Melancholie eines Ex-Studenten: Wie sie uns austrieben, uns treiben zu lassen

Gammelige Gänge, Seminare als Selbsttherapie und viel, viel Bürokratie: So begann das Studium des Kabarettisten Florian Schroeder. Dann kam die Bologna-Reform mit dem grausigen Unterdrückungsinstrument Anwesenheitsliste. Rückblick eines Protestierers, der nichts erreicht hat.

Bildungsstreik: So freundlich kann Studentenwut sein Fotos

Ich war sehr froh, als ich mein Abitur bestanden hatte. Also ging ich nach Freiburg und begann ein Germanistik- und Philosophie-Studium. Abschluss: Magister.

Freiburg war die ideale Stadt, um zu studieren. Eine schöne Puppenstube, nicht zu groß, nicht zu klein. Klein genug, dass man sich kannte, aber nicht so klein, dass jeder jeden kannte. Es war wahrscheinlicher, von einem Fahrradfahrer über den Haufen gefahren zu werden, als auf natürlichem Wege einzuschlafen. Was draußen in der Welt passierte, war uninteressant. Die Welt endete in der Dunkelheit des Schwarzwalds.

Am Anfang meines Studiums stand eine Einführungswoche. Studenten höherer Semester zeigten uns Kneipen, Cafés und die eine oder andere Lounge. Wobei Lounges als No-go-Areas unter Germanisten galten. Sie waren der Hort für glattgeschleckte Juristen und andere Einstecktüchlein.

Langstreckenlauf im Stempel- und Unterschriftensammeln

Im ersten Seminar, das ich belegte, sagte der Dozent zu Beginn: Die Chance der Uni bestehe in ihrer Freiheit. Inhalte seien das eine, wichtiger aber sei es, selbständig zu werden, sich selbst organisieren zu lernen.

Ich kapierte schnell, was damit gemeint war: Stundenlang saß ich in vergammelten Gängen vor vergammelten Räumen und wartete auf eine Audienz beim Prof, der auch nach dem vierten Semester meinen Namen nicht kannte. Immer war ausgerechnet vor mir jemand dran, der da drin wohl gerade seine komplette Doktorarbeit vorlas. Die Anmeldung zur Zwischenprüfung wirkte umständlicher als ein Antrag auf die kambodschanische Staatsbürgerschaft. Großteile meines Studiums bestanden aus Bürokraten-Bundesjugendspielen. Wichtigste Disziplin: Langstreckenlauf im Stempel- und Unterschriftensammeln.

Fotostrecke

22  Bilder
Öde Studentendemos: Die Top Five der peinlichen Proteste
Darüber hinaus erlebte ich Dozenten, die so viel Spaß an ihrem Job hatten, dass jedes Wartezimmer beim Arzt als fröhliche Party durchgehen konnte. Die Abbrecherquote war hoch, je höher die Semesterzahl, desto weniger wurden wir. Mit jedem Studenten, der wegblieb, hellte sich die Stimmung der Dozenten spürbar auf. Diejenigen Studenten, die geblieben waren, hielten sich spätestens nach der Zwischenprüfung für fertige Journalisten, Produzenten und Verleger. Sie sagten dann: "Ich hab schließlich studiert!" Es klang, als hätten sie gerade ganz allein Amerika entdeckt.

Darüber reden, dass man mal darüber reden muss

In den Seminaren wusste ich oft nicht: Bin ich hier an einer Uni oder in einer Therapiestunde für Profilneurotiker? Jeder hielt die eigenen Gedanken für überaus bedeutend, es gelang jedoch nur selten, sie auch in verständliche Sätze zu packen. Es reicht nicht, sich keine Gedanken zu machen, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken, hat Karl Kraus gesagt. Er muss dabei an Germanistikstudenten gedacht haben.

Ebenso an der Tagesordnung: Ewige Referate von Studenten, die es schafften, achtzig bis neunzig Minuten durchzunuscheln, ohne einmal den Blick von ihren Notizen zu heben. Wenn am Ende eines Semesters ein Seminar bewertet werden durfte, schrieb ich immer in den Bewertungsbogen: Das Seminar hätte toll werden können - wenn keine Studenten dabei gewesen wären.

Insgesamt hatte ich das Gefühl, den anderen Studenten ging es wie mir: Sie wollten in erster Linie ihre Ruhe - und wenn nebenher noch ein Abschluss dabei rumkam, war das kein Grund zur Beschwerde. Der Rest war egal. Hauptsache, die Sonne schien weiter - hier in der Toskana Deutschlands.

Doch plötzlich zogen Wolken auf. Das Tief hatte sieben Buchstaben: Bologna. Eine Bildungsreform, die nach Nudeln klang, aber Käse war.

Bologna, das war unser Feindbild. Bologna störte unsere Ruhe. Bologna, das bedeutete Studiengebühren - oder wie ich sie nannte: eine Elite-Flatrate. Gerade für uns Germanisten eine Hölle: Welche Eltern zahlten schon 34 Semester lang zweimal im Jahr 500 Euro? Das konnten wir nicht auf uns sitzenlassen.

Außerdem sah Bologna Anwesenheitslisten mit eigenhändiger Unterschrift vor. Das dramatische Wort hier war eigenhändig. Wer dreimal fehlt, ist raus. Das Semester wäre also nach drei Wochen beendet gewesen und das Studium kurz danach. Das mussten wir verhindern - mit aller Macht!

Und so begannen wir zu protestieren. "Bildungsstreik" nannten wir dieses kleine Proseminar in Sachen Widerstand. Der Name war irritierend: Bildungsstreik. Das machte RTL 2 seit Jahren erfolgreicher.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Für...
holyfetzer86 08.09.2011
... mich klingt das als wäre Bologna was tolles. Nämlich den unsäglichen Zuständen in den Geisteswissenschaften einen Riegel vorschieben. 34 Semester studieren? HALLO? Sich treiben lassen? GEHT'S NOCH? Befristete Arbeitsverträge? Bei der Arbeitseinstellung kein Wunder! In meinem Nachrichtentechnik-Studium lagen die durchschnittlichen Studienzeiten auch vor Bologna bei 9 Semestern im Diplom Nachrichtentechnik. 8 Semester waren Regelstudienzeit. Bei uns waren auch danach keine Anwesenheitslisten notwendig und die meisten Studierenden haben bei ihrem Bachelor-Abschluss maximal 1 - 2 Semester überzogen. Im Master finanzieren sich mehr als die Hälfte der Studenten die Studiengebühren mit Arbeitsstellen direkt an der Hochschule (~ 1000 € netto) und das Klima zwischen Profs und Studenten war ausgezeichnet. Es beschwert sich auch niemand mehr, dass in den ersten drei Semestern ausgesondert wird. Es wird knallhart gezeigt, dass ohne Eigenleistung nichts geht. Wie im Beruf später auch. Alles andere wäre Ponyhof. Vielleicht sollten sich ein paar Germanisten mal überlegen, was sie wirklich wollen. Das Amt hat 5 Tage die Woche offen...
2. ...
!!!Fovea!!! 08.09.2011
Zitat von sysopGammelige Gänge, Seminare als Selbsttherapie und viel, viel*Bürokratie: So begann das Studium des Kabarettisten Florian Schroeder. Dann kam die Bologna-Reform mit dem grausigen Unterdrückungsinstrument Anwesenheitsliste.*Rückblick eines Protestierers, der nichts erreicht hat. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,776992,00.html
Netter Artikel. Wirklich fein skizziert. Zwischen den Zeilen liest man dann trotzdem, dass die verwöhnte Bälgerschaft, sofern es um Essen, Wohnraum und Freizeit geht, sich dann dem persönlichen Egoismus unterzieht. Interessenlos, bocklos irgendwas zu bewegen, große Schnauze und dann schnell wieder heim zu Mami. Gegenüber fremden Leuten die Klappe aufreißen, was man(n)/frau für eine tolle Intelligenz hat, da man(n)/frau auf der Uni ist. Eigentlich peinlich für jeden, der mal studierte.... Aber dafür muss Freiburg nicht herhalten, ist in jeder Unistadt so!
3. Bleibt zu hoffen....
fatherted98 08.09.2011
....das nicht jeder Student den hier beschriebenen Weg folgte. Man kann dabei verstehen, dass manche Arges von sogenannten Abrecher-Akademikern überquellen (letztlich ungelernte Kräfte). Diese Leute sehen sich dann meist als "von der Gesellschaft betrogen"...sind letztlich aber nur bemitleidenswerte loser.
4. xxx
Wayne88 08.09.2011
Zitat von sysopGammelige Gänge, Seminare als Selbsttherapie und viel, viel*Bürokratie: So begann das Studium des Kabarettisten Florian Schroeder. Dann kam die Bologna-Reform mit dem grausigen Unterdrückungsinstrument Anwesenheitsliste.*Rückblick eines Protestierers, der nichts erreicht hat. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,776992,00.html
Der Artikel ist an Dümmlichkeit und Oberflächlichkeit nicht zu überbieten. Keiner der Mißstände, die auf der ersten Seite angeprangert werden, hat sich durch Bologna erledigt. - Die Bürokratie ist immer noch genauso ausufernd, wenn nicht noch schlimmer. - Die anfangs versprochenen Masterplätze für jeden sind von vorne bis hinten gelogen gewesen, der BA alleine ist aber in vielen Branchen einfach nicht genug wert als Qualifikation - Die Hörsääle und Seminarräume sind kein bißchen weniger überfüllt. Teilweise werden die Teilnehmerzahlen auf den Anmeldelisten um 300% überschritten. Ich habe ohne Übertreibung locker 2 Semester verloren, weil ich auf bestimmte Kurse 3-4 Semester warten mußte, und ich hab auch schon zig mal mit 80 Leuten in einem 20-Leute-Seminar gesessen. Ich hab auch schon erlebt daß man nachts um 12 an die Uni kommem mußte, wo der Professor saß und die Vorregistierungsliste für die spätere Registrierungsliste bewachte, oder schlicht Lose gezogen worden sind - Die Referate sind noch genauso dominant und genauso schlecht. - Weil Dozenten und selbst Professoren mittlerweile ihre Lehraufträge nur noch von Semester zu Semester bekommen, wird die Vorbereitungszeit auf ein Minimum reduziert. - Folge: Noch mehr Referate und insgesamt noch oberflächlichere Seminare. - Die Anwesenheitslisten haben dazu geführt, dass z.B. Jobs nicht angenommen werden können und man stattdessen in einem schlecht vorbereiteten Seminar einem unmotivierten Referenten zuhören muss, der ein schlechtes Referat runterfaselt, während der Dozent gelangweilt auf den Fingernägeln kaut. Anstatt sich wie ein erwachsener Mensch den Stoff so draufzuschaffen, wie man das selbst am besten kann. Zum Beispiel durch Lesen. Zuhause. - Permanenter Prüfungsdruck führt zu einer Lernhaltung gemäß "fressen, auskotzen, vergessen" - Die Abbrecherquoten dürften nicht wesentlich gesunken sein Das einzig positive, was Bologna erreicht haben dürfte, sind weniger extreme Langzeitstudenten. Die belasten aber den Unibetrieb kaum, weil sie sich in aller Regel eh nicht zu Prüfungen anmelden und auch keine Seminarplätze besetzen. Die zahlen einfach nur brav ihre Kohle und bleiben dann weg. Und es sind tatsächlich ein paar intellektuelle Perlen darunter. Bologna hatte zum Ziel, die Hochschulausbildung zu ökonomisieren und zu "ent-intellektualisieren". Hier sollen mäßig ausgebildete Fachidioten gemäß den kurzfristigen Bedürfnissen der Wirtschaft produziert werden, und der gesamte Unibetrieb demselben Pseudo-Effizienzdenken unterworfen werden. Und dazu kommt noch eine grausige Umsetzung, die das Kernargument von Bologna, nämlich die bundesweite und internationale Kompatibilität der Abschlüsse, ad absurdum führt. Mit einem BA in Wuppertal kann man in Münster keinen Master machen. Noch schwieriger wirds von Bundesland zu Bundesland.
5. Unter ergonomischen Gesichtspunkten
Ylex 08.09.2011
Ein klug geschriebener, ein amüsanter Artikel – der Kabarettist schimmert durch und auch versöhnliche Selbstkritik. Gewisse geisteswissenschaftliche Studiengänge haben eine Gemeinsamkeit, die es deutlich erleichtert, den massenhaften Andrang auf den Akademikerstatus zu absorbieren: Kaum jemand kann so blöd sein, dass er nicht den Abschluss bekommt. Deshalb ist es müßig, ständig auf höheren Leistungsanforderungen und höherem Niveau herumzureiten, nein, man muss den Universitätsbetrieb mehr unter ergonomischen Gesichtspunkten betrachten: Viele bestandene Examina bedeuten viele Akademiker, das bereichert die Gesellschaft, so steigert sich das kollektive Selbstbewusstsein in ungeahnte Höhen, was, allgemein gesprochen, zu größerer Effizienz führt, ganz logisch, das alles. Zitat: „Doch plötzlich zogen Wolken auf. Das Tief hatte sieben Buchstaben: Bologna. Eine Bildungsreform, die nach Nudeln klang, aber Käse war. Bologna, das war unser Feindbild. Bologna störte unsere Ruhe. Bologna, das bedeutete Studiengebühren - oder wie ich sie nannte: eine Elite-Flatrate. ... Außerdem sah Bologna Anwesenheitslisten mit eigenhändiger Unterschrift vor. Das dramatische Wort hier war eigenhändig. Wer dreimal fehlt, ist raus.“ Genau, und wer immer brav angetreten ist, der kriegt den großen Schein, fertig ist die Laube. Alle diese Prüfungen am Ende des Studiums muss man als das bezeichnen, was sie sind: der reinste Ballast, Wichtigtuerei der Dozenten, Selbstinszenierung der Professoren. So wirft man der zukünftigen Elite Knüppel zwischen die Beine, und tausende von Abbrechern stolpern hilflos durch eine banale Existenz ohne höhere Weihen – kein Wunder, dass die Leute immer trübsinniger werden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Studiengebühren
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 82 Kommentare
Zur Person
  • Frank Eidel
    Florian Schroeder, 32, tourt zurzeit mit seinem Programm "Du willst es doch auch" durch ganz Deutschland. Dabei beschäftigen ihn die Themen der Generation "IMM" - Irgendwas mit Medien. Über die schreibt er auch in seinem Debütroman "Offen für alles und nicht ganz dicht". SPIEGEL ONLINE veröffentlicht Auszüge aus dem Kapitel "Topfschlagen gegen Studiengebühren" in leicht gekürzter Fassung.

Fotostrecke
Bildungsstreik: Parolen zum Vor-sich-her-Tragen

Uni Bolognese: Erstsemester sind ratlos, Professoren kratzen sich am Kopf. In den Chaostagen der Bachelor-Master-Umwälzung sickern sonderbare neue Begriffe in den akademischen Jargon. SPIEGEL ONLINE klärt auf - mit dem kleinen Bachelor-Alphabet.