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Mehrsprachige Erziehung: "Mommy, my knee tut weh!"

Spanisches Au-Pair-Mädchen, mehrsprachige Kita und abends noch Kinderlieder auf Englisch - viele Eltern wollen ihre Kinder schon früh zum Global Player machen. Psychologen und Erzieher warnen vor zu viel Ehrgeiz: Sprachstress kann später zu Lernproblemen führen.

In Zeiten der Globalisierung, so sehen es Eltern oft, sind Fremdsprachenkenntnisse die Basis einer ordentlichen Karriere. Aus entwicklungspsychologischer Sicht bringt die Mehrsprachigkeit im Kindesalter tatsächlich einige Vorteile mit sich: "Multilingual erzogene Kinder lernen später auch andere Fremdsprachen leichter, weil sie schon früh ein Gefühl für die Systematik hinter einer Sprache entwickeln", sagt Nicola Küpelikilinc, Psychologin und Fachreferentin für Sprachförderung der Stadt Hanau.

Deutsch-polnische Kita (in Ahlbeck): Zu hohe Ansprüche führen zu Lernstress
DDP

Deutsch-polnische Kita (in Ahlbeck): Zu hohe Ansprüche führen zu Lernstress

Außerdem falle es ihnen leichter, einen anderen Blickwinkel auf Sachverhalte zu bekommen und kreativ auf ihren Alltag zu reagieren. Auch die kommunikative Kompetenz ist laut Küpelikilinc bei mehrsprachig erzogenen Kindern meist ausgeprägter.

Doch nicht jeder Sprachimpuls in der Kindheit fällt auch auf fruchtbaren Boden. Die gebürtige Britin Küpelikilinc hat ihre eigenen Kinder dreisprachig erzogen. Sie ist sich sicher: "Die mehrsprachige Erziehung funktioniert nur dann, wenn das Kind eine emotionale Bindung zu der Sprache aufbauen kann." Sie rät daher Eltern, die diese Erziehungsmethode wagen wollen, sich im Vorfeld erst einmal damit zu beschäftigen, welche Sprache ihnen selbst am ehesten liegt. Denn wer sich in der Fremdsprache nicht wohlfühle, könne sie nicht authentisch vermitteln.

Emotionale Bindung ist wichtig

Die Expertin ist daher skeptisch, wenn Eltern ihre Kinder aus rein intellektuellen Gründen mehrsprachig erziehen möchten. "Schulische Erfolge sollten nicht der Hauptbeweggrund für die Multilingualität sein. Es ist viel wichtiger, dass die Sprache für das Kind emotional und sozial relevant ist." So könnten zum Beispiel die Herkunft der Eltern, eine Tante in Frankreich oder eine fremdsprachige Erzieherin eine Basis bilden, durch die Kinder auch kulturell den Bezug zu der Fremdsprache finden.

Der Kontakt mit der neuen Sprache muss nach Auffassung von Küpelikilinc nicht unbedingt schon im Babyalter erfolgen. Man kann mit der mehrsprachigen Erziehung auch erst im Kindergartenalter beginnen. "Das Zeitfenster, in dem ein Kind eine Sprache noch durch bilinguale Erziehung erlernen kann, ist nicht genau festgelegt. Aber ungefähr bis zum zehnten Lebensjahr stehen die Chancen sehr gut", sagt die Psychologin.

Auch Sabine Devich-Henningsen, Leiterin einer deutsch-englischen Kindertagesstätte in Altenholz bei Kiel, sieht den Einstieg in die Multilingualität entspannt. In Altenholz gibt es in jeder Gruppe einen deutschen und einen englischen Muttersprachler unter den Erziehern, jeder wendet seine Sprache ganz selbstverständlich im Umgang mit den Kindern an. "Die meisten unserer Kinder nehmen die neue Sprache sehr gut an, weil sie eine starke emotionale Bindung zu den Erziehern haben", sagt Devich-Henningsen.

Sie rät Eltern, die mehrsprachige Erziehung ihrer Kinder ebenfalls wie selbstverständlich in den Alltag zu integrieren. "Es bringt nichts, wenn man zu Kindern sagt 'Wiederhol das mal' oder 'Schau, der Stuhl heißt auf Englisch chair'. Auch der Erwerb der Muttersprache funktioniert ja nicht auf diese Art", gibt Devich-Henningsen zu bedenken. Die neue Sprache sollte ganz locker immer wieder auftauchen, so dass das Kind sie langsam annehmen kann. "Am besten ist es, wenn eine bestimmte Bezugsperson sich immer nur in der Fremdsprache mit dem Kind unterhält", sagt Devich-Henningsen, "da muss man dann schon konsequent sein."

Kinder nicht unter Druck setzen

Nicola Küpelikilinc hält auch andere Methoden für sinnvoll. "Jeder muss da sein eigenes System entwickeln", sagt die Psychologin. Es sei auch denkbar, dass beispielsweise die spanische Mutter mit ihrem Kind zu Hause immer nur Spanisch spreche, unterwegs aber auf Deutsch umspringe. "Wichtig ist, dass eine Regelmäßigkeit für das Kind und für die Eltern erkennbar ist", sagt Küpelikilinc.

Die Psychologin warnt vor allzu großen Erwartungen an die mehrsprachige Erziehung. Manchmal reagierten die Kinder zwar schon nach kurzer Zeit auf die neue Sprache, weigerten sich aber, sie selbst aktiv anzuwenden. Küpelikilinc: "Das ist ganz normal. Kinder speichern und sortieren oft sehr lange. Eines Tages, wenn der Gebrauch der Fremdsprache für sie Sinn macht, kommt das Erlernte dann doch noch zum Vorschein."

Eine Sprachverwirrung durch die Multilingualität oder gar eine Verzögerung in der Entwicklung des Kindes müssen Eltern nicht befürchten, sagt Küpelikilinc. "Auch wenn der Kontakt mit der Fremdsprache nur sporadisch, in Early-English-Kursen oder durch fremdsprachige Kindersendungen stattfindet, wird das Kind keinen Schaden nehmen. Auch diese kleinen Impulse können zumindest das Interesse für andere Sprachen fördern."

Bedenklich sei allerdings, wenn das Kind unter Druck gesetzt werde. "Zu hohe Ansprüche der Eltern führen schnell zu einem regelrechten Lernstress, dem das Kind ausgesetzt wird. Dann kann es sein, dass diese negative Erfahrung mit Fremdsprachen später zu Lernproblemen führt", warnt die Expertin. Es sei daher besonders wichtig, das Kind durch die Mehrsprachigkeit zu begleiten und es bei Anzeichen von Überforderung schnell zu entlasten.

Von Maria Hilt, ddp


Buchtipps:

  • Tanja Anstatt: Mehrsprachigkeit bei Kindern und Erwachsenen. Erwerb, Formen, Förderung. Attempto Verlag, 2007
  • Elke Burkhardt Montanari: Wie Kinder mehrsprachig aufwachsen - Ein Ratgeber. Brandes & Apsel, 2000
  • Elke Montanari: Mit zwei Sprachen groß werden. Kösel Verlag, 2002
  • Rosemarie Tracy: Wie Kinder Sprachen lernen - Und wie wir sie dabei unterstützen können. Francke Verlag, 2007
  • Vassilia Triarchi-Herrmann: Mehrsprachige Erziehung - Wie Sie Ihr Kind fördern. Reinhardt, 2006

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
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1. Deutsch ist sicherlich das Schwerste
indosolar 26.12.2007
es ist schon erstaunlich zu erleben, mit welcher Geschwindigkeit Kinder Sprachen annehmen, leider auch Fehler. Am besten ist sicherlich wenn zwei unterschiedliche Muttersprachler die Erziehung uebernehmen koennen. Schwer wird es allerdings, einen eingeschlagenen Weg fortzusetzen, da internationale Schule meist Privatschulen sind, und man bei einer mehrsprachigen Erziehung auch das notwendige Kleingeld haben muss, das Kind dann an eine entsprechende Schule zu schicken. Gerade hier zeigt sich ganz deutlich die Benachteiligung von Kindern, deren Eltern ein geringers Einkommen haben. Somit erlaube ich mir zu sagen, die Mehrsprachigkeit eines Kindes spielt fuer die weitere Entwicklung des Kindes ueberhaupt keine Rolle, sondern eher welches Kapital die Eltern besitzen. Das zeigen ja auch ganz deutlich die Studien von Kindern mit Migrationshintergrund, da diese Kinder fast alle zwei oder mehrsprachig sind.Wer mit der Mehrsprachigkeit der Kinder meist ueberfordert ist, sind die Lehrer und dass herrschende Schulsystem.
2. Machen wir auch so
Dros, 26.12.2007
Hi, wir erziehen unseren Sohn dreisprachig. Sowohl meine Frau und ich sprechen je in unserer Muttersprache mit ihm und in der Kita gibt es noch dir dritte Sprache dazu. Es ist erstaunlich wie gut er alle drei Sprachen versteht und bei Bedarf auch anwenden kann. Meinem Vorposter möchte ich insofern widersprechen, das die mehrsprachige Erziehung vom Kleingeld der Eltern abhängt. In vielen Städten gibt es doch mehrsprachige staatliche Kitas (unsere ist auch staatlich). Man muss nur wollen und die Kinder dahin bringen. Unser Sohn ist nur halbtags in der Kita und das reicht ihm uns uns auch. Englisch bieten ja viele Kitas inzwischen an. Sicherlich ist mehr Geld immer von Vorteil, aber für eine solide Erziehung nicht primär wichtig. cu & schönen Feiertag Dros
3. Viele Deutsche wollen nur noch Englisch sprechen!
zingiber 26.12.2007
Zitat von sysopSpanisches Au-Pair-Mädchen, mehrsprachige Kita und abends noch Kinderlieder auf Englisch - viele Eltern wollen ihre Kinder schon früh zum Global Player machen. Psychologen und Erzieher warnen vor zu viel Ehrgeiz: Sprachstress kann später zu Lernproblemen führen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,525052,00.html
Man sollte ehrlich sein: die deutsche Sprache ist auf dem Wege zu einem Plattdütsch-*Dialekt* zu werden. Anglizismen sind so weit und so tief in die deutsche Sprache und vor allem bei ihren Sprechern eingedrungen, daß ich mir nicht vorstellen kann, daß sie in 50 Jahen noch existiert. Es schadet dem Ansehen, deutsch zu sprechen; man erhöht sein Prestige mit englischen Phrasen - zumindest in einer ganzen Reihe von Branchen! Die Eltern, die viel Geld bezahlen, um ihren Vorschulkindern die englische Sprache beizubringen, machen in der Regel einen Fehler: sie sind nicht konsequent. *Sie sollten in ihren vier Wänden die deutsche Sprache ganz abschaffen.* Nur so können sie ihre Kinder auf eine globale Welt richtig vorbereiten. Der Sprachmix beeinträchtigt die Sprachentwicklung und die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Kinder.
4. Deutscher Dialekt
naabaya 26.12.2007
Zitat von zingiberMan sollte ehrlich sein: die deutsche Sprache ist auf dem Wege zu einem Plattdütsch-*Dialekt* zu werden. Anglizismen sind so weit und so tief in die deutsche Sprache und vor allem bei ihren Sprechern eingedrungen, daß ich mir nicht vorstellen kann, daß sie in 50 Jahen noch existiert. Es schadet dem Ansehen, deutsch zu sprechen; man erhöht sein Prestige mit englischen Phrasen - zumindest in einer ganzen Reihe von Branchen! Die Eltern, die viel Geld bezahlen, um ihren Vorschulkindern die englische Sprache beizubringen, machen in der Regel einen Fehler: sie sind nicht konsequent. *Sie sollten in ihren vier Wänden die deutsche Sprache ganz abschaffen.* Nur so können sie ihre Kinder auf eine globale Welt richtig vorbereiten. Der Sprachmix beeinträchtigt die Sprachentwicklung und die intellektuellen Fähigkeiten ihrer Kinder.
Manche Leute kommen sich eben ganz toll vor, wenn sie ein paar englische Brocken beherrschen. Dabei ist es doch in Wirklichkeit so, dass Englisch nur eine deutsche Dialektform ist. Schwyzerdütsch ist viel schwieriger und fast nicht zu erlernen.
5. Welcher Stress?
molinero, 26.12.2007
Zitat von sysopSpanisches Au-Pair-Mädchen, mehrsprachige Kita und abends noch Kinderlieder auf Englisch - viele Eltern wollen ihre Kinder schon früh zum Global Player machen. Psychologen und Erzieher warnen vor zu viel Ehrgeiz: Sprachstress kann später zu Lernproblemen führen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,525052,00.html
Ach ja, die alte Leier: die Kleinen nur nicht überfordern! Das Problem liegt eher in der Unterforderung. Kinder lernen (und verlernen) Sprachen in einer Geschwindigkeit, die sich der Erwachsene nicht mehr vorstellen kann. Später mit den erlernten Sprachen umzugehen, den spielerisch angeeigneten Sprachschatz zu pflegen, ist die eigentliche Herausforderung. Und genau da hapert es und da treten die sattsam bekannten Fälle der mehrsprachigen Menschen auf, die man als "Analfabeten in mehrerer Sprachen" bezeichnen kann. Doch sie sind nur der simple Beleg dafür, dass das jeweilige Schul- oder Unterrichtssystem an dieser Stelle ein verdammt großes Loch hat, was man mit dem obigen Argument zu kaschieren versucht. Aber was soll man schon erwarten in einem Land, in dem man heute, nach etwa 130 Jahren, plötzlich entdeckt, dass Kinder aus bestimmten Familienkreisen eine besondere sprachliche Förderung brauchen. Nun ja, besser als garnichts.
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