte Ihren Beitrag für ein ganz überhebliches Machwerk, eigentlich eine Beleidigung. Dass junge Menschen nach Ruhm und Ehre streben halte ich für normal, aber dieser Zahn wird ihnen während ihrer Ausbildung im KH durch diverse Ärzte und Professoren gezogen. Die Ansprüche der jungen Ärzte haben sich eben sehr verändert und wer selbst schon Kinder hat, möchte auch nicht auf die Vorteile des Stadtlebens verzichten. Aber die Darstellung, dass man als leicht debiler Arzt auf dem Land gut aufgehoben ist, geht an der Wirklichkeit vorbei. Was den Mediziner auf dem Land am meisten nervt ist wohl der ausufernde Papierkram, den man sich als Berufsbild nicht gewünscht hat. MfG. Rainer
3. Allgemeinmedizin ist wichtig!
smartinus 11.05.2012
Zitat von doc 123Kein "normaler" Arzt wird Allgemeinmediziner und damit vorprogrammiert auch Hausarzt. Jeder strebt zunächst einmal einen "echten" Facharzt-Titel wie Chirurg, Internist oder Hautarzt an. NUR wenn man diese Facharztweiterbildung nicht bekommt, stückelt man eben und wird Allgemeinmediziner. Daneben gibt es noch die hausärztlich tätigen Internisten, die es nicht schafften, eine reguläre internistische Praxis zu bekommen. Nichts gegen die Hausärzte, die einen wirklichen Kampf an der Front mit Psychos, alten Menschen, eingebildeten Kranken, Krankschreibungen etc. etc. führen müssen, diese haben unser aller Mitgefühl und auch entsprechende Bezahlung verdient. Freiwillig wird diese Tätigkeit jedenfalls ernsthaft kein Ärzt nach Abschluss seines Studiums in Erwägung ziehen!
Ich muss meinem Vorredner Recht geben, hier spricht offenbar Arroganz und Unwissenheit zugleich. Selbstverständlich ist der Facharzt für Allgemeinmedizin genauso ein "echter" Facharzttitel wie alle anderen Fachrichtungen. Und glücklicherweise sind die meisten Allgemeinmediziner dies freiwillig geworden. Der Facharzt für Allgemeinmedizin ist auch nicht weniger aufwändig oder schwierig als andere Fachrichtungen. Im Gegenteil, während es bei vielen Fachrichtungen möglich ist, die komplette Weiterbildungszeit in ein und derselben Klinik abzuleisten, müssen sich angehende Allgemeinmediziner häufiger um neue Weiterbildungsstellen bemühen. Es gibt auch kein so umfassendes Gebiet wie die Allgemeinmedizin. Und es ist eminent wichtig, da der Hausarzt in aller Regel der erste Ansprechpartner für den Patienten ist.
4. Richtigstellung!
doc 123 11.05.2012
Zitat von Rainer HelmbrechtIch halte Ihren Beitrag für ein ganz überhebliches Machwerk, eigentlich eine Beleidigung. Dass junge Menschen nach Ruhm und Ehre streben halte ich für normal, aber dieser Zahn wird ihnen während ihrer Ausbildung im KH durch diverse Ärzte und Professoren gezogen. Die Ansprüche der jungen Ärzte haben sich eben sehr verändert und wer selbst schon Kinder hat, möchte auch nicht auf die Vorteile des Stadtlebens verzichten. Aber die Darstellung, dass man als leicht debiler Arzt auf dem Land gut aufgehoben ist, geht an der Wirklichkeit vorbei. Was den Mediziner auf dem Land am meisten nervt ist wohl der ausufernde Papierkram, den man sich als Berufsbild nicht gewünscht hat. MfG. Rainer
Auch als Facharzt kann man auf de Land tätig sein, wie ich dies seit mittlerweile über 10 Jahre praktiziere. Die Frage, die sich hier jedoch ernsthaft stellt, ist doch jedenfalls in Zeiten eines zunehmenden Ärztemangels, in denen junge Ärzte sich ihre Weiterbildungsstellen quasi aussuchen könne, wie dies vor 10 oder 20 Jahren noch nicht der Fall war, wieviele dieser Ärzte dann tätsächlich Allgemein- und Hausärzte werden wollen. Ich kenne zig Ärzte, auch in der eigenen Familie und kann ganz sicherlich behaupten, dass keiner freiwillig Allgemeinarzt wurde, sondern leidiglich diese Facharztqualifikation wählte, da ein ordentlich Facharzt nicht geschafft wurde. Diese Situation stellt sich jedoch heute praktisch nicht mehr, da nahezu jedes Krankenhaus händeringend "deutschen" Nachwuchs sucht und die Facharztabschlüsse dabei immer Internist, Chirurg oder Hautarzt sein werden. Dass man sich dann im Laufe seines Lebens dennoch für eine hausärztliche Tätigkeit auf dem Land entscheidet ist dabei ein ganz anderes Thema. Wie sämtliche politische Themen zur Gesundheitsversorgung ist dieses Thema auch wieder allenfalls nur populistisch und dient dazu die eigentlichen und akutellen Themen eines korrupten und geradezu kriminellen Gesundheitssystems zum Schaden des "normalen" Patienten zu verschleiern und die Bevölkerung volkszuverdummen!
5. Meine Güte,
myxx 11.05.2012
ich würde auch gerne Medizin studieren, und mir ist egal, ob ich da ein Quartal Praktikum bei einem Hausarzt machen muss oder nicht. Warum kümmert man sich nicht mal um die wichtigen Dinge, wie zum Beispiel um die Frechheit von NCs von 1,0 an manchen Universitäten? Alle Welt jammert über Ärztemangel, aber mehr ausbilden will man trotzdem nicht...
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