Kurioses Studentenpaar: Mit Mama auf dem Campus

Von Heike Sonnberger

Medizinstudent Khoi Pham hat ein Geheimnis: Die enge Freundin, die er durchs Studium schleuste, ist seine Mutter. Sie ist dreimal durchs Physikum gefallen - nun soll sie mit 47 Jahren endlich Ärztin werden.

Studieren mit Mama: "Sind Sie hier Gasthörerin?" Fotos
SPIEGEL ONLINE

Khoi Pham isst gern mit seiner Mutter in der Mensa. Solange sie sich nicht verplappert. Der 25-jährige Medizinstudent mag es nicht, wenn seine Freunde erfahren, dass er zusammen mit seiner Mutter studiert. Seit vergangenem Herbst sind beide am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf eingeschrieben, der Sohn für Medizin und die Mutter für Zahnmedizin.

Im Wintersemester hatte Khoi beschlossen, die Sache lieber für sich zu behalten. Damals traf seine Mutter einen alten Schulfreund von Khoi in einer Vorlesung. "Sind Sie hier Gasthörerin?", fragte der Freund. Nein, das war Parastou Zarghani Shiraz, 47, nicht. Die gebürtige Iranerin wollte nach drei Jahrzehnten endlich Ärztin werden, fast zeitgleich mit ihrem Sohn.

Der Schulfreund habe das nicht gut aufgenommen. "Er konnte dich einfach nicht duzen", sagt Khoi zu seiner Mutter und lacht. Auf solche Peinlichkeiten wollte er fortan gern verzichten. Deshalb nahm er seiner Mutter das Versprechen ab, seinen Uni-Freunden nichts von ihrem Verwandtschaftsverhältnis zu erzählen. Erst jetzt, da Parastou Zarghani Shiraz beinahe fertige Zahnärztin ist und die gemeinsame Uni-Zeit von Mutter und Sohn sich dem Ende zuneigt, geht er lockerer damit um.

Meist funktionierte der Plan, weil Khois Mutter mindestens zehn Jahre jünger wirkt und weil ihre Namen sich nicht ähneln. Parastou kam in den achtziger Jahren nach Hamburg. Sie lernte einen Vietnamesen kennen, heiratete ihn und brachte mit Anfang 20 Khoi zur Welt, ihr erstes Kind. Dass dieses Baby ihr mal durchs Studium helfen würde, konnte sie damals nicht ahnen.

Khoi und Parastou stehen an der Salatbar in der Uni-Mensa. "Bohnen magst du nicht. Ich auch nicht", stellt die Mutter fest. Sie nimmt dafür zwei Löffel Weißkohl, den isst Khoi gern. Seit Oktober teilen sich die beiden oft einen Salat zu ihren Hauptgerichten. Parastou stellt einen großen Teller unter den kleinen, auf dem sich der Salat türmt, damit nichts aufs Tablett kullert. "Die Tricks der Studenten", sagt sie und grinst wie ein Mädchen.

Manchmal vergisst man, wer von den beiden das Kind ist. Khoi trägt ein dezent gestreiftes Hemd, eine schicke Brille und Gel in den Haaren. Zwischen Parastous braunen Locken glitzern die silbernen Ohrringe heller als ihre silbernen Strähnen. "Wenn Khoi mit mir schimpft, habe ich richtig Angst", sagt die Mutter.

Lernpläne schreiben für Mama

Oft bis Mitternacht hat Khoi sie in den letzten Monaten Pharmakologie, Mikrobiologie oder Chirurgie abgefragt, hat ihr Lernpläne und Zusammenfassungen geschrieben, hat ihr Essen in die Bibliothek getragen, hat sie angespornt und ermahnt und gedrängt. "Ich konnte nicht mit ansehen, dass meine Mutter im Studium leidet", sagt er.

1982 bestand Parastou in Iran die Aufnahmeprüfung für Medizin. Doch zu der Zeit litten die Hochschulen darunter, dass die islamische Regierung linke und liberale Akademiker verfolgte und die Lehrpläne islamisieren ließ. Nach drei Semestern schickte der Vater Parastou nach Deutschland, damit sie ungestört studieren konnte.

Doch Parastou wurde schwanger und fiel nach Khois Geburt dreimal hintereinander durchs Physikum. "Beim ersten Mal haben nur zwei Punkte gefehlt, beim zweiten Mal mehr und beim dritten Mal habe ich gar nicht mehr gelernt", sagt sie. Ihr Sohn, der oft krank war und nach den meisten Mahlzeiten spucken musste, war wichtiger.

"Er musste immer diesem Mädchen helfen", sagt ein Freund

Zwölf Jahre später und mit mittlerweile drei Kindern versuchte sie es noch einmal. Während sie wieder für das Physikum büffelte, forschte die Hochschule nach ihrer Akte. "Mein Geburtsdatum war verdächtig", sagt Parastou. Eine Woche vor der Prüfung kam der Brief. Ein vierter Versuch sei nicht erlaubt, Parastou hätte keine Zulassung bekommen dürfen, schrieb die Verwaltung. "Da habe ich den Boden unter den Füßen verloren."

2005 schrieb sie sich für Zahnmedizin ein. Ein Jahr später begann ihr Sohn Khoi sein Medizinstudium, erst in Marburg, dann in Dresden und seit 2011 ebenfalls in Hamburg. "Wir fahren immer zusammen zur Uni und ich suche einen Parkplatz für sie", sagt Khoi.

Khois indonesischer Kommilitone Charles Wijaya, 27, wusste lange nicht, dass sein Kumpel seine eigene Mutter für die Prüfungen fitmachte. "Er musste immer diesem Mädchen helfen und hatte keine Zeit für mich", sagt er scherzhaft. "Ich dachte, er steht eher auf Zahnmedizinerinnen."

Hin und wieder plauderte Parastou das Geheimnis aus, wie vor ein paar Wochen in der Mensa. Da unterhielt sich Khoi mit einer Freundin über Eltern. Als die Sprache auf seine persische Mutter kam, streckte Parastou sich ein bisschen und zwitscherte mit ihrer hohen Stimme: "Das bin ich!" Die Freundin erstarrte, "als habe sie den Leichenmann gesehen", sagt Khoi. Seither hat er mit ihr kein Wort mehr gewechselt.

"Er ist der coolste Student - und ich habe viele gesehen"

Als Parastou Mitte Juli ihre letzte mündliche Prüfung des Staatsexamens durchzitterte, warteten ihre drei Kinder mit Blumen vor der Tür. Es war Parastous letzte Chance - und sie bestand. "Ohne meinen Sohn hätte ich das nicht so gut geschafft", sagt sie. "Er ist der coolste Student, den ich je gesehen habe - und ich habe schon viele gesehen." Und weil die Prüfungen und das gemeinsame Lernen jetzt vorbei sind, darf auch endlich jeder wissen, dass Khoi ihr Sohn ist.

Parastou will noch ihren Doktor machen und sich danach eine Stelle als Zahnärztin suchen. Auch Khois jüngere Geschwister wollen Medizin studieren. "Dann machen wir zu viert eine Klinik auf", sagt Parastou. "Gucken wir mal", sagt Khoi. Er ist froh, dass er nicht mehr mit seiner Mutter streiten muss, weil die lieber joggen geht, statt zu lernen. Und dass er sich wieder ganz in seine eigenen Medizinbücher vergraben kann.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 70 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. sorry aber
spiegelleser_1981 01.08.2012
"Sie ist drei Mal durchs Physikum gefallen - nun soll sie mit 47 Jahren endlich Ärztin werden." Von einer Arztin die gleich drei mal durch ein Physikum gefallen ist würde ich mich aber ungern behandeln lassen. Es ist immer wieder erstaunlich wie versucht wird dem totalen Versagen von Leuten in ihrem Leben etwas gutes abzugewinnen. Menschen sollten sich nicht an solchen Beispielen messen oder das eigene Versagen relativieren in dem sie sich mit schlechteren Beispielen vergleichen. Ich denke die Frau hätte schon vor Jahren besser eine Ausbildung absolviert statt sich noch länger Jahre lang auf der Uni rum zu quälen die von Steuermitteln hart arbeitender Bürger finanziert wird. Dann lieber Platz machen für junge Menschen die etwas erreichen wollen und auch den Biss haben dies durchzuziehen.
2. genial
mukkesucker 01.08.2012
ein super Team!
3. Den Biss hat die Frau
Catherina B 01.08.2012
und ich lasse mich gerne von einer Frau behandeln, die im Leben mehr gemacht hat, als nur über Büchern gesessen. Da werde ich wahrscheinlich eher als Mensch gesehen als als Multiple Choice Frage.
4. Ehrlich jetzt...
spon-facebook-10000048425 01.08.2012
Und was soll das bedeuten, dass sie drei mal durchs Physikum gefallen ist? Was sagt das denn bitte über ihre Fähigkeit aus, Menschen angemessen behandeln zu können? Viel mehr sollte man großes Lob aussprechen. Sie wollte es seit jeher und hat nicht aufgegeben. Sollte ich in meinem Leben irgendwann einmal irgendetwas nicht schaffen, obwohl ich es schaffen will, dann werde ich es weiter probieren. Von mir gibt es ein TOP!
5.
DerMarktschreier 01.08.2012
Zitat von spiegelleser_1981Von einer Arztin die gleich drei mal durch ein Physikum gefallen ist würde ich mich aber ungern behandeln lassen.
Tja, Sie sind wohl auch der Meinung, ein Arzt mit 1,0- Abitur ist besser als jemand, der erst durch Wartesemester reingekommen ist - oder? Mediziner brauchen mindestens genauso Empathie und "emotionale Intelligenz" wie Fachkompetenz - und bei manchem Inhalt des Physikums kann man sich durchaus fragen, wozu das gut sein soll...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Medizin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 70 Kommentare
Fotostrecke
Medizinstudenten protestieren: "Nicht alle wollen Hausarzt werden"

Wohnt in Ihnen ein Arzt?
dpa
Sind Sie fit genug für ein Medizinstudium? Muster erkennen, naturwissenschaftliches Verständnis, Schlauchfiguren: Testen Sie, ob ein Arzt in Ihnen steckt - im SPIEGEL-ONLINE-Medizinertest.

Fotostrecke
Salamitaktik: Der teure Umweg zum Traumberuf Arzt