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Medizinerausbildung: Nach Ungarn, bis der Arzt kommt

Von Isabel Lochbühler

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Hausärztin (Archiv): Wer will schon Landarzt sein?

Tim Sternberg, 20, will Arzt werden, doch er scheiterte am deutschen Numerus clausus. Jetzt bezahlen ihm die Krankenkassen ein 80.000-Euro-Studium in Ungarn. Allerdings hat der Deal einen Haken.

Tim Sternberg, 20, musste sich beinahe von seinem großen Traum verabschieden. Er hatte viel gelernt, Mathe, Physik, Chemie und Bio. Sein Abitur in Greifswald bestand er mit 1,6. Für seinen Traum war die Note aber nicht gut genug.

Sternberg will Arzt werden. Mit seinem Abi-Schnitt hätte er lange auf einen Studienplatz in Medizin warten müssen, wenn er überhaupt eine Chance gehabt hätte. Der Numerus clausus für Medizin liegt für Abiturienten im Vergabeverfahren der Stiftung Hochschulstart zwischen 1,0 und 1,1. Bei einer direkten Bewerbung an einer staatlichen Medizinfakultät hätte bei seinem Schnitt selbst ein exzellentes Ergebnis beim Medizinertest kaum geholfen.

Vorbei also der Traum vom Medizinstudium? Nicht für Tim Sternberg. Denn die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (kvs) unterbreitet Interessenten wie ihm ein bemerkenswertes Angebot: Die kvs und die gesetzlichen Krankenkassen wählen pro Jahr 20 Bewerber aus, denen sie ein knapp 80.000 Euro teures Medizinstudium in Ungarn finanzieren - unter eleganter Umgehung der deutschen NC-Hürde. Die Bedingung: Die Studenten müssen in der Regelstudienzeit von zwölf Semestern abschließen und sich danach für mindestens fünf Jahre als Hausärzte im ländlichen Sachsen niederlassen.

Wer sich nicht an den Vertrag hält, muss Geld zurückzahlen

Hausärzte werden - gerade in ländlichen Gebieten Deutschlands - dringend gesucht. Viele Ärzte wandern in die Städte ab oder finden keinen Nachwuchs für ihre Landpraxen. Und manche Medizinstudenten würden sich wohl eher einen Finger abnehmen lassen, als Hausarzt in der ostdeutschen Provinz zu werden. Darum umgarnt unter anderem Baden-Württemberg den Ärztenachwuchs mit einer kostenlosen Wohlfühlreise, um Medizinstudentinnen für das Landarztleben zu gewinnen.

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Werbetour für Medizinstudenten: So geht Landarzt, meine Damen
In Sachsen soll es ein Modellprojekt richten. Titel: "Studieren in Europa - Zukunft in Sachsen". An der Universität im ungarischen Pécs machen die Studenten ihren Abschluss und unterschreiben, sich nach ihrer Facharztausbildung in unterversorgten Gebieten in Sachsen niederzulassen. Bedingung: "außerhalb der Städte Chemnitz, Dresden, Leipzig und Radebeul", wie die Ausschreibung ausdrücklich festlegt. Brechen die Studenten ab oder suchen sich - entgegen der vertraglichen Vereinbarung - später keinen Job auf dem Land, sind die Studiengebühren mit einer Verzinsung von fünf Prozent an die kvs zurückzuzahlen.

Damit das nicht passiert, prüft die kvs im Auswahlverfahren außer der Eignung die Verbundenheit zum künftigen Arbeitsplatz Sachsen. "Die Bewerber sollten mindestens die Hälfte ihres Lebens hier verbracht und eine emotionale Beziehung zu Sachsen haben, damit sie sich als Hausärzte niederlassen", sagt Ingo Mohn von der kvs.

Ärzte und Krankenkassen lassen sich das Modellprojekt viel Geld kosten. "Pro Studienjahrgang werden 20 Studenten gefördert", rechnet Dorothee Probst von der kvs vor, "die Gesamtkosten für einen Studienjahrgang für zwölf Semester betragen 1.584.000 Euro". Macht bei zwei bereits geförderten Jahrgängen und einem geplanten weiteren Durchlauf mehr als 4,7 Millionen Euro, die in die Ausbildung von 60 Medizinern gesteckt werden - in der Hoffnung, damit die Ärztedichte in der sächsischen Provinz nachhaltig zu verbessern.

Neue Studienplätze in Deutschland? "Zu kompliziert"

"Die Förderung der deutschen Studenten in Ungarn ist auf jeden Fall einfacher, als die entsprechende Anzahl neuer Studienplätze in Deutschland einzurichten", sagt Hannelore Strobel, Sprecherin der AOK für Sachsen und Thüringen.

Das Pilotprojekt sei "ein Puzzlestein von vielen anderen, mit denen wir Ärzte aufs Land locken wollen". Dazu gehörten Zuschüsse bei der Neueröffnung von Praxen, die bis zu 60.000 Euro betragen können, aber auch monatliche Finanzspritzen für fortbildungswillige Mediziner in Regionen mit ärztlicher Unterversorgung.

Seit Herbst 2013 gehört Tim dem ersten Förderjahrgang an, zwei Semester in Pécs hat er bereits absolviert. Der auf weitere zehn Jahre festgeschriebene Lebensplan sei für ihn kein Problem. "Ich wollte sowieso Landarzt in Sachsen werden", sagt er. Weit weg von seiner Heimat sein, das ist nichts für ihn. Dass er nun erst einmal in Ungarn ist, war am Anfang auch für seine Familie komisch. "Die waren zuerst nicht sehr begeistert", erzählt Tim.

Mit einem Schulfreund und Kommilitonen wohnt Tim Sternberg nun in einer Wohnung in Pécs. In der tausend Kilometer entfernten Heimat ist der Medizinstudent nur noch selten, in den Semesterferien im Sommer oder mal für ein verlängertes Wochenende fliegt er heim.

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Mitarbeit: Armin Himmelrath

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insgesamt 97 Beiträge
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1. in Hamburg oder Magdeburg versucht?
Affenhirn 11.09.2014
wenn er wirklich Mathe, Physik, Bio und Chemie gut gelernt hat, dann hat er in der dort angebotenen Aufnahmeprüfung auch mit 1,6 noch gute Chancen einen Studienplatz zu bekommen. Pro Zehntelnote haben die Besseren zwei Fehlfragen gut, aber da viele gute Abizeugnisse garnicht auf den für Mediziner wichtigen Fächern beruhen, kann er da durchaus weiter vorne landen. Auf jeden Fall ist der Versuch besser als gleich nach Ungarn zu gehen.
2.
lupidus 11.09.2014
diese dürfen dann aber als ganz normale ärzte praktizieren ? ich dachte die hürden an deutschen unis wären so hoch um die besten auszuwählen (anhand der schulnoten). es wird ja oft genug betont, dass abiturienten die "nur" 1,4 schaffen viel zu blöd sind fürs medizinstudium und sich mit physik o.ä. abfinden müssen.... total verrückt das ganze...
3. Hochchulverfahren berücksichtigt?
keraj7 11.09.2014
Die Abi-Noten von 1,0 bzw. 1,1 sind für die Abi-Besten relevant. Mit einem guten TMS-Ergebnis haben auch Abiturienten mit bis zu 2,0 gute Chancen.
4. nicht übertreiben bitte
Elvisthepelvis 11.09.2014
Also das ist wirklich schlecht recherchiert. 1,0 und 1,1 benötigt man nur für die Zulassung über die Abiturbestenquote. Die macht aber nur 20% der zugelassenen Studenten aus. weitere 20% werden über die Wartezeit vergeben, was bei der genannten Person natürlich nicht funktionieren würde (beträgt Minimum 6 Jahre). Aber die restlichen 60% werden über die Hochschulquote vergeben, bei der je nach Uni ein Abitur von 1,6 ausreichend ist!
5. Eine hervorragende Idee
saaman 11.09.2014
Kompliment an die, die auf die Idee kamen. Wäre ich 20 und hätte nicht die erwartete Note von 1.0, ich würde das sofort machen. Mediziner sollte man werden, um da helfen zu wollen, wo Hilfe benötigt wird. Wer aus anderen Gründen Mediziner oder Psychologe werden will, ist sowie fehl am Platz. Ungeeignete Mediziner und Psychologen haben wir ohnehin zu viele.
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