Medizinstudium im Ausland: Raus aus Deutschland
Medizin studieren wollen viele, streng sieben die Unis unter den Bewerbern aus. Wer an Numerus clausus und Medizinertest scheitert, kann es im Ausland versuchen - Schweiz oder Österreich, Ungarn, Tschechien oder Slowakei. Oft wird der Umweg ziemlich teuer.
Studienplätze in der Medizin sind hart umkämpft. Jedes Jahr warten Tausende Bewerber vergeblich auf ihre Zulassung, scheitern am Numerus clausus oder können auch per Medizinertest ihre Chancen nicht verbessern - aber sie müssen ihren Berufswunsch nicht gleich begraben. Auf eine Hochschule im Ausland auszuweichen, kann sich lohnen und auch ein Türöffner an deutschen Unis sein. Doch nicht in allen Ländern werden diese Bewerber mit offenen Armen empfangen. Mitunter fallen happige Studiengebühren an, und die Rückkehr an eine deutsche Hochschule ist schwierig.
Für das Sommersemester 2010 haben sich laut Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) 16.322 Kandidaten in Deutschland auf 1536 Studienplätze in der Humanmedizin beworben - mehr als zehn Bewerber pro Platz. Im Ausland ist die Konkurrenz etwas geringer, die Lage aber keineswegs entspannt. So bewarben sich 2010 laut Schweizer Hochschulrektorenkonferenz rund vier Kandidaten um jeden Medizinstudienplatz. Ähnlich ist das Verhältnis in Österreich und Ungarn.
Gerade in den deutschsprachigen Nachbarländern haben es hierzulande abgelehnte Kandidaten schwer. Die Universitäten in Österreich und der Schweiz haben hohe Zugangshürden errichtet. So gilt in Österreich für Human-, Tier- und Zahnmedizin, dass nur jeder fünfte Studienplatz an Bewerber aus einem anderen EU-Land gehen darf. Sie müssen sich dann im Test beweisen. Der starke Mediziner-Zustrom aus Deutschland führte in Österreich zu heftigen, teils hysterischen Reaktionen - und zu juristischen Auseinandersetzungen. Zuletzt erlaubte es der EU-Gerichtshof Unis in Belgien und Österreich, den Zugang zum Medizinstudium für Ausländer zu begrenzen und Quoten festzulegen.
Nicht immer sind die Deutschen willkommen
Auch in der Schweiz gibt es seit Jahren Debatten über die "Neue deutsche Welle", bis hin zu derben nationalistischen Aufwallungen gegen Deutsche. Geht es in Österreich vor allem um Medizinstudenten, sehen manche Schweizer Arbeitsplätze-Konkurrenz durch deutsche Einwanderer, etwa auf Professoren- und Doktorandenstellen oder auf Ärzteposten an Krankenhäusern. Fürs Medizinstudium stellt die Schweizer Universitätskonferenz (SUK) ausländische Bewerber nur unter strengen Auflagen Schweizer Staatsbürgern gleich.
Außerhalb des deutschsprachigen Raums sind die Chancen größer. In Ungarn bieten die Semmelweis-Universität in Budapest sowie die Hochschulen in Pécs und Szeged das Medizinstudium größtenteils sogar auf Deutsch und Englisch an. "Oft müssen in höheren Semestern Kenntnisse der ungarischen Sprache in einer Prüfung nachgewiesen werden", sagt Petra Ruthen-Murray von der Studienberatung planZ, die zu Fragen des Auslandsstudiums berät. Bewerber sollten sich genau nach den Modalitäten der Studienplatzvergabe erkundigen. In Budapest beispielsweise entscheidet eine Kommission über die Aufnahme. Seit diesem Jahr bewirbt man sich ausschließlich online.
Die Budapester Semmelweis-Universität eröffnete 2008 sogar eine Dependance in Hamburg: Salamitaktik inklusive Re-Import deutscher Medizinstudenten, sozusagen. An den Universitäten in Prag, Zagreb, Riga sowie im ungarischen Debrecen und in Martin in der Slowakei gibt es englischsprachige Medizinstudiengänge. Auch Kanada, die USA und Australien gelten als beliebte Studienländer für angehende Ärzte.
Viele setzen darauf, ein im Ausland begonnenes Medizinstudium in Deutschland abzuschließen. Das gelingt nicht immer. "Es ist die Entscheidung der deutschen Hochschule, wen sie nimmt", erklärt Ramin Parsa-Parsi, der Leiter des Auslandsdienstes bei der Bundesärztekammer in Berlin. Er empfiehlt, schon vor der Studienaufnahme im Ausland einen späteren Wechsel mit der deutschen Universität abzuklären: "Erkundigen Sie sich, welche Scheine gebraucht werden und was die Universität erwartet."
12.000 Euro pro Studienjahr
Für die Bewerbung an der deutschen Hochschule ist außerdem ein Bescheid des jeweiligen Landesprüfungsamtes nötig. Fehlende Studienplätze in höheren Semestern und sogenannte Teilstudienplätze sind zusätzliche Hürden. Studenten mit Teilplatz haben nach dem vierten Semester keinen Rechtsanspruch auf Fortsetzung im klinischen Abschnitt, sondern besetzen Plätze von Studienabbrechern. Diese Konkurrenz macht es für Nachrücker aus dem Ausland schwerer.
Wer sein Studium komplett in EU-Ländern abschließt, hat es leichter. "Diese Ausbildung wird automatisch anerkannt", sagt Ramin Parsa-Parsi. "Die Inhalte der Ausbildung sind geregelt, da gibt es wenig Bedenken." Wer beispielsweise in Ungarn weiterstudiert, erhält automatisch die dortige Approbation. Auch für frisch gebackene Mediziner mit Auslandsabschluss führt der Weg nach Deutschland über das Landesprüfungsamt des Bundeslandes, in dem ihr Hauptwohnsitz liegen soll oder in dem der Arbeitgeber sitzt.
Das Studium an ausländischen Privathochschulen kann mächtig ins Geld gehen. So schlägt das Studienjahr an der Semmelweis Universität in Budapest sowie in Pécs und Szeged mit 11.800 Euro zu Buche. Die Paracelsus Medizinische Privatuniversität in Salzburg nimmt 9960 Euro pro Jahr. Dazu kommen Immatrikulationsgebühren und Lebenshaltungskosten.
Medizinstudenten an deutschen Universitäten entscheiden sich immer öfter, das obligatorische Praktische Jahr (PJ) im Ausland zu absolvieren. Dafür sprechen gute Gründe. "Das Arbeitsklima im Ausland habe ich sehr schätzen gelernt", sagt Henrik Berthel, der im Sprecherrat vom Marburger Bund die Interessen von Medizinstudenten vertritt. Der angehende Arzt arbeitet derzeit als PJler in einem Klinikum in der Schweiz. Obwohl er Arbeitsbelastung und Lebenshaltungskosten als hoch ansieht, will er nicht tauschen und sagt: "Ich kann jedem nur dazu raten."
dpa/jol
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