Ich war sehr froh, als ich mein Abitur bestanden hatte. Also ging ich nach Freiburg und begann ein Germanistik- und Philosophie-Studium. Abschluss: Magister.
Freiburg war die ideale Stadt, um zu studieren. Eine schöne Puppenstube, nicht zu groß, nicht zu klein. Klein genug, dass man sich kannte, aber nicht so klein, dass jeder jeden kannte. Es war wahrscheinlicher, von einem Fahrradfahrer über den Haufen gefahren zu werden, als auf natürlichem Wege einzuschlafen. Was draußen in der Welt passierte, war uninteressant. Die Welt endete in der Dunkelheit des Schwarzwalds.
Am Anfang meines Studiums stand eine Einführungswoche. Studenten höherer Semester zeigten uns Kneipen, Cafés und die eine oder andere Lounge. Wobei Lounges als No-go-Areas unter Germanisten galten. Sie waren der Hort für glattgeschleckte Juristen und andere Einstecktüchlein.
Langstreckenlauf im Stempel- und Unterschriftensammeln
Im ersten Seminar, das ich belegte, sagte der Dozent zu Beginn: Die Chance der Uni bestehe in ihrer Freiheit. Inhalte seien das eine, wichtiger aber sei es, selbständig zu werden, sich selbst organisieren zu lernen.
Ich kapierte schnell, was damit gemeint war: Stundenlang saß ich in vergammelten Gängen vor vergammelten Räumen und wartete auf eine Audienz beim Prof, der auch nach dem vierten Semester meinen Namen nicht kannte. Immer war ausgerechnet vor mir jemand dran, der da drin wohl gerade seine komplette Doktorarbeit vorlas. Die Anmeldung zur Zwischenprüfung wirkte umständlicher als ein Antrag auf die kambodschanische Staatsbürgerschaft. Großteile meines Studiums bestanden aus Bürokraten-Bundesjugendspielen. Wichtigste Disziplin: Langstreckenlauf im Stempel- und Unterschriftensammeln.
Darüber reden, dass man mal darüber reden muss
In den Seminaren wusste ich oft nicht: Bin ich hier an einer Uni oder in einer Therapiestunde für Profilneurotiker? Jeder hielt die eigenen Gedanken für überaus bedeutend, es gelang jedoch nur selten, sie auch in verständliche Sätze zu packen. Es reicht nicht, sich keine Gedanken zu machen, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken, hat Karl Kraus gesagt. Er muss dabei an Germanistikstudenten gedacht haben.
Ebenso an der Tagesordnung: Ewige Referate von Studenten, die es schafften, achtzig bis neunzig Minuten durchzunuscheln, ohne einmal den Blick von ihren Notizen zu heben. Wenn am Ende eines Semesters ein Seminar bewertet werden durfte, schrieb ich immer in den Bewertungsbogen: Das Seminar hätte toll werden können - wenn keine Studenten dabei gewesen wären.
Insgesamt hatte ich das Gefühl, den anderen Studenten ging es wie mir: Sie wollten in erster Linie ihre Ruhe - und wenn nebenher noch ein Abschluss dabei rumkam, war das kein Grund zur Beschwerde. Der Rest war egal. Hauptsache, die Sonne schien weiter - hier in der Toskana Deutschlands.
Doch plötzlich zogen Wolken auf. Das Tief hatte sieben Buchstaben: Bologna. Eine Bildungsreform, die nach Nudeln klang, aber Käse war.
Bologna, das war unser Feindbild. Bologna störte unsere Ruhe. Bologna, das bedeutete Studiengebühren - oder wie ich sie nannte: eine Elite-Flatrate. Gerade für uns Germanisten eine Hölle: Welche Eltern zahlten schon 34 Semester lang zweimal im Jahr 500 Euro? Das konnten wir nicht auf uns sitzenlassen.
Außerdem sah Bologna Anwesenheitslisten mit eigenhändiger Unterschrift vor. Das dramatische Wort hier war eigenhändig. Wer dreimal fehlt, ist raus. Das Semester wäre also nach drei Wochen beendet gewesen und das Studium kurz danach. Das mussten wir verhindern - mit aller Macht!
Und so begannen wir zu protestieren. "Bildungsstreik" nannten wir dieses kleine Proseminar in Sachen Widerstand. Der Name war irritierend: Bildungsstreik. Das machte RTL 2 seit Jahren erfolgreicher.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Studium | RSS |
| alles zum Thema Studiengebühren | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH